Acht Fragen an Violeta Paus

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Interview: Im Gespräch mit der chilenischen Filmemacherin Violeta Paus konnten wir mehr über dokumentarischen Kurzfilm „Water Silhouettes“, der seine Weltpremiere auf dem 63. DOK Leipzig feierte, erfahren. Sie erzählt wie aus einem anfänglichen geplanten Kunstprojekt eine Dokumentation wurde, über das Zusammenhang von Frauen und Ökologie und warum sie sich für einen Splitscreen und eine außergewöhnliche Soundkulisse entschied.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm handelt in erster Linie vom Wasser in Deinem Heimatland Chile. Hat damit alles angefangen?

Ich lebte eine zeitlang in Frankreich und hatte eine Freundin, die sich mit Wasserkonflikten weltweit beschäftigte. 2016 erzählte sie mir davon und machte mir den Wert des Wassers deutlich. Wir wollten eine audiovisuelle Installation zum Thema auf dem Internationalen Wasserforum in Brasilia machen und hatten alles geplant, um Rituale und die Wertschätzung von Wasser im Amazonasgebiet zu filmen, aber letztendlich fehlte es an der Koordination mit der Finanzierung und wir konnten es nicht machen.

Mit der Fixierung auf das Thema Wasser kam ich schließlich 2018 nach Chile zurück und begann im Rahmen meines Studiums das Wasser im Land zu erforschen. Je mehr ich recherchierte, desto erschreckender wurde die Situation.

In einem Land, das stark von Wasserknappheit betroffen ist, ist es beeindruckend, wie die Gesetze Unternehmer begünstigen. In Chile leben viele Menschen ohne Wasser aufgrund des industriellen/bergbaulichen und forstwirtschaftlichen Rohstoffabbaus, der das Wachstum/den Fortschritt/die Bereicherung eines sehr kleinen Prozentsatzes der Bevölkerung sichert. Wasserrechte werden auch getrennt von Land verkauft, was Landspekulation und Landnahme für Monokulturen zulässt. Ich empfand es als eine Pflicht, das Wissen, das ich mir aneignete, sichtbar zu machen. Ich wollte in der Lage sein, das, was ich sah, durch Metaphern und aus einer symbolischen Vision heraus zu übermitteln, so entstand diese Arbeit.

Gleichzeitig ist es aber auch ein Film über Frauen, ihre Stärke und ihrem Überlebenswillen. Wie kamen diese Aspekte mit rein?

Das Umweltthema ist eng mit Frauen verbunden. Die Analogie, dass Industrien die Erde zerstören wie das Patriarchat die Frauen, scheint mir angemessen. Beide werden von einer Struktur hierarchischer, starrer, gewalttätiger und individualistischer Beziehungen aufrechterhalten. Wir sprechen oft von einem binären, heteronormativen System, das menschliche Bindungen und die Natur nicht respektiert oder schützt. Deshalb gefällt mir das Konzept des Ökofeminismus, in dem das Konzept der Natur und des Feminismus miteinander verbunden sind, in dem eine mögliche Rettung der Natur nur möglich ist, wenn wir die Welt als Netzwerke, Verbindungen und Gemeinschaft denken. Denn es ist eine kapitalistische Illusion zu denken, dass wir leben und glücklich sein können, ohne an andere zu denken.

Die Gender-Perspektive hat sich in der Feldarbeit herauskristallisiert, denn jedes Mal, wenn ich fragte, wer die vom Wasserkonflikt am meisten betroffenen Menschen sind, fand ich Frauen. Mir wurde klar, dass Armut, Geschlecht und der schwierige Zugang zu Wasser zusammenhängen. Tatsächlich hatte ich zu Beginn der Forschung nicht erkannt, dass der Wasserkonflikt Frauen am meisten betrifft.

Ausgehend von dieser öko-feministischen Idee war es offensichtlich, dass meine Figuren Frauen sein mussten: Durch ihre Augen konnten wir die drei schwerwiegendsten Konflikte sehen, die im Land um Süßwasser auftreten: Knappheit, Verschmutzung durch Müll und Verschmutzung durch die Industrie.

Andererseits denke ich, dass es nicht ausreicht, einfach nur eine Frau zu sein, um eine kritische Haltung zu diesem Thema einzunehmen, sondern es braucht eine ideologische Hinterfragung und eine Suche nach tiefer Dekonstruktion. Es ist oft sehr frustrierend, weil wir in der Welt der Ideen viel schneller vorankommen als in der konkreten Welt. Ich muss mich täglich mit einem Gefühl der Inkonsequenz meinerseits auseinandersetzen, weil wir weiterhin die Möglichkeiten nutzen, die uns diese Welt bietet, obwohl wir wissen, dass sie viel verschmutzen und viel Ungerechtigkeit produzieren.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, drei Generationen zu portraitieren? Wie hast Du die drei gefunden?

Ich hatte immer viele engagierte umweltpolitisch aktive Freunde, die mir halfen, meine Arbeit zu leiten, darunter AnwältInnen, Ingenieure, Geographen usw. Sie gaben mir den Kontakt zu Menschen in den Gebieten und wenn ich einmal dort war, öffneten mir diese Menschen die Türen, um andere Menschen zu treffen. Es schien mir interessant, drei verschiedene Generationen zu repräsentieren, denn durch die Mikrogeschichte der Frauen lernt man den Makrokonflikt kennen, nicht nur den einer Generation. In diesem Prozess bin ich immer alleine gereist.

Dann, als die Protagonistin ausgewählt war, kehrte ich mit Camila Sherman, der Kamerafrau, zurück, mit der wir tagelang an jedem der Orte filmten, den Konflikt lebten und erlebten. Sie hat eine sehr tiefe Sensibilität, die es uns ermöglichte, diese Bilder zu erzeugen.

Für Deinen Film wählst Du keinen konventionellen Ansatz. Zum einen ist da die Bildgestaltung, welche durch den Splitscreen alle drei Geschichten gleichzeitig erzählt. Warum hast Du Dich dafür entschieden? Und welche weiteren visuelle Elemente waren Dir wichtig?

Von Anfang an wollte ich unter den Konzepten des ‚erweiterten Kinos‘ arbeiten: sich von den kinematografischen Rändern ausdehnen können, um die Arbeit auf die Straße, in die Kunsträume und Kulturzentren der betroffenen Gebiete zu bringen. Aufgrund von Covid waren diese Instanzen jedoch nicht möglich, und so wurde es schließlich ein mittellanger Film, etwas, das ich zu Beginn nicht erwartet hatte und das dennoch eine schöne Tournee auf Festivals in der ganzen Welt gehabt hat.

Die Arbeit hat auch Vorführungen in kleinen Gemeinde-Reflexionstreffen gehabt. Sie bitten mich, den Film vor einer Diskussion zu zeigen, was für mich sehr wichtig ist, da ich denke, dass das der Sinn des Films ist: durch das Symbol die Reflexion anzuregen, um den Konflikt von einem sensiblen Ansatz aus zu verstehen.

Alles vertikal zu filmen war das Revolutionärste für mich, der es gewohnt war, horizontal zu filmen, wie im Kino. Mit Camila Sherman [Anm. d. Red. Kamerafrau] entdeckten wir eine neue Sprache, wir waren wie kleine Mädchen, die lernen, mit einem neuen Objekt umzugehen: Durch das Drehen der Kamera wurden ganz andere Einstellungen und Kompositionen vor unseren Augen sichtbar, die es uns ermöglichten, dem Inhalt einen neuen Sinn und eine neue Bedeutung zu geben. Die Leute machen das ständig mit einem Handy, aber mit einer Kamera viel weniger.

Auch auf tonaler Ebene arbeitest Du viel mit Geräuschen wie u.a. das Atmen. Erzähl mir bitte mehr zu Deinem auditiven Konzept?

Wir haben ein ganzes Jahr lang mit Stephanie Sibbald an dem Sound gearbeitet. Sie kommt aus Argentinien, lebt aber im Moment in Holland. Ich habe ihre Stimme schon immer bewundert und rief sie an, um sie zu fragen, ob sie eine Melodie für das Werk machen könnte. Das Endergebnis der Musik ist eine Verschmelzung zwischen einem tiefen Schmerz (wie trockener Atem) und gleichzeitig einer Erinnerung daran, wie schön und transzendent Wasser ist (Stephs schöne Stimme).

Zusammen mit der Sounddesignerin Florencia Riogani füllten wir dann die Bilder mit Schichten und Tiefen von Klang. Dieser Film hat eine sehr detaillierte Soundarbeit, an der ebenfalls ein Jahr lang gearbeitet wurde. Das musikalische Loop-Thema wurde geschaffen, um ein kreisförmiges Gefühl zu erzeugen, das mehr einen Fluss als eine Linearität inspiriert, wie eine Trance.

Haben die drei Portraitierten den Film schon gesehen? Wenn ja, wie fanden sie ihn?

Zwei von ihnen haben den Film gesehen und waren zufrieden. Die Großmutter in Petorca habe ich wegen des Covid nicht sehen können. Aber sobald das Risiko vorbei ist, werde ich zu ihr gehen. Mit einer von ihnen filmen wir gerade neues Material, da sie die Hauptdarstellerin der kommenden Projekte sein wird.

Wird es in Chile eine Plattform geben, wo Dein Film zu sehen sein wird?

Water Silhouettes“ wurde in Chile auf dem „AricaNativa“-Festival gezeigt und auch auf kleineren Festivals, die sich für die Umwelt interessieren. Im Ausland wurde er auf mehreren Festivals gezeigt, unter anderem beim 63. DOK Leipzig und Signosdanoite. Ich hoffe, dass ich es nach dem Ende von Covid in Kulturzentren und Kunsträumen präsentieren kann, denn die Eindrücke, die in einem Installationsraum entstehen können, der nicht-lineare Weg des Betrachters, erzeugt neue Beziehungen und Emotionen, die das Kino nicht zulässt. Aber ich habe leider das Gefühl, dass die ‚offizielle‘ Kunstwelt noch inzestuöser und elitärer ist als das Kino, mit Symbolen, die in Galerien platziert werden, die fremde Formen imitieren, die völlig fern von unserer Bevölkerung sind.

Meine größte Belohnung dafür, dass ich dieses Werk gemacht habe, war, als wir es den Großeltern auf dem trockenen Feld (in Petorca) präsentierten. Sie waren gerührt, und wir sprachen stundenlang über das, was sie erlebt hatten. Einer dieser Großeltern sagte mir am nächsten Tag, dass er nachts nicht aufhören konnte, über den Film nachzudenken und dass er ihn zum Nachdenken über viele Dinge gebracht hatte, dass ihm der Rhythmus gefallen hatte, dass er durch die Frau fühlen konnte, was er fühlt.

Gibt es schon Pläne für neue Projekte – bleibst Du dem Dokumentarfilm treu?

Jetzt schreibe ich einen neuen Film, eine Doku-Fiktion in der „Sacrifice Zone“ (dem Ort der Industrien, die wir in „Water Silhouettes“ sehen), die über Ökofeminismus und Extraktivismus [Anm. d. Red. Entnahme von Rohstoffen aus der Natur ohne diese negativ zu beeinflussen] reflektieren wird, aber mit dem Oneirischen, der Welt der Träume und des Unbewussten verflochten ist.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Water Silhouettes


Interview: In a conversation with Chilean filmmaker Violeta Paus, we were able to learn more about documentary short film “Water Silhouettes“, which celebrated its world premiere at the 63rd DOK Leipzig. She tells us how an initially planned art project turned into a documentary, about the connection between women and ecology and why she decided to use a split screen and an extraordinary soundscape.

Your short film is primarily about water in your home country of Chile. Is that where it all started?

Before, I lived in France and had a friend who worked on water conflicts worldwide.

In 2016 she was telling me and showing me the value of water. We were going to make an audiovisual installation on the subject at the International Water Forum in Brasilia, and we had everything planned to film rituals and valuation of water in the Amazon, but finally there was a lack of coordination with the financing and we could not do it.

With the obsession of the issue of water, finally in 2018 I came to live in Chile and within my studies I began researching water in the country. The more I investigated, the more horrible the situation became.

In a country severely affected by water scarcity, it is impressive how the laws favor businessmen. In Chile many people live without water due to industrial/mining and forestry extractivism that ensures the growth/progress/enrichment of a very small percentage of the population. Water rights are also sold separately from land, which allows for land speculation and land grabbing for monocultures. I felt it was a duty to make visible the knowledge I was acquiring, I wanted to be able to transmit what I was seeing through metaphors and from a symbolic vision, thus this work arises.

But at the same time it’s also a film about women, their strength and their will to survive. How did these aspects come into it?

The environmental issue is closely linked to women. The analogy that industries destroy the earth like patriarchy to women seems fair to me. Both sustained by a structure of hierarchical, rigid, violent and individualistic relationships. Both are sustained by a structure of hierarchical, rigid and individual relationships. 

We often speak of a binary, heteronormative system that does not respect or protect human bonds or nature. That is why I like the concept of ecofeminism, where the concept of nature and feminism are linked, where a possible salvation of nature will only be possible if we think about the world as networks, links and community. Because it is a capitalist illusion to think that we can live and be happy without thinking about others.

The gender perspective was emerging in the field work, since every time I asked who were the people most affected by the water conflict, I found women. I realized that poverty, gender and difficult access to water were related.  In fact, at the beginning of the research I had not realized that the water conflict affected women the most.

Based on this ecofeminist idea, it was evident that my characters had to be women: through their eyes we could see the three most serious conflicts that occur in the country over fresh water: scarcity, contamination by garbage and contamination by industries.

On the other hand, I think that it is not enough just to be a woman to take a critical stance on the subject, but it takes an ideological questioning and a search for deep deconstruction. It is often very frustrating, because we advance much faster in the world of ideas than in the concrete world. On a daily basis I have to deal with a sense of inconsistency on my part, because we continue to use the possibilities that this world offers us, even though we know that they pollute a lot and produce a lot of injustice.

Why did you decide to portray three generations? How did you find and get to know the three of them?

I always had many engaged environmentalist friends who helped me guide my work, among them lawyers, engineers, geographers, etc. They gave me the contact of people in the territories and once there these people opened the doors for me to meet other people. It seemed interesting to me to represent 3 different generations because through the micro story of women we get to know the macro conflict, not only of one generation. In this process I always traveled alone.

Then, once the protagonist was selected, I returned with Camila Sherman, the Director of Photography, with whom we spent days filming in each of the places, living and experiencing the conflict. She has a very deep sensitivity that allowed us to generate these images.

You don’t choose a conventional approach for your film. For one thing, there is the image composition, which tells all three stories at the same time through the use of split screen. Why did you decide to do this? And what other visual elements were important to you?

From the beginning I wanted to work under the concepts of “expanded cinema”: to be able to expand from the cinematographic margins to take the work to the street, to art spaces and cultural centers of the affected territories.  However, because of Covid these instances were not possible, and it finally became a medium-length film, something that I did not expect at the beginning and that, however, has had a nice tour in festivals around the world.

The work has also had a tour in small community reflection meetings. They ask me to screen the film before a discussion, which for me is very important, since I think that is the meaning of the film: to incite, through the symbol, the reflection to understand the conflict from a sensitive approach.

Filming everything vertically was the most revolutionary thing for me, who was used to filming horizontally, like in cinema.

With Camila S we were discovering a new language, we were like little girls learning to use a new object: by turning the camera, totally different shots and compositions became visible before our eyes, which allowed us to give a new sense and meaning to the content. People do it all the time with a cell phone, but with a camera much less.

Also, on a tonal level you work a lot with sounds like breathing. Please tell me more about your sound concept?

We worked with Stephanie Sibbald on the sound for a whole year. She is from Argentina but lives in Holland at the moment, I have always admired her voice and I called her to ask her if she could make a melody for the work. 

The final result of the music is a fusion between a deep pain (like dry breaths) and at the same time a reminder of how beautiful and transcendental water is (Steph’s beautiful voice).

Then, with the sound designer, Florencia Riogani, we filled the images with layers and depth of sound. This film has a very detailed sound work, which was also worked on for a year. 

The musical loop theme was created to generate a circular sensation that inspires more of a flow than a linearity, like a trance.

Have the three portrayed people already seen the film? If so, what did they think of it?

Two of them saw the movie and were satisfied. The grandmother in Petorca I have not been able to see because of the Covid. But as soon as the risk is over I will go to see her.

With one of them we are filming new things, as she will be the protagonist of upcoming projects.

Will there be a place in Chile where your film will be shown? 

Water Silhouettes” has been screened in Chile at the “AricaNativa” Festival and also in small festivals interested in the environment. Abroad it has been presented in several festivals, among them DOK Leipzig and Signosdanoite. I hope that when Covid ends I can present it in cultural centers and art spaces, because the sensation that can be created in an installation space, in the non-linear path of the viewer, generates new relationships and emotions that cinema does not allow. But I have the feeling, unfortunately, that the “official” art world is even more inbred and elitist than the cinema, with symbols placed in galleries that imitate foreign forms, completely distant from our population.

My greatest reward for having made this work was when we presented it to grandparents in the dry field (In Petorca). They were touched, and we talked for hours about what they experienced. One of those grandparents told me the next day that at night he could not stop thinking about the film and that it had made him think about many things, that he had liked the rhythm, that he had been able to feel through the woman what he feels.

Are there already plans for new projects – will you stay true to documentary film?

Now I am writing a new film, a docu-fiction in “Sacrifice Zone” (the place of the industries that we see in “Water Silhouettes“), which will reflect on ecofeminism and extractivism but intertwined with the oneiric, the world of dreams and the unconscious.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Water Silhouettes

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