„In der Hitze der Nacht“ (1967)

1968 / 40. Oscarverleihung / 7 Nominierungen / 5 Auszeichnungen

Filmkritik: Figuren wie Sherlock Holmes, Sam Spade, Philip Marlow und Miss Marple haben in Filmen und Büchern das Genre des ‚Whodunit‘ begründet. Doch erst bei der 40. Oscarverleihung schafft es ein Film dieses Genres den Oscar für den ‘Besten Film’ zu gewinnen. Der amerikanische Spielfilm „In der Hitze der Nacht“ (OT: „In the Heat of the Night“, USA, 1967) von Norman Jewison schaffte es von sieben Nominierungen fünf Auszeichnungen zu erhalten und gilt so als der große Gewinner der 40. Academy Award of Merit und setzte sich in der Hauptkategorie gegen Filme wie „Bonnie und Clyde“ (1967) und „Die Reifeprüfung“ (1967) durch.

Mitten in einer heißen Sommernacht wird in der Kleinstadt Sparta (tief im Süden der USA in Mississippi) der reiche Fabrikbesitzer Colbert ermordet aufgefunden. Der Polizeioffizier Sam Wood (Warren Oates), der die Leiche fand, nimmt kurz darauf am Bahnhof den farbigen Virgil Tibbs (Sydney Poitier) in Gewahrsam. Sogleich scheint der Polizeichef William Gillespie (Rod Steiger) den perfekten Täter gefunden zu haben. Als sich aber herausstellt, dass Tibbs selbst Mordkommissar in Philadelphia ist, versucht er ihn so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Doch plötzlich mischt sich der Bürgermeister ein und verlangt, dass der in Mordfällen unerfahrene Gillespie die Hilfe von Tibbs annehmen soll. Damit beginnt eine sperrige Zusammenarbeit in einer Stadt, die geprägt ist von Ressentiments und Hass.

Sidney Poitier und Rod Steiger

Der Film basiert auf dem ersten Roman einer dreiteiligen Reihe des amerikanischen Autors John Ball (1911-1988). In dem Buch „In der Hitze der Nacht“ (OT: „In the Heat of the Night“ , 1965) führt er den schlauen Virgil Tibbs ein, dem sofort alle Sympathien gehören, da er sich wunderbar von dem Umgebenden abhebt. Stirling Silliphant (1918-1996) adaptierte das Drehbuch und gewann dafür den Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘. Trotz einiger Veränderungen, speziell was das Opfer und dessen Dunstkreis angeht, sowie der Annäherung der beiden Hauptcharaktere zueinander, überträgt er den Stoff gut in ein Drehbuch und hatte dabei schon den mittlerweile bekannten Schauspieler Sidney Poitier vor Augen. Der Film ist dabei nicht nur eine gelungene Romanadaption und ein schöner Whodunit, sondern er ist ein unmittelbarer Reflex auf die Zeit, welche durch Ereignisse wie den Bloody Sunday in Selma und die Gründung der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King sowie die Ermordung von Malcolm X durchgerüttelt wurde. Doch auch heute funktioniert die Geschichte, zwar nicht unbedingt als Kriminalgeschichte, aber definitiv als Plädoyer für mehr Toleranz und Gerechtigkeit noch wunderbar und erinnert daran, dass es immer noch viel zu tun gibt. Aus diesem Grund war der Film auch auf der 40. Oscarverleihung, bei der zum ersten Mal nicht mehr zwischen Schwarz-Weiß- und Farbfilmen unterschieden wurde, der große Gewinner. Da aufgrund der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King am 4. April 1968 die Veranstaltung um zwei Tage verschoben wurde, wurde das Plädoyer gegen Rassismus verstärkt und konnte sich vermutlich deshalb für damalige Kritiker überraschend gegen seine starke Konkurrenz durchsetzen. Diesen Umständen verdankt der Film auch seinen Ruf, denn er gilt bis heute als einer der besten Anti-Rassismus-Filme der Filmgeschichte.

Sidney Poitier

Das verdankt der Spielfilm vermutlich auch der anschmiegsamen Inszenierung des kanadischen Regisseurs Norman Jewison (*1926). Dieser kam über Umwege zum Filmgeschäft und startete seine Karriere mit der Produktion von TV- und später dann Broadway-Shows. Erst 1962 gab er mit dem Film „Ein Rucksack voller Ärger“ (OT: „40 Pounds of Trouble“) sein Filmdebüt. Er wurde im Laufe seiner Karriere fünf mal für den Regie-Oscar nominiert, so auch für „In der Hitze der Nacht“, konnte ihn aber nie gewinnen. Dafür wurde er mit anderen Lebenswerk-Auszeichnungen geehrt und machte sich einen Namen mit Filmen „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ (OT: „The Thomas Crown Affair“, 1968) und „Mondsüchtig“ (OT: „Moonstruck“, 1987) in der Hauptrolle mit Cher besetzt. Seine Inszenierung von „In der Hitze der Nacht“, geht von einem beobachtenden Standpunkt aus, der gut von der Kameraarbeit des Kameramannes Haskell Wexler (1922-2015) umgesetzt wurde. Wexler war der erste amerikanische Kameramann der für seine Film indirektes Licht verwendete. So setzte er auch hier starke Hell-Dunkel-Kontraste ein und arbeitete mit Schirmlicht. Auch der Perspektivwechsel zwischen Verfolger und Verfolgten, welche sich auch in der bewegten Kameraführung äußert, war gelungen für den Film. So unterstützt die Kamera wunderbar die Krimi-Elemente und schafft es, Szenen auch inszenatorisch zuzuspitzen. Seltsamerweise wurde diese Kameraarbeit nicht mal mit einer Oscar-Nominierung bedacht. Dagegen aber waren die Soundeffekte (James Richard), der Schnitt (Hal Ashby) und der Ton (Samuel Goldwyn SSD), der vor allem jazzige Score von Quincy Jones, nominiert, wobei Schnitt und Ton die beiden begehrten Trophäen auch gewinnen konnten.

Sidney Poitier und Rod Steiger

Der Spielfilm „In der Hitze der Nacht“ ist trotz souveräner Inszenierung vor allem großartiges Schauspielerkino der beiden Hauptdarsteller Sidney Poitier, der Virgil Tibbs spielt, und Rod Steiger, der seinen Konkurrenten Gillespie verkörpert. Der 1924 auf den Bahamas geborene Sidney Poitier hat sich schnell einen Weg über das Theater zum Film gebannt und war der erste schwarze Schauspieler der den Oscar in der Kategorie ‚Bester Hauptdarsteller‘ für seinen Film „Lilien auf dem Felde“ (OT: „Lilies of the Field“, 1963) erhielt. Er war damit der zweite Farbige nach Hattie McDaniel, für ihre Nebenrolle in „Vom Winde verweht“ (OT: „Gone with the wind“, 1939) überhaupt, der diese Auszeichnung erhielt. In vielen Filmen erspielte er sich ein Image, dessen Charme sich niemand entziehen konnte, so dass er auch im gleichen Oscar-Jahr 1968 für den Film „Rate mal, wer zum Essen kommt?“ mit Spencer Tracy und Katharine Hepburn, in dem er als erster Afroamerikaner eine weiße Frau auf der Leinwand küsst, für den Oscar des besten Hauptdarstellers nominiert war. Bis zum heutigen Tag wird seine Arbeit hoch geschätzt und der Beitrag, den er damit gegen Rassismus und für das Aufbrechen von Denkschubladen leistete. In den 60er Jahren galt er als höchstbezahlte Schauspieler. Dafür bekam der mittlerweile 92-Jährige Poitier viele Preise zugesprochen, darunter 2002 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk. Die Rolle des Virgil Tibbs für diesen Film wurde dem Darsteller auf den Leib geschrieben und er verkörpert den klugen Polizisten mit der richtigen Souveränität und der notwendigen Chuzpe gegen das Bestehende aufzubegehren. Das funktionierte für das Publikum so gut, dass er bei den beiden Nachfolgern, „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ (OT: „They Call Me Mister Tibbs!“, 1970) und „Die Organisation“ (OT: „The Organization“, 1971) weiterhin die Rolle des Mordermittlers übernahm.        

Rod Steiger

Als sein Gegenspieler wurde der amerikanische Schauspieler Rod Steiger (1925-2002) als Polizeichef Gillespie besetzt. Der Darsteller gehörte neben Marlon Brando zu den ersten Vertretern, die das Method-Acting, entwickelt von Elia Kazan und Lee Strasberg, praktizierten. Damit spielte er sich für die Filme „Die Faust im Nacken“ („On the Waterfront“, 1954) und „Die Pfandleiher“ („The Pawnbroker“, 1965) Oscarnominierungen ein und konnte wie ein Chamäleon in viele Rollen von bösartigen Diktatoren bis hin zum Papst schlüpfen. Dass er heute trotzdem recht unbekannt ist, verdankt er seiner unglücklichen Filmauswahl, bei der er sich bei seinem Spätwerk auf europäische Produktionen von Historien-Epen spezialisierte. Doch seine Rolle in „In der Hitze der Nacht“ brachte ihm nicht nur einen Oscar-Gewinn ein, sondern überzeugt auch heute noch das Publikum mit seinem wahnsinnig intensiven und authentischen Spiel. Die Rolle wurde, im Gegensatz zum Buch, mehr ausgeschmückt, so dass es im Film immer wieder zu Scharmützeln der beiden Darsteller kommt und ganz langsam und unerwartet die Wandlung des rassistischen Cops zeigt. Rod Steiger schafft es diese Rolle mit seinem nuancierten Spiel wunderbar zum Leben zu erwecken und kann sich damit ins filmische Gedächtnis einbrennen. Neben seinen fünf gewonnenen Oscars erhielten der Film noch weitere Auszeichnungen (darunter auch Preise für die Darsteller), u.a. drei Golden Globes, den Laurel Award und den United Nations Award der BAFTA. Auch heute noch schafft es der 110-minütige Spielfilm in viele Toplisten und wird immer im Gedächtnis bleiben, als der erste Whodunit-Film, der einen Oscar als ‚Bester Film‘ gewonnen hat und als einer der besten Vertreter, welche den Rassismus in Amerika massiv aber wunderbar unterhaltsam anprangert.

Sidney Poitier

Fazit: Auf der 40. Oscarverleihung 1968 erhielt der amerikanische Krimi „In the Heat of the Night“ die begehrten Oscars. Ausgezeichnet wurde er dabei als ‚Bester Film‘ und in vier weiteren Kategorien. Der klassisch aufgebaute Film gewann nicht nur wegen seiner gelungenen Romanadaption und den beiden hervorragenden Darstellern Rod Steiger und Sidney Poitier den Preis als ‚Bester Film‘, sondern weil er das perfekte Statement in einer Zeit war, welche durch zahlreiche rassistische Konflikte geprägt wurde. Zusammen mit einer überzeugenden Kamera, pointierten Dialogen, welche heute immer noch nichts von ihrer Wucht verloren haben und dem nuancierten Spiel beider Darsteller macht es den Spielfilm zu einem Must-See unter den Oscar-Gewinnern, auch wenn den Kriminalfall selbst ein bisschen in die Jahre gekommen ist.

Bewertung: 7,5/10

Trailer zum Film „In der Hitze der Nacht“

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

2 Gedanken zu “„In der Hitze der Nacht“ (1967)

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