Neun Fragen an Tomas Vengris

Interview: Im Gespräch mit dem litauisch-amerikanischen Filmemacher Tomas Vengris erzählt er uns mehr über die Entstehung seines ersten Langfilms „Motherland“, der auf dem 29. Filmfestival Cottbus lief. Dabei berichtet er von den Dreharbeiten, welche geprägt waren von viel Regen, der Schauspielerwahl und wie er die Geschichte zu diesem Film entwickelt hat.

The original english language interview is also available.

Dein Debüt „Motherland“ wirkt wie ein sehr persönlicher Film. Gibt es autobiographische Wurzeln?

Gute Frage. Ja, während viele Details der Geschichte fiktiv sind, ist die Perspektive des Films ziemlich autobiographisch. Ich bin in Amerika aufgewachsen und habe das postsowjetische Litauen zunächst durch eine amerikanische Linse gesehen. Aber ich war viel jünger, als ich zum ersten Mal nach Litauen kam (6-7 Jahre alt), und als ich in Kovas‘ Alter war, war alles viel normaler für mich und ich fühlte mich dort ganz zu Hause. Meine Schwester war ungefähr in Kovas‘ Alter, als wir zum ersten Mal für den Sommer nach Litauen fuhren, und sie hatte viel größere Schwierigkeiten, sich zu akklimatisieren – daher denke ich, dass ein Teil ihrer Perspektive auch im Film eingebunden ist. Auch die Behandlung von Frauen war damals etwas, das ich durch ihre Augen besser sehen konnte. Ansonsten gibt es eine Handvoll Momente im Film, die recht autobiographisch waren (die Fahrszene, „Jonines“ also die Sonnenwendfeier, etc) – aber zum größten Teil ist es eine Mischung aus verschiedenen Geschichten aus meinem Leben und Menschen, die mir in den USA und Litauen nahe standen. 

Wie definierst Du selbst den Begriff Heimat?

Das ist eine zentrale Frage, die den Film für mich antreibt. Heimat ist meiner Meinung nach ein Gefühl und kein Ort. Manche Menschen werden dieses Gefühl vielleicht nie finden, manche verbringen ihr ganzes Leben damit, es zu suchen. Ich denke, es ist eine besonders schwierige Situation für Immigranten, Flüchtlinge, etc., weil sie sich in ihrer Wahlheimat oft nicht zu Hause fühlen, aber niemals in die (bildlich gesprochen) verlassene „Heimat“ zurückkehren können, weil diese „Heimat“ nicht mehr da ist. Die geographische Lage mag es geben, aber das Leben hat sowohl die Person als auch den Ort verändert. Für mich ist Heimat also etwas, das man im Inneren findet, es bezieht sich auf Familie, Freunde, Gemeinschaft. Sicher, es kann sich auf einen Ort beziehen, aber es kann nicht nur das sein. 

Was war Dir bei der visuellen Ausgestaltung wichtig?

Ich wollte, dass sich der ganze Film wie die Perspektive des Jungen anfühlt – das war das Wichtigste. Es war wichtig, das Gefühl zu haben, dass wir die Ereignisse mit ihm zusammen beobachten und versuchen, in diese versperrte Erwachsenenwelt zu schauen. Manchmal war es durch buchstäbliche Point-of-View-Aufnahmen, manchmal mussten die Aufnahmen einfach nur metaphorisch seinen Blickwinkel erfassen. Wie auch immer, das Gefühl, dass etwas unsere Sicht blockiert, dass wir um eine Ecke oder durch einen geöffneten Vorhang schauen müssen, um zu sehen, war wesentlich dafür, den Betrachter in diese Perspektive einzubetten. 

Kannst Du mir ein bisschen mehr zu den Dreharbeiten erzählen: Wo ist Dein Film entstanden? Wie lange habt ihr gedreht und wurden euch irgendwelche Steine in den Weg gelegt? 

Der Film wurde in Litauen gedreht. Die Produktion fand in Vilnius statt und wir drehten fast alles in einem 60 km Radius um Vilnius. Es gab etwa 26 Drehtage. In diesem Sommer gab es Rekord-Regenfälle, so dass uns die Flut von mehreren Drehorten aussperrte und wir aufgrund des Wetters in letzter Minute viel improvisieren mussten. Viele der Innenszenen im Film sollten im Freien stattfinden. Einige Szenen wurden vor Ort völlig neu durchdacht und manchmal mussten wir den Regen einfach nur hinnehmen, aber in einigen Fällen fand ich, dass er uns eine schöne Atmosphäre gab – trotz des ganzen verrückten Stresses für die Crew.

Wie verlief das Casting – hattest Du schon beim Drehbuch schreiben jemandem Bestimmten im Sinn?

Ich hatte keinen Schauspieler im Sinn, als ich das Drehbuch schrieb. Wenn ich schreibe, stelle ich mir natürlich immer den Charakter in meinem Kopf vor, aber ich denke, nachdem wir mit dem Casting begonnen haben, haben sich viele der Charaktere ein wenig verändert und die Schauspieler haben eine neue Seite von ihnen zum Vorschein gebracht. Litauen ist ein kleines Land, also gibt es nicht Tausende von erfahrenen Schauspielern zur Auswahl, aber den Jungen in den USA zu finden, war eine Herausforderung. Wir hatten sehr viel Glück, Matas zu finden, denke ich. Unser Casting-Direktor in Litauen war mit dem Freund seiner Tante befreundet und so fiel er uns nach langer Zeit der Suche und des Kampfes um das richtige Kind irgendwie in den Schoß.

Wird es einen Start in Deutschland geben?

Das will ich doch hoffen! Im Moment haben wir Handelsvertreter, die sich um den Vertrieb kümmern, und ich hoffe, dass er den Weg nach Deutschland und anderswo in Europa findet!

Kannst Du zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen? Wie bist Du zum Film gekommen?

Es ist eine lange Geschichte, aber ich wusste, dass ich mich schon als früher Teenager für das Filmemachen interessierte. Es begann als eine andere Art, herumzuspielen und so zu tun als ob, aber ich habe mich schnell in das Medium verliebt. Es fühlte sich so befreiend und allumfassend an. Es dauerte jedoch viele Jahre, bis ich erkannte, dass ich das professionell machen konnte. Ich habe an der Universität Politikwissenschaft studiert und danach einen seriösen Bürojob gemacht. Meine ganze Freizeit und mein Geld floss in kleine Videoprojekte. Schließlich gab ich meinen Job auf und begann, mich nach Arbeit beim Film umzusehen. Ich hatte ziemliches Glück, mein erster Job (auch wenn er unbezahlt war) war als Cutter-Assistent bei Lena Dunhams „Tiny Furniture“, so dass ich sofort an eine Gruppe von talentierten Filmemachern geriet, von denen ich viel lernen konnte. Bald kam ich an eine angesehene Filmschule und habe seitdem nicht mehr zurückgeblickt.

Bisher warst Du als Du Editor tätig – wie war es nun die Regie zu übernehmen?

Am Anfang habe ich alles selbst gemacht bei meinen Videoprojekten. Die Arbeit mit Schauspielern war einer meiner Lieblingsaspekte des Prozesses, aber beim Schnitt musste ich alle meine Fehler beseitigen. Schließlich bekam ich meinen Master in Regie und führte bei einer handvoll Kurzfilmen Regie, so dass Regie führen im „Motherland“ nicht besonders neu war. Nach der Filmschule musste ich, wie alle anderen auch, einen Weg finden, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich war schon immer ein starker Cutter gewesen, so dass ich durch ein paar glückliche Umstände ziemlich viel Arbeit bekam, aber mein Fokus war immer, wieder hinter die Kamera zu kommen und mit Schauspielern an meinen eigenen Projekten zu arbeiten. Ich denke, der Schnitt hilft mir als Regisseur, weil ich ein viel besseres Verständnis für die Grammatik des Filmemachens habe. Diese Grundlage zu haben, ist am Set sehr hilfreich, besonders wenn es schwierig wird oder man plötzlich seinen Plan ändern muss. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja! Ich entwickle gerade zwei neue Filme, die beide ebenfalls in Litauen spielen. Der eine ist ein eher zeitgenössischer Film, der sich um mehrere Geschichten in einem AirBnB in Vilnius dreht. Der andere ist eine wahre Geschichte über das litauische organisierte Verbrechen, das unter der Sowjetunion begann und während der Unabhängigkeit aufblühte. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Motherland


Interview: In our conversation with the Lithuanian-American filmmaker Tomas Vengris he tells us more about the making of his first feature film „Motherland„, which was shown at the 29th Cottbus Film Festival. He tells us about the filming, which was characterized by a lot of rain, the choice of actors and how he developed the story for this film.

Your debut „Motherland“ seems like a very personal film. Are there autobiographical origins?

Nice question. Yes, while many specifics of the story are fictional, the perspective of the film is quite auto-biographical. I was raised in America and saw post-Soviet Lithuania initially through an American lens. However, I was I much younger when I first came to Lithuania (6-7 years old) so by the time I was Kovas‘ age, it was all much more normal to me and I felt quite at home there. My sister was around Kovas’ age when we first went to Lithuania for the summer and she had much more difficulty acclimating – so I think some of her perspective is also tied in there. Also the treatment of women then was something that I was able to see more through her eyes. Otherwise, there are a handful of moments in the film that were quite autobiographical (the driving scene, “Jonines” aka, the solstice party, etc) … but for the most part it is an amalgamation of various stories from my life and people that were close to me in the US and Lithuania. 

 How do you yourself define the term „home“?

This is a central question that drives the film for me. in my opinion, home is a feeling and not a place. Some people might never find this feeling, some people spend a lifetime looking for it. I think it is particularly a difficult situation for immigrants, refugees, etc, because they often do not feel at home in their adopted country, but can never return to the “home” (figuratively speaking) that they left because that „home“ isn’t there any more. The geographical location might be, but life has changed both the person and the place. So for me home is something you find inside, it relates to family, friends, community… Sure, it can be related to a location, but it can’t just be that. 

What was important to you in the visual presentation?

I wanted the whole film to feel like the boy’s perspective – that was most important. It was essential to feel like we’re watching the events unfold with him, trying to peer into this restricted adult world. Sometimes it was through literal point-of-view shots, sometimes the shots just had to fee metaphorically his point of view. Either way, the sense that something is blocking our view, that we have to peek around a corner or through a drawn curtain to see, was integral to imbedding the viewer in this perspective. 

Can you tell me a little bit more about the shooting: Where was your film made? How long did you shoot and were any obstacles put in your way? 

The film was made in Lithuania. The production was based in Vilnius and we shot almost everything in an 60 km radius of Vilnius. There were about 26 shooting days. That summer had record rainfall so we were flooded out of several locations and had to do a lot of last minute improvisation due to the weather. Many of the interior scenes in the movie were supposed to be exterior. Some scenes were entirely rethought on location and sometimes we simply had to embrace the rain, but in a few cases I thought it gave us a nice atmosphere — despite adding all the crazy stress for the crew.

How did the casting go – did you have someone in mind when writing the script?

I didn’t have any actor in mind when writing it. Of course when I write, I always picture the character in my mind but I think after we started casting, many of the characters changed a bit and actors brought out a new side of them. Lithuania is a small country so there aren’t thousands of experienced actors to choose from, but finding the boy in the US was a challenge. We got very lucky finding Matas, I think. Our casting director in Lithuania was friends with his aunt’s friend and so he sort of fell into our lap after a long time of searching and struggling to find the right kid.

Will it be possible to see the film in Germany, in cinemas or elsewhere?

I certainly hope so! Right now we have sales agents that are dealing with distribution and I certainly hope it finds its way to Germany and elsewhere in Europe!

Can you tell a little bit more about yourself at the end? How did you get into film? 

It’s a long story, but I knew I was interested in filmmaking as an early teenager. It started out as just another way to play pretend, but I quickly fell in love with the medium. It felt so liberating and all-encompassing. It took me many years before I realized I could do this professionally, though. I studied political science in university and worked a serious office job after that. All my free time and money went into making little video projects. Eventually I quit my job and started looking for work in film. I got quite lucky, my first job (even though it was unpaid) was as an assistant editor on Lena Dunham’s Tiny Furniture, so I immediately fell into a group of talented filmmakers that I could learn a lot from. Soon I got into a prestigious film school and haven’t looked back since.

Up to now you were working as an editor – what was it like to direct the film?  

I started out doing everything in my video projects. Working with actors was one of my favorite aspects of the process, but editing was where I had to solve all my mistakes. Eventually, I got my masters in directing and directed a handful of short films, so directing „Motherland“ wasn’t particularly new. After film school, like everyone else, I had to figure out a way to make a living and had always been a strong editor so with a few lucky breaks I began getting quite a bit of work but my focus was always to get back behind the camera and work with actors on my own projects. I think editing helps me as a director because I have a much stronger understanding of the grammar of filmmaking. To have that foundation is very helpful on set, especially when things get tough or you have to sudden change your plan. 

Are there already new projects planned?

Yes! I’m in development on two new films, both also set in Lithuania. One is a more contemporary film that involves several stories taking place in a single Vilnius AirBnB. The other is a true-story about Lithuanian organized crime that began under the Soviet Union and flourished during independence. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Motherland“ 

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