Felix Salten: Bambi. Komplette Lesung zum entspannten Hören

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Felix Salten: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde. (c) Verlag Alb Müller. Digitalisat der Zentralbibliothek Zürich

Buchkritik und Tipp: Wer „Bambi“ sagt, meint meistens Kitsch. Logisch, kennt doch der Großteil der Menschheit den Disney-Film. Beschaulich, aber lesen braucht man das ja nicht noch mal. Vollkommen falsch. Denn das Original von Felix Salten kommt ohne klebrige heile Welt-Kulisse aus. Es zeigt die Natur, wie sie ist: bezaubernd schön, manchmal. Grausam und blutig, manchmal. Auf der Seite des MDR Kultur kann man derzeit die komplette Lesung in 13 feinen Häppchen hören.

Felix Salten war passionierter Jäger. Das verwundert, wenn man das Buch liest. Schließlich ist es aus der Perspektive eines Rehs geschrieben, das den Menschen als die schrecklichste aller Gefahren kennen lernt. Andererseits lernt der Leser die klassische Besetzung eines mitteleuropäischen Waldes kennen. Kein Stinktier, kein amerikanischer Weißwedelhirsch als Rehvater, wie es Disney biologiewidrig hingebogen hat.

Was Disney natürlich übernommen hat, ist Saltens Setzung, dass die Tiere miteinander sprechen können. Vögel, Insekten und Säugetiere verstehen einander, auch wenn nicht jeder jeden mag. Der Wald, die Tierrassen, das nutzt Salten als Spiegel der Gesellschaft. Wie bei Nachbarn eines großen Mietshauses kommt es gerade unter den Vögeln immer mal wieder zu Streit. Die einen sind Tratschtaschen, die anderen wollen lieber ihre Ruhe haben. Der eine erschreckt am liebsten andere, der nächste hat gerne Recht.

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Felix Salten (1869-1945) (c) Ferdinand Schmutzer

Diese verschiedenen Charakterzüge bekommen in der Lesung, die der MDR Kultur derzeit kostenlos zum Hören anbietet, verschiedene Dialekte. Weder das Säggsche noch dat Barlinern fehlt. Wunderbar wird die Waldkulisse widergegeben, die Rufe der verschiedenen Vögel. Ja, da kann man sogar noch was lernen. Deshalb gibt es gleich noch ein Extra-Audio über Felix Salten dazu. Einfach alles, was man sich wünschen kann. Bleibt zu hoffen, dass die Audios noch lang verfügbar sind.

Noch ein paar Sätze zu Saltens Buch. Es gibt darin schon Sachen, denen man das Alter des Werkes (erstmals erschienen 1923) anmerkt. Etwas überholt ist die Verehrung der unnahbaren Väter. Oder die Tatsache, dass die Rehe als Fürsten, die Hirsche als Prinzen des Waldes betitelt werden. Alle Tiere kennen die Rangordnung und beziehen daraus ihre Vorurteile den anderen gegenüber. Besonders zu den Höhergestellten. Die Vögel halten die schönen, majestätischen Rehe für dumm, die Rehe die Hirsche für eingebildet, die Hirsche die Rehe für schön, aber Reh und Hirsch trauen sich nicht, den anderen anzusprechen. So transferiert Felix Salten in „Bambi“ auch eine gehörige Portion Gesellschaftskritik.

Übrigens: Für Kinder, besonders für kleine Kinder ist der originale „Bambi“ wenig geeignet. Hier wird viel gestorben. Nicht nur die Mutter fällt dem Jäger zum Opfer. Das Eichhörnchen wird vom Marder gerissen, der junge kränkliche Hase von den Elstern zerpickt. Auch wenn keine Menschen auf Jagd sind, ist der Wald keine perfekte Idylle. Für Leser ab acht soll das Buch geeignet sein, ich empfehle aber, es Kindern frühestens im Alter von zehn Jahren zu geben. Es erschüttert selbst Erwachsene, wer nah am Wasser gebaut ist, wird sicher Tränchen vergießen.

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Wer das sieht, ist richtig auf dem Weg zum Bambi-Hörerlebnis. (c) MDR Kultur

Fazit: „Bambi“ ist ein zauberhaftes Buch, das Schönheit und Schrecken des natürlichen Lebens in eine spannende Entwicklungsgeschichte fasst. Die Sprache ist poetisch, aber nie kitschig. Es gibt dramatische, aber auch leise Abschiede. Wunderschön ist der Dialog zweier absterbender Blätter. Bei den Audios von MDR Kultur findet man ihn am Anfang des fünften Teils. Winnie Böwe liest mit viel Geschick und findet immer die richtige Stimme für das jeweilige Tier. So ist die Produktion von Regisseurin Ulrike Lykke Langer ein großer Genuss, den niemand verpassen sollte.

Geschrieben von Katrin Mai

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