“A Beautiful Day” (2018)

Filmkritik: Einer der vielfältigsten Schauspieler, der über die Jahre immer wieder mit Überraschungen und unerwarteten Rollen hervortrat, ist der Darsteller Joaquin Phoenix. In „8mm“ (1999) sah man ihn neben Nicolas Cage in einer kleinen Rolle und schon damals machte er auf sich aufmerksam. Dann unvergesslich mit Alu-Hut in „Signs“ (2002) von M. Night Shyamalan. Nachdem er angeblich Musiker werden wollte, kam er mit „I’m still here“ (2010) wieder ins Kino zurück und überzeugte in „Walk the Line“ (2005), „The Master“ (2012) und „Her“ (2013). Vor kurzem konnte man ihn auch als Jesus in „Maria Magdalena“ (2018) sehen. Doch viel bemerkenswerter ist sein Auftritt in Lynne Ramsays neuem Film „A Beautiful Day“ (OT: „You Were Never Really Here“, UK/Frankreich/USA, 2018).

Joe (Joaquin Phoenix) ist der Mann fürs Grobe. Als ihn der Senator Albert Votto (Alex Manette) beauftragt seine verschwundene Tochter Nina (Ekaterina Samsonov) zurückzuholen, macht er sich an die Arbeit. Doch dieses Mal ist es anders. Als er Nina aus einem Kinderbordell herausholt, beschließt er, sie nicht zu ihrem Vater zurückzubringen. So muss der ehemaligen Kriegsveteran nicht nur mit seinen eigenen psychischen Problemen und der Krankheit seiner Mutter (Judith Roberts) klarkommen, sondern auch mit der Bedrohung von Außen und der Frage, wie es jetzt weitergehen soll.

Lynne Ramsay, geboren 1969 in Glasgow, hat mit „A Beautiful Day“ ihren vierten Langfilm (neben ihren bisher vier Kurzfilmen) verwirklicht. Ihr Debüt war 1999 das Drama „Ratcatcher“. Doch erst mit „We need to talk about Kevin“ (2011) mit Tilda Swinton in der Hauptrolle machte sie international auf sich aufmerksam und zeigte ihre Vorliebe für schwierige Stoffe und das große Interesse an der menschlichen Psyche. Für den Film „A Beautiful Day“, nahm sie sich als Grundlage den schmalen Pulp-Thriller „You Were Never Really Here“ von Jonathan Ames, welcher bisher noch nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Sie macht aus der Vorlage keinen dreckigen B-Movie, sondern ein psychologisches Portrait eines gebrochenen Mannes, der trotzdem eine enorme Kraft besitzt. So stellt sie die zugrunde liegende Geschichte auf den Kopf und erzählt mit asynchronen Bildern von der Hauptfigur Joe. Das Gewand des Noir-Thrillers überträgt sie dabei stimmig. Nur versucht sie nicht eine ganze Stadt oder eine Zeit einzufangen, sondern konzentriert sich auf ihre Hauptfigur. Das macht diese Geschichte so intensiv. Man bekommt, obwohl Joe nicht viele Worte verliert, einen Einblick in seinen Kopf. Die Zerbrechlichkeit im Inneren steht im starken Gegensatz zu der Körperlichkeit Joes. Dem Film fehlt es durch den verschobenen Fokus fast vollständig an Genre-Klischees, nur hin und wieder blicken verwandte Filme wie Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) durch die fragmentarische Erzählung durch. Doch Ramsay, welche 2017 in Cannes für den Film auch mit der Goldenen Kamera für das „Beste Drehbuch“ geehrt wurde, schuf einen sensiblen Thriller mit einer enormen gewalttätigen Wucht, welche die Psyche ihres Protagonisten genauso einfängt, wie die ruhige Minuten. Das macht den Thriller „A Beautiful Day“ auf erzählerischer Ebene zu etwas Besonderem.

Hinzu kommt die hervorragende Wahl des Hauptdarstellers Joaquin Phoenix (*1974). In früheren Filmen konnte man ihn schmächtiger wahrnehmen, hier ist er ein muskelbepackter Felsen. Doch nicht auf die schöne Art. Er ist gezeichnet von Wunden und Narben, welche zeigen, dass die harte Wirklichkeit seinen Körper geformt hat. Das Gesicht erzählt zusätzlich, unter welchen Qualen der traumatisierte und geschundene Joe leidet. Phoenix schafft es mit wenigen Worten, aber einer unglaublichen physischen Präsenz Joes Charakter einzufangen und wiederzugeben. Interessant sind auch die Szenen, in denen er behutsam mit seiner Mutter und dem Opfer Nina umgeht, welche zeigen, dass da mehr ist als nur Härte und Gewalt. Die „Goldene Palme für den Besten Darsteller“ in Cannes hat er sich so mehr als verdient. Nina wird ebenfalls mit der richtigen Ambivalenz von Ekaterina Samsonov (*2003) gespielt und stellt so einen starke Nebenrolle dar. Hinzu kommen die gut eingesetzte Musik von Jonny Greenwood (*1971, Lead-Gitarrist von Radiohead und mittlerweile erfolgreicher Filmkomponist für Filme wie „Der seidene Faden“ (2017) und „The Master“ (2012)) und die starke Kameraarbeit von Thomas Townend. Angesiedelt ist das Ganze in der Stadt New York, doch was man hier zu Gesicht bekommt, sind die dunklen Plätze, Hinterhöfe – das sonst Nicht-Gezeigte. So braucht Ramsay keine Stadt, um ihre Charaktere zu formen, sondern arbeitet mit einer starken Geschichte, exzellenten Darstellern und einer formalen Ausgestaltung, an die sich die Narration wunderbar anschmiegt.

Fazit: „A Beautiful Day“ ist der neue Film der Regisseurin Lynne Ramsay, welche mit „We need to talk about Kevin“ viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Die Geschichte ist im Kern recht einfach, so dass jeder andere Regisseur einfach einen Action-Kracher draus gemacht hätte. Doch Ramsay schuf ein psychologisches Portrait mit einem sehr körperlichen, angeschlagenen Helden, der wunderbar von Joaquin Phoenix verkörpert wird. Der Film zeigt die harte Realität, ungeschönt und gewalttätig, und bietet zwar keinen Ausweg, aber irgendwie trotzdem Schönheit und ein wenig Licht. So besitzt der Spielfilm eine enorme Intensität, mit der sich viele Filme nicht messen können.

Bewertung: 7,5/10

Kinostart: 26. April 2018, DVD-Start: unbekannt

Der Trailer zum Film „A Beautiful Day“

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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