“Schloss aus Glas” (2017)

© Studiocanal

Filmkritik: Autobiographische Stoffe, dazu noch von noch lebenden Personen, zu verfilmen, ist immer schwierig. Damit tat sich schon Tim Burton mit seinem Film “Big Eyes” schwer. Meistens fehlt den Filmemachern die Distanz, um alle Standpunkte zu erfassen, so dass oft ein emotionaler Film mit einem stark subjektiven, positiven Blick entsteht. Auch in dem bald in den Kinos anlaufenden “Schloss aus Glas” (OT: “The Glass Castle”, USA, 2017) wird vor allem romantisch von einer ungewöhnlichen Familie erzählt.

Jeannette Walsh (Brie Larson) ist eine erfolgreiche in New York lebende Kolumnistin. Sie ist mit dem Finanzberater David (Max Greenfield, bekannt als Schmidt aus der Serie “New Girl” (2011-2017)) verlobt. Alles was ihr zu ihrem Glück noch fehlt, ist es ihrer unkonventionellen Familie die baldige Hochzeit zu gestehen. Ihr alkoholkranker Vater Rex (Woody Harrelson) und die erfolglose Künstlerin Rose Mary (Naomi Watts) sind gar nicht angetan von dem Arrangement. Da sie der Meinung sind, dass sie ihre vier Kinder doch anders erzogen haben. In ihrer Kindheit waren Jeannette (Ella Anderson) und ihre Familie ständig unterwegs, da oft das Geld alle war oder der Vater mal wieder seinen Job verloren hatte. Doch mit dem Versprechen auf ein Haus aus Glas und viel didaktischem Feingefühl wurden die Walls-Kinder auf eigene und teils sehr glückliche Weise erzogen, bis sie eines Tages doch beschließen, dass sie sich lösen müssen.

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Die erfolgreiche Kolumnistin Jeannette Walls (*1960) veröffentlichte bereits 2006 ihre Autobiographie “Schloss aus Glas” und berichtet darin von einer außergewöhnlichen Familiengeschichte. Das Buch hielt sich mehrere Monate in den Bestsellerlisten und wurde in 23 Sprachen übersetzt. Schon früher sollte das Buch bereits verfilmt werden, doch scheiterte es und galt beinahe als unverfilmbar. Doch mit dem amerikanischen Regisseur Destin Daniel Cretton (*1978), der sich vor allem einen Namen durch seinen Film “Short Term 12 – Stille Helden” (2013) gemacht hat, wählte einen Ansatzpunkt, der auch das Wohlwollen von Jeannette Walls fand. Dabei ging es Cretton nie um die Eins-zu-eins-Umsetzung des Buches, sondern er verwendete es als eine Grundlage für einen Film über Familienliebe und die Liebe zu sich selbst. Herausgekommen ist eine warmherzige Geschichte über eine außergewöhnliche Familie, die auch die schwersten Zeiten übersteht. Dabei scheut er sich nicht vor den schweren Themen wie Alkoholsucht, Kindesmissbrauch und vernachlässigte Erziehung, doch sehen er und sein Autor Andrew Lanham das alles mit einer fast romantischen Brille. Natürlich sind Schrecken vorgefallen, aber am Ende obsiegt die Liebe. Dieses Gefühl, was auch im Buch überwiegt, verleiht dem Film einen märchenhaften Ansatz, da es in der Realität meist böse enden würde.

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Der Film besinnt sich dagegen auf die positiven Seiten dieser unorthodoxen Familie, die ihren Kindern eine andere Weltsicht mit viel Klugheit und einem großen Freiheitsdrang vermittelt. Die Kindheitsszenen sind geprägt von fantastischen Erlebnissen und herben Rückschlägen, die eine emotionale Achterbahn für die Kleinen bedeuten. Die Filmemacher fangen dies in wunderschönen Bildern ein, welche zugleich ein Portrait der Zeit und des Landes sind mit all seinen kulturellen Unterschieden. So ist der Film nicht nur eine Familiengeschichte, welche recht stark romantisierend eingefangen wurde, sondern auch eine Reise in eine vergangene Zeit. Dies macht den Charme des Films aus. Hinzukommen die grandiosen Darsteller. Dabei überzeugen nicht nur die Größen wie Woody Harrelson, der dem Rex das genau richtige Maß an Ambivalenz verleiht, sondern auch die Kinderdarsteller allen voran die junge Darstellerin Ella Anderson der Jeannette Walls, die ihre Gefühle in allen Facetten spürbar macht. Im Gesamten ist die Verfilmung einerseits eine liebevoll Annäherung an die Figuren, an denen alle Beteiligten sich erfreuen können (auch die Mutter Rose Mary, die sehr skeptisch gegenüber dem Film war) und andererseits ist sie ein stimmiges, authentisches Portrait der amerikanischen Geschichte des kleinen Mannes.

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Fazit: Der Film “Schloss aus Glas” entstand nach dem gleichnamigen Roman der bekannten Kolumnistin Jeannette Walls und trifft den Ton des Buches genau. Er arbeitet dabei vor allem die empfundene Liebe zu ihrer Familie heraus und zeichnet gleichzeitig ein Portrait von einer schwierigen Kindheit, der damaligen Zeit und des Amerikas des kleinen Mannes. Das ergibt einen stimmungsvollen Film, der berühren kann, auch wenn er es hin und wieder nicht schafft allen Kitsch und Pathos zu umschiffen.

Bewertung: 7/10

Kinostart: 21. September 2017, DVD-Start: unbekannt

Der Trailer:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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