„Automotive“ (2020)

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Filmkritik: Der Dokumentarfilm „Automotive“ von Jonas Heldt, der seine Weltpremiere auf dem 70. Berlinale feierte, liefert ein gelungenes Portrait über die moderne Arbeit ab, anhand zweier Frauen, welche beide für den Autohersteller Audi tätig sind.

Die 20-jährige Sedanur arbeitet in Ingolstadt als Leiharbeiterin für Audi. Sie sortiert nachts die Autoteile für die Roboter, welche dann die Autos zusammenbauen. Sie mag ihre Arbeit und träumt davon, genügend Geld für einen eigenen Mercedes zu haben. Als Audi ein Zehntel der Stellen streichen muss, ist sie eine der ersten die gehen muss. Die fortschreitende Automatisierung soll es möglich machen, immer mehr auf menschliche Arbeit zu verzichten. Um das zu erreichen, sucht die 33-jährige Headhunterin Eva in München für Audi ExpertInnen für die Automatisierung von Logistik und versucht diese von ihren jetzigen Arbeitsstellen abzuwerben. Auch ihr ist bewusst, dass die Arbeit nicht von Dauer ist oder gar sein muss. Was ist Arbeit in einer immer mehr digital werdenden Welt wert?

Der Dokumentarfilmer Jonas Heldt (*1986) begleitete die beiden zentralen Frauenfiguren über einige Zeit, trifft sie immer wieder und dokumentiert ihr Leben. Dabei konzentriert er sich natürlich vor allem auf ihre Arbeit – beobachtet sie dabei, spricht mit ihnen darüber und fängt die Hoch und Tiefs ihrer Beschäftigung ein. Doch auch privat nähert er sich ihnen. So treffen wir Sedanur oft zuhause, wo sie von ihren Wünschen erzählt und Eva sehen wir mit ihrer Freundin im Cafe. In den 80 Minuten schafft es Heldt mit diesem Portrait verschiedene Themenbereiche anzusprechen. So handelt es sich nicht nur um die Entwicklung von moderner Arbeit zur Hilfestellung von Automatisierungen und Robotern, sondern es geht auch um Frauen in der Arbeitswelt. Gleichzeitig spricht Heldt auch die Schneise zwischen schlecht und gut bezahlten Jobs an und fängt das dortige Missverhältnis gut ein. Dafür hat er exemplarisch zwei perfekte Protagonistinnen gefunden. Denn sie spiegeln ungewollt viele Eigenschaften wider, welche diese Diskrepanz weiter begründen. Die sympathische Lebensfreude und Naivität Sedanurs steht im starken Kontrast zum eiskaltem Kalkül Evas, die stets weiter im Voraus denkt. Aber durch den privaten Ansatz und dem offenen Umgang mit dem Filmemacher kann man diese beide Frauen trotzdem in keine feste Schublade stecken, sondern es öffnet sich eine Spektrum. Abgerundet wird das Ganze von den Aufnahmen der täglichen Arbeit. Sei es von Eva in ihrem Büro, wo man sie vor allem telefonierend antrifft, oder in der Betriebshalle, wo Sedanur arbeitet. Hier fängt Heldt die bereits stattgefundene Entwicklung in den Firmen ein, zeigt aber auch, dass der Mensch für den reibungslosen Ablauf wichtig ist. So liefert uns Heldt eine authentische Aufnahme des Arbeitsalltags, was man u.a. in Thomas Stubers Film „In den Gängen“ (2018) als Spielfilm gesehen hat. Im Gesamten schafft es der Dokumentarfilmer in seinem Debüt- und Abschlussfilm von der HFF München ein gelungenes Portrait der modernen Arbeitswelt an einem expliziten Beispiel aufzuzeichnen. Er fängt mit ehrlichem Blick die ArbeiterInnen ein und zeigt wie komplex das Verhältnis von Mensch, Maschine und Arbeit ist.  

Fazit: Der deutsche Dokumentarfilm „Automotive“ taucht in die Arbeitswelt Audis ein. Dabei treffen wir auf zwei ganz unterschiedliche Frauen, einmal auf eine Arbeiterin in einer Werkshalle und auf eine Headhunterin. Der Regisseur Jonas Heldt begleitete die beiden eine Zeitlang, fängt ihren Alltag ein und thematisiert dadurch viele wichtige Themen wie Frauen im Beruf, soziale Diskrepanzen, Wert von Arbeit und wie wichtig Arbeit selbst für die Menschen geworden ist. All das erzählt er in einem lockeren Dokumentarstil zwischen Interviews und Beobachtungen und lädt die ZuschauerInnen auch mit einer Spur gelungenen Humors zur Beschäftigung mit diesen Themen ein. 

Bewertung: 7,5/10

Trailer zum Film „Automotive“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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