Alte Meister. Graphic Novel von Mahler

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@Suhrkamp Verlag

Buchkritik: Der Comiczeichner Nicolas Mahler ist bekannt für Minimalismus in den Bildern. Zu Graphic Novels verarbeitet er am liebsten dicke Wälzer. So hat er vor drei Jahren den rund 1700 Seiten langen Schinken „Der Mann ohne Eigenschaften“ des Robert Musil auf 150 recht wortarme Seiten gebannt.

Mit „Alte Meister“ von 2011 nimmt sich Mahler den Großmeister des Wortkreisels und des nörglerischen Rundumschlags vor: Thomas Bernhard. Mahler nutzt das malerische Setting in der Gemäldegalerie, um die spärliche Handlung in Szene zu setzen. Große Kunst, der kleine Mensch und die Frage, was wirklich zählt im Leben.

Der Österreicher Thomas Bernhard erzählt in seiner Komödie „Alte Meister“ (1985) aus der Sicht des Atzbacher. Dieser wurde von Reger zu einem Treffen in das Kunstmuseum eingeladen. Atzbacher erscheint vorzeitig, um Reger einmal gründlich zu beobachten. Denn dieser Mann, so verbittert wie begnadet als Musikkritiker, ist ein Mysterium. Unerschütterlich sind seine Gewohnheiten: Jeden zweiten Tag geht er in die Gemäldegalerie, für eine feste Zahl von Stunden, danach ebenso lang in immer das gleiche Restaurant.

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Aus: Nicolas Mahler: Alte Meister

Regers regelmäßige Schimpf-Rundumschläge richtet sich gegen Österreich in allen Formen: Das Staatssystem, die bekloppten Bürger, die Kultur, die durch gedankenloses Loben ausgehöhlt wird und eigentlich gar nicht so toll ist. Im Kreuzfeuer stehen zum Beispiel die Gemälde der Alten Meister, von denen die meisten keine Hände malen konnten, denn die sehen aus wie Waschlappen; der „scheußliche“ Stifter in der Literatur, der nicht bessere Bruckner in der Musik und vor allem der Philosoph Heidegger, um den ein regelrechter Kult ausgebrochen ist. Aberwitzig, wie sich Reger über eine Fotoserie des Alltags von Heidegger echauffiert.

Die Fotoserie malt Mahler einfach nach. Ansonsten ist vor allem die Figur des Wachmanns Irrsigler zu sehen, der durch die hohen Räume des Museums trabt, seltener Atzbacher oder Reger höchstselbst. Für Kunstfreunde ist es spaßig zu versuchen, die mit wenigen Strichen angedeuteten altmeisterlichen Bilder zu erkennen. Die mit Gelb ausgemalten goldenen Rahmen und Verzierungen sind die einzige Farbe im sonst schwarzweißen Comic.

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Reger höchstselbst! Gezeichnet von Nicolas Mahler, aus: Alte Meister

Wie bei der Theaterinszenierung des Staatsschauspiels Dresden setzt auch Nicolas Mahler in seiner Graphic Novel das Sinnieren um das menschliche Zusammensein ins Zentrum der Geschichte. So wichtig dem Intellektuellen Reger Kunst und Denken auch sind: Nicht das schlaueste Buch, nicht die gelungenste Kunst ersetzen persönliche Beziehungen und menschliche Gesellschaft. Den dichten Deckmantel aus Nörgelei macht Mahler etwas schmaler, damit diese Erkenntnis als Botschaft des Buches stärker hervortritt.

Fazit: Die Graphic Novel „Alte Meister“ ist eine gelungene Umsetzung von Thomas Bernhards Wortgewitter. Sie übernimmt den Witz der fiesen Beschimpfungen, der manchmal ungerechten, manchmal sehr gerechtfertigten Bosheiten. Den sich öfter wiederholenden Gedankengängen setzt er aber klar geordnete Panels entgegen, von denen sich nur wenige pro Seite finden (Ausnahme: die Bilderflut bei Heidegger). Am allerbesten wirkt die Graphic Novel, wenn man sie sich kurz nach der Lektüre von Thomas Bernhards giftiger Vorlage vornimmt. Oder nach dem Theaterstück.

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen: Wikipedia, kurier.at (Bildquelle)

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