Sechs Fragen an Shiva Sadegh Asadi

Interview: Im Gespräch mit der iranischen Filmemacherin Shiva Sadegh Asadi erzählt sie uns, wie die Idee für den Kurzfilm “Yal va Koopal” (ET: “Maned & Macho”) entstand, warum sie sich für diese Tiere entschied und wie sie die Animationen realisiert hat.

The original english language interview is also available.

Wie kam es zur Idee für Deinen Kurzfilm “Yal va Koopal”?

Die Idee kam aus verschiedenen Quellen. Ich war hauptsächlich von meinen eigenen Träumen inspiriert. Wie viele andere habe ich seit meiner Kindheit viele Träume von Tieren gehabt.

Auch die Tierfiguren, mit denen ich als Kind gespielt habe, waren für mich inspirierend. Eines Tages fand ich sie wieder in meiner Kindergarderobe (die jetzt im Keller unseres Hauses aufbewahrt wird). Die Spielzeugtiere wurden im alten Kleiderschrank unter einer Staubschicht zurückgelassen, die in der Dunkelheit unseres Kellers völlig vergessen war! Sie gaben mir eine Vorstellung von unserer tierischen Natur. Es scheint mir, dass die Tiere einige Aspekte von uns symbolisieren können, die wir in unserem täglichen Leben nicht frei ausdrücken können. Sie können unsere verborgenen Emotionen oder stillen Wünsche darstellen, die aufgrund einiger sozialer und kultureller Normen vernachlässigt oder in unser Unterbewusstsein zurückgedrängt wurden.

Frauen können eine solche Unterdrückung stärker spüren als Männer. Vor allem in patriarchalischen Gesellschaften ist die Freiheit der Frauen eingeschränkt und es könnte für sie schwierig sein, ihr natürliches Selbst zu entfesseln. Deshalb ist die Hauptfigur meines Films ein junges Mädchen, dessen verdrängte Emotionen in Tieren verkörpert werden, die sie aber in einem Kleiderschrank im Keller verstecken muss.

Der Film lässt viele Interpretationen zu. Welche Botschaft liegt Dir aber besonders am Herzen? Geht es Dir um ein Einzelschicksal oder eher um das große Ganze?

Im Allgemeinen interessiere ich mich für Filme, die für verschiedene Interpretationen offen sind, also wollte ich keinen Film machen, der dem Publikum eine vordefinierte Botschaft aufzwingt. Ich wollte mein Publikum einladen, den Film zu sehen und ihre eigene Geschichte zu schreiben, wenn sie wollen.

Auf diese Weise kann das Publikum aktiv daran teilnehmen, die verborgene Bedeutung des Films zu entdecken, und es kann jedes Mal, wenn es den Film sieht, neue Dinge entdecken. Ich habe verschiedene Interpretationen von verschiedenen Leuten über meinen Film gehört und jede von ihnen offenbart einen anderen Aspekt des Films, so dass alle wahr sein könnten. Diese verschiedenen Interpretationen können zusammengesetzt werden und ergeben das Gesamtbild, wie die Teile eines Puzzles.

Du hast Dich für einen sehr bewegten Animationsstil entschieden. Kannst Du uns mehr zu Deinem visuellen Konzept erzählen?

Ich denke, es ist die Geschichte, die schließlich definiert, welche Decoupage-Technik [Anm. der Red.: Schnitttechnik] oder welches visuelle Konzept für einen Film besser geeignet ist, denn jede Technik oder jeder Stil hat ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten.

In „Yal va Koopal“ wollte ich die innere Unruhe eines jugendlichen Mädchens zum Ausdruck bringen, das die soziale Rolle, die sie spielen soll, ablehnt. Also dachte ich, die Kamerabewegung könnte helfen, ihre Gefühle zu zeigen.

Die Kamera kann sich in der Animation so frei bewegen, überall hingehen und die Ebenen auf eine Weise verbinden, die bei Live-Action nicht erreichbar ist.

Andererseits wird jedes Bild meines Films separat mit Öl und Pastell auf Papier gemalt, so dass auch die Pinselstriche während des gesamten Films wackelig sind, um Gefühle wie Stress und Angst auszudrücken.

Die Tier-Animationen haben mich besonders angesprochen. Wieso hast Du Dich gerade für diese ausgewählten Tiere entschieden?

Ich hatte sehr persönliche Gründe für die Wahl der einzelnen Tiere. Ich werde meine eigenen Gründe erklären, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht anders interpretiert werden können:

Die Gans ist ein Tier, das einige Male in meinen Träumen aufgetaucht ist. In meinem Film kommt sie nachts aus dem Körper des Mädchens. Sie ist schwarz wegen ihres nächtlichen Ursprungs und für mich könnte ihr roter Schnabel eine Metapher für Wünsche und Instinkte sein.

Elefanten sind sehr große Tiere. Der Elefant kommt aus dem Körper des Mädchens, wenn sie sich gedemütigt und abgewertet fühlt. Wenn du dich erinnerst, vor dem Erscheinen des Elefanten, ist das Mädchen im Vergleich zu ihrem Vater, Bruder und dem schwarzen Hund (der dem Bruder gehört) sehr klein gemalt. Der große Elefant ist also die Reaktion des Mädchens auf die diskriminierende Haltung, unter der sie in ihrer Familie leidet.

Wenn das Mädchen ohne Raum bleibt, erscheint die Schildkröte. Für mich war die Schildkröte eine Metapher für Privatsphäre und auch Unabhängigkeit, weil sie einen eigenen Raum hat! Es scheint mir, dass eine Schildkröte perfekt das Bedürfnis einer Person nach einem privaten Raum symbolisieren kann!

Das Känguru erscheint im Traum des Mädchens, während sie sich im Leben vorwärts bewegt, die Pubertät durchläuft und ihre erste Menstruation erlebt.

Schließlich, wenn das Mädchen das Gefühl hat, dass sie von ihrem Vater wie ein verletzbares Objekt behandelt wird, von ihrer Mutter zu einem dekorierten Objekt degradiert wird und ihre Subjektivität von ihrer Familie völlig geleugnet wird, kommt ihre Wut aus ihrem Körper in Form eines männlichen Löwen, der sie verschlingt. Dies mag eine selbstzerstörerische oder selbstmörderische Reaktion erscheinen, aber paradoxerweise könnte sie auch als bitterer Protest interpretiert werden.

Dein Film kommt so gut wie ohne Worte aus. Wieso hast Du Dich dafür entschieden?

Bevor ich anfing, Animationsfilme zu machen, habe ich gemalt, und es gab eine Zeit, in der ich eine professioneller Malerin werden wollte. Vielleicht ist die Sprache meiner Animationsfilme deshalb meist visuell und nicht verbal. Die visuellen Elemente sind meine Worte und ich erzähle meine Geschichten über Formen und Farben. Wie ich zum Beispiel erklärt habe, enthält die Größe der Elemente einen Teil der Bedeutung in „Yal va Koopal„. Trotzdem denke ich manchmal an die Worte und Dialoge und wer weiß? Ich könnte sie in einigen zukünftigen Projekten verwenden!  

Wie geht es weiter? Welche Projekte sind als nächstes geplant?

Ich arbeite derzeit an einem neuen Animationsfilm. Die Vorproduktion ist abgeschlossen und ich animiere sie jetzt, mit der gleichen Technik, aber anderen Medien.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Die Rezension zu dem Kurzfilm gibt es wie immer auf der Testkammer: “Yal va Koopal” 


Interview: In conversation with the Iranian filmmaker Shivs Sadegh Asadi, she tells us how the idea for the short film „Yal va Koopal“ (OT: „Maned & Macho“) came about and how she found her way to the special animals and their animations.

How did the idea for your short film „Yal va Koopal“ come about?

The idea came from different sources. I was mainly inspired by my own dreams. Like many others, I’ve had many dreams of animals since childhood.

The animal figurines with which I played as a kid were also inspiring for me. One day I found them again in my childhood wardrobe (now kept in the basement of our home). The toy animals were left in the old wardrobe under a layer of dust, completely forgotten in the darkness of our basement! They gave me an idea about our animal nature. It seems to me that the animals might symbolize some aspects of us that we can’t freely express in our daily lives. They could represent our hidden emotions or silent desires that are neglected or pushed back into our subconscious due to some social and cultural norms.

Females could feel such suppression more strongly than men. Especially in patriarchal societies, women’s freedom is limited and it might be difficult for them to unleash their natural selves. That is why the main character of my film is a young girl whose repressed emotions are embodied in animals, but she is obliged to hide them in a wardrobe in the basement.

The film allows many interpretations. But what message is especially close to your heart? Are you interested in a single fate or rather in the big picture?

Generally, I am interested in the films that are open to different interpretations, so I didn’t want to make a film that impose a predefined message on the audience. I wanted to invite my audience to see the film and make their own story if they like.

In this way, the audience can take part actively in discovering the hidden meaning of the film and they might discover new things each time they watch the film. I’ve heard different interpretations of different people about my film that each of them reveals an aspect of the film, so all of them could be true. These different interpretations can be put together and create the big image, like the pieces of a puzzle.

You have chosen am animation style that contains a lot of movement. Can you tell us more about your visual concept?

I think it is the story that finally defines which decoupage technique or visual concept would work better for a film, because each technique or style has its own expressive possibilities.

In “Yal va Koopal” I wanted to express the inner restlessness of an adolescent girl who rejects the social role that she is supposed to play .So, I thought camera movement could help show her feelings. Camera can move so freely in animation, go everywhere and connect the plans in a way that is not achievable in live action. On the other hand, each frame of my film is painted separately by oil and pastel on paper and as a result, even the brush strokes are shaky during the whole film to express feelings such as stress and anxiety.

The animal animations appealed to me especially well. Why did you choose these animals in particular?

I had very personal reasons for choosing each animal. I will explain my own reasons, but it doesn’t mean that they can’t be interpreted in any other ways:
Goose is an animal that has come to my dreams a few times. In my film, it comes out of the girl’s body at night. It is black because of its nocturnal origin and for me its red beak could be a metaphor of desires and instincts.
Elephants are very big animals. The elephant comes out of the girl’s body when she feels humiliated and devalued. If you remember, before the appearance of the elephant, the girl is painted very small in compare with her father, brother and the black dog (that belongs to the brother). So the big elephant is the girl’s reaction to the discriminatory attitude she suffers from in her family.
When the girl is left roomless, the tortoise appears. For me the tortoise was a metaphor of privacy and also independence because it has a room of its own! It seems to me that a tortoise can perfectly symbolize a person’s need for a private space!
The kangaroo appears in the girl’s dream as she moves forward in life, goes through puberty and experiences her first menstruation.
Finally, when the girl feels that she is being treated like a violable object by her father, degraded to a decorated object by her mother and her subjectivity is totally denied by her family, her anger comes out of her body in the form of a male lion that swallows her. This may seem a self-destructive or suicidal reaction but paradoxically, it could be interpreted as a bitter protest as well.

Your film gets by almost without words. How did you decide in favour of that?

Before starting to make animated films, I used to paint and there was a time when I wanted to be a professional painter. Maybe this is why the language of my animated films is mostly visual rather than verbal. The visual elements are my words and I tell my stories via shapes and colors. For example as I explained, the size of the elements contains some part of the meaning in “Yal va Koopal”. In spite of this, I sometimes think about the words and dialogues and who knows? I might use them in some future projects!  

What happens next? Which projects are planned next?

I am currently working on a new animated film. The pre-production stage is complete and I am animating it now, with the same technique but different media.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Read on our german review of the shortfilm “Yal va Koopal

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