„Deutscher“ (Miniserie, 2020)

Serienkritik: Was wäre wenn bei der nächsten Wahl in Berlin, die AfD die Mehrheit gewinnen würde? Diese Frage beleuchtet anhand eines Minikosmos indirekt die vierteilige Miniserie „Deutscher“, welche als ‚Kleines Fernsehspiel‘ bei ZDF ausgestrahlt wurde.

Seit Jahren sind die beiden Familien Schneider und Pielcke Nachbarn. Die beiden Söhne David (Paul Sundheim) und Marvin (Johannes Geller) sind beste Freunde. Dabei helfen sich die Nachbarn hin und wieder oder grillen miteinander. Doch nach der Wahl verändert sich etwas in dem Vorort. Rechtsradikale Äußerungen werden nun ausgesprochen und auch Gewalt wird offen ausgelebt. Die Apothekerin Eva Schneider (Meike Droste) wird zusammen mit ihrem Kollegen Burak Uysal (Atheer Adel) auf offener Straße angegriffen, und der Burgerladen von Bilal Oktay (Erdal Gürcü), dem Vaters von Davids Freundin Cansu (Lara Aylin Winkler) wird angezündet. Auch in der Schule, in der Christoph Schneider (Felix Knopp) Lehrer ist, kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen und so scheinen sich auch David und Marvin, der mittlerweile lieber mit seinem Kumpel Olaf (Junis Marlon), einem Lehrling seines Vaters, rumhängt, immer weiter voneinander zu entfernen. Während die beiden Frauen Ulrike (Milena Dreißig) und Eva noch versuchen aufeinander zuzugehen, wird es immer hitziger zwischen Christoph und Frank Pielcke (Thorsten Merten).

Milena Dreißig und Meike Droste

In nur vier Folgen zeichnet die Miniserie „Deutscher“, welche vom ZDF als ‚das kleine Fernsehspiel‘ konzipiert wurde (ist auch dort in der Mediathek noch bis 25. April 2022 verfügbar), eine nahe Zukunft, in der eine rechtspopulistische Partei an die Macht gekommen ist. Doch dabei geht es eben nicht um die Politik oder um die Politiker in Berlin, sondern die Serie taucht in einen kleinen Vorstadt-Kosmos ab und schildert mal subtil, mal mit dem Holzhammer, welche Veränderungen ein Politikwechsel auch in der Gesellschaft zur Folge haben könnte. Erdacht hat sich die Geschichte, welche in insgesamt 162 Minuten auserzählt wird, der Autor Stefan Rogall. Simon Ostermann und Sophie Linnenbaum, welche man für ihre Kurzfilme wie „Pix“ (2017) und „Das Mensch“ (2018) kennt, übernahmen die Regie. Dass hier ein junges Team am Werk ist, merkt man an dem frischen Wind, der um die Geschichte weht. Doch ebenso merkt man auch, dass ein konventionelles Fernsehspiel dahintersteckt. So sind manche Ereignisse leider zu vorhersehbar und das Ende ist zu wohlgefällig. Doch bis dahin funktioniert die Serie sehr gut. Der Kampf um Ideologien und Meinungen wird in einem kleinen Kosmos ausgetragen. Zwei Familien, die direkt nebeneinander wohnen, stehen im Zentrum. Dabei lassen sie sich glücklicherweise nicht nur in die eine oder andere Schublade stecken, sondern gehen tiefer in der Figurenkonstellation. Doch nicht nur in dieser Nachbarschaft, sondern vor allem an Schauplätzen wie dem Burgerladen, der Schule und der Apotheke kommt es zu Auseinandersetzungen, die sich über die Folgen immer weiter zuspitzen. Dabei liefert die Serie nicht nur spannende Was-Wäre-Wenn-Überlegungen, sondern auch Spannung und Diskussionsbedarf. So macht das Skript, trotz seines konventionellen Rahmens, vieles richtig und bietet dem Publikum ein Thema dar, das zum Nachdenken und Diskutieren einlädt.

Paul Lennard Sundheim and Johannes Geller

Die Inszenierung der Geschichte verläuft dabei in konventionellen Bahnen. Immer wieder werden die Häuser der beiden Familien ins Bild gebracht und stehen mit ihrer roten und blauen Farbe für gegensätzliche Pole. Die beiden RegisseurInnen schufen einen klassischen Vorstadt-Kosmos, zwischen Idylle und Langeweile. Auch die anderen Spielorte wirken wie Abziehbilder und besitzen zunächst optisch keine Auffälligkeiten. Doch genau darum geht es – der Einbruch des Bösen in einer scheinbaren Normalität. Maßgeblich zum Erfolg der Inszenierung trägt die SchauspielerInnen-Wahl bei. Leider liegt hier eine der größten Schwächen der Miniserie. Denn nicht alle SchauspielerInnen überzeugen und so wirken Dialoge oft zu hölzern und wie auswendig gelernt. Gerade bei den Jungschauspielern hätte man mehr erreichen können, durch ihr Spiel wirken sie leider wie Stereotypen und das hätte vermieden werden können. Doch die vier Eltern-DarstellerInnen spielen hervorragend, nehmen ihren Archetyp auf, füllen ihn mit Leben und bleiben dadurch nicht eindimensional. Dadurch bekommt die Serie genug Anknüpfungspunkte und so lässt man sich als ZuschauerInnen gerne auf diese beängstigende Was-Wäre-Wenn-Konstellation ein und erkennt viel Wahres in dem Fernsehspiel, so dass man hofft, dass so etwas nie eintritt. Vermutlich aus diesem Grund wurde ein versöhnliches Ende gewählt, was sich dann aber leider zu sehr im Bereich des Fantastischen bewegt.   

Felix Schmidt-Knopp and Rojan Juan Barani

Fazit: Die vom ZDF produzierte Miniserie „Deutscher“ wartet mit einem spannenden Gedankenexperiment auf. Wie würde sie sich die Gesellschaft und das Miteinander verändern, wenn eine Partei an die Macht käme, die rechts zu verorten ist. Der Autor Stefan Rogall und die beiden RegisseurInnen Sophie Linnenbaum und Simon Ostermann gehen dieser Fragen in vier Folgen nach, finden gelungene Antworten und spielen mit diversen Horrorszenarien. Obwohl die Inszenierung den Fernsehspielcharakter nicht ganz abschütteln kann, kann sie gut unterhalten und garantiert Diskussionen befeuern.   

Bewertung: 4/5

Trailer zur Miniserie „Deutscher“:

In der ZDF-Mediathek noch bis zum 22. April 2022 kostenlos anschauen:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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