„The Irishman“ (2019)

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Filmkritik: Wie ein großer Abschied und ein Abschluss wirkt der 209-minütige Spielfilm „The Irishman“ (OT: „The Irishman“, USA, 2019) von Martin Scorsese. Nicht nur von dem geliebten Genre – den Gangster-Mafia-Filmen – dem er mit Filmen wie „Hexenkessel“ (1973) und „Casino“ (1995) gefrönt hat, sondern auch von den Darstellern, welche mittlerweile alle in die Jahren gekommen sind und welche Scorsese hier noch einmal jung werden lässt. Doch auch „The Irishman“ krankt massiv an dem ewig gleichen Kanon dieses Genres.

Rückblickend erzählt der Mafioso Frank Sheeran (Robert DeNiro), welche der Ire genannt wurde, von seinem Aufstieg bei der Familie, geführt von Rosario Bufalino (Joe Pesci). Dabei übernahm er die dreckigen Aufgaben und bewies so seine Loyalität. Als er dann zur rechten Hand des Gewerkschaftsführers James Hoffa (Al Pacino) wurde, ging er auch ihm zur Hand. Bis auf einmal ein frischer Wind wehte und Hoffa zum Problem wurde, aber der Ire wird sich schon drum kümmern.

Al Pacino und Robert De Niro

Man sollte meinen, dass mittlerweile fast alle Geschichten aus den Mafia-Kreisen auserzählt sind. Auch Martin Scorsese selbst ist mit Filmen wie „Good Fellas“ (1990) oft genug selbst in die Materie abgetaucht. Doch trotzdem gibt es jetzt diesen neuen, angeblich alles abschließenden letzten Mafia-Film von Martin Scorsese, in dem er in über 200 Minuten doch nur wieder eine bekannte Geschichte vom kleinen Mafia-Killer erzählt. Auch scheint er nicht die bis jetzt vergangene Zeit und die damit einhergehenden Erfahrungen zu nutzen, um dem Film etwas Neues zu geben, so sind beispielsweise auch in diesem Film Frauenfiguren unwichtig und haben wahrlich nie etwas zu sagen. Die Geschichte basiert auf dem 2003 erschienenen True-Crime-Report „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt. Darin geht es um die wahren Begebenheiten aus den 70er-Jahren, an deren Ende die Ermordung des Gewerkschafters Hoffa steht. Doch statt die Vorlage, welche von Steven Zaillian und Charles Brandt in ein Drehbuch umgewandelt wurde, zu nutzen um das Œuvre auszuerzählen, über ältere Werke zu sinnieren oder sich selbst ein kleines Denkmal zu setzen, dreht sich der Regisseur im Kreis. Der Film bietet nichts Neues, ist gähnend langweilig und unnötig aufgebläht. Die Personen sind uninteressant und zu keinem Zeitpunkt kommt Spannung auf. Vielleicht wäre seine Wirkung eine andere – monumentalere, wenn es der Film in die Kinos geschafft hätte, aber auf Netflix, wo er ausschließlich zu sehen war, macht er nichts her, außer vielleicht wenn man ein großes Faible für die alten Filme hat und so auch damit klar kommt, dass man hier keinen neuen Stoff sieht, sondern etwas Aufgewärmtes. Ansonsten fehlt es dem Film an jeglichem Zeitgeist, Esprit, Spannung und Reflexion über das Genre und sich Selbst.

Robert De Niro

Möglicherweise könnte die Inszenierung das Ganze etwas abfangen, wenn sie nicht einen großen Fehler begangen hätte. Der Regisseur verwendet die typischen Scorsese-Stilmittel, welche von Fans hoch geschätzt werden, so wird der Film klassisch in Rückblenden mit Off-Kommentar erzählt. Doch den größten Fehler macht Scorsese indem er seine alte Riege von Darstellern unbedingt für die Rollen haben wollte. Zwar schlagen sich Joe Pesci und Al Pacino in ihren Nebenrollen gut, doch Robert DeNiro, der mittlerweile 76 Jahre alt ist, ist für diese Rolle mehr als ungeeignet. Mit Computertechnik wurden die alten Männer verjüngt. Das sieht zum einen äußerst befremdlich aus und zum anderen sind unter den jungen Gesichter die Körper alter Männer und das sieht man bei jedem Schritt und bei jedem Kampf. Warum hat man sich hier nicht dafür entschieden, die Rollen neu zu besetzen, was ebenfalls frischen Wind gebracht hätte und nicht wie eine Wiederholung wirken würde? Joe Pesci wurde für das Projekt sogar aus dem Ruhestand geholt – seinem filmischen Erbe hat dieser Abschluss aber nicht besonders gut getan. Trotz namhafter Schauspieler funktioniert der Film nicht, zum einen wegen des offensichtlichen Altersunterschieds und zum anderen, weil auch diese Darsteller es nicht schaffen, aus dem engen Rollenkorsett auszubrechen. Ansonsten ist die Optik gut, passt wunderbar zum Mafia-Genre, was zu erwarten ist, denn Scorsese kennt sich damit aus und auch mit den 70er Jahren, in denen er bereits viele Filme verwirklicht hat. Im Gesamten ist „The Irishman“ nur das Wiederkäuen bekannter Elemente. Es gibt keine Neuerungen dazu eine absolute Fehlentscheidung, was die Besetzung und die notwendigen Maßnahmen angeht, so dass der Film durchweg langweilig, unsympathisch und dazu auch noch optisch nicht überzeugend ist. Kein Wunder also, dass der Film zwar zehn Nominierungen auf der 92. Oscarverleihung erhielt, aber davon keine einzige gewinnen konnte. Es wäre für alle anderen Filme in jeder Kategorie unverdient gewesen, hätte „The Irishman“ auch nur einen Oscar davon erhalten.   

Robert De Niro

Fazit: Martin Scorseses mittlerweile 27. Spielfilm und 5. Mafiafilm „The Irishman“ ist ein Wiederkäuen altbekannter Filme, Elemente und einer Menge Mafia-Klischees, die man schon tausendmal gesehen hat. Der bekannte Regisseur verspielt die Chance etwas Neues daraus zu machen oder gar einen grandiosen Abschluss für Genre zu finden, was er maßgeblich geprägt hat. Stattdessen beschränkt er sich darauf, was er kennt, dehnt es unangenehm auf drei Stunden aus und entscheidet sich auch noch dafür alte Männer als jung zu inszenieren. Das geht mächtig daneben und so kann dieses Mafia-Epos nicht überzeugen und gibt dem Genre nichts Neues, Brauchbares oder überhaupt nur Unterhaltsames.

Bewertung: 3/10

Kinostart: 14.11.2019

Trailer zum Film „The Irishman“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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