Carl von Ossietzky. Lesebuch

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Viele Artikel aus dem Lesebuch erschienen zuerst in der Zeitung „Die Weltbühne“, welche Ossietzky zeitweise leitete

Buchkritik: Er war Friedensnobelpreisträger und wurde zum Opfer der Nazis. Ist das Grund genug, wertvolle Lesezeit für hundert Jahre alte Zeitungsartikel von Carl von Ossietzky einzusetzen? Auf jeden Fall!

Aber nicht wegen des Preises und nicht wegen des Opferstatus. Sondern weil der Mensch schreiben konnte. Weil er einen lebendigen Einblick in die Weimarer Republik gewährt. Und weil viele Erkenntnisse bis heute aktuell sind. Leider: Dass die Polizei öfter mal auf dem rechten Auge blind ist, das bemerkte man schon in den 1920ern. Nur ein Beispiel von vielen.

Über die SPD:

Der einstige Elan ist fort, die Struktur geblieben. Ihre Leute sind unzufrieden, aber sie hat sie fest in der Hand. […] Über allen Zweifel obsiegt die Hoffnung, daß sie Partei einmal wieder wird, was sie war. […] Die Arbeiter verzweifeln fast an ihr, aber sie bleiben. Die Partei hat sie um einen pfiffigen Fraktionskalkül hundertmal verkauft. […] Breit und gewichtig wie ein pompöser vollgestopfter Wollsack liegt die Partei mitten im politischen Leben herum.

Es geht noch weiter. Es geht um das ewige Bedürfnis der SPD, sich an einen Partner zu binden, um ja nicht in die Opposition zu kommen. Also: als mitgliederstärkste Partei an die christliche Partei anheften, auf Mitsprache verzichten und mitverantwortlich sein. Kennen wir zur Genüge. Statt, wie schon Ossietzky plädiert, endlich mal an die andere rote Partei als möglichen Mitkämpfer zu denken (okay, haben sie gemacht und die Saarland-Wahl krachend verloren). Und dieser letzte Satz des Zitats: Wann hat man zuletzt so ein schönes passendes Bild in einem Kommentar zur Politik gefunden?

1914 hatte auch den 25-Jährigen Ossietzky die Euphorie des Nationalen gepackt. Der Hamburger will deutsches Theater auf den deutschen Bühnen sehen. Doch diese Anwandlung verfliegt schnell. Nach dem Krieg wird Carl zum aktiven Pazifisten. Auch dieser Gruppe kann er nicht einfach hinterhertrotten und verlässt sie bald wieder, um mit hellsichtigen, wagemutigen Artikeln die Menschen aufzuklären.

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Carl von Ossietzky um 1910 © Deutsches Historisches Museum, Berlin

All das erfährt man nicht nur aus den Artikeln selbst, sondern auch aus dem sehr umfangreichen Vorwort des Lesebuchs (Hrsg.: Ursula Madrasch-Groschopp, 1989). Hier lernt man unter anderem, dass Ossietzky aus ärmlichen Verhältnissen stammte. Der Adelstitel lässt anderes glauben. Und man erfährt, dass Ossietzky diesen Verhältnissen nie wirklich entkam. Seine hervorragende Bildung las er sich mit Bibliotheksbüchern an. Später kritisierten seine Kollegen immer wieder einmal seinen Fremdwortwahn. Tatsächlich ist die Ossietzky-Lektüre für heutige Leser voraussetzungsreich. Zum Glück bietet das Lesebuch sowohl erklärende Fußnoten als auch ein alphabetisches Personenregister. Auch eine kleine Zeittafel fehlt nicht.

 

Es gäbe noch ein Dutzend bemerkenswerter Artikel einzeln zu besprechen. Zum Beispiel „König Hugenberg“ über Medienmagnaten als Politiker – Berlusconi lässt grüßen. Oder „Das Ende der Pressefreiheit“, ein Beitrag von 1932, der darstellt, wie schon vor der Nazi-Diktatur jene Medien unter Druck gerieten, die nicht rechts genug waren. Auch einen Vorläufer der Panama-Papers findet sich. In „Die Farben von Panama“ legt Ossietzky bloß, wie eine profitgeile Hamburger Reederei unter der Flagge Panamas fährt. Denn dann muss sie keine Tariflöhne zahlen. Lustig wird es mit „Die Historiker sind ernstlich böse“. Ossietzky war schließlich auch Kritiker. Hier mokiert er sich über die Historiker, die gegen die erfolgreichen Historienschinken schießen. Wären deren Schriften nicht so blutleer, würde sich der eine oder andere Leser auch die Facharbeiten zu Gemüte führen.

Aus „Das lädierte Sakrament“ muss ich aber doch zitieren. Zu großartig ist Ossietzkys Kritik an der Christlichen Partei, die am Ehebruchsgesetz festhalten will:

Die katholische Partei will das „Sakrament der Ehe“ retten -? Es gibt nur noch ein großes Sakrament, für das es zu leben und zu kämpfen gilt: das ist die Menschheit.

Ich habe diesen Artikel just am Weltfrauentag gelesen, und er war das Klügste, was ich an dem Tag zum Thema Gleichberechtigung mitbekam.

Carl von Ossietzky

Ossietzky als KZ-Häftling, Mitte der 30er Jahre © Bundesarchiv, unbekannter Fotograf

Auch einen Kinderartikel schrieb Ossietzky: Über Helden und Heldentum. Er spricht von Kohlenarbeitern und ähnlichen Schuftenden, die mindestens genauso viel Respekt verdienen wie die aktuellen Sporthelden und wen die Medien sonst gerade vergöttern. Eine gute Lektüre für Kinder und Erwachsene. Auch heute noch, gerade heute noch, wo gefühlt jeder Zehnte Jugendliche einmal an einer Castingshow teilnimmt, um schnell reich und berühmt zu werden.

 

Den Friedensnobelpreis bekam Ossietzky, als er schon längst in den Fängen der Nazis war. Gleich 1933 nahmen sie ihn in Haft. Die internationale Aufmerksamkeit sollte ihn schützen. Es nützte nichts. Das Preisgeld strich ein untreuer Anwalt ein. Ossietzky starb 1938 nach langem Kampf gegen die Tuberkulose, die den ausgezehrten Mann im KZ befallen hatte. Sein Grab war namenlos, seine Schriften wurden verbrannt. Doch Ossietzkys wacher Geist wurde in seinen Artikeln in unsere Zeit gerettet.

Umfangreiche Zusatzinformationen und die kluge Auswahl der Artikel machen das Lesebuch zum Fenster zu dem Deutschland zwischen den Kriegen. Einige Artikel sind für den modernen Leser nicht wirklich nützlich, aber viele sind echte Entdeckungen. Ossietzkys Stil ist nicht einfach, aber gekonnt, hellsichtig und humorvoll, soweit das Thema es zulässt.

Bewertung: 5/5

Im Projekt Gutenberg gibt es online viele Artikel Ossietzkys zum kostenlos Lesen. Auch das Lesebuch ist vorhanden, allerdings ohne Vorwort und Fußnoten und was sonst noch zum Verstehen hilft.

Geschrieben von Katrin Mai

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