“Wild Ones Live” (2013)

Podcast / USA / 2013

Cover von Jon Mooallems Buch © Jon Mooallem

Podcast-Kritik: Eigentlich geht es in der typischen Folge von Roman Mars englischsprachigen Podcast “99% Invisible” um Menschen, ihre Ideen und deren Umsetzung (falls es so weit kommt). Eine Folge beschäftigt sich zum Beispiel damit, wie man dann immer noch gefährliche radioaktive Abfälle in 10.000 Jahren vor neugierigen Menschen schützen kann. Genetisch modifizierte Katzen welche mit Farbveränderungen auf Radioaktivität reagieren und dazu passendes Brauchtum über gefährliche „Strahlenkatzen” sind nur ein Vorschlag, welcher im Auftrag der US-Regierung erarbeitet wurde. (Immerhin hat sich Brauchtum im Laufe der Jahrtausende als erstaunlich überlebensfähiger Teil menschlicher Kultur bewiesen, so die Theorie.)

Roman Mars war aber so begeistert von Jon Mooallems Lesung seines Buchs “Wild Ones: A Sometimes Dismaying, Weirdly Reassuring Story About Looking at People Looking at Animals in America” (2013) mit musikalischer Begleitung, dass er ihm und der ihn begleitenden Band “Black Prairie” trotz vermeintlicher Themenverfehlung – es geht um Tiere – unbedingt eine Bühne bieten wollte. Ergebnis davon ist eine halbstündige Live-Aufzeichnung der Lesung, welche als “99% Invisible”-Podcastfolge heruntergeladen werden kann.

Die Tierarten, von denen Jon Mooallem erzählt, sind (wie so viele) bedroht durch menschliche Aktivitäten. Genauso spielen auch menschliche Kreativität und Gestaltung eine wichtige Rolle in ihrem Schutz. Vor allem dieser Aspekt wird besonders herausgearbeitet. Folglich ist die Themenverfehlung gar nicht so groß. Wichtig ist Mooallem dabei die Erweiterung unserer in der Gegenwart gefangenen Sichtweise. Durch menschliche Aktivitäten ändert sich die Welt überall um uns herum auf dramatische Art und Weise und aussterbende Tierarten sind dabei eine fast unausweichlich erscheinende Konsequenz, aber wir stecken zu oft zu sehr in der Gegenwart, um diese Veränderungen aus unserer Perspektive heraus überhaupt richtig wahrzunehmen. Eine Welt mit weniger Artenvielfalt und immer verzweifelteren und komplexeren Methoden der Artenerhaltung ist für uns bereits Normalität  geworden. Wir wissen gar nicht mehr, wie sich eine artenreichere Welt überhaupt anfühlt. Wenn wir es aber dann schaffen, den negativen Entwicklungen ein bisschen entgegenzusteuern, sind wir oft genauso blind dafür, welche positiven Auswirkungen diese Handlungen Jahrzehnte in der Zukunft haben könnten. Um diese Blindheit wenigstens ein bisschen zu lindern, erzählt Jon Mooallem Geschichten von den Naturschutzbemühungen vergangener Jahre, Jahrzehnte und aus dem vergangenen Jahrhundert und spannt immer wieder den großen Bogen zwischen verschiedenen Entwicklungen, damit die Zuhörer und Zuhörerinnen auch das große Ganze im Blick behalten können. So geht es zum Beispiel um die Wandlung von William Temple Hornaday (1854–1937) vom „Leichenbestatter“ fast ausgestorbener Arten als Tierpräparator zum engagierten Naturschützer und wie sich dieser dennoch nicht vorstellen konnte, dass ein Tier so erhaben und mächtig wie der Eisbär jemals bedroht sein könnte. Es geht um winzige Segelboote im 16. Jahrhundert in der Karibik, die von Millionen von Meeresschildkröten bombardiert wurden und um riesige Passagierflugzeuge in New York, welche im 21. Jahrhundert geduldig auf das Vorbeiziehen von ein paar Meeresschildkröten auf der Startbahn warten.

Jon Mooallem kombiniert Traurigkeit und Optimismus, ernste Realitäten und Albernheiten, Resignation und Aufbruchstimmung in einer stimmigen Geschichte. Die musikalische Begleitung verstärkt dabei nachdrücklich die Wirkung seiner Worte. Manchmal bekommen wir Menschen doch ein paar Dinge ganz gut hin, auch wenn das oft nur geringer Trost nach unseren vorherigen und schwerwiegenderen Fehltritten ist. Vielleicht gibt es also doch noch Hoffnung für uns, zumindest auf lange Sicht. Genau diese Art von Traurigkeit kombiniert mit vorsichtigem Optimismus kann die Podcastfolge “Wild Ones Live” sehr erfolgreich vermitteln.

Die komplette Podcastfolge kann hier angehört oder heruntergeladen werden (englisch).

geschrieben von Michael Kaltenecker

Quellen:

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