„West Side Story“ (1961)

1962 / 34. Oscarverleihung / 11 Nominierungen / 10 Auszeichnungen

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „West Side Story“ ist das sechste Musical, welches die Auszeichnung als ‚Bester Film‘ erhielt. Auf der 34. Oscarverleihung, welche am 9. April 1962 in Santa Monica stattfand und die von Bob Hope zum 13. Mal moderiert wurde, wurde er in den 19 Kategorien stolze elf Mal nominiert und konnte zehn Preise gewinnen. Er galt als der große Abräumer des Abends und konnte sich in der Hauptkategorie gegen Filme wie „Haie der Großstadt“ von Robert Rossen und „Das Urteil von Nürnberg“ von Stanley Kramer, welcher ihn nur in der Kategorie ‚Bestes adaptiertes Drehbuch‘ schlagen konnte, durchsetzen.     

Im New York der 50er Jahre werden die Straßen von zwei Gangs kontrolliert. Immer wieder treffen die amerikanischen Jets auf die puertoricanischen Sharks. Bei einer Tanzveranstaltung schwillt der Konflikt an, so dass Riff (Russ Tamblyn), Anführer der Jets, und Bernardo (George Chakiris), Kopf der Sharks, beschließen, sich am nächsten Abend zu einem Kampf zu treffen, der die Fronten klären soll. Doch auf dem Tanzabend lernen sich auch der ehemalige Jet Tony (Richard Beymer) und Maria (Natalie Wood), Bernardos gerade erst nach Amerika gezogene Schwester kennen. Sie verlieben sich auf den ersten Blick und wissen doch genau, dass ihre Beziehung keine Chance hat. 

Natalie Wood und Richard Beymer

Der Film ist eine Adaption des Broadway-Musical „West Side Story”. Aus der Hand von Leonard Bernstein (1918-1990) und Jerome Robbins (1918-1988) stammt die zeitgenössische Romeo-und-Julia-Adaption, welche am 25. September 1957 ihre Broadway-Premiere feierte. Bereits 1949 hatten die beiden die Idee für eine Umsetzung, damals unter den Namen ‚East Side Story‘, in der sich ein katholischer Junge in ein jüdisches Mädchen verliebt. Doch nachdem das Projekt sechs Jahre geruht hat, wurde die Grundmotive ernsthafter und sie entschieden sich für die Kontrapunkte angloamerikanisch und puertorikanisch und für das Thema Bandenkrieg, was sich durch die verfeindeten Häuser Capulet und Montague der literarischen Vorlage (1597) von William Shakespeare (1564-1616) anbietet. So übertragen sie den Stoff wunderbar auf die damalige Zeit und nehmen Themen wie Rassenkonflikte und Jugendkriminalität in die Geschichte auf. 

Die Übertragung auf die Leinwände schämt sich keinesfalls ihrer Theaterherkunft und lässt diese immer wieder mal durchscheinen, findet aber trotzdem eine eigene bildgewaltige Sprache. Das Musical-Genre war zu diesem Zeitpunkt mit Filmen wie „Osterspaziergang“ (1948), „Du sollst mein Glücksstern sein“ (1952) und „Gigi“ (1958), der auch den Oscar für den ‚Besten Film‘ gewann, hoch in Mode. Doch „West Side Story“ wirkte wie ein gewagtes Experiment. Nicht nur die Themen waren ernster, sondern auch die Ausgestaltung realistischer und dreckiger als es das hochstilisierte Musical-Genre bis dahin kannte. Dabei schwingt in den Tänzen die Aggressivität der Straße mit – hier vermischen sich wunderbar Tanz und Kampf. Zudem hält dieses Musical kein Happy-End bereit und zeigt auch keine Lösung, wie man aus den Rassen- und Sozialkonflikten ausbrechen kann. Hinzu kam dann auch noch die ungewöhnliche Erzählweise: Hier wird die zeitliche und räumliche Erzählkontinuität aufgebrochen, zudem wurde mit einer räumlichen Trennung der Singenden in ‚Tonight‘ eine Raumtrennung eingeführt, die es so bisher bei keinem anderen Musical gab. Im Gesamten führt „West Side Story“ trotz einiger klassischer Anleihen viele neue und andersartige Elemente ein. Das war aufregend und setzte dadurch diesen Film von anderen des Genres ab. 

Die meisten der Oscarnominierungen und Trophäen erhielt „West Side Story“ für seine Umsetzung. So wurden der Schnitt, die Filmmusik, der Sound, die Kamera und die Kostüme sowie das Szenenbild ausgezeichnet. Die Produktion des Films kostete sechs Millionen Dollar. Den beiden Regisseuren Robert Wise und Jerome Robbins gelang es bei der Umsetzung die filmischen Mittel auszureizen und weg von einer klassischen Bühnenadaption zu gehen. Dabei gehen hier die Optik, die Choreographie und die Musik sowie die Songs wunderbar Hand in Hand. Die Songs wie ‚I Feel Pretty‘, ‚America‘ und ‚Tonight‘, geschrieben von den Leonard Bernstein und Stephen Sondheim, gehören zu den Meilensteinen der Musicalgeschichte. Sie bilden die Grundlage für die perfekt, teilweise opernartige arrangierte Musik, die aber auch Off-Beat-Rhythmen und jazzige Melodien einbaut, und den Zuschauer durch den Film führt. Dafür erhielten die Komponisten Saul Chaplin, Johnny Green, Sid Ramin und Irwin Kostal den Oscar für die ‚Beste Filmmusik‘. Im engen Zusammenhang steht dabei der Ton von Fred Hynes und Gordon E. Sawyer, der auf der auditiven Ebene die Erzählung auch um realistische Einflüsse erweitert. Auch sie erhielten dafür die begehrte Trophäe. 

Der Choreograph Jerome Robbins, der sich an dem Film auch als Regisseur beteiligte, schuf dazu die passenden Tanzchoreographien. In diesen finden sich nur Elemente von klassischen Ballett, sondern man sieht u.a. Modern Dance-Einflüsse. So können Tanz- und Kampfszenen wunderbar ineinander übergehen. Dazu trägt viel der musikalische, rhythmische Schnitt von Thomas Stanford bei, der dafür auch einen Oscar erhielt. Da vor allem an Originalschauplätzen gedreht wurde, was ganz und gar untypisch für dieses Genre war, passte Robbins die Choreographien der Umgebung an. Das führte zu einer außergewöhnlichen Kameraarbeit, wo u.a. im Vorspann die Kamera über die Häuserschluchten fliegt. Dabei orientierte sich der Kameramann Daniel L. Fapp an amerikanischen Künstlern wie Ben Shahn und Robert Vickery. Dafür erhielt er einen Oscar, genauso wie Victor A. Gangelin und Boris Leven für das ‚Beste Szenenbild‘ und Irene Sharaff für die ‘Besten Kostüme’. Diese spiegeln wunderbar die Mentalität und Persönlichkeiten wieder, sind kreativ, aber besitzen trotzdem eine gewisse Bodenhaftung. Im Gesamten ist der Film formal, inszenatorisch, choreographisch und musikalisch ein Hochgenuss, so dass es nicht verwundert, dass er in diesen Bereichen gleich sechs Oscars erhielt.

Zum Gelingen des Films sollten auch die Zusammenarbeit des versierten Filmemachers Robert Wise (1914-2005) und des Choreographen Jerome Robbins (1918-1998) beitragen. Robert Wise, der sein Karriere als Filmeditor u.a. bei „Citizen Kane“ (1941) begonnen hatte, und dann durch Horrorfilme wie „The Curse of the Cat People“ (1944) als Regisseur bekannt wurde, wurde hier in das für ihn neue Musical-Genre eingesetzt. An seiner Seite wurde ihm der versierte Choreograph Jerome Robbins gestellt, der „West Side Story“ bereits am Broadway choreographiert hatte. Robbins, der mehrere Tony Awards erhielt und sich in seiner Karriere für über 66 Choreographien verantwortlich zeichnete, war also vor allem für die musikalischen Szenen und die Tänzer verantwortlich. Wise hingegen kümmerte sich maßgeblich um die filmtechnischen Aspekte und die dramatischen Szenen. Doch leider ging die Zusammenarbeit nicht gut aus. Robbins soll für diverse Budget- und Terminüberschreitungen verantwortlich gewesen sein und verzögerte so die Dreharbeiten. Das führte dazu, dass Wise, der auch Produzent war, seinen Regie-Partner absetzte und den restlichen Film alleine auf die Beine stellte, da glücklicherweise die Choreographien bereits eingeübt waren. Bei der Oscarverleihung erhielten aber beide Regisseure die Trophäe und so wurde zum ersten Mal in der Oscar-Geschichte der Regiepreis geteilt. Wise hatte übrigens ein glückliches Händchen für Musicals und gewann noch einmal einen Regie-Oscar im Jahr 1966 für „Meine Lieder – meine Träume“ (OT: „The Sound of Music“, 1965) mit Julie Andrews in der Hauptrolle.  

Besetzt wurde der Film, wie es in damaliger Zeit typisch war, mit zwei Darstellern, die nicht unbedingt die notwendigen Fähigkeiten oder Charakteristika mitbrachten, aber beim Publikum beliebt waren oder als klassisches Liebespaar gut funktionierten. Gespielt wurden die Rollen von Richard Beymer (*1938) und Natalie Wood (1938-1981). Beymer, der bis dahin noch keine Oscarnominerung bekommen hatte, feierte mit „West Side Story“ seinen Durchbruch. Sein größter Erfolg seiner Karriere wurde der Kriegsfilm „Der längste Tag“ (OT: „The Longest Day“ (1962)), für den er eine Nominierung für den Golden Globe Award erhielt, danach fiel er vor allem nochmal mit seiner exzentrischen Eigenproduktion „The Innerview“ (1973) auf. Beymer spielt seine Rolle als schmachtender Tony hervorragend, auch wenn manche Kritiker ihm und seiner Partnerin vorwerfen, etwas farblos zu sein. Natalie Wood ist zwar keine überzeugende Puertoricanerin, aber sie spielt ihre Rolle mit so viel Energie und jugendlichem Liebestaumel, dass man dem Paar doch ein Happy End wünscht. Wood trat in ihrer kurzen Karriere in über 40 Filmen auf und erhielt zwei Oscarnominierungen für „…denn sie wissen nicht was sie tun“ (1955) und „Fieber im Blut“ (1961). Traurige Berühmtheit erlangte sie jedoch vor allem mit ihrem Tod, der bis heute ungeklärt ist. 

Was die beiden aber nicht mitbrachten waren die musikalischen Fähigkeiten und so wurden sie gesangstechnisch gedoubelt. Marias Part wurde beispielsweise von der amerikanischen Sopranistin Marni Nixon gesungen, die auch Deborah Kerr in „Der König und ich“ (1956) und Audrey Hepburn in „My Fair Lady“ (1964) ihre Stimme lieh. Leider war es zu dieser Zeit üblich, dass diese Stimmen-Doubles, die maßgeblich zur Wirkung des Films beitrugen, nicht einmal in den Credits erwähnt wurden. Erst bei späteren Auflagen des Soundtracks wurden ihre Namen hinzugefügt. So verwundert es nicht, dass es hier auch keine Nominierungen der beiden HauptdarstellerInnen gab, denn eine Gesamtleistung war hier schlecht bewertbar.

Ganz im Gegensatz dazu die hervorragenden Nebendarsteller. George Chakiris (*1934) als Bernardo und Rita Moreno (*1931) als Anita sangen die meisten ihrer Songs selbst und konnten sich so nicht nur eine Oscarnominierung verdienen, sondern auch die Trophäe dafür gewinnen. Aber auch Russ Tamblyn als Riff, der Anführer der Sharks, ist hervorragend und bringt die richtige Dynamik in seine Figur. Für Chakiris bedeutete der Film seinen Durchbruch als Schauspieler. Leider konnte er an diesen Erfolg schwer anknüpfen, obwohl er danach in Europa mit bekannten Regisseuren wie Luigi Comencini, René Clément und Jacques Demy drehte. Auch Rita Moreno erging es ähnlich. Sie erhielt trotz des großen Erfolgs von „West Side Story“ und der Tatsache, dass sie eine der wenigen Darstellerinnen war, die es schaffte alle wichtigen Preise der amerikanischen Unterhaltungsindustrie (Oscar, Grammy, Emmy, Tony) zu gewinnen, nur Angebote für die immer gleichen stereotypen Rollen. So wandte sich die erste Oscargewinnerin hispanischer Herkunft vom Kino ab, ging zum Broadway zurück und sollte erst später wieder in der ein oder anderen Filmrolle zu sehen sein. 

Die Premiere des Musicals fand am 18. Oktober 1961 statt. Innerhalb kürzester Zeit hatte der Film in Nordamerika 20 Millionen Dollar eingespielt und damit das Dreifache seiner Produktionskosten. Dank seiner Qualität wurde das Musical auch schnell in Europa bekannt. In Amerika erhielt der Film nicht nur zehn Oscar-Trophäen, sondern auch drei Golden Globes für das ‚Beste Filmmusical‘, die ‚Beste Nebendarstellerin‘ und den ‚Besten Nebendarsteller‘. Zudem gewann der Soundtrack im gleichen Jahr einen Grammy. Der Film, wie selbstverständlich auch das Musical selbst, wird stets zum kulturellen Gedächtnis gehören. Das verdankt er nicht nur den schmissigen Songs und gelungenen Choreographien, sondern auch den beiden Regisseuren Wise und Robbins, die das Musical in die Moderne geholt haben und damit das Genre revolutioniert haben.

Robert Beymer und Natalie Wood

Fazit: Das amerikanische Musical „West Side Story“, basierend auf dem gleichnamigen Broadway-Musical von Leonard Bernstein und Stephen Sondheim, ist eine gelungene Adaption des Stoffes. Dabei wird die Romeo-und-Julia-Geschichte auf rivalisierende Gangs in New York der 50er Jahre übertragen und mit fantastischen Songs und Choreographien zum Leben erweckt. Dabei überzeugen vor allem die neuartige Inszenierung, die Choreographien, die zwischen Tanz und Kampf angesiedelt sind, und das realistische Setting mit Drama-Elementen. Auch wenn die Schauspieler nicht alle selbst gesungen haben, ist hier ein Musical entstanden, das einen mit seiner klassischen Geschichte und Songs, die man nicht aus dem Ohr bekommt, auf die Reise mitnimmt.   

Bewertung: 8/10

Trailer zum Film „West Side Story“

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über den Film „West Side Story
  • Wikipedia-Artikel über die Oscarverleihung 1962 
  • Wikipedia-Artikel über Robert Wise 
  • Wikipedia-Artikel über den Regisseur Jerome Robbins 
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler George Chakiris 
  • Wikipedia-Artikel über die Schaupspielerin Rita Moreno 
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler Richard Beymer 
  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme die sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms AG, Zürich, 2013.
  • Koebner, Thomas: Filmklassiker, Band 2, 1946-1962, Philipp Reclam junior, Stuttgart, 2006.
  • Müller, Jürgen: Filme der 60er Jahre, Taschen, Köln, 2004 

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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