Fünf Fragen an Tatiana Chistova

Interview: Im Gespräch mit der russischen Filmemacherin haben wir mehr über ihren Kurzfilm „Bless You“ (OT: „Zdrastvuyte“) erfahren, der auf dem 63. DOK Leipzig seine Weltpremiere feierte, wie es sich anfühlte in St. Petersburg während des Lockdowns zu leben und zu drehen und wie es der Stadt im Allgemeinen mit Corona jetzt geht. 

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm „Bless You“ fängt einen Ausschnitt des Lebens in Pandemie-Zeiten gelungen Zeit ein. Wie kam es zu dem Projekt?

Es war Frühling 2020. Die Energie von Angst und Fremdheit überzog die Stadt langsam und stetig. Die Stadt war Sankt Petersburg, Russland. Und es ist eine alte beschauliche Stadt in ihren Gebäuden und ihrer Bevölkerung. Ich fühlte ein starkes Verlangen, den unglaublichen Moment festzuhalten. Offensichtlich hatten die Filmemacher um mich herum die gleichen Wünsche. Aber was und wie sollte man filmen und wer sollten die Figuren sein. Auf diese Fragen hatte ich keine Antworten. Ich wusste nur, dass der Film nicht meine Geschichte war und das Gefühl, dass etwas getan werden sollte, verschwand nirgendwo. Zugleich nahm die Konzentration der Angst zu. Die Abriegelung wurde in Moskau und Sankt Petersburg angekündigt. Ich bin ein unabhängige, freiberufliche Filmemacherin, hatte also keine Presseausweise oder Sondergenehmigungen für die Arbeit, und so war ich in meiner Wohnung eingeschlossen wie alle anderen normalen Bewohner der Stadt. Es war die Situation wie in den Kinderreimen:

In der dunklen, dunklen Stadt gibt es eine dunkle, dunkle Straße.
Und in der dunklen, dunklen Straße, da ist ein dunkles, dunkles Haus.
Und in dem dunklen, dunklen Haus, da ist ein dunkles, dunkles Zimmer
Und in diesem dunklen, dunklen Zimmer ist ein dunkler, dunkler…

Ungefähr in diesem dunklen Moment gab es einen sehr hellen und lauten Internetanruf von Maciek Hamela. Vier Jahre zuvor haben wir den Dokumentarfilm „Convictions“ koproduziert. Er rief mich an und sagte, dass er die Idee hatte, die Stimmen und Gespräche der Eingesperrten aufzunehmen und die Stadt während dieser leeren und trostlosen Zeit zu filmen. Es war eine glänzende Idee. 

Stimmt es, dass alle Anrufe nur von einem Tag stammen und wie funktionierte die Zusammenarbeit mit der Hotline?

Ein 24-Stunden-Zyklus. Wir haben versucht, die Arbeit des Callcenters nicht zu stören, wenn die Filmcrew arbeitete. 

Wie war damals die Aufklärung und Informationsweitergabe – man könnte den Eindruck gewinnen, dass ältere Menschen sehr überfordert waren oder gar allein gelassen wurde?

Auf der einen Seite ist diese Vorstellung von Einsamkeit und Verlassenheit wahr. Andererseits rufen die Leute nicht bei der Hotline an, wenn es ihnen gut geht oder wenn sie kein akutes Problem haben. Wir haben die Geschichte also nur für diejenigen geschrieben, die in Not sind. Gleichzeitig ist es natürlich die Geschichte derjenigen, die vor der Abriegelung ein schweres Leben hatten, und es ist leicht zu prognostizieren, dass ihr Leben danach nicht besser sein wird. Für mich ist die schwierigste Situation unter allen die Situation eines Menschen, der versucht hat, seine alte Mutter irgendwo unterzubringen, weil er nicht den ganzen Tag mit ihr zusammen sein kann, mit ihr eingesperrt zu sein. Ich denke, du kennst dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke:

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Wie war es auf den leeren Straßen von St. Petersburg zu drehen? Hattest Du im Vorfeld Bilder im Kopf, wie Du die Stadt einfangen wolltest?

Es war eine fantastische Erfahrung. Ich liebe meine Stadt und kenne ihre Geschichte mehr oder weniger gut. Und ich mag den Stadtteil der Altstadt, in dem ich wohne. Der Hauptteil des Films wurde dort gedreht. Dieser Stadtteil heißt Kolomna. Die Menschen in diesem Bezirk leben dort nicht gut und friedlich durch die Jahrhunderte. Dieser Bezirk behält die Architektur des 19. Jahrhunderts und wegen der häufigen Brände des damals gibt es viele Gebäude mit isolierten Brandmauern. Die Wände ohne Fenster oder Türen. Dies sind isolierte Gebäude mit isolierten Menschen im Inneren. Es ist eine gute Metapher für den Lockdown. 

Wie ist die Situation jetzt in St. Petersburg am Ende des Jahres 2020?

Im Moment ist St.Petersburg auf dem 1. Platz der Todesfälle von Covid-19 und der Anzahl der Covid positiven Tests in Russland. Die Situation ist nicht stabil und immer noch schlecht. Aber wir sind nicht im Lockdown und so wie es für mich während der Dreharbeiten verständlich war, dass wir den zweiten Lockdown auf keinen Fall bekommen würden, weil der Staat nicht bereit ist, ihn zu organisieren, ist die Struktur des Lebens nicht bereit, im Lockdown zu sein. Offensichtlich ist die Bevölkerung in Sankt Petersburg älter als in Moskau.

Fühlst Du Dich eher als Dokumentarfilmerin oder als Spielfilmerin?

Ich habe nicht nur Dokumentarfilme gemacht, sondern auch Spielfilme. Gerade jetzt ist der Dokumentarfilm interessanter, weil das Leben interessanter ist als die Fiktion.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich möchte einen dokumentarischen Thriller über den Friedhof der Gulag-Zeit machen. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Bless You


Interview: In conversation with the Russian filmmaker, we learned more about her short film “Bless You” (OT: “Zdrastvuyte”), which had its world premiere at the 63rd DOK Leipzig, how it felt to live and shoot in St. Petersburg during the lockdown, and how the city in general is doing now with Corona. 

Your short film “Bless You” captures a slice of life in pandemic times. How did the project come about?

It was spring 2020. The energy of fear and strangeness covered the city slowly and steady. The city was Saint Petersburg, Russia. And it is an old сharm city in its buildings and population. I felt a strong desire to fixate the incredible moment. Obviously, the filmmakers around had the same wishes. But what to film and how and who should be the characters. I did not have any answers to the questions. I knew only that I-movie was not my story and the feeling that something should be done did not disappear anywhere. At the same time the concentration of anxiety increased. The lockdown was announced in Moscow and Saint Petersburg. I’m an independent freelance filmmaker, so I did not have any press cards or special permissions to work and thus I was closed in my flat as all other ordinary residents of the city. It was the situation like in the nursery rhymes:

In the dark, dark city there is a dark, dark street.
And in the dark, dark street there is a dark, dark house.
And in the dark, dark house there is a dark, dark room
And in this dark, dark room there is a dark, dark…

At about this dark moment there was a very light and loud Internet call from Sir Maciek Hamela. Four years before we co-produced the documentary “Convictions”. He called me up and said that he had an idea to record the lockdown voices and talks and to film the city during this empty and desolation period. It was a bright idea. 

Is it true that all the calls came from just one day and how did the cooperation with the hotline work?

One 24-hours cycle. We tried not to disturb the work of the center when the film crew worked. 

How was public awareness and information sharing at the time – one could get the impression that older people were very overwhelmed or even left alone?

From one hand this imagination of loneliness and abandonment is true. On the other hand people do not call to the hot line when they are ok or when they do not have a hot sharp problem. So, we have the story only for those who are in need. At the same time it is obviously the story of those who had the hard live before the lockdown time and it is easy to prognose that their life wont be better after. As for me the most hard situation among all is the situation of a person who was trying to put his old mother somewhere because he can not be together with her all day round, to be locked with her. I think you know this poem of Rainer Maria Rilke:

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

How was it to shoot on the empty streets of St. Petersburg? Did you have images in your head beforehand of how you wanted to capture the city?

It was a fantastic experience. I love my city and more or less know its history well. And l like the district of the old city where I live. The main part of the film is shot there. This district is called Kolomna. People of this district do not live well and peacefully through the centuries. This district keeps the architecture of XIX th and because of the often fires of the 19th there are a lot of buildings with isolated “brandmauers” walls. The walls without windows or doors. These are isolated from each other buildings with isolated people inside. It is a good metaphor of the Lockdown. 

What is the situation like now in St. Petersburg at the end of the year 2020?

At the moment St.Petersburg is on the 1st place of death cases of Covid-19 and the number of Covid positive tests in Russia. The situation is not stable and still bad. But we are not in Lockdown and as it was understandable for me during the shooting that we would not get the second Lockdown in any case, because the state is unready to organize it, the structure of life is not ready to be in lockdown. Obviously, the population of Saint Petersburg is elder than in Moscow. 

Do you feel more like a documentary filmmaker or a feature filmmaker?

I made not only documentaries but the feature film as well. Just now the documentary is more interesting because life is more interesting than fiction.

Are there any new projects already planned?

Yes, I wish to make a documentary thriller about the cemetery of Gulag time.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Bless You

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