Im Staatsschauspiel Dresden: Parole Kästner!

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Ein halbes Dutzend kleiner Kästner, großartig © Sebastian Hoppe

Aufführungsbericht: Nach Karl May in der letzten Spielzeit wird nun das Leben von Erich Kästner auf der Theaterbühne ausgebreitet. Regisseur Jan-Christoph Gockel nutzt dafür ein Ensemble aus sechs Kindern. Mit Matthias Reichwald kommt nur ein einziger Profi-Schauspieler auf die Bühne – aber der Richtige. Als vierfacher Familienvater stimmt die Chemie zwischen ihm und den kleinen Darstellern.

Los geht es mit sechs kleinen Kästnern, die trinken und paffen und darüber sinnieren, wie und wer Erich Kästner ist. Das könnten wohl Feuilletonisten oder Literaturwissenschaftler am besten beantworten, einigen sie sich.

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Matthias Reichwald als Erich Kästner mit lebendem Dresden-Bild © Sebastian Hoppe

Dann tritt Matthias Reichwald auf die Bühne. Prägnante Episoden erzählen chronologisch von Kindheit und Jugend. Unterbrochen von herrlichen Einschüben, in denen die Kinder zum Beispiel als Dresdner Sehenswürdigkeiten auftreten. Neben Zwinger und Semperoper kommen Kästners Wohnhaus und die dauernd paffende Yenidze auf die Bühne. Die Kinder bilden nicht bloß tänzelnde Staffage, sondern diskutieren auf Augenhöhe mit Reichwald. Ganz im Sinne von Erich Kästner, einem der ersten deutschen Kinderbuchautoren, die Kinder ernst nahmen und nicht als zu formende unfertige Menschen ansah, entspinnt sich ein unbefangenes Spiel. Doch bleibt Raum für kritische Fragen: Ist es nicht die Vernarrtheit in den barocken Zierrat, die einen Nährboden abgibt für konservative Haltung und die Ablehnung von Neuem?

Der Erste Weltkrieg macht der Beschaulichkeit ein Ende. Düstre Musik, Nebel und Streiflicht deuten die Schrecken des Krieges an. Die Kinder in Soldatenuniformen und Gasmasken fahren in Panzern über die Bühne.

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Krieg auf der Bühne © Sebastian Hoppe

Ein gutes Bild, eigentlich. Problematisch nur, wenn sich der Zuschauer denkt, dass die Kinder einen Riesengaudi mit den Panzern haben müssen. Krieg spielen und Spaß daran haben, genau diese Assoziationen sollten nicht aufkommen. Doch das ist der einzige Kritikpunkt dieses Abends.

Für viele Situationen bietet das Stück geniale Bilder. Etwa für die Bücherverbrennung und das Exil großer Teile deutscher Intelligenz: Die Kinder werfen Dutzende Paare Schuhe über die Laternenkabel. Kästner selbst blieb während der Nazizeit in Deutschland, im „inneren Exil“, wie es im Deutschunterricht hieß. Wie das im Theater aussieht? Er sitzt in einem kleinen Gelass auf der Bühne und rührt sich kaum. Nach Kriegsende steht er auf. Jetzt erst wird sichtbar, dass er die ganze Zeit in kaltem Wasser saß.

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Manchmal auch mit dem falschen Arm oben. Dahinter Reichwald als erstarrter Kästner © Sebastian Hoppe

Fazit: Biografie und kleine Häppchen von Kästners Werken verwebt Jan-Christoph Gockel gekonnt zu einem hellsichtigen Theaterabend von etwa 100 Minuten. Die Kinder stellen sowohl Kästner dar als auch seine Eltern, Feierwütige aus den Goldenen Zwanzigern, später Nazis – und dann einfach Kinder. Das Bühnenbild von Julia Kurzweg vermittelt mit sparsamen Mitteln Ambiente. Eine Wäschestange und zwei Mülltonnen zum Beispiel ergeben den Hinterhof zum Spielen, verkabelte Lampen lassen historische Straßen erstehen. Zum Schluss spricht der große Kästner selbst über eingespielte Tonaufnahmen. Dieses Stück ist eine Verbeugung vor dem warmherzigen Autor, der Kinder ernst nahm – im Gegensatz zu Idealen und Moral der Erwachsenen.

Übrigens: Wer mittig in der ersten Reihe sitzt, geht befleckt aus diesem Stück heraus.

Geschrieben von Katrin Mai

Quellen:

Staatsschauspiel Dresden, Seite zu Parole Kästner!

Kulturgeflüster-Rezension von Elisa Kneisel

SZ-Rezension von Rafael Barth

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