Sechs Fragen an Elisa Mishto

Interview: Die in Italien geborene Filmemacherin Elisa Mishto erzählt im Gespräch mehr über ihren wunderbaren Kurzfilm „Emma und die Wut“, welcher Teil der Eröffnung des 20. Landshuter Kurzfilmfestivals war, von dessen Entstehung, ihrer Wahl der Hauptdarstellerin und dem feurigen Temperament der Italiener.

Dein Kurzfilm „Emma und die Wut“ ist voller Überraschungen. Wie kamst Du zu der Idee für Dein Drehbuch? Spielten echte Erfahrungen mit rein?

Als Italienerin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, habe ich mich oft mit den unterschiedlichen Beziehungen dieser beiden Kulturen zum Thema Wut bzw. der Art und Weise, wie man sie ausdrückt, beschäftigt. Ich war oft überrascht zu sehen, wie die Deutschen dazu neigen, sich zurückzuhalten und die gewalttätigsten Gefühle bis zum Rand der Explosion zu unterdrücken. Im Gegensatz dazu neigen die Italiener (mir ist die Verallgemeinerung bewusst) dazu, diese Gefühle viel direkter auszudrücken. Wütend zu sein, laut auszusprechen und zu beschimpfen – in der italienischen Kultur ist das eine Haltung, die zwar, wenn nicht gewünscht, zumindest akzeptiert wird. Für die Deutschen hingegen ist es ein Zeichen von Schwäche. Da ich selbst einen cholerischen Charakter habe, habe ich mich oft für meinen Weg, in dem ich zu direkt und ohne Filter meine Gefühl auszudrücke, kritisiert gefühlt. Einerseits habe ich die deutsche Selbstbeherrschung schätzen gelernt, aber andererseits ist ein Teil von mir italienisch geblieben und sehnt sich nach einem vielleicht raueren, aber auch aufrichtigerem Weg, Gefühle auszudrücken, die nicht süßlich sind. „Emma und die Wut“ ist eine sehr selbstironische Ode an meinen inneren Konflikt, aber auch an den hundertjährigen Konflikt zwischen der italienischen und deutschen Kultur. 

Dein Film spielt wunderbar mit Elementen verschiedener Genres. Wie würdest Du Deinen Film selbst kategorisieren?

Ich hab oft Probleme gehabt, meine Filme zu kategorisieren, weil ich gerne zwischen den Genres arbeite. Ich finde die Realität zu komplex, um sich für ein Genre entscheiden zu müssen. Das härteste Drama ist für mich effektiver, wenn es uns immer wieder und gegen unseren Willen zum Lachen bringt. Und ein Thriller gewinnt an Tiefe und Bedeutung wenn er ein starkes soziales, politisches oder emotionales Thema hat. Das ist aber angeblich oft ein Problem bei die Bewertung von Filmen, weil sie sich schlechter vermarkten lassen. Das finde ich sehr schade. Aber zurück zu deiner Frage: Ich würde sagen mein Kurzfilm ist eine Schwarze Komödie mit weiblichen Action-Elementen. Das klingt irgendwie ein bisschen unattraktiv. 

Deine Inszenierung gefiel mir mit ihren Kameraeinstellungen und der Mischung aus Realismus und Übertreibung sehr gut. Was war Dir selber bei der Umsetzung wichtig?

Mir war die ‚handwerkliche‘ Seite des Regie-Führens immer sehr wichtig. Ich liebe Regisseure, die uns nicht nur die emotionale Seite einer Geschichte liefern, sondern auch Master der Inszenierung und Bildsprache sind. Ich denke dabei an Fritz Lang, Hitchcock, Fellini und Milos Forman. Ich fühle mich oft von übersentimentalen oder melodramatischen Filmen manipuliert. Als würde ich gezwungen werden, etwas zu fühlen, um den Film dann besser zu finden. Daher mag ich Filme, die eher sparsam mit Emotionen umgehen, sich dafür aber trauen, visuell rigorose Welten zu schaffen und soziale, politische oder existenzielle Fragen zu stellen. Und was die Übertreibung angeht: ich bin Italienerin, ich übertreibe immer gerne. 

Deine Hauptdarstellerin Natalia Belitski ist großartig! Wie hast Du sie gefunden?

Das ist sie! Ich hab sie erstmals vor vielen Jahren im Deutschen Theater Berlin gesehen, in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann. Ich fand sie großartig. Einige Monate später, wurde ihr Name von meiner Casterin Nina Haun für die Hauptrolle in meinem ersten Spielfilm vorgeschlagen. Nach der ersten Castingrunde war mir klar, dass sie für die Rolle perfekt war. Da es mit der Finanzierung etwas länger dauerte, hatte ich mich entschieden zwischenzeitlich einen Kurzfilm mit Natalia zu drehen. Ich fand es eine gute Übung für mich, zusammen mit dem Cast und der Crew zu arbeiten, als Vorbereitung für den langen Spielfilm. So ist „Emma und die Wut“ entstanden. 

Ich finde die Geschichte von Emma hat großes Potential. Könntest Du Dir vorstellen es als Langfilm umzusetzen?

Nein! Ich fand Emma genau so toll, weil es ein Kurzfilm war. Ich musste nicht zu viel an Charakterentwicklung und solche Art Probleme denken. Ich konnte einfach frech und gnadenlos sein, weil der Film ja nur 14 Minuten dauert. Da kann man viel mehr spielerisch und grotesk sein. Bei einem Langfilm würde so eine Haltung irgendwann zu aggressiv und nervig sein. Man braucht viel mehr Komplexität und Tiefe. Man kann dem Zuschauer nicht nur ins Gesicht schlagen, man muss viel mehr anbieten können: Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Trauer und Magie. Aber in einem Kurzfilm kann man es sich leisten radikaler und irgendwie auch oberflächlich zu sein, es ist ja sowieso schnell vorbei.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr über Dich erzählen und welche nachfolgenden Projekte es geben wird?

Landshuter Kurzfilmfestival 2019

Ich bin gerade mit meinem ersten Spielfilm „Stillstehen“ fertig und wir hatten Premiere auf dem diesjährigen Filmfest München. Das war eine tolle Erfahrung. Bald kommt auch die Internationale Premiere und dann werden wir auf eine relativ lange Festivalreise gehen, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Natalia Belitski spielt auch hier die Hauptrolle zusammen mit Luisa Celine Gaffron, Katharina Schüttler, Martin Wuttke, Giuseppe Battiston, Kim Riedle und Jürgen Vogel. Und Torben Krämer, der in Emma als Doktor Koch zu sehen ist, spielt wieder eine etwas verruchte Figur!

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Emma und die Wut

2 Gedanken zu “Sechs Fragen an Elisa Mishto

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