Fünf Fragen an Faraz Arif Ansari

Interview: Im Gespräch mit dem indischen Filmemacher Faraz Arif Ansari konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Sisak“, der im Programm ‚Queer-Streifen‘ auf der Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg lief, erfahren und darüber, wie fast unmöglich die Produktion seines Films war, da Indien gegenüber Homosexualität einen radikalen Standpunkt vertritt.

The original english language interview is also available.

Faraz, warum hast Du Dich dafür entschieden Deinen Kurzfilm „Sisak“ zu realisieren und was bedeutet der Titel des Films?

‚Sisak‘ ist ein Urdu-Wort. Es beschreibt einen stillen, nagenden Schrei, der in der Brust steckt und sich nicht manifestieren kann. Das Gefühl des Wortes definiert wirklich die Hilflosigkeit einer Generation von queeren Menschen in Indien, die unter einem Kolonialgesetz leiden, das von den Briten nach Indien gebracht wurde, und seit mehr als 70 Jahren in Indiens Unabhängigkeit anhält, das Homosexualität zu einem Verbrechen und einer strafbaren Handlung macht. Nach vielen Jahrzehnten des Kampfes wurde das Gesetz im September 2018 schließlich abgeschafft, aber der Schaden, den es in den Herzen der Bevölkerung angerichtet hat, wird nicht so schnell schwinden. Homosexualität gilt in Indien immer noch als großes Tabu. Menschen werden aus ihren Häusern geworfen, finden keine Arbeit und werden manchmal brutal ermordet, weil sie schwul sind. „Sisak“ ist eine Widmung an all die stillen, unausgesprochenen Liebesgeschichten, die aus vielen Gründen und Phobien – sowohl intern als auch extern – nie einen Weg gefunden haben, sich selbst zu vollenden. Obwohl „Sisak“ oberflächlich gesehen eine Liebesgeschichte ist, ist es mehr als das, wenn man genau hinsieht. Es ist ein Schrei der Hilflosigkeit, es ist eine Sehnsucht nach Liebe, nach Liebe, zur Liebe, um geliebt zu werden. 

Kannst Du uns mehr zu dem Verhältnis von Indien zur Homosexualität erzählen. Das war ausschlaggebend für Deinen Kurzfilm, oder?

Ich denke, alle Kunst ist soziokulturell und politisch. Die Verbindung des Kinos als Medium, das genutzt wird die Dogmen der Gesellschaft widerzuspiegeln, ist entscheidend, und man muss ständig Wege und Mittel finden, um das Medium zu erkunden und voranzutreiben, um Geschichten zu erzählen, die relevant sind und keine Stimme im Mainstream finden werden. Das Kino muss diejenigen feiern, die keine Stimme haben oder nicht im größeren Rahmen sprechen. Indiens Verständnis von Homosexualität und die damit verbundenen Dogmen werden durch „Sisak“ in Frage gestellt – eine sanfte Geschichte der Liebe wirft Fragen auf, die sowohl politischer als auch gesellschaftlicher Natur sind. Wie kann Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen ein Verbrechen sein? So einfach ist das. 

Die schwierige Situation in Indien bedingte die heimlichen Dreharbeiten. Davon möchte ich gern mehr erfahren. Wie habt ihr das Projekt realisiert und wie lange habt ihr dafür gebraucht?

Abgesehen von der schrecklichen Situation in Indien in Bezug auf Homosexualität sahen wir uns auch bei der Produktion nicht unterstützt. Wir hatten niemanden, der in den Film investieren wollte, weil es ein queerer Film ist. Wir wollten den Film machen und so mussten wir einen Weg finden, ihn zu realisieren. Wir hatten keine finanziellen Mittel, um die Erlaubnis zu erhalten, im Nahverkehrssystem von Mumbai zu drehen, also beschlossen wir, die Kameras in den Rucksäcken zu verstecken, Löcher für die Objektive zu machen, damit sie heraus filmen konnten, und den Film durch das Verstecken der Kamera in den Rucksäcken aufzunehmen. Es war ein absolutes Abenteuer. Wir wurden am letzten Drehtag fast von der Polizei erwischt, aber zum Glück sind wir entkommen! Wir drehten den kompletten Film in einer Rekordzeit von sechs Stunden, über einen Zeitraum von zwei Nächten. 

Ich stelle mir es schwierig vor, für diesen Film die Darsteller zu finden. Hatten sie keine Angst vor ihrer Reputation oder eine Stigmatisierung?

Jitin Gulati und Dhruv Singhal

Die Schauspieler, mit denen ich arbeiten wollte, zogen sich fünf Tage vor dem Dreh zurück, weil sie Angst hatten, queere Charaktere auf dem Bildschirm zu spielen. Es war ziemlich traurig, denn technisch gesehen berühren sie sich im Film nicht einmal gegenseitig oder sprechen miteinander. Aber ich schätze, sie hatten ihre Gründe. Wir mussten fünf Tage vor Drehbeginn neue Schauspieler finden. Glücklicherweise half Facebook mir, die Schauspieler zu finden, die letztendlich Teil des Films waren. Die beiden Schauspieler, Jitin Gulati und Dhruv Singhal, waren sich bewusst, worauf sie sich einlassen und wollten den Film unterstützen. Sie waren absolut verliebt in den Film. Ich bin so sehr dankbar, dass ich sie im Film hatte. Sie sind zwei wunderbare Schauspieler, mit denen man zusammenarbeiten kann. Wir hatten Glück! 

Kannst Du zum Schluss noch mehr von Dir erzählen? Du hattest die Chance in Amerika zu leben, hast Dich aber entschieden zurückzukehren. Warum? Du hast schon viel Erfahrung beim Film gesammelt, aber „Sisak“ ist Dein erster eigenständiger Film?

Ich entschied mich, nach Indien zurückzukehren, weil ich erkannte, dass niemand überhaupt einen Versuch unternimmt, queeres Mainstream-Kino zu machen, was meiner Meinung nach die Notwendigkeit des Tages ist. Mir ist klar, dass das Kino ein Medium ist, das die Herzen verändern und den Dialog mit einer riesigen Bevölkerung auf einmal eröffnen kann. Filmemacher zu sein ist so mächtig, wie der Premierminister eines Landes zu sein, wenn man das erkennt und das Medium weise nutzt, um Veränderungen herbeizuführen. Und der Wandel wird kommen. Alles, was wir brauchen, ist es dran zu bleiben, fleißig zu arbeiten und darauf zu warten, dass sich die Dinge ändern. Der Wandel ist die einzige Konstante. Aber dafür müssen wir es weiter versuchen. Ich bin froh, das zu tun – hoffentlich werden mehr Menschen, die sich noch verstecken oder wegen ihrer Sexualität Angst vor ihrer Zukunft, ihren Träumen und ihrer Liebe haben, den Mut finden, ihr Coming Out zu haben und ihre Träume und ihr Leben in vollen Zügen zu leben. Kino kann sehr heilsam sein. 

Wie wird es bei Dir weitergehen? Welche nachfolgende Projekte stehen an? 

Dhruv Singhal und Jitin Gulati

Mein nächster Kurzspielfilm trägt den Titel „Sheer Khurma“ (ein Dessert, das speziell für das Opferfest Eid zubereitet wird). Der Film handelt von starken, mutigen, widerstandsfähigen, queeren Women of Colour und wie sie danach streben, Akzeptanz und Liebe in einer Gesellschaft zu finden, die durchdrungen ist von der Ansicht, Liebe eine Sünde zu nennen. Der Film hat nur weibliche Protagonistinnen, eine Premiere für einen indischen Film. Nach „Sheer Khurma“ plane ich, meinen ersten Spielfilm über eine Trans-Frau zu drehen. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Sisak


Interview: In our interview with the Indian filmmaker Faraz Arif Ansari, we learned more about his short film „Sisak„, which was shown in the ‚Queerstreifen‘ programme at the International Short Film Week Regensburg, and about how almost impossible it was to produce his film, since India takes a radical stand against homosexuality.

Faraz, why did you decide to make your short film „Sisak“ and what does the title of the film mean?

‚Sisak‘ is an Urdu word, which means, a silent, gnawing cry that is stuck inside the chest and is unable to manifest itself. The feeling of the word truly defines the helplessness of a generation of queer folks in India who have been suffering a colonial law brought into India by the Britishers and has stuck around for more than 70 years of India’s independence that makes homosexuality a crime and a punishable offence. After many decades of struggle the law was finally struck down in September 2018 but the damage that it has caused in the hearts of the populous won’t dwindle away so soon. Homosexuality is still considered a huge taboo in India. People are thrown out of their homes, don’t find employment and sometimes, brutally murdered because they are queer. „Sisak“ is a dedication to all the silent, unsaid love stories that have never found a way to complete themselves because of many reasons and phobias — both internal and external. Although, on the surface, „Sisak“ is a love story, it is more than that, if you look closely. It is a cry for helplessness, it a longing for love, to love, to be loved. 

Can you tell us more about India’s relationship to homosexuality? That relationship was important for your short film, wasn’t it?

I think all art is social and political. The relationship of cinema being used as a medium to mirror the dogmas of the society is crucial and one must constantly find ways and means to keep exploring and pushing the medium to tell stories that are relevant and won’t find a voice in the mainstream. Cinema must celebrate the ones who do not have a voice or say in the larger scheme of things. India’s understanding of homosexuality and the dogmas attached to it is what is questioned through „Sisak“ — a gentle tale of love raises questions that are both political and social in nature. How can love between two consenting adults be a crime? As simple as that. 

The difficult situation in India caused the secret shooting. I would like to know more about that. How did you realize the project and how long did it take?

Other than the dreadful situation in India with regards to homosexuality, we also faced a lack of support when it came to production. We did not have anyone who wanted to invest in the film because it is a queer film. We wanted to make the film and so we had to find a way to make it happen. We didn’t have funds to get permissions to shoot in the Mumbai local train system, so we decided to hide the cameras in the backpacks, make holes for the lenses to come out and shot the film through hiding the camera in the backpacks. It was an absolute adventure. We were almost caught by the cops on the last day of shoot, but luckily, we escaped! We shot the entirely film in a record of 6 hours, over a period of two nights. 

I imagine it difficult to find the actors for this film. Weren’t they afraid of their reputation or stigmatization?

The actors I wanted to work with, backed out 5 days before shoot because they were afraid of playing queer characters on screen. It was quite sad because technically, in the film, they don’t even touch each-other or speak to each-other. But I guess, they had their reasons. We had to find new actors five days before shoot. Luckily, Facebook helped in finding me the actors that ended up being a part of the film. Both the actors, Jitin Gulati & Dhruv Singhal, were aware of what they were getting into and wanted to support the film. They were absolutely in love with the film. I am so very thankful to have had them in the film. They are two very wonderful actors to work with. We lucked out! 

Can you tell more about yourself in the end? You had the chance to stay in America, but you decided to return. Why? You have already gained a lot of experience in film, but is „Sisak“ your first independent film?

I decided to come back to India because I realised that no one is even making an attempt to make mainstream queer cinema, which according to me, is the need of the day. I realise that cinema is a medium that can change hearts and open dialogues with a huge populous of people, at once. Being a filmmaker is as powerful as being the Prime Minister of a country, only if you realise that and use the medium wisely to bring in change. And change will come. All we need to stick around, work diligently and wait for things to change. Change is the only constant. But for that, we have to keep trying. I am happy to be doing that — hopefully, more people who are in the closet or are fearful of their future, their dreams and their love because of their sexuality, will find the courage to come out and life their dreams and lives to the fullest. Cinema can be very healing. 

How will it continue with you? Which subsequent projects are on the agenda?

My next short feature film, is titled, Sheer Khurma (A dessert prepared especially for Eid festivities) The film is about strong, courageous, resilient, queer women of colour and how they strive to find acceptance and love in a society that is ridden with calling love to be a sin. The film has only female protagonists, a first for an Indian film. After Sheer Khurma, I plan to make my first feature film about a transgender woman. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Sisak

2 Gedanken zu “Fünf Fragen an Faraz Arif Ansari

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