„Chris the Swiss“ (2018)

Filmkritik: Auf dem 61. DOK Leipzig gab es mehrere Filme, die sich mit dem ehemaligen Jugoslawien beschäftigten. Besonders eindrucksvoll war dabei der schweizer Film „Chris the Swiss“ (OT: „Chris the Swiss“, Schweiz, 2018) von Anja Kofmel, die hier stimmig private Emotionen mit dokumentarischer Recherche, Animationen und Dokumentarfilmaufnahmen vermischt.

Als Anja Kofmel 1992 ein kleines Mädchen war, starb ihr Cousin Christian Würtenberg unter mysteriösen Umständen im heutigen Kroatien. Als Kriegsreporter ist er wenige Monate zuvor aufgebrochen, um die Konflikte in den Jahren des Umschwungs zu dokumentieren. Doch bei seinem Tod trug er die Uniform der internationalen Miliz. Wie kam es dazu? Was ist in den Jahren davor mit ihm passiert? Dieser Frage geht Kofmel nun als erwachsene Frau nach und begibt sich dabei auf die gleichen Wege wie damals ihr Cousin ‚Chris the Swiss‘.

Die Schweizer Filmemacherin Anja Kofmel (*1982) wählt mit ihrer ersten Langfilm-Dokumentation „Chris the Swiss“ eine persönliche Geschichte, welche aber gleichzeitig als ein Portrait der Zeit dient. Die Geschichte ihres Cousins Christian und dessen geheimnisvoller Tod beschäftigte sie seit ihrer Kindheit, vor allem die Frage, wie es dazu kam, dass er sich einer Söldnertruppe angeschlossen hat, obwohl er den Krieg verabscheute. Auf ihrer Spurensuche, die sie an die gleichen Stationen wie Christian bringt, kommt sie dem Geheimnis immer näher und führt sogar ein Gespräch mit Carlos dem Schakal, einem kolumbianischen Drogenboss, der eine weitere Theorie für Christians Tod parat hält. Dabei ist aber nicht jede Spur, die sie verfolgt, hilfreich, manche führen sogar ins Leere. Doch sie schafft es, die prekäre Lage des Landes in dieser Zeit einzufangen. Die Balkankriege zeichneten ab 1991 das ehemalige Jugoslawien. In mehreren Konflikten und Bürgerkriegen, auch unter der Beteiligung von außen, kam es in den folgenden Jahren zu der Trennung der Länder Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien. Viele Kriegsfotografen und Reporter zog es in das Land und so auch den jungen Christian Würtenberg, der für eine Schweizer Zeitung arbeitete. Die nachfolgenden Entwicklungen kann Kofmel dabei manchmal nur ahnen, aber bindet sie in einer glaubwürdigen Geschichte und Entwicklung ein. Durch diese Leerstellen ist der Film keine reine Dokumentation, sondern lässt auch Spekulationen zu. Um diese persönliche Sicht zu verstärken, lässt sie nicht nur Fragen offen, sondern baut sich in die Geschichte bei den Recherchen mit ein.

Das Besondere an „Chris the Swiss“ ist die Mischung von Animationen mit klassischer Dokumentarfilmarbeit – dem Befragen von Weggefährten sowie der Verwendung von Fotografien und anderen Zeitdokumenten. Gleichzeitig begibt sie sich mit viel eigener Screentime auf die Reise und man sie sieht die Fragen formulieren, die sonst im Hintergrund passieren. Durch die Biographie ihres Cousins ziehen sich viele Lücken, welche sich nicht mit klassischer Dokumentarfilmarbeit schließen ließen. Für diese Bereiche wählt sie die Technik der Animation. In schwarz-weißen Bildern im gefälligen Stil gibt sie Träume und fiktive Gespräche zwischen ihrem jüngeren Ich und Christian wieder, genauso wie vermutlich stattgefundene Ereignisse. Sie grenzt damit auch bildlich die Spekulationen von der Dokumentation ab, aber gleichzeitig schafft sie ein einheitliches Bild und verleiht dem Film nicht nur einen besonderen Stil, sondern auch eine persönliche Note. Für die Animationen arbeitete Kofmel mit 35 Zeichnern zusammen und brauchte für die Realisierung ihres Films ganze sechs Jahre, um damit ihr Filmdebüt zu feiern.

Fazit: Der Hybrid-Dokumentarfilm „Chris the Swiss“ erzählt die Geschichte von Christian Würtenberg, welcher in den Wirren des Jugoslawien-Krieges gestorben ist. Seine Cousine Anja Kofmel geht als Filmemacherin auf die Suche nach den Antworten auf die Fragen, welche sie sich schon früh gestellt hat, und folgt seinen Weg ins ehemalige Jugoslawien. Dabei schließt sie gekonnt die Wissenslücken mit Animationen und vermischt Fakten mit Spekulationen und zeichnet zwar so kein 100% wahres aber ein gutes Bild über die vergangenen Ereignisse dieser Umbruchsjahre.  

Bewertung: 8/10

Kinostart: 27.01.2019

Trailer zum Film „Chris the Swiss“

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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