Im Staatsschauspiel Dresden: Secondhand-Zeit

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Ein knappes Dutzend Laienschauspieler bringt uns die ehemalige Sowjetunion kurz vor und nach dem Zusammenbruch näher. © Matthias Horn

Aufführungsbericht: Die Bürgerbühne bearbeitet Texte von Swetlana Alexijewitsch und bringt sie ins Kleine Haus. Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, tragen die Berichte der 2015er Literaturnobelpreisträgerin vor. „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ lautet der Untertitel der Regiearbeit von David Benjamin Brückel.

Es dauert ein wenig, bis man sich hineingehört hat. Bis auf einen Darsteller haben sie alle einen deutlichen Akzent. Tschaikowskis „Schwanensee“ läuft am Anfang und bleibt als musikalische Untermalung präsent. Als Bühnenbild dient eine Wand, hinter der die Darsteller immer wieder verschwinden, an die sie Jahreszahlen schreiben, in denen die entsprechenden Szenen stattfinden, und hinter der sie nach und nach ein Bild freilegen. Dazu kommt ein multifunktionales Holzkämmerchen, das zum Beispiel einen kleinen Laden oder eine enge Behausung darstellt.

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Dimitri Krause mit Ekaterina Makarikova als entspannte Verkäuferin © Matthias Horn

Einige der Geschichten lassen sich eins zu eins auf die DDR übertragen, andere sind speziell russisch. Einige bestehen kaum aus Dialog, sondern vor allem aus Bildern. Wenn sich vor dem Laden eine Schlange bildet, noch lange bevor die wenig motivierte Verkäuferin den Laden öffnet, zum Beispiel. Man wartet gewohnheitsmäßig, spekuliert darauf, was es heute gibt. Der Laden öffnet, drei Waren werden in die Auslage gestapelt. Die Verkäuferin liest erst noch einmal Zeitung, bevor sie sich aufraffen kann, den ersten Kunden zu bedienen. Der kauft alles – die anderen haben umsonst angestanden.

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Olga Komarevtseva legt ein Stück vom Wandbild frei. © Matthias Horn

Das ist nur eine von mehreren Miniaturen, die Bruchstücke aus einem Landschaftsbild darstellen. Öfter geht es um die Feindschaft und Konkurrenz der Völker, die früher als eine große sowjetische Gemeinschaft galten. Die Moskauer wollen Fremde nicht, die Religion spaltet zusätzlich. Dieses Politische spielt sich nicht in fernen Parlamentern und vor Fernsehkameras ab, sondern im Privatleben der normalen Menschen. Der Umbruch bringt den einen die Freiheit, ihren Lebensentwurf zu verwirklichen. Doch die meisten stürzt er in Ungewissheit. Sie verlieren ihre Wohnung an Spekulanten, ihre Lieben durch den wiedererstarkten Nationalismus oder ihr letztes Geld an die trickreichen Betrüger, denen sie noch nicht gewachsen sind.

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Der allgegenwärtige „Schwanensee“ soll die revolutionäre Stimmung entschärfen. Anastasiya Stukanova fotografiert von © Matthias Horn

Das Stück schließt mit der Gegenwart, mit dem Kampf in der Ukraine. Und dem Appell, nicht ohne weiter nachzudenken unserer Berichterstattung zu vertrauen. Die Darsteller sind durchweg engagiert und gefühlvoll. Erzählen sie wirklich nicht ihre eigene Geschichte, sondern etwas von Swetlana Alexijewitsch? Sie verkörpern es stark und emotional. Schlauer, unterhalten und bereichert geht man nach anderthalb Stunden aus diesem Schauspiel.

Geschrieben von Katrin Mai

 

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