„Der Clou“ (1973)

1974 / 46. Oscarverleihung / 10 Nominierungen / 7 Auszeichnungen

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „Der Clou“ (OT: „The Sting“, USA, 1973) war auf der 46. Oscarverleihung 1974 der große Abräumer. Während er sich noch an den Kinokassen mit seinem großen Konkurrenten „Der Exorzist“ von William Friedkin messen musste, war es bei der Vergabe ganz deutlich der Sieger. Er wurde in zehn der sechzehn Kategorien nominiert und konnte davon sieben Preise gewinnen u.a. setzte er sich als ‚Bester Film‘ durch gegen „Der Exorzist“ und George Lucas’ „American Graffiti“. Aus heutiger Sicht stellt es ein kleines Rätsel dar, wie diese Gaunerkomödie, welche zwar mit Paul Newman und Robert Redford hervorragend besetzt wurde, solch eine Begeisterungswelle sowohl an den Kinokassen als auch bei den Academy Awards auslösen konnte. Doch mit diesem Film gewann seit 1931 wieder einmal Universal den Hauptpreis und mit der Firma zusammen das erste Mal ein unabhängiges Produzententeam, so dass es heute auch als Triumph des New Hollywoods angesehen wird.     

Robert Redford und Paul Newman

Nachdem Johnny Hooker (Robert Redford) und sein erfahrener Kollege Luther Coleman (Robert Earl Jones) ausgerechnet den Boten des Gangsterboss Doyle Lonnegan (Robert Shaw) mit einem Taschentrick um 11.000 Dollar erleichtert haben, landen sie schnell auf seiner Abschussliste. Hooker fürchtet um sein Leben, flüchtet aus der Stadt und sucht Luthers ehemaligen Partner Henry Gondorff (Paul Newman) auf. Dieser ist mächtig dem Alkohol zugetan, hat aber noch den ein oder anderen Trick auf Lager. Zusammen ersinnen sie einen Clou, der Lonnegan lahmlegen soll und stellen dafür eine Crew zusammen. 

Robert Redford, Harold Gould, Paul Newman, Ray Walston und John Heffernan

Der Drehbuchautor David S. Ward (*1945) schrieb diese Buddy-Trickbetrüger-Komödie und gewann dafür den Oscar für das ‚Beste Original-Drehbuch‘. Bei der Entwicklung seines Drehbuchs bezog er sich auf „The Big Con – das Schwindelprinzip“ (1940) von David Maurer. Dieser beschäftigte sich mit bekannten Betrugsmethoden. Ward übernahm dabei die gängigen Schritte des ‚Big Con‘ für seinen Film und entsprechend gliederte er ihn in sechs Kapitel. Damit es besonders überzeugend wirkt, wurden Paul Newmans Hände vom Falschspielexperten John Scarne gedoubelt. Doch die ganze Geschichte ist vor allem ein schöner Schein, um Robert Redford und Paul Newman nach „Zwei Banditen“ (1969) wieder zusammen spielen zu lassen. Etwas zu kompliziert und aufgeblasen wirkt das Drehbuch, das sich zwar Zeit für die einzelnen Schritte des Clous lässt, aber es so inszeniert, dass der Zuschauer es nicht durchschauen kann. Dies wurde in späteren, trickreichen Heist-Movies wie „Oceans Twelve“ (2004) und „Logan Lucky“ (2017), beide von Steven Soderbergh, übernommen. Das Subgenre spielt dabei absichtlich mit der Unwissenheit und Wahrnehmung der Zuschauer. Bei diesem ist es sogar so, dass wenn man genauer hinschaut, einige Details nicht unbedingt logisch sind oder nur als reine Placebos eingesetzt wurden. Doch das interessierte das damalige Publikum nicht, denn der Film liefert wunderbare Unterhaltung, vor allem wenn man den beiden Hauptdarsteller gerne bei ihrem Zusammenspiel zuschaut.

Paul Newman und Robert Redford

Vor allem in den Nebenkategorien räumte „Der Clou“ ab und gewann bei der 46. Oscarverleihung, welche am 2. April 1974 im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles unter der Moderation von gleich vier Moderatoren, John Huston, David Niven, Burt Reynolds und Diana Ross, stattfand, vier der sechs nominierten Oscars in technischen Kategorien: ‚Beste Ausstattung‘, ‚Bestes Kostümdesign‘, ‚Beste Filmmusik‘ und ‚Bester Schnitt‘. In den Kategorien ‚Bester Ton‘ und ‚Beste Kamera‘ ging der Oscar an die Konkurrenzfilme. Dass sich der Film so einer hohen Beliebtheit erfreute, lag gewiss auch an der formalen Umsetzung. Stets mit einem Augenzwinkern und mit viel Leichtigkeit wurde hier ein Chicago der 30er-Jahre kreiert, das es so nie gegeben hat. Es war dabei nicht geplant, eine vergangene Epoche zu rekonstruieren, sondern hier wurde ein Fantasieprodukt aus historischen Versatzstücken geschaffen. Mit einem Spiegeltrick-Verfahren wurde die Skyline des alten Chicagos in den Außenaufnahmen hinzugefügt. Der Kameramann Robert Surtees arbeitete dabei viel mit den passenden Farben, die den matten Glanz der alten Welt einfangen sollten. Dies wurde auch bei den Zwischentiteln umgesetzt: Diese bedienen, angelehnt an die in den 30 Jahren populären Artworks der ‚The Saturday Evening Post‘, ebenfalls ein starkes Retrogefühl. Der Film bietet so im Gesamten dem Zuschauer eine saubere Bilderbuch-Unterwelt an, die den richtigen Charme versprüht, stark romantisiert ist und den beiden Hauptdarstellern die atmosphärische Umgebung schuf. Auch die Kostüme passten sich stimmig den Hauptdarstellern und der Künstlichkeit der Szenerie an. Die Designern Edith Head, die in ihrer Karriere bisher acht Oscars u.a. auch für „Alles über Eva“ (1951) erhielt, sagte bei ihrer Oscar-Dankesrede nur kurz und knapp: „Just imagine dressing the two handsomest men in the world and then getting this. I simply couldn’t be more happy or more grateful, and thank you all so much.“ (Übersetzung: „Stell dir vor, du kleidest die beiden hübschesten Männer der Welt ein und bekommst dann das hier. Ich könnte einfach nicht glücklicher oder dankbarer sein, und ich danke euch allen vielmals.“). Für die „Beste Filmmusik“ wurde Marvin Hamlisch ausgezeichnet. Auch die verschreibt sich dem allgemeinen Retro-Charme und verwendet die Kompositionen des Ragtime-Komponisten Scott Joplin (1868-1917). Die Idee kam dazu schon dem Drehbuchschreiber, der sich während des Schreibens viel Blues-Musik aus den 30er und 40er Jahren angehört hat. Hamlisch machte den in Vergessenheit geratenen Joplin wieder populär und Stücke wie ‚The Entertainer‘ kennt man bis heute. Vermutlich wird jeder Filmfan die Musik Joplins mit dem Film, welcher dadurch eine angenehme Leichtigkeit bekommt, verbinden und sodass sich diese so ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt hat.

Robert Shaw

Der amerikanische Regisseur George Roy Hill (1921-2002) wurde mit seinem Hit „Zwei Banditen“ (OT: „Butch Cassidy and the Sundance Kid“, 1969) berühmt und verhalf den beiden Darstellern Robert Redford und Paul Newman zu Ruhm. Vier Jahre später brachte er die beiden Darsteller erneut zusammen und erfüllte sich damit einen Traum, da er nach eigenen Aussagen so viel Spaß am Set mit den beiden hatte, den er jetzt wieder erleben wollte. Insgesamt hat der Regisseur 14 Filme realisiert und beendete seine Karriere mit „Funny Farm“ im Jahr 1988. Seine größte Erfolge werden immer „Zwei Banditen“, „Der Clou” und der spätere „Garp und wie er die Welt sah“ (1982) bleiben. In „Der Clou“ hat er sich einem lockeren Erzählstil und mit seinem souveränen Handwerk ganz den beiden Darstellern verschrieben, welche die Geschichte mühelos tragen. Für diese fast zurückhaltende Inszenierung erhielt er seinen einzigen Oscar für die ‚Beste Regie‘.           

Robert Earl Jones und Robert Redford

Die Inszenierung, die Geschichte selbst sowie Set und Ausstattung, schmiegen sich alle an die beiden Schauspielern an. So war schnell klar, dass Robert Redford die Hauptrolle in dieser Gaunerkomödie übernehmen sollte. Nur was seinen Gegenpart anging, war man sich lange unsicher, ob man Paul Newman (*1925) so eine relativ kleine Rolle überhaupt anbieten könne. Da er aber selbst viele positiven Erfahrungen bezüglich des letzten Drehs mit Hill und Redford hatte, entschied er sich die Rolle des älteren Trickbetrügers anzunehmen und das Beste aus ihr herauszuholen. Er spielt diese Rolle überzeugend, wurde bei den Oscarnominierungen aber nicht bedacht. Im Gegensatz dazu stand Robert Redford (*1936) auf der Liste der Nominierten für den ‚Besten Hauptdarsteller‘, doch der Preis ging an Jack Lemmon für „Rettet den Tiger“ (OT: „Save the Tiger“, 1973). Nach eigenen Aussagen war er froh darüber, dass er ihn nicht erhalten hat und hat sich selbst den Film bis 2004 nie angeschaut. Robert Redfords Karriere begann 1960, bekannt wurde er durch „Barfuss im Park“ (1967) und „Zwei Banditen“. Um nicht auf ein gleichbleibendes Image festgelegt zu werden, sah man ihn in vielen Rollen u.a. in „Der große Gatsby“ (1974)  und entschloss sich, seine Karriere mit „All is lost“ (2013) und „Ein Gauner und Gentleman“ (2018), was nach eigenen Bekundungen sein letzter Film gewesen ist, abzuschließen. Dafür gewann er 2002 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk, wurde aber nie für einen bestimmten Film mit einem Oscar geehrt. Nur als Regisseur gewann er einen Oscar und das bereits für seinen Debütfilm „Eine ganz normale Familie“ (1981). Im Laufe der Zeit kamen noch weitere acht Regiewerke dazu und er machte als linksliberaler Umweltschützer auf sich aufmerksam. „Der Clou“ stellt in seiner Karriere einen Meilenstein dar, da er dort die Rolle des charmanten Gauners, die ihn bis zuletzt verfolgte, festigte und so zum Frauenschwarm avancierte. Das leichtfüßige Spiel der Darsteller tröstet dann auch über die etwas zu zähe und für heutige Sehgewohnheiten nicht ausreichend spannende Inszenierung des 129-minütigen Films hinweg.

Doch damals, nach der Premiere am 25. Dezember 1973, war es ganz anders. Der Film spielte mehr als 160 Millionen US-Dollar ein und war der finanziell erfolgreichste Film des Jahres 1974. Er belebte das totgesagte Hollywood-Kino und frönte der Lust am Fabulieren, was sich nicht nur in der Geschichte sondern auch durch die üppige Ausstattung und den vielen Anlehnungen an die klassischen, amerikanischen Gangsterfilme deutlich wird. Das damalige Publikum liebte den Film und wurde bestens unterhalten, so dass es nicht verwundert, dass er auf der Oscarverleihung 1974 sieben Preise gewinnen konnte, wohingegen ein Genrefilm wie „Der Exorzist“ von William Friedkin keine Chance hatte. Auch wenn man das aus heutiger Sicht nicht so recht verstehen kann, sprach der damalige Erfolg Bände und machte die saloppe Unterhaltungskomödie wieder salonfähig. 

Fazit: Auf der 45. Oscarverleihung gewann die amerikanische Komödie „Der Clou“ sieben der sechzehn Preise. In zehn Kategorien war er nominiert und bewies, dass es nicht immer ein Drama sein muss, was sich zum Publikumsliebling und Oscargewinner mausern kann. Um die beiden Darsteller Robert Redford und Paul Newman wurde eine Tricksbetrugsgeschichte kreiert, die sich ins bewusst unechte Gangster-Milieu begibt. Neben vielen Referenzen auf ältere Filme wurde hier eine neue, verspielte Art des Erzählens geschaffen. Auch wenn man heute die Begeisterung nicht mehr ganz verstehen kann, war es damals ein absoluter Erfolg, brachte das klassische Hollywoodkino zurück auf die Leinwände und erklärt damit auch seinen enormen Oscarerfolg.  

Bewertung: 6/10

Trailer zum Film „Der Clou“

 

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel zur 46. Oscarverleihung 1975 
  • Trivia zum Film „Der Clou“ in der IMDb 
  • Wikipedia-Artikel des Films Der Clou 
  • Wikipedia-Artikel des Regisseurs George Roy Hill
  • Wikipedia-Artikel des Schauspielers Robert Redford 
  • Wikipedia-Artikel des Schauspielers Paul Newman 
  • Koebner, Thomas: Filmklassiker, Band 3, 1963-1977, Philipp Reclam junior, Stuttgart, 2006.
  • Heinzlmeier, Adolf: Lexikon Filme im Fernsehen: 8500 Spielfilme TV – Video – Kabel, Rasch und Röhring, Hamburg, 1990. 
  • Müller, Jürgen: Filme der 70er, Taschen, Köln, 2006.
  • Klassiker
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme die sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms AG, Zürich, 2013.
  • Jeier, Thomas: Robert Redford : seine Filme – sein Leben, Heyne Verlag, München, 1994.
  • Kerbel, Michael: Paul Newman: seine Filme – sein Leben, Heyne Verlag, München, 1987.

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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