Neun Fragen an Larissa Odermatt

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Interview: Im Zoom-Gespräch mit der Schweizer Filmemacherin Larissa Odermatt erzählte sie mir mehr über ihren Abschlussfilm „Zuschnitt“, gesehen im ‘Open Air’ des 32. Filmfest Dresden, wie stark Kopfhaare das Schönheitsbilder von Frauen prägen und warum sie für Kurz-Dokumentation sich für einen absichtlich übertriebenden männlichen Blick entschied.

Was war Dein Ausgangspunkt für Deinen Kurzfilm?

Ich habe mich während meines Studiums sehr mit dem weiblichen Blick und dem Feminismus in der Filmgeschichte auseinandergesetzt. Als es dann um den Abschlussfilm ging, war ich mir sicher, dass ich etwas zum  Thema „Frauen im Film“ machen möchte. Es ging mir darum, den weiblichen Blick auch für mich selber zu entdecken. Da ging es darum, dass konkrete Thema zu finden. Ich wollte mich auflehnen und es sollte von Einzelpersonen handeln. Aber ich wollte nicht über ein bekanntes Thema wie Sexualität reden. 

Zur selben Zeit haben ich und meine Mitbewohnerin unsere Haare abgeschnitten. Nicht als Statement, sondern einfach um was Neues auszuprobieren. Danach bemerkten wir, dass es zwar in der Kunsthochschule total normal war, aber außerhalb bekamen wir einige Reaktionen u.a. die Frage, ob man jetzt noch eine Frau sei. Meine Freundin hatte einen siebziger Jahre-Bobschnitt und sie hörte im Bus folgenden Kommentare: „Ja, aber Schatz, sowas machst du bitte niemals.“, oder „ob sie Krebs hat?“. Meine Familie kommentierte meine Frisur mit: „Jetzt bist Du komplett in die Kunstszene abgerutscht.“ Auf einmal stand unsere Weiblichkeit in Frage. Wir haben uns dann zusammengesetzt und darüber gesprochen, wie wir wahrgenommen und kommentiert werden. Die einen betrachteten uns als lesbisches Paar und andere hielten es für ein politisches Statement. Dabei habe ich es vor allem für mich gemacht, um mich mal von meinen langen Haaren zu befreien, für die ich immer gelobt wurde und über die ich meine Schönheit definierte. Fragen wie, ob mir kurze Haare wirklich nur ästhetisch nicht gefallen oder ob es an der Sicht anderer Menschen liegt, wollte ich damit für mich selbst ergründen. Dadurch entwickelte sich auf einmal ein allgemeiner Diskurs, wie weit Haare und nicht Bein- oder Achsel, sondern Kopfhaare eine so wichtige Rolle für Schönheitsbilder spielen und zum Symbol für Weiblichkeit geworden sind. So begann dann die Idee für den Film zu reifen.

Wie hast Du dann die drei Frauen gefunden? Hattest Du mehrere zur Auswahl? Hast Du einen Aufruf gestartet oder kanntest Du sie vorher?

Anfänglich wollte ich das Ganze größer aufziehen und hatte schon sechs Frauen interviewt. Ich wollte graue Haare oder andere persönlichen Hintergrundgeschichten mit einbauen. Aber ich habe gemerkt, dass das den Rahmen meines Films sprengt und mich dann auf meine Generation beschränkt.

Die Protagonistin mit den langen blonden Haaren (Tiffany) ist eine Freundin von mir, welche ebenso mit dem Abschneiden der Haare rang, wie ich und da war klar dass sie in den Film rein muss. Da sie genau die Ängste über den Zusammenhang von Schönheit und Haare bestätigt.

Danach habe ich einfach viele Leute gefragt: „Kennst du jemanden, dessen Haare du spannend findest?“ oder von der du weißt, dass sie sich damit beschäftigt und immer klagt: „Ja, ich will schneiden, aber ich trau mich nicht.“ Oder: „Die geht sehr frei mit den Haaren um.“ Ich habe auch Leute getroffen, bei denen mir ihre Haare aufgefallen sind, und sie direkt gefragt, ob sie Lust hätten, den Film mitzumachen. Aline, die Frau mit den ganz kurzen Haaren habe ich so gefunden und sie war sofort dabei.

Die dritte Frau, Lynn, kannte ich von früher aus meiner Schulzeit. Ich wusste, dass sie Influencerin und Model ist. Sie ist also sehr nah dran, woher unsere Schönheitsideale stammen und geprägt werden. 

Deine Freundin mit den langen blonden Haaren, bekommt im Film ja ihre Haare danach noch geschnitten. Wie hat sie es danach empfunden?

Sie ist immer noch ziemlich glücklich mit ihrer Entscheidung. Sie hat sich einen Bob-Schnitt verpassen lassen und es danach sogar noch kürzer geschnitten. Es war sehr spannend, denn sie hat zwar immer davon geredet, aber es war nicht mein Ziel, dass sie am Ende vom Film die Haare schneidet, sondern es ist eher passiert. Durch die Gespräche mit mir, auch die Vorgespräche und intime Gespräche, hat sie einfach gemerkt hat, dass sie diesen Schritt gehen muss, weil sie sonst das Gefühl hat, stehenzubleiben. So hat sie sich entschlossen sich von einer Freundin von mir, einer Stylistin, die Haare noch beim Drehen schneiden zu lassen und damit war die Entscheidung besiegelt. Auch ihre Ängste, dass sie niemand mehr toll findet, haben sich nicht bestätigt nach dem Schnitt. Die einzige, die etwas zu kämpfen hatte, war ihre Mutter, aber das war ihr im Vorfeld klar.

Interessant ist die Gestaltung eines Films. Du hast ja diese normalen Interviewszenen in den Wohnung der Protagonistinnen und dann stellst du sie auf Podeste vor weißem Hintergrund. Kannst du mir mehr zu dieser Entscheidung erzählen?

Es war mir immer wichtig, dass man nicht das ganze Leben der Protagonistinnen sieht, um keine voreilige Schlüsse zu ziehen. Ich wollte es sehr reduzieren auf das Äußere und auch die Personen selbst. So war mir klar, dass ich es in einem Studio aufnehmen wollte, nur ganz am Anfang bekommt man einen kurzen Einblick in ihr Leben. 

Im Vorfeld habe ich mich sehr mit der Frau als Schauobjekt befasst und auch mit dementsprechender filmwissenschaftlicher oder auch sonst feministische Literatur. Es geht um den eigenen, weiblichen Blick, aber auch um den von Außen. Deshalb musste ich meine Protagonistinnen ausstellen, um das zu verdeutlichen. Doch damit die Kritik auch deutlich wird, habe ich es übertrieben inszeniert und sie wie Puppen auf einen drehenden Teller gestellt. Man sollte als ZuschauerIn gezwungen sein, sie anzuschauen. Nichts sollte von der Betrachtung ablenken und man sollte sich als ZuschauerIn ertappen, dass man wertet.

Wie hat sich das für die drei angefühlt auf so einem Teller zu stehen? 

Ich habe den dreien von Anfang an gesagt, dass ich in der Bildsprache etwas Eigenes ausprobieren möchte und sie in einer Schau als Objekte ausstellen will. Ich habe ihnen erklärt warum ich das machen möchte und ob sie damit einverstanden sind. Mir war es ganz wichtig, dass sie sich immer wohlfühlen. Sie hatten auch immer die Möglichkeit, abzubrechen oder zu sagen, dass es ihnen jetzt doch zu nahe oder zu ausgestellt ist, aber sie haben es alle gut gefunden. Mein Kameramann Maximilian Hochstrasser hat es gut gelöst, sodass sie sich nicht unwohl fühlten und auch keine Probleme mit Drehungen hatten. 

Die Kameraarbeit war entscheidend: Alle Protagonistinnen sind von den Einstellungen von den Höhen der Kamera immer gleich, also immer frontal aufgenommen. Alle haben die gleiche Ausleuchtung bekommen, aber sie konnten selbst entscheiden, was sie anziehen wollten und wie sie sich schminkten. Es gab keine Vorgaben von mir. Mir war es wichtig, dass es keinen typischen männlichen Blick gibt. Ich orientierte mich an der You-Tube-Ästhetik der perfekt ausgeleuchteten Bilder. Es ging mir um die Balance zwischen Beauty-Ästhetik und wertfreier Optik. So wollte ich nicht schon durch die Kameraeinstellungen eine Wertung ins Bild einbauen. Mir war wichtig, dass die Wertung erst im Kopf des Zuschauers, mit seinen eigenen Prägungen und Vorlieben, stattfindet.

Hast du dir viele YouTube Videos dieser Art angeguckt im Vorfeld oder hast du welche zufällig ausgewählt oder wie kamst du auf genau diese Ausschnitte, die du zeigst?

Ich habe einiges selbst geschaut, aber die größte Arbeit ist meiner Regieassistentin Alex zugefallen, die sich über hundert davon angeschaut hat und mir eine Tabelle erstellt hat. Faszinierend war, dass sie mir erzählte, dass sie nach der Sichtung dieser ganzen Beauty-Tutorials, welche sie sich früher nicht angeschaut hat, selbst gemerkt hat, dass es eine Art Bewusstseinsänderung gab, in dem sie auf einmal über Schminken oder Frisieren nachdachte. 

Wir haben die drei den fertigen Film gefunden?

Lynn, die Influencerin, hat ihn noch nicht gesehen, aber sie schenkte mir und meiner Arbeit so viel Vertrauen. Tiffany fand den Film trotz einiger Bedenken im Vorfeld und sich Selbstanschauen super, vor allem was er mit ihr gemacht hat. Und Aline ist ganz lässig und hat witzig reagiert und gesagt: „Das ist so cool. Ich kann mich selber anschauen und auslachen. Ich liebe das.“ 

Welche Erkenntnisse hast Du über Dich selbst gesammelt durch den Film und auch von anderen ZuschauerInnen?

Vorher hatte ich oft das Gefühl mich wegen meinen langen Haare vor Feministinnen rechtfertigen zu müssen, das ist jetzt anders. Ich trag sie wieder lang, weil sie mir so gefallen und ich konnte mich ein Stück weit von der Außenwirkung befreien. Ich habe Stärke und ja auch Stolz entwickelt.

Viele haben im Vorfeld nie wirklich über das Thema Kopfhaare nachgedacht. Nach dem Screening stellten sich dann doch schon die Fragen, was das über einen aussagt oder warum man diese oder jene Frisur trägt. Die Annahme, wie sie oft im Vorfeld getroffen wurde, dass man darüber eigentlich nicht reden müsste, bestätigte sich nicht. Obwohl meine Schule den Film als Frauenfilm eingestuft hat, habe ich erlebt, dass er auch Männer berühren kann, weil auch ihr Selbstbewusstsein und ihre Wahrnehmung mit den Haaren zusammenhängt.

Kannst Du am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen – wie Du zum Film gekommen bist und ob Du beim Dokumentarfilm bleiben wirst? Gibt es schon neue Projektideen?

Obwohl ich schon früh der Kunst vor allem dem Fotografieren zugeneigt war, machte ich erst einmal eine Lehre zum Chocolatier, aber nach einem halben Jahr Arbeit habe ich festgestellt, dass es nicht das ist, was ich machen will. Danach begann ich mit etwas Anlaufschwierigkeiten ‚Gestalterischen Fokus‘ in Luzern zu studieren, wo man einen allgemeinen Einblick in das gesamte Kunstschaffen erhält. Dort habe ich meine Liebe zur Fotografie wiederentdeckt. Der Film bot mir dann die Möglichkeit das Feld zu erweitern, vor allem um das komplexe Geschichtenerzählen, vor allem im dokumentarischen Sinne. Auch wenn die Inszenierung konstruiert ist, wie im Falle von „Zuschnitt“, sind die Geschichten dahinter echt. So bin ich zum Videostudium an der Hochschule Luzern gekommen, wo ich dann Regie studiert habe und mit „Zuschnitt“ das Studium beendet habe.

Jetzt arbeite ich vor allem an Musik-Clips. Dabei arbeitete ich mit vielen Kulturschaffenden und Freundinnen, u.a. Tiffany, zusammen. Doch langsam wird es mal wieder Zeit für einen neuen Film. Mich würde ein ähnlich aufgebauter Dokfilm reizen, in dem ich die Y-Generation [Anm. d. Red.: Millennials], ihre Beziehungen und Beziehungsmodelle sowie die Psychologie dahinter beleuchte. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Zuschnitt

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