Staatsschauspiel Dresden: Alte Meister

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Albrecht Goette als Reger @Matthias Horn für Staatsschauspiel Dresden. Übrigens: Der gut platzierte Zuschauer sitzt direkt unter der Sixtinischen Madonna!

Aufführungsbericht: Alte Meister in den Alten Meistern. Klingt normal, ist aber ein außergewöhnliches Bonbon für den Theatergänger. Denn die Alten Meister, um die es geht, stammen von Thomas Bernhard und sind der Titel für seine über 300 Seiten lange Schimpftirade. Bernhard ist ein Meister des Ausschweifenden und der Wiederholung, und dementsprechend bleibt kaum Raum für Handlung. Kann das den richtigen Stoff für einen gelungenen Theaterabend geben?

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Jacopo Tintoretto: Weißbärtiger Mann, hängt im Kunsthistorischen Museum Wien

Kann es, wenn es klug inszeniert wird. Regisseur Anton Kurt Krause hat das wunderbar geschafft. Zuerst einmal geht es für den Zuschauer hinauf in die geweihten Hallen der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. Haben sich alle in einem Saal gesammelt und sich ein bisschen umgeschaut, stürmt auch schon Atzbacher (Ahmad Mesgarha) aufgeregt erzählend herein. Er wurde von seinem alten Bekannten Reger in die Alten Meister bestellt. Ein absonderliches Vorkommnis! Und so fängt er an, über den Musikkritiker Reger und den ihm unterwürfig dienstbaren Museumswächter Irrsigler zu erzählen. Seit Jahrzehnten kommt Reger zweimal die Woche in die Alten Meister und sitzt dem Weißbärtigen Mann von Tintoretto gegenüber. Nicht etwa wegen der Kunst, sondern wegen der Raumtemperatur. Ja, dieser Mensch hat einen gehörigen Knall weg.

Nach etwa einer Viertelstunde ist es soweit: Atzbacher nimmt die Zuschauer mit in den angrenzenden Saal, in dem wie angewurzelt auf der Sitzbank der erwähnte Reger (Albrecht Goette) hockt. Schon seine ersten Sätze sind reiner Missmut, Verachtung, giftige Galle. Er dröhnt und poltert, dann murmelt er sinnierend. Es geht um Kunstunterricht, der den Menschen die Kunst verleidet, es geht um den Staat, der Deppen heranzieht und das Mittelmäßige mag. Es geht um das Scheitern der Kunst, das sie erträglich macht. Doch im Zentrum steht Regers wahnsinniger Verlust. Getarnt hinter all der Nörgelei trauert er um seine verstorbene Frau.

Das Ganze entwickelt eine herrliche Dynamik, weil sich Mesgarha und Goette immer wieder im Sprechen abwechseln, mal nach langen Monologen, mal Satz um Satz. Hinzu kommt der wunderbar singende Herbert G. Adami als Irrsigler. Ihm reichen kleine Auftritte für große Wirkung.

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Goette, Mesgarha, im Hintergrund der wandelnde Wachhabende Adami @ Matthias Horn für Staatsschauspiel Dresden

Reger und Atzbacher wechseln neben Sätzen auch vielsagende Blicke und Gesten. Irrsigler hat mit dem Verspeisen einer Banane den Großteil der Handlung zu verrichten. Doch der Spaß an den Gemeinheiten, die Reger austeilt, lassen keinen Platz für Langeweile. Die anderthalb Stunden vergehen im Fluge, auch weil die Augen sich immer wieder mit den Gemälden im Raum beschäftigen.

Fazit: Regisseur Krause und seine so kleine wie perfekte Besetzung kitzeln aus Thomas Bernhards Schwall von Beleidigungen vor allem die menschlichen, die verletzlichen Töne heraus. An Bernhards fiesem Witz wird trotzdem nicht gespart. Ein absolutes Vergnügen!

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

Video in Farbe: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/spielplan/alte_meister/video/

3 Gedanken zu “Staatsschauspiel Dresden: Alte Meister

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