„Casablanca“ (1942)

1944 / 16. Oscarverleihung / 8 Nominierungen / 3 Auszeichnungen

Filmkritik: Wenn es um das Vermächtnis der Filmgeschichte geht, kommt keine Aufzählung, kein Buch und keine Liste an dem Film „Casablanca“ (OT: „Casablanca“, USA, 1942) vorbei. In einem Atemzug mit vielen Filmen, wie „Vom Winde verweht“ (1939) und „Citizen Kane“ (1941) genannt, gehört er zu den großen Klassikern. Dass hier etwas Außergewöhnliches entstanden ist, was auch nach über 70 Jahren immer noch wunderbar funktioniert, war auch schon dem damaligen Publikum und den Kritikern bewusst. In diesem Sinne wurde er auch auf der 16. Oscarverleihung mit drei Oscars u.a. auch für den ‚Besten Film‘ bedacht und setzte sich in dieser Kategorie gegen neun weitere Filme durch.

Humphrey Bogart, Claude Rains, Paul Henreid und Ingrid Bergman

Während des Zweiten Weltkriegs fliehen viele Menschen aus Europa, vor allem aus dem besetzten Frankreich, nach Casablanca. Das französische Protektorat Marokko ist der ideale Platz, um von dort aus in das neutrale Lissabon zu gelangen, und von dort aus dann weiter nach Amerika. Dafür braucht man aber gültige Reisepapiere und bis man diese bekommt, verbringt man die Zeit meist in Ricks Bar. Diese wird von dem zynischen Besitzer Richard „Rick“ Blaine (Humphrey Bogart) mit lockerer Hand geführt, er akzeptiert Ganoven genauso wie die Oberschicht in seinem Laden. Eines Tages kommt auch der tschechoslowakische Widerstandskämpfer Victor Laszlo (Paul Henreid) mit seiner Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman) nach Casablanca. Dort treffen sie schnell auf Rick, der in ihr seine ehemalige Geliebte erkennt, die ihn in Paris verlassen hat. Gleichzeitig mit den beiden erscheint der deutsche Major Strasser (Conrad Veidt) und setzt alles daran die Ausreise Laszlos zu verhindern.

Ingrid Bergman und Humphrey Bogart

Die acht Nominierungen für den Film der 16. Oscarverleihung formten damals schon den heute gefestigten Kultstatus. Dabei ist Casablanca, man möchte fast sagen, ein seltsamer Hybrid. Er verbindet Elemente eines Melodrams mit denen eines Kriminal- und Abenteuerfilms. Er ist Liebesgeschichte, Historiendrama und Komödie zugleich. Ihn in ein bestimmtes Korsett zu pressen ist schier unmöglich. Solch einen Stilmix hat man vorher nicht gesehen, denn er kam in den wohl sortierten Hollywood-Produktionen nicht vor. Doch die Produktionsfirma Warner Bros., welche lange Zeit keine Propagandafilme gegen das Naziregime realisiert hatte, machte hier einen radikalen Schritt und produzierte dieses klares Statement im Jahr 1942. Den Stein ins Rollen brachte die Ermordung von Joe Kauffmann, einem Vertreter von Warner in Berlin. Dieser wurde auf offener Straße von der SS totgeprügelt. Zu diesem Zeitpunkt waren durch die 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze bereits viele Juden aus Deutschland vertrieben wurden. Bis 1941 verließen 300.000 Menschen das Land. Danach wurde ihnen eine legale Ausreise komplett untersagt. Paris war bereits 1940 an die Deutschen gefallen und so nahmen viele eine beschwerliche Reise auf sich, um sich und ihren Familien das Leben zu retten. Der Film „Casablanca“ ist, wie auch „Mrs. Miniver“ (1942), ein Aufruf an die Amerikaner, dass sie ihren Isolationismus fallen lassen und in Europa eingreifen müssen. So kann man in dem Film selbst auch nur Schurken von feindlichen Nationen wie Deutsche und Italiener entdecken.    

Claude Rains und Conrad Veidt

Ähnlich turbulent wie die Genremischung mit ihrem ernsten, zeitaktuellen Hintergrund ist die Entstehungsgeschichte des Films. Die Grundlage des Films war ein unproduziertes Theaterstück namens „Everybody Comes to Rick’s“ der beiden Autoren Murray Burnett und Joan Alison aus dem Jahr 1940. Einem Tag vor Kriegseintritt, am 8. Dezember 1942, bekam Warner Bros. das Stück zugesendet und sicherte sich nur kurze Zeit später die Rechte daran. Die beiden Autoren bekamen die hohe Summe von 20.000 Dollar für ihr Stück. Zu dieser Zeit war das ein enormer Betrag. Ein Angebot von MGM über 5.000 Dollar wurde vorher abgelehnt. Mit guten Aussichten, ein erfolgreicher Kitsch-Film zu werden, wurde die Adaption zum Drehbuch begonnen. Unter der Leitung des Produzenten Hal. B. Wallis, der auch den Titel in „Casablanca“ änderte, wurden zuerst die beiden Drehbuchschreiber Eneas MacKenzie und Wally Kline beauftragt. Im Februar 1942 übernahmen dann die Zwillinge Julius (1909-2000) und Philip Epstein (1909-1952) die Weiterentwicklung des Drehbuchs und fügten viele humoristische Elemente hinzu. Nachdem sie das erste Drittel fertig gestellt hatten, wurden sie jedoch abgezogen und Howard Koch übernahm die weitere Entwicklung des Drehbuchs. Doch dieser Wechsel geschah erst kurz vor Drehbeginn und so sagt die Legende, dass das Drehbuch erst während der Dreharbeiten selbst entstand. Jeden Tag wurde die Szene für den nächsten Tag vorbereitet und so heißt es, dass sich bis kurz vorm Schluss keiner über das Ende des Films im Klaren war. Trotz dieser abenteuerlichen Entstehungsgeschichte gewann der Film den Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘. Leider wurde nur den Epsteins und Howard Koch die Trophäe überreicht, obwohl andere Autoren ebenfalls beteiligt waren. Auch wenn es im Nachgang noch einige Scharmützel über die Autorenschaft gab, ist es doch unbestreitbar, dass den Autoren eine runde Mischung aus vielen Genres gelungenen ist und sie diese scheinbar mühelos zusammenfügten und so eine Geschichte schufen, welche einfach nicht, auch nicht für heutige Cineasten, vorhersehbar ist.

Humphrey Bogart und Ingrid Bergman

Der Film selbst ist ein klassisches Studioprojekt. Obwohl die wahren, historischen Ereignisse auch gut mit Live-Locations funktioniert hätten, wählten sie das Artifizielle als Inszenierungsart, was wunderbar mit dem Genremix des Drehbuchs harmoniert. Auf die perfekte Illusion kam es ihnen nicht an. Man konnte nicht nur gut gut erkennen, dass es sich oft um Modelle und Pappwände handelt, sondern auch die Rückprojektion bei den Autofahrten war für damalige Verhältnisse besonders schlecht. Der Film nimmt sich der Studio-Ästhetik der 40er Jahre an und präsentiert dem Zuschauer ein Fantasie-Nordafrika. Casablanca wird reduziert, vor allem auf gängige Klischees und dient als Bühne für das Ränkespiel von Gut und Böse. Diese vereinfachte Darstellung der Umgebung mit ihrer Künstlichkeit betont das Heimatlose der Flüchtlinge und macht es möglich, den Film auch heute noch mit einer gewissen Zeitlosigkeit zu betrachten. Dazu hat der Kameramann Arthur Edeson (Mitwirkung auch bei Filmen wie „Frankenstein“ (1931) und „Die Spur des Falken“ (1941)) einiges beigetragen. Er unterstützt das Artifizielle, was man besonders an dem starken Einsatz eines speziellen Gaze-Filters sehen kann. Es wurde vor allem für Ingrid Bergmans Gesicht verwendet, um es stets weich, traurig und sehr sanft auszusehen zu lassen. Auch dieser Star wie Claudette Colbert aus „Es geschah in einer Nacht“ (1934) hatte das Bedürfnis von der linken Seite aufgenommen zu werden. Dadurch bekamen die Bilder meist eine klare Anordnung, bei der sich Ingrid Bergman auf der rechten Bildhälfte befindet. 

Humphrey Bogart, Michael Curtiz und Paul Henreid

Abgerundet wird der Film formal von den Kostümen und der Musik. Die Kleidung aller Protagonisten ist für einen antifaschistischen Widerstand ungeheuer elegant und gibt dem Film etwas Märchenhaftes. Auch die Musik, komponiert von Max Steiner (1888-1971), unterstützt die Wirkung des Films wunderbar mit einer Mischung aus komponiertem Score und bekannten Jazzhits. Der Komponist, der u.a. auch die Musik von „King Kong“ (1933), „Die drei Musketiere“ (1935) und „Vom Winde verweht“ (1939) komponiert hat, nimmt nach anfänglicher Ablehnung als Leitmotiv „As Time goes by” von Herman Hupfeld. Der Schlagzeuger und Sänger Dooley Wilson, der für diese Rolle extra Klavierspielen lernen musste, vertont diesen Song und die anderen für den Film und baut den romantischen Ton des Films mit auf. Auch andere bekannte Stücke der Zeit werden eingebaut und „Knock on Wood“ von Maurice K. Jerome extra dafür komponiert. Mit dieser gelungenen Mischung des kunterbunten Drehbuchs, dem Bezug zur damaligen Zeit und den sich wunderbar anschmiegenden formalen Mitteln fand am 26. November 1942 die Premiere statt. Mit einem Drehbudget von 950.000 Dollar, vor allem bei den Starpreisen haben sie versucht zu sparen und sich deshalb die unbekanntere Ingrid Bergman ausgeliehen, konnte es bei der Erstverwertung bereits vier Millionen US-Dollar einnehmen. Leider erschien der Film erst zehn Jahre später in Deutschland, wurde dabei radikal gekürzt und die gesamte Story verändert: Hierfür wurde der Nazi-Gegner Laszlo in einen gehetzten Erfinder von obskuren Delta-Strahlen verwandelt, doch das Fernsehen machte dann endlich dem deutschen Publikum die richtige Fassung zugänglich.

Claude Rains, Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid
© Collection Christophel

Die Regie übernahm, nachdem auch Howard Hawks und William Wyler im Gespräch dafür waren, der in Budapest geborene Regisseur Michael Curtiz (1886-1962). Dieser hatte bereits in Ungarn und Österreich viele Filme gedreht und fertigte dann in Hollywood solide Industrieproduktionen an. So war „Casablanca“ bereits sein 126. Film, aber nur für diesen sollte er jemals einen Oscar unterhalten, obwohl er mit Filmen wie „Solange ein Herz schlägt“ (1945) und „Yankee Doodle Dandy“ (1942) Schauspielern zu ihren Oscars verhalf. Der Regisseur Curtiz war während seiner Karriere bei Warner in vielen Genres unterwegs, So setzte er Musicals, Film Noirs, Komödien, Western, Kriegs- und Monumentalfilme um. Vielleicht war es genau dieses geschickte, genre-übergreifende Händchen, das ihm bei der routinierten Umsetzung von „Casablanca“ half. Gerade wenn man bedenkt, dass das Drehbuch während der Dreharbeiten entstand, wirkt die Inszenierung in sich geschlossen und wunderbar unprätentiös. So war die getroffene Wahl des Regisseurs und dessen Oscarauszeichnung für diesen Film gelungen und ehrt diesen vielseitigen Mann mit einem Klassiker, der diesen Status bereits zu dessen Lebzeiten erhielt.

Humphrey Bogart und Peter Lorre

Drei Monate lang wurden die richtigen Darsteller für den Film gesucht. Für die männliche Hauptrolle war Humphrey Bogart (1899-1957) die erste Wahl. Im Jahr zuvor ist er mit „Die Spur des Falken“ (1941) international bekannt geworden und durfte in „Casablanca“ seine erste romantische Rolle spielen und gleichzeitig mit dem Zynismus seiner früheren Rollen verbinden. Trotz erfolgreicher Filme wie „The Big Sleep“ (1946) und „African Queen“ (1951) wird dieser Film für immer als sein größter Erfolg gelten und er mit dieser Rolle im Gedächtnis bleiben. Genau das gleiche gilt auch für seinen Gegenpart, gespielt von Ingrid Bergman (1915-1982), die mit ihrem rauchigen Charme perfekt in die Rolle passt. Sie war fünf Zentimeter größer als Bogart und die Erhöhungshilfen, die er verwenden musste, sind heute immer noch Stoff für Anekdoten. Für die Zeit des Drehs wurde die Schauspielerin, welche erst 1939 von Schweden nach Hollywood gekommen ist und als etwas eigenwillig galt, von MGM an Warner ausgeliehen. Dies war für Warner finanziell günstiger, als Hedy Lamarr oder Michèle Morgan, welche in der engeren Auswahl standen, zu engagieren. Die Wahl Bergmans zusammen mit Bogart verleiht dem romantischen Teil des Films die nötige Kraft und wohl jeder Zuschauer erfreut sich an den knackigen Dialogen der beiden. Doch nicht nur die beiden Hauptdarsteller überzeugen in ihren Rollen, sondern der gesamte Cast trägt viel zur Wirkung bei. Ungewöhnlich ist dabei die für Hollywood internationale Besetzung und auch das Engagement vieler jüdischer Schauspieler und Crew-Mitglieder, die bei diesem Projekt mitgewirkt haben, fällt auf. Darsteller wie Paul Henreid, Conrad Veidt („Das Kabinett des Doktor Caligari“ (1920)), S.Z. Salkall und Peter Lorre („M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931)) waren erst kurz zuvor aus Europa geflohen und spielten ihre Rollen und auch die Bösewichte mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und Professionalität. Das Ensemble gehörte auf jeden Fall zu den Faktoren, die den Zauber von „Casablanca“ ausmachen, und die sich unglaublich souverän in dieser künstlichen Kulisse und überdrehten Geschichte bewegen.  

Sydney Greenstreet und Humphrey Bogart

Viele Autoren u.a. Umberto Eco in seinem Essay „Casablanca oder die Wiedergeburt der Götter“ (1975) haben sich gefragt, warum „Casablanca“ zu diesem absoluten Kultfilm wurde. Zu der damaligen Zeit war das mit der geringen Ausbeute bei den Filmfestivals und dem nur sechsten Platz im National Board of Review 1943 nicht absehbar gewesen. Doch in den folgenden Jahren wurde der Film immer mehr zu einem Muss der Filmgeschichte. Nicht nur, dass er das damals aktuelle Geschehen, wie auch „Der große Diktator“ (1940) von Charles Chaplin und „Mrs. Miniver“ (1942), kommentiert und eine Kampfansage machte, sondern auch die witzigen Dialoge, die heute immer noch als Zitatenquelle dienen, die artifizielle Gestaltung und die äußerst gelungene Mixtur aus Drama, Komödie und Thriller machen „Casablancas“ Charme aus und prägten für immer das Bild Humphrey Bogarts und Ingrid Bergmans. Als die Amerikaner 1998 nach den Top 4 der Filmgeschichte gefragt wurden, landete der Film auf Platz 2 nach Orson Welles’ „Citizen Kane“ und wird wohl auch in Zukunft in allen Best-Of und Must-See-Listen seinen Platz finden.            

Humphrey Bogart und Dooley Wilson

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Casablanca“ gewann auf der 16. Oscarverleihung von acht Nominierungen drei der begehrten Trophäen. Zu diesem Zeitpunkt konnte keiner ahnen, dass dieses zum ’Besten Film’ gekürte Thriller-Drama mit einer großen Portion Romantik und Humor zu einem zeitlosen Klassiker werden würde. Die Darsteller haben sich in die Herzen jeder Generation gespielt, die Künstlichkeit der Kulisse mit dem Hintergrund des realen Schrecken sind ein Portrait der Zeit in vielerlei Hinsicht und mit Sicherheit hat jeder schon mal ein „Casablanca“-Zitat gehört. Allen zusammen verdankt der Film seine enorme Wirkung und lädt zum immer wieder Anschauen ein.    

Bewertung: 8/10

geschrieben von Doreen Matthei

Trailer zum Film „Casablanca“:

Quellen:

  • Spiegel Online, ‚Casablanca ist die schönste Schnulze‘, spiegel.de, 2002 
  • Wikipedia-Artikel zum Film „Casablanca
  • Wikipedia-Artikel zum Regisseur Michael Curtiz
  • ScreenPrism, ‚What’s So Great About Casablanca? Ask a Film Professor.‘, youtube.com, 2016 
  • Brüne, Klaus: Lexikon des internationalen Films, Band 1 A-C, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg,1991.
  • Ingrid Bergmann – ein Leben in Bildern, München Schirmer Moser Verlag, München, 2013.
  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.
  • Müller, Jürgen: Filme der 50er, Taschen, Köln, 2018.
  • Krusche, Dieter: Reclams Filmführer, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2003.
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme die sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms AG, Zürich, 2013.
  • Koebner, Thomas: Filmklassiker, Band 1, 1913-1945, Philipp Reclam junior, Stuttgart, 2006.
  • Umberto Eco: Über Gott und die Welt : Essays und Glossen, Dt. Taschenbuch-Verlag, München, 1992.
  • Miller, Frank: Casablanca – Mythos und Legende eines Kultfilms, Wilhelm Heyne Verlag, München, 1992.

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

 

2 Gedanken zu “„Casablanca“ (1942)

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.