Fünf Fragen an Arkasha Nepytaliuk

Interview: Im Gespräch erzählt uns der ukrainische Filmemacher Arkasha Nepytaliuk, dessen Kurzfilm „Inn. Küche – Nacht.“ auf dem 28. Cottbuser Filmfestival lief, wie er die Geschichte dafür fand, warum er einen sehr artifiziellen Stil ausgewählt hat und wie er die Ukraine als Filmland empfindet.  

The original english language interview is also available.

Auf dem 28. FFC lief Dein Kurzfilm „Inn. Küche – Nacht.“ und hat das Publikum mit seiner frechen Weise begeistert. Erzähl mir, wie es zu dem Drehbuch dafür kam und warum genau Du diesen Titel ausgewählt hast?

Ich bin sehr interessiert an und auch besorgt über Fremdenfeindlichkeit, insbesondere Homophobie. Dies ist in der modernen Ukraine, wie in jedem postsowjetischen Land, sehr relevant. Und es ist notwendig, dieses Thema in der Kinematographie offen und mutig auszuarbeiten. Andernfalls wird der Betrachter davon nicht berührt. Also beschloss ich, in das Land der Offenheit zu gehen und in den Kopf eines homophoben Mannes zu schauen, was in seinem Kopf passiert, wenn er jemanden trifft, der anders ist. Und diese andere Person ist seine Tochter.

Aber meine Besonderheit ist, dass ich jedes ernste Thema mit Humor und Komik zeige. Ich beschuldige keine Menschen der Homophobie, sonst würden sie meinen Film nicht sehen. Ich möchte, dass sie die Wahrheit über sich selbst sehen und über sich selbst lachen. Und dann, so hoffe ich, werden sie nachdenken und sich fragen: „Warum hasse ich jemanden mit einer anderen sexuellen Orientierung?“

Und ich nannte den Film „Int. Kitchen. Night.“, weil ich Zeit und Ort so genau wie möglich festlegen wollte. Zu zeigen, dass solche Dinge jeden Tag in unseren Wohnungen, in unseren Küchen, Schlafzimmern usw. passieren.

In dem Kurzfilm, so amüsant wie er auch ist, schwingt eine Menge Kritik mit. Kannst Du mir mehr zu dem kritischen Ausgangspunkt erzählen?

Ich würde es nicht Kritik nennen. Ich würde es eine human-homophobe chirurgische Operation nennen. Weil ich eine Figur mit einem filmischen Skalpell aufgeschnitten habe und in sein Inneres schaue. Und ein Bezugspunkt für mich in dieser Angelegenheit ist mein Wunsch, dass den modernen Ukrainern die Überreste der Vergangenheit genommen werden, die ekelhaften Vorurteile gegenüber anderen Menschen. Und ich kritisiere keinen homophoben Mann, ich bin sein Freund, ich bin die gleiche Person, die Fremdenfeindlichkeit in sich selbst gesehen hat und versucht hat sie zu überwinden. Könnte dieser homophobe Mann ich selbst sein?

Du wählst eine wunderbar artifizielle Filmsprache. Kannst Du mir mehr zu Deinem visuellen Konzept erzählen. Und wie Du Deine Schauspieler – perfekt ausgewählt – dafür gefunden hast.

Das moderne Kino versucht immer mehr, wie echtes Leben zu sein. Live-Filmkamera, dokumentarisches Verhalten der Akteure, natürliches Licht, etc. Ich mag diesen Trend nicht. In diesem Trend habe ich nicht genug „Spielraum“. Ich möchte sehen, wie der Autor und der Regisseur mit dem Drehbuch spielen. Folglich sollte diese Leinwandgeschichte ihre eigenen Spielregeln haben: Genre, Stil, künstliche Welt.

Mein visuelles Konzept in diesem Film: Zuerst möchte ich die Charaktere in eine enge kleine Welt bringen, der sie nicht entkommen können, weil sie nirgendwo mehr hin können. Deshalb habe ich mich für das Seitenverhältnis 4:3 entschieden. Zweitens wollte ich die Charaktere zu Puppen machen, um alle ihre Merkmale besser herauszuarbeiten. Drittens schafft das kontrastierende Licht eine Art Schattenspiel und betont die Dunkelheit dieser Menschen.

Und ich wollte auch mit dem Stil des Kinos der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit seiner Naivität spielen, um mich von den Modetrends des zeitgenössischen Kinos zu lösen.

Die Akteure haben wir nach ihrem Typ ausgewählt. Um eine bestimmte soziale Schicht der Ukrainer genau darzustellen.

Auch ein Volkslied hat eine prominente Rolle in Deinem Film. Warum hast Du es ausgewählt? Was erzählt es?

Arkasha Nepytaliuk beim 28. FilmFestival Cottbus

Ich habe dieses Volkslied in den Film aufgenommen, weil es vom Moment der Geburt der Liebe zu dem Mädchen erzählt. Dieses Lied ist universell: Wenn es von einem Mann gesungen wird, dann geht es um die Liebe des Jungen zum Mädchen; wenn eine Frau singt, dann um die Liebe zwischen den Mädchen.

Wie haben die Menschen, speziell in der Ukraine auf Deinen Film reagiert?

In der Ukraine konnte man den Film noch nicht sehen, bis auf ein paar Leuten. Die ukrainische Premiere ist für den Sommer 2019 beim Odessa IFF [Anm. d. Red. Odessa International Film Festival] geplant. Ich denke, das Publikum wird amüsiert sein, und sie werden sich über den Mut freuen, das Thema Homophobie zu zeigen – in der Ukraine zeigt es niemand auf der Kinoleinwand.

Wie würdest Du das Filmland Ukraine zusammenfassen?

Wenn ich diese Frage richtig verstanden hätte, dann wäre meine Antwort folgende: Die Ukraine ist ein Land, in dem sowohl das Mittelalter als auch die Gegenwart leben.

Zum Schluss: Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie es bei Dir weitergehen wird?

Neben dem Schreiben von Drehbüchern und Filmen unterrichte ich Regie an der Universität. Es ist für mich sehr interessant, die Geburt junger, freier und mutiger Regisseure zu unterstützen. Im Moment habe ich die Arbeit an der Komödie „Morshyn’s eleven“ beendet und arbeite an einem Drehbuch für meinen nächsten Film – es geht um die Degeneration der Mann-Homophobie, mit dem Arbeitstitel „Lessons of Tolerance“.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Inn. Küche – Nacht.


Interview: The Ukrainian filmmaker Arkasha Nepytaliuk, whose short film „Int. Kitchen. Night.“ was shown at the 28th Cottbus Film Festival, on how he found the story for it, why he chose a very artificial style and how he perceives Ukraine as a film country.

At the 28th FFC your short film „Int. Kitchen. Night.“ was shown and inspired the audience with his cheeky way. Tell me how it came to the script for it and why exactly you chose this title?

I am very interested in and worried about xenophobia, in particular homophobia. This is very relevant in modern Ukraine, as in every post-Soviet country. And it is necessary to work out this subject in a cinematography frankly and courageously. Otherwise, the viewer does not get in touch. So, I decided to go to the land of openness and look into the man’s head, homophobes, see what happens in his mind when he meets someone who is different. And this other person is his daughter.

But my specificity is that I show any serious topic with humor comedy. I’m not accusing anyone of homophobic people, otherwise they would not watch my movie. I want them to see the truth about themselves and laugh at themselves. And then, I hope, they will think and ask themselves: why do I hate someone with a different sexual orientation?

And I called the film „Int. Kitchen. Night.“ because I wanted to specify the time and place as precisely as possible. To show that such things happen every day in our apartments, in our kitchens, bedrooms, etc.

In the short film, as amusing as it is, a lot of criticism comes through. Can you tell me more about this critical starting point?

I would not call it criticism. I would call it a human-homophobic surgical operation. Because I cut a character with a cinematic scalpel and look inside his insides. And a point of reference for me in this matter is my desire for modern Ukrainians to be deprived of the remnants of the past, disgusting prejudices against other people. And I do not criticize a homophobic man, I am his friend, I am the same person who saw xenophobia in himself and tries to recover from it. Could this man-homophobia be myself?

You choose a wonderfully artificial film language. Can you tell me about your visual concept? And how you found your actors – perfectly chosen – for it.

Modern cinema is increasingly trying to be like a real life. Live motion picture camera, documentary behavior of actors, natural light, etc. I do not like this trend. In this trend, I do not have enough „games“. I want to see how the author and director play in a certain screen story. Consequently, this screen story should have its own rules of the game: genre, style, its artificial world.

My visual concept in this film is …

First, I would like to place the characters in tight little world, that they pinched it, though they have nowhere to escape from there. That’s why I chose aspect ratio frame 3×4.

Secondly, I wanted to make the characters somewhat dolls, in order to more clearly identify all their features.

Thirdly, the contrasting light creates a kind of theater of shadows and emphasizes the darkness of these people.

And I also wanted to play with the style of the cinema of the first half of the 20th century, with his naivetey, in order to move away from the fashion trends of contemporary cinema.

Actors we selected according to the type. In order to accurately present a certain social stratum of Ukrainians.

A folk song also has a prominent role in your film. Why did you pick it? What does it say?

I took this folk song in the film, because it tells about the moment of birth of love for the girl. This song is universal: if it is sung by a man, then it is about the boy’s love for the girl; if a woman sings, then about the love between the girls.

How did the people, especially in Ukraine, react to your film?

In Ukraine, have not seen this movie yet. Except for a few people. Ukrainian premiere is scheduled for summer 2019, in Odessa IFF. I think the audience will be funny, and they will rejoice in the courage to display the topic of homophobia – in Ukraine, nobody shows it on the cinema screen.

How would you summarize the film country Ukraine?

If I understood this question correctly, then my answer would be this: Ukraine is a country where both the Middle Ages and the present are living.

At the end: Can you tell me a little bit more about yourself and what will happen next?

In addition to writing scripts and filming, I teach director at the university. It is very interesting for me to help birth of young directors, free and courageous. At the moment, I finished work on the comedy „Morshyn’s eleven“ and I work on a script of my next author’s film – it is about the degeneration of man-homophobia, the working title „Lessons of Tolerance“.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Int. Kitchen. Night

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Arkasha Nepytaliuk

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