Sechs Fragen an Baptiste Martin-Bonnaire

© Baptiste Martin-Bonnaire

Interview: Der französische Regisseur Baptiste Martin-Bonnaire erzählt uns mehr über seinen Kurzfilm “Veuillez ne pas tenter d’ouvrir les portes” (ET: “See the shadows straighten”), den die Testkammer auf dem 30. Filmfest Dresden sichten konnte, wie er die Idee und sein visuelles und auditives Konzept dafür entwickelte.

The original english language interview is also available.

Wie hast Du die Geschichte für Deinen ersten Kurzfilm “Veuillez ne pas tenter d’ouvrir les portes” entwickelt und woher stammt die Idee?

Am Ende meines Studiums – ich war Student bei ESAV, einer staatlichen Filmschule in Toulouse – war ich auf der Suche nach einer Geschichte für einen Kurzfilm. Der Kurzfilm war – und ist – für mich eine seltsame Form. Welche Geschichte soll man erzählen, die nicht nur eine Anekdote ist und vor allem sicher doch ein Film, und nicht ein Theaterstück oder ein Gemälde, ein Hörspiel oder ein Musical? Ich hatte diese Fragen im Kopf, bevor ich eine Geschichte fand. Und das ist kein guter Weg, um effektiv etwas zu schaffen. Bis ich einen Zug nahm, der nachts mitten im Nirgendwo hielt, und ich sah, wie alle besorgt, ungeduldig oder wütend wurden. Später wurde mir klar, dass ich nach einer Geschichte suchte, die trotz der kurzen Zeit, sie zu erzählen, einen großen Umfang haben konnte, so dass ich das Material dafür hätte, um die Gegenwart und die Vergangenheit, die Realität und die Fantasie zu verbinden. Ich war auch gespannt darauf, eine Geschichte über etwas zu erzählen, das bereits geschehen ist.

Wunderbar ist, dass Du Dich souverän in mehreren Genren bewegst. Der Film besitzt starke Elemente von Horror- und Kriminalfilmen und ist schlussendlich ein einfühlsames Drama. Wieso hast Du Dich für diese ‘Zwischenart’ entschieden.

Ich wollte nie bewusst mehrere Genres zusammenbringen. Es beginnt wie eine Kriminalgeschichte, denn auf etwas Seltsamem reagiert mein Verstand immer mit Materialismus. Aber als die Untersuchung immer seltsamer wird, werden wir verwirrt, so als ob die Tür zwischen der Welt der Toten und der Lebenden wieder geöffnet worden wäre. Ich fühle mich vom Bereich des Glaubens angezogen, genauer gesagt interessiere ich mich für die Art und Weise, wie wir Geister erschaffen. Aber das ist keine Geistergeschichte. Ich habe einen eher kartesischen Verstand, aber ich weiß, was ein Trauma bewirken kann. Und es braucht kein Trauma, um zu erkennen, dass wir vor dem Tod machtlos sind. Andrej Tarkowski sagte einmal, der Zweck der Kunst sei es, uns dem Tod so nahe wie möglich zu bringen. Um uns an das Tot-Sein zu gewöhnen. Ich teile diese Ansicht. Deshalb lasse ich den Zuschauer an die Gegenwart von Geistern im Zug glauben, auch wenn es nichts zu sehen gibt. Alles kommt aus unserer Phantasie und aus unserem tiefen Wunsch zu glauben, dass der Tod kein Ende ist. Durch die Immaterialität des Klangs entstehen Abschweifungen. Ich denke oft an Sokurovs Worte: Wenn der Film ein Körper wäre, wären die Bilder seine Füße, und der Klang wäre seine Seele. Am Ende bin ich ein prosaischer Mensch, aber ich denke auch, dass der Tod kein Selbstzweck ist, solange die Lebenden weiterhin an die Toten denken.

Fantastisch umgesetzt ist die Geschichte auch in den Szenen, wo die vermeintliche Situation wiedergegeben wird. Besonders gut gelungen ist das Einspielen der Off-Kommentare, welches es lebendig werden lässt. Erzähl uns mehr über das auditive Konzept.

Ich denke, Voice-Over ist ein Problem für ein ausländisches Publikum. Sie konzentrieren sich zu sehr auf die Bedeutung, obwohl wir auf die Empfindungen achten sollten. Ich dachte, dass die Stimme eine gute Möglichkeit wäre, zu erklären, was erklärt werden kann, aber auch, das Publikum in einen Zustand der Halbhypnose zu versetzen. Aber ich denke, dass das für das französischsprachige Publikum besser funktioniert.

Was das Sounddesign betrifft, so haben wir den Großteil des Tons nach der Aufnahme der Bilder aufgenommen, denn ich wollte eine echte Partitur ohne Musik erstellen, wieder, damit sich das Publikum wie in einem Traum fühlt. Meine Tontechniker Alexandre Frigoult und Charlotte Comte waren von Anfang bis Ende des Prozesses der Filmproduktion dabei, ebenso wie Audrey Ginestet, die an der Mischung arbeitete. Ich wollte, dass der Klang dem Bild entspricht, denn ich glaube, dass der Klang mehr Kraft hat in den Geist des Publikums einzudringen. Ich bin stolz auf meine Teamkollegen, dafür dass der Film für das beste Sounddesign des Dresdner Kurzfilmfestivals nominiert wurde.

Auch visuell ist der Film sehr gut gelungen. Vor allem das Spiel mit dem Sichtbaren und dem Einsatz von Licht überzeugt. Was stand hier für dich im Fokus?

Mit meinem Kameramann Teddy Boulangée haben wir uns entschieden, nachts zu drehen, um das Filmset, das sich im Freien befand, selbst zu beleuchten und eine Beleuchtung zu schaffen, die nur von den Lichtquellen zu kommen scheint, die auch auf der Leinwand erscheinen. Es war viel schwieriger, als wir dachten, wegen des Regens und der Kälte. Wir haben uns entschieden, einen Teil der Dunkelheit zu überlassen, damit der Verstand des Betrachters in sie eindringen kann, und damit die sich bewegenden Lichtquellen die Dunkelheit formen und eine Dynamik von Helligkeit und Farbtönen erzeugen können. Es war eine schwierige Aufgabe für die gesamte Filmcrew, und wir gerieten oft in völlige Dunkelheit, wenn wir drehten. Wir sahen uns auch den Grenzen der Realität und den Kräften der Dunkelheit gegenüber!

Wie hast Du deinen Hauptdarsteller Frédéric Pierrot gefunden. Er fügt sich wunderbar in die Geschichte ein.

Frédéric ist ein bekannter Schauspieler in Frankreich. Er zeigt eine Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit. Er ist imposant und scheint zu wissen, wohin er geht, aber wenn er zögert, scheint er aus der Zeit gefallen zu sein. Er wird oft für die Rollen von erfahrenen Männern verwendet, die Entscheidungen treffen müssen, die ein gewisses Gewicht haben. Ich wollte auch mit seiner physischen Präsenz arbeiten, damit er buchstäblich den Raum einnimmt und durch die Kraft seines Blicks dem nicht Sichtbaren Gewicht verleiht, aber auch, um ihn besser inmitten der weiten Aufnahmen allein zu lassen, wie einen Entdecker, der sich unerwartet auf den Styx gewagt hat, um sich der Tür der Unterwelt zu stellen. Frédéric war perfekt für diese Rolle.

Wie wird es bei Dir weitergehen? Hast Du schon nächste Projekte in Aussicht?

Ich habe noch einen weiteren Kurzspielfilm in Vorbereitung, der sich mit dem beschäftigt, woran wir glauben, in Bezug auf Kultur und Religion, und ich möchte fragen: Können wir ohne Religion glauben? Können wir sie endlich loswerden? Es wird eine Geschichte sein, die Jahrhunderte in der Zukunft spielen wird, aber während ich sie schreibe, kann ich nicht umhin zu denken, dass ich nur die aktuellen Probleme wieder aufgreife. Ich möchte auch einen Dokumentarfilm über Jugend, Träume und das Musizieren in einer Zeit machen, in der Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden müssen und Leidenschaften scheinbar dem Pragmatismus und der Arbeit weichen müssen. Ich hatte immer das Glück zu wissen, was ich tun wollte, aber ich treffe viele Jugendliche, die blind werden und es vorziehen, ihre Leidenschaft beiseite zu legen, um das Studium fortzusetzen, das ihre Eltern und die Arbeitswelt für sie bereit halten. Um mich dem entgegenzustellen möchte ich eine Ode an die Musik und die Leidenschaften machen, welche die Jugend bewegen und mit denen wir uns nicht mehr wieder in Verbindung setzen können, sobald wir sie fallen gelassen haben.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzungen Michael Kaltenecker

Hier nochmal der Link zu dem Kurzfilm “Veuillez ne pas tenter d’ouvrir les portes


Interview: The french director Baptiste Martin-Bonnaire tells us more about his short film „Veuillez ne pas tenter d’ouvrir les portes“ (ET: „See the shadows straighten“), which Testkammer was able the view at the Landshut Short Film Festival, how he developed the idea and his visual and auditory concept for it.

How did you develop the story for your first short film „Veuillez ne pas tenter d’ouvrir les portes„? Where does the idea come from?

At the end of my studies – I was a student at ESAV, a public film school in Toulouse – I was looking for a story for a short film. The short film was – and still is – a strange form for me. What story to tell that would not be an anecdotal and, above all, would surely be a film, and not a play or a painting or a radio drama or a musical? I had these criteria before I found a story. And this is not a good way to create effectively. Until I took a train that stopped in the middle of nowhere during the night and I saw everyone get worried, impatient or angry. I later realized that I was looking for a story that could have a large scale despite the short time to tell it, so that I could have the material to marry the present and the past, reality and fantasy. I was also excited to tell a story about something that has already happened.

It is wonderful that you move confidently between several genres. The film has strong elements of horror and crime films and is ultimately a empathetic drama. Why did you choose this “in-between kind”?

I never clearly wanted to marry several genres. It begins like a crime story because in front of something strange, my mind always reacts by using materialism. But as the investigation gets stranger and stranger, we become confused, as if the door between the worlds of the dead and the living had been reopened. I am attracted by the field of beliefs, here more precisely I am interested in the way we create ghosts. But this is not a ghost story. I have a rather Cartesian mind, but I know what a trauma can create. But there is no need of trauma to recognize that we are powerless in front of death. Andrei Tarkovski once said that the purpose of art was to get us as close as possible to death. To accustom us to being dead. I share this belief. That is why I let the spectator believe in the presence of ghosts inside the train, even if there is nothing to see: everything comes from our imagination, and from our deep desire to believe that death is not an end. It is through the immateriality of sound that divagations occur. I often think of Sokurov’s words: if the film were a body, the images would be his feet, and the sound would be his soul. In the end, I am a prosaic man but I also think that death is not an end in itself… as long as the living continue to remember the dead.

The story is also realized fantastically in the scenes where the situation is portrayed. Especially well done is the voice over, which makes the story come alive. Can you tell us more about the sound design?

I think voice-over is a problem for foreign audiences. They focus too much on meaning, when we should be concerned about sensations. I thought that the voice would be a good way to explain what can be explained, but also to accompany the audience into a state of semi-hypnosis. Again, I think it works better for the french-speaking audience.

As far as sound design is concerned, we recorded the majority of the sounds after the images were shot, because I wanted to create a real musical score without any music, again to make the audience feel like in a dream. My sound engineers Alexandre Frigoult and Charlotte Comte were there from the beginning to the end of the process of making this film, as well as Audrey Ginestet who worked on the mixing. I wanted the sound to be equal to the image, because I believe that sound has more power to penetrate the mind of the audience. I am proud for my teammates that the film was nominated for the best sound design at the Dresden Film Festival.

The movie is also visually very well done. Especially the play with the visible and invisible and the use of light. What did you focus on here?

With my D.O.P. Teddy Boulangée, we chose to shoot at night, in order to light ourselves the film set, that was outside, and to create a lighting that seems to come from the lighting sources that appear on the screen. It was much more difficult than we thought, because of the rain and the cold. But our choice was to leave a part to the darkness, so that the spectator’s mind can rush into it, and so that the moving light sources can sculpt the darkness and create dynamics of luminosity and hues. It was a difficult job for the entire film crew, and we often fell into total darkness when we were shooting. We also faced the limits of reality and the forces of darkness!

How did you find your leading actor Frédéric Pierrot? He fits wonderfully into the story.

Frédéric is a well-known actor in France. He gives off a mixture of strength and fragility. He’s imposing and seems to know where he is going, but also when he hesitates, he may seem outdated. It is often used for the roles of experienced men, who have to make decisions, who take a certain stature. I also wanted to work with his physical presence, so that he would literally inhabit the plane and give weight to the off-screen by the strength of his gaze, but also to better leave him alone in the midst of the large shots, like an explorer who would have ventured unexpectedly on the Styx to face the door of the Underworld. Frédéric was perfect for this role.

How will things continue with you? Do you already have next projects in planned?

I have another short fiction film in preparation that deals with what we believe in, in terms of culture and religion, and I would like to ask: can we believe without religion? Can we finally get rid of it? It will be a story that will take place centuries later, but as I write it, I can’t help but think that I’m just re-exposing the current problems. I also want to make a documentary about youth, dreams and the practice of music at a time when choices must be made for the future and passions seem to have to give way to pragmatism and work. I have always been fortunate to know what I wanted to do, but I meet many teenagers who go blind and prefer to put aside their passion to pursue the studies that their parents and the world of work have in store for them. On the contrary, I want to make an ode to the music and passions that go through youth, and with which we can no longer reconnect once we have abandoned them.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on our german review of the shortfilm “Veuillez ne pas tenter d’ouvrir les portes

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