„Departed – Unter Feinden“ (2006)

2007 / 79. Oscarverleihung / 5 Nominierungen / 4 Auszeichnungen

Filmkritik: Während einige Fans und Kritiker enttäuscht darüber waren, dass der Großmeister Martin Scorsese mit seinem damals neuesten Film „Departed – Unter Feinden“ keinen eigenen Stoff verfilmte, sondern ein Remake eines Thrillers aus Hongkong realisierte, kam er beim Rest der Welt gut an. So ging er auch mit fünf Nominierungen auf der 79. Oscarverleihung um die begehrten Trophäen ins Rennen. Er konnte vier davon gewinnen, darunter auch den Oscar für den ‚Besten Film‘ und setzte sich damit gegen starke Filme wie „Little Miss Sunshine“ (2006), „Babel“ (2006) und „Die Queen“ (2006) durch.

Colin Sullivan (Matt Damon) war bereits als Kind nicht besonders begünstigt vom Leben. Doch mit viel Fleiß, mauserte er sich schnell in seiner Polizeilaufbahn und wurde bald ein Teil der Abteilung, die sich mit dem organisierten Verbrechen beschäftigt. Hauptziel aller Untersuchungen ist der Mafioso Frank Costello (Jack Nicholson). Gut, dass Colin schon lange auf dessen Gehaltsliste steht, so kann das Spiel munter weitergehen, das ihm Erfolg und Wohlstand gleichermaßen beschert. Der einzige der den Maulwurf im Bostoner Polizeiquartier enttarnen könnte, ist William „Billy“ Costigan (Leonardo DiCaprio), dessen Stammbaum vor allem aus Verbrechern besteht und der aufgrund dessen von Captain Oliver Queenan (Martin Sheen) und Bryce Dignam (Mark Wahlberg) als Undercover-Agent ausgewählt wurde. Über den folgenden Jahren steigt sein Ansehen als Verbrecher, so dass er es irgendwann in Costellos engsten Kreis schafft. Doch so nah dran, ist das Risiko sehr hoch, selbst entlarvt zu werden.   

Matt Damon
© D.R.

Am 25. Februar 2007 bekam der Gangster-Epos im Kodak Theatre bei der 79. Oscarverleihung viel Aufmerksamkeit, nicht nur, weil es sich hierbei um einen Film von Martin Scorsese handelte, sondern auch aufgrund seines starken Ensembles und seiner authentischen Geschichte. Geschaffen wurde „The Departed“ (was übersetzt soviel wie „Die Verstorbenen“ bedeutet) als Adaption des in Asien sehr erfolgreichen Films „Infernal Affairs“ von 2002 sowie dessen beiden Nachfolgern „The Infernal Affairs II“ (2003) und „The Infernal Affairs III“ (2003). Der Hongkong-Thriller der beiden Regisseure Alan Mak und Wai-Keung Lau bot alles, was man sich von einem Neo-Noir wünschen könnte und machte den Film auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Zusammen mit dem Drehbuchschreiber William Monahan (bekannt für „Sin City 2: A Dame to Kill For“ (2014)), der für dieses Drehbuch den Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ erhielt, formte der Regisseur Scorsese eine westliche Variante des Stoffes. Dabei blieb er nah dran an der Vorlage, übernahm die Erzählstrukturen weitestgehend und fügte nur, besser geeignet für ein westliches Publikum, eine Vorgeschichte und ein anderes Ende in seinen Film ein. Zudem baute Monahan die Figur der Psychologin Madolyn Madden, gespielt von Vera Farmiga ( „Up in the Air“ (2009), „The Conjuring“ (2013)), ein, machte aber eine unnötige Dreiecksgeschichte daraus und fügte ansonsten noch andere Rollen (u.a. die Rolle des Bryce Dignam, für die Mark Wahlberg als ‚Bester Nebendarsteller‘ nominiert wurde) hinzu. Doch am wichtigsten sind die Veränderungen im Setting und der Verlagerung in die irische Mafia. 

Jack Nicholson und Leonardo DiCaprio © D.R.

Aus dem postmodernen Hongkong wird der Film nach Boston übertragen, das dominiert wird von Verfall, Kriminalität und Korruption. Als reale Vorlage diente der legendäre Gangster James J. Bulger (seine Geschichte erzählt der Spielfilm „Black Mass“ (2015)). Der Drehbuchschreiber Monahan war in den 70/80er Jahren Redakteur beim Bostoner ‚Spy Magazine‘. Damals kontrollierte Bulger die Stadt Boston lange Zeit, geschützt durch einen korrupten FBI-Agenten, konnte er ungestraft 18 Menschen töten und davon kommen. Die Figur des Frank Costello trägt einige Züge der realen Person und so bot sich die irische statt die klassische italienische Mafia als Grundlage für die Geschichte über Korruption mehr an. Aus diesem Stoff schuf Scorsese einen dreckigen Neo Noir, der seinem Genre in seiner pessimistischen Weltsicht alle Ehre macht. Auch wenn er es an der ein oder anderen Stelle durch die übertriebene Fäkalsprache zu sehr ausreizt, um das Rohe dieser Männer und ihrem Umgang miteinander zu betonen, funktioniert die Erdung hervorragend und schließt damit nach „Hexenkessel“ (1973) und „Casino“ (1995) seine Mafia-Trilogie ab. 

Martin Scorsese, Leonardo DiCaprio und Matt Damon
© D.R.

Zu diesem Zeitpunkt gehörte der 1942 in New York geborene Regisseur Martin Scorsese bereits zum festen Kanon der berühmten, amerikanischen Regisseure. Er hatte seinen Ruf neben seinen Mafia-Filmen mit Filmen wie „Taxi Driver“ (1976), „Wie ein wilder Stier“ (1980) und „Hexenkessel“ (1973) aufgebaut. So konnte er sich auch eines großen Publikums gewiss sein, als er sich in „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) und „The Silence“ (2016) katholischen Themen zuwendete. Für „The Departed – Unter Feinden“ nutzte er seine ganze Erfahrung in dem Genre, in dem er sich mittlerweile sehr souverän bewegte, schuf einen Film, der abgespeckter und befreit von unnötigem Bilder- und Plotballast ist. Der enorme Fokus auf die Darsteller und die Themen Moral, Korruption und Macht lassen den Film aus dem Œuvre Scorseses herausstechen und bekräftigen die Verleihung des Regie-Oscars dafür. Hand in Hand geht die Geschichte so mit einer sehr bodenständigen Inszenierung.     

Martin Sheen und Mark Wahlberg © D.R.

Gedreht wurde der Film zwischen April und September 2005 hauptsächlich an Originalschauplätzen in Boston und New York. Für 90 Millionen Dollar schufen die Filmemacher zusammen mit dem Set-Designer Leslie E. Rollins und dem Kameramann Michael Ballhaus, der hier zum vierten Mal mit Martin Scorsese zusammenarbeitet, einen Film, der eine sehr reduzierte Wirkung besitzt. So entschlackt kam bisher kaum ein Martin-Scorsese-Film daher. Mit der zurückgenommen Kameraarbeit wird die Fokussierung auf die Charaktere unterstützt. Auch wenn die Schnitte schnell gesetzt werden, was sich gut dem Genre anpasst, bleiben die Bilder dabei stets bei den Figuren. Für den Schnitt bekam die Cutterin Thelma Schoomaker, welche für „Wie ein wilder Stier“ (1980) und „Aviator“ (2004), beides Scorsese-Filme, bereits Oscars erhalten hat, auch in diesem Film wieder die Trophäe für den ‚Besten Schnitt‘. Doch trotz aller Reduziertheit findet man auch hier die typische Stilmittel Scorseses u.a. die bekannten Reißschwenks wieder. Auch der gute Musikeinsatz fällt wieder ins Auge. Howard Shore hat den Score komponiert und baut in den Soundtrack den passenden Song „I’m Shipping Up to Boston“ der Dropkick Murphys, der wie die Faust aufs Auge passt, mit ein.  

Leonardo DiCaprio
© D.R.

Seine lebensechte Wirkung verdankt der Film neben dem offensiven Einsatz von spürbar echter Gewalt und dem Drehen an Originalschauplätzen seinem Ensemble. Der Regisseur Martin Scorsese (*1942), der gerne mit den gleichen Schauspielern arbeitet, hat hier eine Crème de la Crème der damaligen männlichen Riege von Hollywood-Schauspielern aufgestellt und gab dem noch recht jungen Leonardo DiCaprio die Möglichkeit sich bei ihrer nunmehr dritten Zusammenarbeit nach „Gangs of New York“ (2002) und „The Aviator“ (2004) vollends von seinem „Titanic“-Image zu befreien. So wäre die Oscar-Nominierung und ein möglicher Gewinn nur selbstverständlich gewesen, weil er hier beweist, dass er scheinbar mühelos in viele verschiedene Rollen schlüpfen kann, abseits des Teenie-Idols, zu dem er in den 90er Jahren stilisiert wurde. Doch nicht für diesen Film war in diesem Jahr Oscar-nominiert, sondern für „Blood Diamond“ (2006), gewinnen sollte er ihn aber erst viele Jahre später für den überschätzten „The Revenant“ (2015) von Alejandro G. Iñárritu. Neben ihm funktioniert Matt Damon als schleimiger Maulwurf wunderbar und Jack Nicholson sieht man ebenfalls die Spielfreude bei seiner Rolle an. Nur Mark Wahlberg, der einzige aus dem Ensemble, der für einen Oscar nominiert wurde, überzeugt weniger in seiner Rolle, da diese per se etwas zu übertrieben angelegt worden ist. Abgerundet wird das Ensemble von Darstellern wie Martin Sheen, Alec Baldwin und Vera Farmiga. 

Matt Damon und Leonardo DiCaprio
© D.R.

Seltsam bleibt es, dass obwohl Scorseses Film wenig auf Effekte setzt, sondern auf solides Schauspielerkino, es keine weitere Nominierungen auf der 79. Oscarverleihung für die Darsteller gab, auf der Helen Mirren („The Queen“ (2006)) und Forest Whitaker („Der letzte König von Schottland“ (2006)) ihren ersten Oscar erhielten. Doch neben den Oscargewinnen kann man den Erfolg des Films auch durch andere Auszeichnungen nachvollziehen. So gewann er u.a. den Golden Globe in der Kategorie ‚Bester Film – Drama‘. Zudem war er zu dem damaligen Zeitpunkt der kommerziell erfolgreichste Film von Martin Scorsese, so dass er u.a. sogar die Ehrung durch eine ganze Simpsons-Folge (Staffel 19, Folge 13 „Debarted – Unter Ratten“ (2008)) erhielt. Im Gesamten funktionierte „The Departed“ auf allen Ebenen und war ein außergewöhnlich geerdeter Gangsterfilm, der zeigte, dass es nicht viel benötigt, um eine Milieu stimmig einzufangen. Damit hatte er sich den Oscar trotz wirklich starker Konkurrenz verdient gemacht.  

Jack Nicholson
© D.R.

Fazit: Der Gewinner des 79. Oscars für den ‘Besten Film’ war der Gangsterfilm „The Departed – Unter Feinden“ des Großmeisters Martin Scorsese. Dieser gehörte damals schon zu den berühmten Regisseuren Hollywoods, bekam hier aber erst seinen ersten Regie-Oscar verliehen. Insgesamt erhielt der Film vier der begehrten Preise und konnte sich trotz der starken Konkurrenz in drei Hauptkategorien durchsetzen. Gelobt wurde dabei vor allem seine gelungene Adaption eines vorhandenen Stoffes und eine stimmige Übertragung ins Amerikanische. Lebensecht, brutal und vor allem gut spielt zieht der Film seine Zuschauer in den Bann und erfindet das Genre zwar nicht neu, aber kann definitiv mit geballter Wucht unterhalten.

Bewertung: 7/10

Trailer zum Film „Departed – Unter Feinden“

geschrieben von Doreen Matthei 

Quellen:

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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