Sechs Fragen an Guillaume Levil

Regisseur Guillaume Levil
© Tallarico Florent

Interview: Im Gespräch mit dem französischen Filmemacher Guillaume Levil erzählt er mehr über seinen Kurzfilm „Arthur Rambo“, der u.a. auf der 25. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg zu sehen war, seiner eigenen Kindheit und wie er seine Erinnerungen auf die Bildsprache übertrug.

The original english language interview is also available.

Wie hast Du Deine Geschichte für Deinen Kurzfilm „Arthur Rambo“ gefunden? Bist Du selber ein Fan der Werke von Arthur Rimbaud?

Es ist eine echte Geschichte meiner Kindheit, die in La Réunion stattfand. Ich weiß nicht, inwieweit du diese kleine französische Insel vor Südafrika kennst. Ich war dort, bis ich zwölf war. Ich habe nicht einmal die Namen geändert, der weiße kleine Junge heißt Guillaume wie ich im Film, und mein bester Freund Alain. In der Realität rezitierte Alain keine Gedichte an der Ampel, aber ich bewunderte die Art und Weise, wie er mit den Menschen sprechen musste, um Geld auf der Straße zu bekommen. Für mich, einen kleinen schüchternen Jungen, war es wie eine Superkraft. Also versuchte ich, in diesem Film eine Superkraft zu finden, um zu übersetzen, wie ich das empfand: Ich fand die Superkraft, Gedichte auf der Straße zu rezitieren. Tatsächlich habe ich kein gutes Gedächtnis. Es war sehr schwierig für mich, Poesie zu lernen, als ich ein kleiner Junge war. So war der Lehrer in meinen Erinnerungen nicht glücklich mit mir, besonders wenn wir „Le Dormeur du val“ von Rimbaud lernen mussten. Deshalb habe ich dieses Gedicht gewählt. Aber der zweite Grund ist, dass Rimbaud und Baudelaire die besten Dichter der Geschichte sind! Ich weiß nicht, ob du bemerkt hast, dass der kleine Junge am Ende Rimbaud mit Baudelaire verwechselt, indem er zwei Gedichte mischt, es ist ein Symbol seiner Traurigkeit. Und das Gedicht von Baudelaire, „L’Albatros“, handelt von der Schwierigkeit für einen Dichter, in der realen Gesellschaft der Menschen zu leben.

Es scheint viel Gesellschaftskritik drin zu stecken. Was lag Dir am Herzen? Warum hast Du Dich gegen ein Happy End entschieden?

Joshua Peberel und Lillo Coppens

Die Geschichte war im wirklichen Leben nicht glücklich: Ich sah meinen Freund nie wieder. Ich wollte natürlich über soziale Probleme sprechen, aber ganz allgemein über die Tatsache, dass die Menschen sich bei allem immer sicher sind. In meinem Film sind sich die Erwachsenen so sicher, dass Alain und Guillaume keine Freunde sein können, so dass sie eines Tages ein kleines Problem in der Schule nutzen, um sie zu trennen. Ich denke, wenn man sich bei etwas sicher ist, ist es nie gut, es erzeugt immer Ungerechtigkeit. Vielleicht wird der Mensch eines Tages verstehen, dass es nicht interessant ist, sicher zu sein und es wird keine Kriege mehr geben.

Kannst Du mir noch mehr von den Dreharbeiten erzählen. Hast Du im öffentlichen Raum gedreht?

Poster des Kurzfilms „Arthur Rambo“

Wie bereits erwähnt haben wir auf La Réunion gedreht. Eine wunderschöne Insel, die man unbedingt besuchen muss! Dreharbeiten auf einer kleinen Insel oder allgemeiner außerhalb der Großstädte ist ein echtes Wunder. Weil die Menschen so lieb sind! Sie haben nicht die Gewohnheit, zu sehen, wie Leute Filme drehen, also ist es einfacher, akzeptiert zu werden. In Paris ist es schwer zu drehen, die Leute sind unbeeindruckt, sie langweilen sich. Wir haben in der Nähe von St. Paul im Westen gedreht, wo es immer sonnig ist, alle Außenaufnahmen sind an öffentlichen Orten.

Was war Dir bei der visuellen Umsetzung wichtig?

Ich wollte, dass der Film wie in meinen Erinnerungen ist: mit vielen Farben! Also die Kostüme, das Dekor, alles ist so gewählt, dass es Farben hat, wie in Jacques Demys [Anm. d. Red. französischer Regisseur, u.a. „ Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964)] Filmen. Der zweite wichtige Aspekt bei der Kameraarbeit war, dass, wenn Alain ruhig ist – auf der Straße, zu Hause – die Kamera flüssig ist. Aber wenn er destabilisiert ist, weil die Gesellschaft hart ist, wird die Kamera von Hand gehalten: in der Schule, in Guillaumes Haus.

Deine Schauspieler hast Du großartig ausgewählt. Wie hast Du Deine Darsteller – vor allem die Kinderdarsteller – gefunden?

Bild vom Set des Kurzfilms „Arthur Rambo“ | Joshua Peberel

Ich habe 120 Kinder auf La Réunion gesehen. Du weißt, dass Kinder nicht schauspielern, also musst du diejenigen finden, die wie die Figuren deines Films sind. Am Tag sah ich diesen kleinen Josua, so süß, mit einen fehlenden Zahn! Ich sah, dass er es war. Als ich ihn während des Casting nach seiner schlimmsten Geschichte aller Zeiten fragte, begann er über eine unfaire Geschichte zu sprechen, die in der Schule stattfand, und er hatte Tränen in den Augen! Am Ende des Films hat er auch Tränen, denn es war ein harter Tag und ich sagte ihm, er solle über etwas Trauriges nachdenken, zum Beispiel als sein Hund starb. Er ist wunderbar.

Zum Schluss: Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und welche nachfolgende Projekte anstehen?

Joshua Peberel

Ich bin Drehbuchautor, also schreibe ich Geschichten für und über Menschen: Dokumentationen oder Fiktionen. Manchmal ist ein Thema für mich stärker und ich möchte es inszenieren. Ich bin jetzt Regisseur eines Dokumentarfilms, und ich versuche jeden Tag, einen Spielfilm zu realisieren, aber es ist so schwer, Geld zu finden. Zum Beispiel möchte ich einen Langfilm über die Geschichte von Arthur Rambo machen. Die Geschichte über Alain als Erwachsenen in dieser Gesellschaft. Da einer der wichtigen Charaktere ein Fremder ist, könnte er Deutscher sein. Wenn einige Produzenten den Film mochten, sollten sie mir helfen, ihn zu produzieren.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Arthur Rambo


Interview: In our conversation with the French filmmaker Guillaume Levil he tells us more about his short film „Arthur Rambo“ which was shown at the 25th Regensburger Shortfilm Week, his own childhood and how he transferred his memories to the visual language.

How did you find your story for your short film „Arthur Rambo„? Are you yourself a fan of the works of Arthur Rimbaud?

It’s a real story of my childhood, which took place in La Réunion, I don’t know if you know this little french island near South Africa. I was here until I was 12. I didn’t even change the names, the white little boy is named Guillaume like me in the film, and my best friend Alain. In the reality, Alain was not reciting poetry at traffic lights, but I admired the way he had to speak to people, in order to win money in the street. For me, a little shy boy, it was like a super power. So I tried to find a super power in this film to translate what I felt about it, I found the super power of reciting poetry in the street. In fact I don’t have any memory. It was very difficult for me to learn poetry when I was a little boy… So in my memories, the teacher was not happy with me, especially when we had to learn „Le Dormeur du val“ by Rimbaud. That’s why I chose this poem. But the second reason is that Rimbaud and Baudelaire are the best poets of the history! I don’t know if you noticed that at the end, the little boy is confusing Rimbaud with Baudelaire, mixing two poems, it’s a symbol of his sadness… and the Baudelaire’s poem, „L’Albatros“, is about the difficulty for a poet to live in the real society of human beings.

There seems to be a lot of social criticism involved. What was close to your heart? Why did you decide against a happy ending?

The story was not happy in the real life: I never saw my friend again. I wanted to speak about social problems of course, but more generally, about the fact that people are always sure about everything. In my film, adults are so sure that Alain and Guillaume can’t be friend… that one day, they take advantage of a little problem at school to separate them. I think that when you are sure about something, it’s never good, it always make unfairness. Perhaps one day, when human being will understand that it’s not interesting to be sure… there won’t be wars anymore.

Can you tell me more about the shoot? Did you shoot in public space?

As I said we shot in La Réunion. A wonderful island, you have to visit it! Shooting in little island or more generally outside of the big cities is a miracle. Because people are so sweet, they don’t have the habit to see people making films so it’s easier to be accepted. In Paris it’s hard to shoot, people are blase, they are bored. We shot near St Paul in the west where it’s always sunny, all the outside shots are in public places.

What was important to you in the visual realization?

I wanted the film to be like in my memories: with a lot of colors! So the costumes, the decor, everything is chosen to have colors like in Jacques Demy’s movies. The second thing is that when Alain is serene – in the street, at home – the camera is fluid. But when He’s destabilised because society is hard, camera is hand-held : at school, in Guillaume’s house.

You have chosen your actors in a great way. How did you find your actors – especially the child actors?

I saw 120 children in La Réunion. You know that children don’t play, so you have to find the ones who are like the characters of your film. On day I saw this Little Joshua, so cute, a missing tooth! I saw it was him. When I asked him during the casting what was his worst story ever, he began to speak about an unfair story which took place at school, and he had tears in the eyes! At the end of the film, he has tears too, because it was a hard day… and I told him to think about something sad, for example if his dog died. He’s wonderful.

And finally: Can you tell us more about yourself and which subsequent projects are on the agenda?

I’m a screenwriter, so I write stories for and over people : documentaries or fiction. Sometimes a subject is stronger for me and I want to direct it. I’m directing know a documentary, and I try everyday to direct a feature film, but it’s so hard to find money… For example I want to make the feature about the story of Arthur Rambo… The story about Alain as an adult in this society. As one of the important characters is a stranger, it could be German :) If some producers liked the film, they should help me to produce!!!!

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Arthur Rambo“

2 Gedanken zu “Sechs Fragen an Guillaume Levil

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