„Kann das wahr sein?“ – Eine Hommage an Martin Kirchberger

Quelle: Thomas Frickel

Festival-Spezial: Der deutsche Filmemacher und Künstler Martin Kirchberger stammt aus dem kleinen Rüsselsheim und eckte damals in den 80er Jahren mit seiner Kunst oft an. Diese war frech und unerwartet und nicht für alle verständlich. Sein filmisches Schaffen umfasst einige Kurzfilme, von denen neun in einer Sonderreihe auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen gezeigt wurden. Damit feierte das Festival und zusammen mit diesem die Zuschauer eine kleine Hommage an den jung verstorbenen Regisseur Kirchberger, der heute als Vater der Mockumentary gilt.

„Buchholz bleibt“ (1990)

In seinen Filmen erzählt Martin Kirchberger (1960-1991) meist im ernsten Ton und im Brustton der Überzeugung vor allem von dem kleinen Mann mit einem meist speziellen Anliegen. So begleitet er in seinem Film „Schgaguler“ dokumentarisch einen Bauern der die uralte Tradition des Gurkensteckens pflegt. Auch Buchholz, der Held seiner Geschichte in „Buchholz bleibt“ macht sich für die Natur stark: Da er beobachtet hat, dass die Erdanziehung nachlässt, kettet er die Bäume fest. Seine Filme sind häufig in schwarz-weiß gedreht, was nicht nur kostengünstiger ist, sondern auch wunderbar zum authentischen Look der unechten Dokumentationen passt. Auch der Kurzfilm „Der Stein“, der von der schwierigen Anbringung eines 300 kg schweren Monolithen handelt, ist in schwarz-weiß realisiert und wie auch die anderen Werke bestechend einfach gehalten. Seine Filme bauen dabei stets auf kreativen Grundideen auf, die mehr als außergewöhnlich sind, doch all das wird mit viel Ernst und ja sogar mit Schwere eingefangen, so dass man es, würde man nicht genau hinschauen, für echt halten könnte.

„Frankfurt fühlen“ (1990)

Seine kurzen Filme sind oft einfühlsame Portraits fiktiver Persönlichkeiten, die er in ihrem Alltag einfängt. So berichtet er in „Frankfurt fühlen“ von dem ehemaligen Boxer Keller, der sich nun auf eine neue Art um seine Mitmenschen kümmert. „Der Flusensammler“ erzählt von einem Frankfurter Hausbesitzer, der es sehr genau nimmt. Seine Filme beziehen dabei den Zuschauer manchmal noch direkter mit ein, wie in „Brendel in Speikern“, wo sich der Schauspieler direkt an das Publikum richtet, wodurch er auch stellenweise das Feld des unechten Dokumentarfilms verlässt. Amüsanterweise sind all seine unechten Filme trotzdem auch Zeugnisse der Zeit. Subtile zeitkritische Aussagen und das teilweise satirische Spiel geben den Filmen eine weitere Dimension und verorteten sie ebenfalls stark in der Kunst, der geistigen Heimat Kirchbergers. Dieser hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main Film studiert und war Mitbegründer der Künstlergruppe „Wendemaler“, welche u.a. Gebäudewände als Leinwände verwendete. Danach wandte er sich immer mehr dem satirischen Filmen zu und konnte in wenigen Jahren einige Filme realisieren.

„Bunkerlow“ (1992)

In der Werkschau bekommt man von seinen Anfängen mit Filmen wie „Schneewalzer“ und „Stuhl in Extremsituationen“, bei der ein seltsames Experiment vollzogen wird, bis hin zu seinem letzten Film einen guten Überblick über sein Schaffen. Es zeigt die Vorliebe für Skurrilitäten im Alltäglichen und baut seinen bissigen Kommentar zur Gesellschaft und zur Welt im Allgemeinen mit subtilem Humor ein. So auch in seinem letzten Film „Bunkerlow“. Auf einem Rundflug über dem Hunsrück bietet die Firma Blomberg ihren Kunden Luftschutzbunker zum Schnäppchenpreis an. Am Ende des Films stürzt das Flugzeug ab und es endet mit dem Text, dass 28 Personen u.a. der Regisseur Martin Kirchberger bei diesem Absturz gestorben sind. Der Zuschauer hält das für einen Teil der Fake-Dokumentation. Doch am 22. Dezember 1991 geschah das Unglück wirklich. Diese Tragödie am Ende dieser Reihe amüsanter Filme ist wie ein Schlag ins Gesicht und gibt seinen Werken eine melancholische Note. All das verarbeitet auch sein guter Freund Thomas Frickel in dem Film „Wunder der Wirklichkeit“, der 2017 in die Kinos kam. So kann man sich, wenn man will, durch diesen Film weiter über Martin Kirchberger informieren, aber vorher sollte man diesen unbekannten Rüsselsheimer Filmemacher durch seine eigene Filme entdecken.

„Brendel in Speikern“ (1989)

Fazit: Der Künstler und Filmemacher Martin Kirchberger hat uns ein wunderbares kleines Œuvre hinterlassen, welches ihn zum deutschen Vater der Mockumentary macht. Seine Kurzfilme versprühen dabei skurrilen Witz und eine skeptische Haltung gegenüber den herrschenden Strukturen. Schade, dass er auf tragischerweise bereits im Alter von 31 Jahren starb und so dem Zuschauer viele spannende, zukünftige Projekte verwehrt blieben.

geschrieben von Doreen Matthei

Filme in der Sonderreihe:

Stuhl in Extremsituationen“ (1984, 4 Minuten)

Bewertung: 6/10

Schneewalzer“ (1985, 3 Minuten)

Bewertung: 5/10

Der Stein“ (1987, 9 Minuten)

Bewertung: 7/10

Schgaguler“ (1988, 11 Minuten)

Auf der Website des Kameramanns Voxi Bärenklau online anschauen

Bewertung: 8/10

Brendel in Speikern“ (1989, 5 Minuten)

Bewertung: 6/10

Der Flusensammler“ (1990, 3 Minuten)

Bewertung: 6/10

Buchholz bleibt“ (1990, 15 Minuten)

Bewertung: 7/10

Frankfurt Fühlen“ (1990, 3 Minuten)

Bewertung: 7/10

Bunkerlow“ (1992, 18 Minuten) 

Bewertung: 8/10

Quellen:

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