Vierzehn Fragen an Rocco Di Mento

Interview: Im Zoom-Gespräch mit dem Filmemacher Rocco Di Mento konnten wir mehr über seine Dokumentation „The Blunder of Love“, der auf dem 63. DOK Leipzig seine seine Weltpremiere feierte, erfahren. Er erzählt davon warum er sich dafür entschied einen Film über seine Familie zu machen, wie ein Manuskript und alte Filmaufnahmen den Film voran gebracht haben und wie es war mit der eigenen Familie einen Film zu drehen.

Wie hat alles angefangen? Was war der erste Impuls Deine Familiengeschichte zu erzählen?

Eigentlich bevor überhaupt einen Film über meine Familie machen zu wollen, war der Wunsch da, mit meiner Familie wieder eine emotionale Verbindung zu finden weil ich schon sehr lange von zuhause weg war und in Deutschland gelebt habe. Dann habe ich angefangen immer öfter meine Familie in Italien zu besuchen und nach Spuren unseren gemeinsamen Vergangenheit zu suchen. Von daher kann man sagen, dass der allererste Ausgangspunkt tatsächlich war, dass ich im Keller bei meiner Oma im Jahr 2014 diesen Roman meines Opas gefunden habe. Es war wirklich ein Wow-Moment, denn er hatte in einer fiktiven Art und Weise eine Reflexion über die Liebe und das Leben mit seiner Frau, meiner Großmutter begonnen. Und dann entstand für mich plötzlich eine Verbindung mit meinen Großvater und mit der Vergangenheit meiner Familie. Beim Lesen dieses Buchs, habe ich angefangen, Bilder in meinem Kopf zu sehen. Er hat ja letzten Endes mit diesem Buch eine Arbeit angefangen und ich hatte das Gefühl, dass ich diese jetzt quasi fortsetzen kann. Aber es hat echt lange gedauert von diesem Moment, als ich das Buch gefunden habe, bis zu dem Punkt, dass ich gesagt habe, ich mache jetzt einen Film. Ich habe in diesem Zeitraum einen anderen Film realisiert – meinen allerersten Film als Regisseur („The Demon, The Flow and Me“ (2016)), der mit der Familiengeschichte natürlich nichts zu tun hatte, es war einer Art ‚Test‘ für mich, bevor man überhaupt so ein großes Projekt beginnen will. Es ist ein großer Schritt, einen Film über die eigene Familie zu machen, so brauchte ich erst einmal einen anderen Film. Ich habe mich dann mit diesem Familienfilmprojekt für den Masterstudiengang ‚Dokumentarfilm Regie‘ an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF beworben. Meine Bewerbung hat geklappt und ich plante den Film als Abschlussfilm. 

In einer der ersten Szenen, sieht man wie eine Kiste mit alten Filmaufnahmen gefunden wird. Hast Du sie sozusagen erst bei den Dreharbeiten entdeckt?

Genau. Ich wusste zwar, dass es alte Filmrollen gab. Unser Opa hatte immer gefilmt und ich hatte das Glück 2012 in demselben Keller andere Filmrollen von der Familie zu finden. Aber die Aufnahmen von den ganzen Reisen meines Opas und auf dem Schiff waren verschollen. Sie waren eine Art Legende. Man sagte, dass es diese Filmrollen gibt, aber keiner wusste, wo die sind. Vielleicht wurden sie geklaut. Und dann, als wir den Geburtstag von Oma gefilmt haben, ist meinem Cousin und meinem Bruder wieder eingefallen, dass sie vor einiger Zeit, als der Keller überschwemmt war, eine Tüte mit alten Filmen gefunden hatten. Damals dachten sie nicht, dass diese irgendwie relevant wären. Aufgrund unserer Filmaufnahmen haben sie sich wieder daran erinnert und dann kamen diese Filme zum Vorschein. 

Und hast du dann dein filmisches Konzept nochmal geändert, nachdem du diese Filme bekommen hast?

Da ich mich zu diesem Zeitpunkt noch in der Phase der Recherche befand, war ich noch sehr flexibel, der Fund diese alte Filme war deswegen für die Recherche ein großes Geschenk. Ich hatte vorher nur diesen Roman und die Neugierde, meine Familie zu filmen und so überhaupt herauszufinden, ob es genug Interessantes sich für einen Film ergeben würde. Nach dem Geburstag und den Super-8-Filmen war dann klar, dass eine filmische Erzähl-Dynamik möglich war.

Und wie hat deine Familie insbesondere deine Großmutter die Idee des Filmprojekts aufgenommen?

Es war keine Neuigkeit, dass ich etwas gefilmt habe, weil ich seit Jahren immer mit einer kleinen Kompaktkamera etwas von meiner Familie gefilmt habe. Die haben mich nie als ‚Regisseur‘ ernst genommen. Sie fanden es schön, dass Rocco da ist und interessant, dass er filmt. Die Neuerung war, dass es diesmal eine Kamerafrau und einen Tonmann gegeben hat. Aber trotzdem haben sie es bis zum Ende nie wirklich ernst genommen.

Die Anfangsidee stammt aus dem Jahr 2014 und umgesetzt hast Du den Film bis 2019. Wie oft bist Du für das Projekt nach Italien gereist? Wie lange denkst hast du insgesamt gedreht?

In einer Zeitspanne von zwei Jahren (2017-2019), sind wir dreimal nach Italien geflogen und jedes Mal waren wir mindestens zwei Wochen dort. Einmal mit dem Extra-Dreh auf Sizilien, wo das Ferienhaus steht. Mit der Familie haben wir insgesamt ca. sieben Wochen gedreht.

Es ist bestimmt viel Material dem Schnitt zum Opfer gefallen? Wie verlief die Arbeit beim Schnitt selbst? War es schwierig zu kürzen?

Ja, tatsächlich. Also es gab ganz viele Darlings, die man killen musste. Der Film ist natürlich zu einem großen Teil in seiner aktuellen Form im Schnitt entstanden und es war nicht einfach das Material auszuwerten, denn die Protagonisten und die Geschichte sind mir persönlich so nah. Da bin ich auch den Editorinnen Valentina Cicogna und Antonella Sarubbi für ihre tolle Arbeit im Schneideraum sehr dankbar. So konzentrierten wir uns vor allem auf die Anfangsidee und die Liebe meiner Großeltern. Wir hatten insgesamt ungefähr 80 Stunden Material. Dass dies überhaupt möglich war und auch die Freiheit, welche damit einhergeht, verdanke ich der Tatsache, dass es ein Studentenprojekt war und dass ich ein so tolles Team zur Seite hatte: Producerin Valeria Venturelli hat uns sehr dabei geholfen diesen langen Prozess in einer professionellen Art und Weise umzusetzen.

Kannst Du mir mehr zur Musikuntermalung erzählen? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Franziska May?

Sie war wie ich eine Studentin an der Konrad Wolf. Ich wollte mit Musik aus der 50er, 60er Jahren arbeiten, weil das die Zeit meiner Großeltern war und weil diese so eine Art idealistische Stimmung besitzt. Sie erzählen alle von Liebe, von Frauen, von dieser schönen Traumwelt. Ich hab dann Franziska aus dem Studiengang Musik getroffen und ihr von meinem Konzept erzählt. Sie fand die Idee großartig und setzte das dann wunderbar um. 

Hattest Du visuelle Richtlinien, an denen Du Dich orientiert hast?

Mir war von Anfang klar, dass ich mit Handkamera und festen Brennweiten arbeiten wollte. Also keine Zooms o.ä., sondern die Nähe, die man sieht, ist die Nähe, die wir hatten. Ich hatte großes Glück mit meiner Kamerafrau Sabine Panossian. Sie stammt aus Österreich und spricht fließend italienisch. Dadurch war sie für mich vor Ort eine enorme Unterstützung, sie konnte die Kamerabewegungen immer sensibel einsetzen da sie die Sprache und die Familiengeschichte verstanden und mitgefühlt hat. Im Vorfeld hatten wir uns viele Familienfilme angesehen und uns abgesprochen, wie unser Film auszusehen hat. So haben wir am Set wunderbar zusammengearbeitet und wir konnten als Einheit auftreten.

Und hast du in manchen Situationen auch alleine gefilmt oder war sie wirklich immer dabei?

Ja, ich habe auch in manchen Situationen alleine gefilmt, z.B. die ganze Geschenke-Aktion. Am Ende der ganzen Weihnachtszeit habe ich alleine gedreht, weil sie nach Hause mussten. Jerôme, der Tonmann, und ich sind in Italien geblieben.

Hattest Du von Anfang an geplant, dass Du selbst im Film zu sehen sein wirst, weil Du ja auch ein Teil der Geschichte bist?

Ursprünglich war es nicht geplant. Am Anfang war da vor allem die Faszination für meine Familie und ich wollte auch gar nicht selbst im Film sein, eventuell nur als Off-Stimme. Doch je mehr wir gefilmt haben, desto stärker wurde mir und auch Sabine bewusst, dass ich selbst in den Film muss. Diese Entscheidung war richtig, da man den Film so viel emotional näher erzählen konnte.

Hat deine Familie den Film schon sehen können?

Nicht alle. Es ist immer noch eine zersplitterte Familie, das heißt, ich hab es an Weihnachten gezeigt, als wir fertig geschnitten hatten. Aber die ganze Seite meiner Tante Marcella hat gefehlt und sie hat ihn selbst bis heute noch nicht gesehen. Ich hoffe, ihn ihr demnächst zeigen können zu dürfen. Aber die restliche Familie hat den Film gesehen, auch wenn meine Oma ihn schon wieder vergessen hat. Nach der Sichtung hat sich ansonsten keiner geäußert außer meinem kleinen Bruder der meinte „Wow, du warst in der Lage diesen Familienkonflikt zu erzählen ohne irgendeinen dabei zu beurteilen“ und ich denke das ist schon das beste Kompliment das man dafür bekommen kann.

Hat sich nach dem Film, was in den familiären Strukturen geändert? Hast Du selbst, das Gefühl das sich Dein Verhältnis zu Deiner Familie verändert hat?

Ich denke schon, aber ich denke wir stecken mitten in den Veränderungen. Und vermutlich wird es noch besser funktionieren, wenn alle zusammen mit dem Publikum den Film auf einer Kinoleinwand in Italien erleben können. Beim DOK, wo er bisher nur lief, war ich ja nur allein anwesend. Für mich war das Festival sehr wichtig, aber für meine Familie ist das zu weit weg und so haben sie ihn nicht erleben können. Der Rocco hat einen Film gemacht, der irgendwo in Deutschland lief. Aber sobald wir den Film zusammen sehen können, wird sich das bestimmt ändern.

Sind bereits neue Projekte in Planung?

Ich schreibe jetzt meine Masterarbeit über Familienfilme und ich habe richtig viel Spaß und Freude dabei. Aber so filmische Projekte? Es ist für mich schwierig, gleich zum nächsten Projekt zu springen, da dieser sehr persönliche Film viel mit mir gemacht hat, was erst einmal verarbeitet werden muss. Ich schreibe und lese gerade viel, sammle Ideen, lasse meine Neugierde galoppieren und schaue was gerade in der Welt passiert. Ich möchte auch erst einmal schauen, was „The Blunder of Love“ da draußen in der weiten Welt macht.

Kannst du dir vorstellen, nach Italien zurückzugehen für Projekte, oder?

Definitiv. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Blunder of Love

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