Fünf Fragen an Martina Scarpelli

Interview: Im Gespräch mit der italienischen Filmemacherin Martina Scarpelli konnten wir uns über ihren Kurzfilm „Egg“, der auf dem 31. Filmfest Dresden im Internationalen Wettbewerb gewonnen hat, unterhalten. Sie erzählt uns dabei mehr über die Entstehung des Films, wie sie ihren Animationsstil fand und wie wichtig die Narration bei diesem Projekt war.

The original english language interview is also available.

Deine eigene Biographie hat viel dazu beigetragen, dass Du Deinen Film „Egg“ realisiert hast, richtig? Kannst Du mir zur Entstehung des Films erzählen? 

Ja, „Egg“ ist ein animierter Kurzfilm, der auf einem kleinen, aber wichtigen Moment meines eigenen Lebens basiert. Es wurde durch den alten Glauben inspiriert, dass das Essensvergnügen durch Berührung entsteht und nicht durch den Geschmack, denn das Vergnügen entsteht durch den Kontakt der Nahrung mit den Wänden der Kehle. 

Im Jahr 2013 leiteten der Drehbuchautor Les Mills und die Regisseurin Joanna Quinn einen Workshop am Experimental Centre of Cinematography in Italien, wo ich studierte. Sie baten uns, 500 Wörter über einen Wendepunkt in unserem Leben zu schreiben und in wenigen Tagen einen Rohschnitt zu schneiden. Es ist einfach passiert. Ich sah seltsame Szenen in meinem Kopf und dachte, es sei eine aufregende Geschichte zu erzählen. Das Grundkonzept des Films, einige Style-Notizen und die wichtigsten Sequenzen waren bereits vorhanden. Aber ich fühlte mich sehr unwohl dabei, es anderen vorzulesen, so dass der erste Entwurf des Films sehr abstrakt war. Drei Jahre später drehte ich den Film. Die Geschichte änderte sich nie wirklich, aber die Inszenierung tat es. Es ist immer noch unheimlich und ziemlich beunruhigend, aber es wurde persönlicher, weniger ernst und ein wenig albern. 

Erzähl mir mehr zu dem gewählten Animationsstil. Besonders auffällig ist die starke Kontrastzeichnung zwischen Schwarz und Weiß und Rund und Eckig.

Ich denke normalerweise, dass der Stil eines Films dazu da ist, eine Idee, eine Geschichte zu unterstützen und zu erweitern. Im Falle von „Egg“, eine vergiftete Liebe, eine attraktive Krankheit, ein tiefes Gefühl von Vergnügen und Schmerz. Kontraste waren also in vielerlei Hinsicht ein Schlüsselelement in diesem Film. 

Ich wollte immer, dass der Film sowohl obsessiv sauber als auch leicht ekelhaft ist. Am Anfang leer und rein, am Ende sinnlich, dunkel und unangenehm. 

Ich wollte, dass der Würfel kantig, spitz, stabil und präsent ist. Und das Ei einfach ärgerlich gerundet. Vertraut und doch beängstigend. Ich weiß, dass es Übertreibung ist, aber es funktioniert gut, denn die Animation ist in der Tat konstruiert, sie ist Fiktion. Die Frau ist eine Zeichnung, weit weg von der Realität, so dass man sie ohne die Abstoßung oder das Mitleid sehen kann, das man empfindet, wenn man echte Aufnahmen von jemandem sehen würde, der an Hunger stirbt.

Animation ist großartig, weil die Menschen ihr Bedürfnis nach Realismus aus Gründen der Freude opfern und sich mit dem Film beschäftigen. Ich meine, die Wände meines Hauses haben sich offensichtlich nie wirklich bewegt, ich habe das Ei nicht in einem Stück geschluckt, und ich bin auch nicht in der Wohnung versunken. Das passiert, weil das Mädchen eine Zeichnung ist. 

Speziell zu der Figur: Wie kam es zu der Wahl einer älteren Frau mit einem asiatischen Aussehen?

Oh, es war keine Entscheidung. Ich meine, das Charakterdesign hat eine japanische Inspiration, die deutlich zum Vorschein kommt. Ich bin in der Tat ein Fan von der Arbeit von Taiyō Matsumoto, aber es war nie meine Absicht, diesem Charakter eine klare Zugehörigkeit zu irgendeiner Zeit oder einem Ort zu geben. Ich wollte nur, dass es eine Frau in meinem Alter ist, mit der sich so viele Menschen wie möglich identifizieren können. Ich habe sie immer so gezeichnet, wie sie ist.

Wie bist Du die sprachliche und tonale Umsetzung angegangen? Was war Dir dabei wichtig?

Sehr wichtig. Es war das erste, was ich tat. Und das letzte. Ich habe zuerst die Narration geschrieben. Dann habe ich es einige Male überarbeitet, während ich das Filmbild und das Drehbuch entwickelte. Ich habe Wörter hinterfragt und Dinge an der Narration bis zum letzten Tag der Bearbeitung geändert. Auch nachdem Animation und Ton fertig waren.

Ich schrieb den ersten Entwurf der Narration auf italienisch und sie fühlte sich für mich immer zu dramatisch an. Tonal änderte sich der Film drastisch, nachdem wir die erste englische Übersetzung bearbeitet hatten. Es klang leichter, der Rhythmus war besser und die Sätze kürzer, da ich endlich etwas Luft, einige Pausen hatte, ohne die Kraft der Worte zu verlieren. Es half sehr viel.

Kannst Du mir zum Schluss mehr von Dir erzählen? Welche nachfolgende Projekte sind schon geplant?

Ich entwickle eine sehr ambitionierte, animierte Oper namens „Psychomachia“, in der eine Gruppe von Archetypen, die jeweils einen Laster oder eine Tugend darstellen, zu einer mysteriösen Beerdigung an einem unbekannten Ort eingeladen werden und gebeten werden, etwas mitzubringen. Sie wissen nicht, wer tot ist und wer sie einlädt. Sie wissen, dass es großartig werden wird.

Das werde ich sowohl für Kinos als auch für Theater mit Live-Gesang, Live-Musik und animierten Schauspielern anbieten. Es wird episch, barock, zynisch und extrem albern sein. Es ist eine dänisch-deutsche Koproduktion, produziert von Late Love Production in Dänemark und Fabian & Fred in Deutschland. Ich bin sehr aufgeregt. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Egg


Interview: In conversation with the Italian filmmaker Martina Scarpelli we could talk about her short film „Egg„, which won the International Competition at the 31st Filmfest Dresden. She tells us more about the making of the film, how she found her animation style and how important narration was in this project. 

Your own biography contributed a lot to you making your film „Egg„, right? Can you tell me about the origins of the film? 

Yes, „Egg“ is an animated short film based on a small yet significant moment of my own life. It was inspired by the ancients belief that food pleasure comes by touch and not by the taste, because pleasure is created by the contact of the food with throat’s walls. 

In 2013 script writer Les Mills and director Joanna Quinn were leading a workshop at Experimental Centre of Cinematography in Italy, where I was studying. They asked us to write 500 words about a turning point in our life, and to edit a rough cut in few days. It just happened. I saw fey scenes in my head and I thought it was an exciting story to tell. The main concept of the film, some style notes and the most important sequences were already there. But I felt very uncomfortable reading it to others, so that first draft of the film was very abstract. Three years later, I made the film. The story never really changed but the staging of it did. It is still uncanny and quite disturbing, but it became more personal, less serious, and a bit silly. 

Tell me more about the chosen animation style. Especially striking is the strong contrast between black and white and round and square.

I normally think the style of a film is there to support, and expand an idea, a story. In the case of „Egg„, a poisoning love, an attractive sickness, a deep sense of pleasure and of pain. So contrasts has been a key element in this movie in many ways. 

I always wanted the film to be both, obsessively clean and slightly disgusting. Empty and pure at the beginning, sensual, dark and uncomfortable at the end. 

I wanted the cube to be edgy, pointy, stable, present. And the egg simply annoyingly rounded. Familiar and yet frightening. I know it is exaggeration, but it works well because animation is, in fact, constructed, it’s fiction. The woman is a drawing, far away from reality, so you can see her without the repulsion or pity you might feel when watching live-footage of someone who is dying of hunger.

Animation is great because people sacrifice their need of realism for the sake of enjoyment, engaging with the film. I mean the walls of my house obviously never really moved, I didn’t swallow the egg in one piece, and also I didn’t sink in the apartment. 

This happens because the girl is a drawing. :-) 

Talking specifically about the character: How did it come to the choice of an older Asian woman?

Oh, it wasn’t a choice :-) I mean the character design has some japanese inspiration, that clearly comes out. I am in fact a fan of Taiyō Matsumoto works, but it has never been my intention to give this character a clear belonging to any time or space. I just wanted it to be a woman my age, that as many people as possible could identify with. I always drew her like it is. 

How did you approach the linguistic and tonal implementation? What was important to you?

Extremely important. It was the first thing I did. And the last. I wrote the voice over first. Than I reworked it few times while developing the film visuals and script. I have been questioning words and changing things on the voice over until the last day of editing. Even after the animation and sound was all done. 

I wrote the first draft of voice over in Italian and I always felt it was too dramatic. The film tone changed drastically after we edited the first english translation. It sounded lighter, the rhythm was better, and sentences shorter, as I finally had some air, some breaks, without losing any power of the words. It helps a lot.

Can you tell me more about yourself at the end? Which subsequent projects are already planned?

I am developing a very ambitious animated Opera called „Psychomachia“ where a group of archetypes, each representing a Vice or a Virtue, are invited for a mysterious funeral, at an unknown location, and are asked to bring something. They don’t know who is dead, nor who is inviting them. They know it is going to be great.

It will be for both cinemas and theatres release, with live singing, live performing music and animated actors. It will be epic, baroque, cynical and extremely silly. It is a Danish-German co-production, produced by Late Love Production in Denmark and Fabian & Fred in Germany :-) I am very excited. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Egg“ 

3 Gedanken zu “Fünf Fragen an Martina Scarpelli

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.