Sieben Fragen an Peter Hoferica

Interview: Im Gespräch mit dem slowakischen Filmemacher Peter Hoferica konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Greetings from Nigeria“ (OT: Pozdrav z Nigérie„“) erfahren, der auf dem 30. Filmfestival Cottbus den Preis für den Besten Kurzfilm erhielt. Er erzählt uns, warum er eine Geschichte über alte Menschen und Betrug erzählt, warum er Humor nicht gezielt einsetzt und wie weit ihn andere Regisseure in seiner Arbeit beeinflussen.

The original english language interview is also available.

Was war der Ausgangspunkt für Deinen Kurzfilm? Gab es wahre Begebenheiten, welche die inspirierten?

Ausgangspunkt war ein ‚Betrug‘. Ich wollte die Verwundbarkeit alter Menschen gegenüber jeglicher Art von Betrug, vor allem im Internet, zeigen. Große Inspiration fand ich in meinem Großvater, der seit einigen Jahren Geld an einen Online-Shop schickt, der ihm immer wieder verspricht, dass er 10.000 Euro gewinnt, wenn er genug Dinge aus dem Shop kauft. Niemand aus unserer Familie kann unseren Großvater davon überzeugen, dass er niemals gewinnen wird und alle haben einfach aufgegeben. Die zweite Geschichte, die mich wirklich überzeugt hat, war eine traurige Geschichte über einen tschechischen Großvater, der auf einen Online-Dating-Betrug hereingefallen ist. Ihm wurden zwei Millionen Dollar (mehr oder weniger) von dieser afrikanischen Frau versprochen, mit der er sich online verabredet hatte, und er sollte nach Brasilien fahren, um ein paar Unterlagen auszufüllen, damit er das Geld bekommen würde. Er reiste mit seinem Computer nach Brasilien und konnte kein Englisch, er benutzte Google Translator, um mit ihr zu kommunizieren. Er verbrachte zwei Wochen in Sao Paulo, hatte kein Geld, er trank Leitungswasser aus dem Hotel und dann schrieb ihm das Mädchen, mit dem er sich online verabredet hatte, sie würde ihn in Hongkong treffen, er müsse sich nur in ein Taxi setzen und es würde ihn zum Flughafen bringen. Im Taxi wurde ihm ein Koffer gegeben und ihm wurde gesagt, er solle ihn zu seiner Liebe nach Hongkong bringen. Er hat den Koffer nicht kontrolliert und dann, am Flughafen in Hongkong, haben sie 10 Kilo Kokain darin gefunden. Jetzt sitzt der arme Opa also im Gefängnis von Hongkong, verurteilt zu 20 Jahren Gefängnis – natürlich hätte er nicht so gierig und dumm sein dürfen, aber es ist eine schreckliche Geschichte. Sie hat auch eine gewisse tragische Komik, deshalb war ich wirklich gespannt auf dieses Thema.

Dein Film ist sehr humorvoll – war es Dir wichtig, über den Humor auch Kritikpunkte anzusprechen?

Ingrid Hrubaničová,, Gitka Huttová, Michal Vrábel und Oto Markech,

Ich versuche nie, absichtlich lustig zu sein. Ich hoffe, der Humor findet seinen Weg durch die Wahrheit der jeweiligen Situation. Ich versuche nicht, etwas zu moralisieren oder die Zuschauer in Depressionen zu versetzen, indem ich ihnen die schreckliche Realität des Internetbetrugs zeige. Ich wollte, dass sie über die Realität lachen, sich an den Charakteren erfreuen und die Komik half mir, die Tragik der Geschichte dahinter zu verstärken. Als ich den Film schrieb, wäre mein Großvater fast gestorben, also kann der Film auch gelesen werden als einer über einen Enkel, der über den Tod seines Großvaters nachdenkt.

Was lag Dir gestalterisch am Herzen? Von der Ausstattung und auch etwas von der Geschichte wirkt Dein Film als ob er in früheren Jahren spielt – war das beabsichtigt?

Viele alte Leute, vor allem meine Großeltern, leben in solchen Häusern. Sie sind alt, halb leer, gestaltet mit Kreuzen und diesen schönen sozialistischen Tapeten, die ich und mein Kameramann persönlich lieben. Wir fanden dieses schöne Haus in einem kleinen Dorf und es war fast perfekt gestaltet, also fanden wir sechs schöne Aufnahmen, eine für jede Szene, und das war’s. Wir hatten das Glück, launisches, trauriges Wetter zu haben, was auch dazu beitrug, diese seltsame, graue Atmosphäre zu schaffen.

Hast Du filmische Vorbilder – ich musste spontan an die Filme von Roy Andersson denken?

Meine Vorbilder wechseln sehr oft. Ich denke, man kann diese Art von Filmen nur einmal machen, einfach um verschiedene Stile verschiedener Regisseure auszuprobieren, um etwas Neues über die eigenen Fähigkeiten zu lernen – dieses Mal wollte ich die Stille von Roy Andersson ausprobieren. Es war mein erstes und auch letztes Mal, jetzt muss ich meinen eigenen Weg gehen. Meine eigentlichen Vorbilder sind die Safdie-Brüder, Taika Waititi [Anm. d. Red. „Jojo Rabbit“ (2019)], Erik Rohmer und Jordan Peele. Aber es ändert sich sehr viel, ich bin ein junger Kerl, voller innerer Widersprüche.

Wie hast Du Deine Besetzung gefunden?

Michal Vrábel, Gitka Huttová und Oto Markech

Meine Besetzung ist eine Kombination aus Schauspielern und Nicht-Schauspielern. Für mich sind die Nicht-Schauspieler viel authentischer und Schauspieler hingegen geben die nötige Energie, um die Szene zu tragen. Der Kern des Films sind die Großeltern und ihr stummer, gelangweilter Enkel. Ich arbeite schon seit einigen Filmen mit dem Enkel zusammen, er hat ein ehrliches Gesicht: Jedes Mal, wenn ich ihn ansehe, sieht es so aus, als würde er denken, dass wir alle dumm sind und die Welt in der Hölle brennen sollte. Die Großeltern sind ehrenamtliche Schauspieler von diesem kleinen lokalen Dorftheater. Ich bin mit dem Zug in dieses Dorf gefahren und habe sie drei Minuten lang stillstehen lassen. Mir gefiel, dass sie nicht versuchten zu schauspielern, sie waren einfach da und es war schön, ihnen beim Stillstehen zuzusehen.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film kamst?

Ich habe fast 14 Jahre lang Judo gemacht, ich war in einer Nationalmannschaft und habe nach der Highschool aufgehört. Dann wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Seitdem schreibe ich viel, ich ging zum Filmregiestudium und die Schule nahm mich überraschend auf. In der Slowakei gibt es zwei wirklich furchtbare, deprimierende Branchen, die fast kein Budget haben: Sport und Kultur. Ich habe beides gemacht. Und mache immer noch das zweite. Kürzlich hatte ich die Premiere einer Comedy-Serie [Anm. d. Red. „Najhorsí týzden mojho zivota“ (2021)], die ich während der COVID-Zeit für das kommerzielle Fernsehen gedreht habe. Ich hoffe, dass ich dieses Jahr mit dem Studium fertig werde und mich dann auf die Arbeit an der Fernsehserie konzentrieren kann und schließlich eines Tages meinen eigenen Spielfilm vorbereiten kann. Aber im Moment chille ich einfach in meinem Dorf, lese Bücher über den Weltraum und wandere in unseren schönen Bergen. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe dieses Jahr keine Projekte geplant. Ich muss meinen Masterfilm drehen, aber da die Slowakei im Lockdown ist, mache ich keine Castings und bin ein bisschen verloren, was ich machen soll. Ich glaube, ich habe auch eine Schreibblockade. Aber ich hatte sie schon so oft, dass ich mich im Moment auf andere Aktivitäten konzentriere, und eines Tages wird mir die Idee wahrscheinlich kommen und die Welt wird wieder in Frieden sein.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Greetings from Nigeria


Interview: In our conversation with Slovak filmmaker Peter Hoferica, we were able to learn more about his short film “Greetings from Nigeria” (OT: “Pozdrav z Nigérie”), which won the Best Short Film Award at the 30th Cottbus Film Festival. He tells us why he tells a story about old people and deception, why he doesn’t use humor purposefully and how far other directors influence him in his work.

What was the starting point for your short film? Were there any true events that inspired it?

Starting point was a „scam“. I wanted to show vulnerability of old people against any kind of frauds, mostly those on the internet. I find big inspiration in my grandfather, who has been sending money for quite a few years to an online shop, which keeps promising him that if he buys enough things from the shop, he will win 10 000 Euros. Nobody from our family can persuade our grandfather that he will never win and everybody just gave up. Second story that really persuaded me to do it was a sad story about Czech grandpa, who got into an online dating scam. He was promised two milion dollars (more or less) from this african woman he dated online and he was supposed to go to Brazil to write down some papers, so he will get the money. He went to Brazil with his computer and he didn’t know any english, he was using google translator to communicate with her. He spent two weeks in Sao Paulo, didn’t have any money, he was drinking tap water from the hotel and then the girl he dated online wrote to him, she will meet him in Hong Kong, he just has to sit down to taxi and it will bring him to the airport. In the taxi he was given a suitcase and was told to bring it to his love to Hong Kong. He didn’t check the suitcase and then, at the airport in Hongkong, they found 10 kilos of cocaine in it. So now the poor grandpa is in hongkong jail, sentenced to 20 years of prison – of course he shouldn’t have been so greedy and stupid, but it is a horrible story. It also has some tragic comedy, so I really was eager to do this topic. 

Your film is very humorous – was it important to you to address critical points through humor?

I never try to be intentionally funny. I hope humour finds its way through the truth of each situation. I don’t try to moralize about something, or put the viewers to depression by showing them the horrible reality of internet scams. I wanted them to laugh at reality, to enjoy the characters and the comedy helped me to strengthen the tragedy of the story behind it. When I was writing it, my grandfather almost died, so the movie can also be read as a grandchild contemplating his grandfather’s death. 

What was important to you in terms of design? Your film seems to be set in earlier years – was that intentional?

Lot of old people, my grandparents especially, live in this kind of house. They are old, half empty, designed with crosses and this beautiful socialist wallpapers, which me and my cinematographer personally love. We found this beautiful house in a small village and it was almost perfectly designed, so we found six nice shots, one for each scene, and that was it. We were lucky to have moody, sad weather, which also helped to make this strange, gray atmosphere. 

Do you have cinematic role models – I spontaneously had to think of the films of Roy Andersson?

My role models change very often. I think you can do this kind of film only once, just to try out different styles of different directors, to learn something new about your own skill –  this time I wanted to try the stillness of Roy Andersson. It was my first time and also last time, now I have to proceed my own way. My actual role models are Safdie brothers, Taika Waititi, Erik Rohmer and Jordan Peele. But it changes a lot, I am a young guy, full of contradictions in his inner self. 

How did you find your cast?

My cast is a combination of actors and non-actors. For me the non-actors are much more authentic and actors on the other hand give the energy necessary to hold the scene. The core of the movie are grandparents and their silent, bored grandchild. I’ve been working with grandchild for quite a few movies, he has an honest face: everytime I look at him, it looks like he’s thinking we are all dumb and the world should burn in hell. Grandparents are volunteer actors from this small local village theater. I took the train to this village and let them stand still for three minutes. I liked that they didn’t try to act, they were just there and it was lovely to watch them standing still. 

Can you tell me a bit more about yourself at the end and how you came to the film?

I was doing judo for almost 14 years, I was in a national team and quit after high school. Then I didn’t know what to do with my life, and since, I’ve been writing a lot, I went to study film directing and the school surprisingly took me on board. In Slovakia there are two really horrible, depressing industries, which have almost no budget: sport and culture. I did both of them. And am still doing the second one. I recently premiered a comedy TV series which I shoot during COVID for commercial TV. I hope to finish school this year, and can focus on the TV series work and finally, one day, prepare my own feature film. But right now, I am just chilling in my village, reading books about space and hiking around our beautiful mountains. 

Are there already new projects planned?

I have no projects planned this year. I have to shoot my master’s movie, but since Slovakia is under lockdown, I don’t do castings and am a little bit lost, what to do. I think I also have a writer’s block. But I have had it so many times that right now, I am focusing on different activities, and one day the idea will probably come to me and the world will be in peace again.  

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „Greetings from Nigeria“ 

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