Sieben Fragen an Ramazan Kılıç

Rémi Boissau

Interview: Im Gespräch mit dem türkischen Regisseur Ramazan Kılıç konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „The School Bus“ (OT: „Servis“), gesehen auf dem 30. Filmfestival Cottbus, erfahren, wie ihn seine Schwester inspirierte, warum das Motiv des Rahmens als visuelle Leitlinie verwendet wurde und welche gesellschaftsrelevante Botschaft in dem Film steckt.

The original english language interview is also available.

Mit welcher Idee hat alles begonnen? Kannst Du mir mehr zum Beginn des Projekts erzählen? Steckt eine wahre Geschichte dahinter?

Die Geschichte des Films ist nicht so weit von meinen eigenen Erfahrungen entfernt: Ich habe die gleiche Geschichte in meiner Kindheit erlebt. Abgesehen davon kenne ich die weibliche Figur sehr gut. Meine Schwester ist auch Lehrerin und sie ist sehr idealistisch. Es gibt nichts, was sie nicht für ihre Schüler tun könnte. Sie unterrichtet ihre Schüler in Van (eine Stadt im Osten der Türkei). Als ich sie besuchte, hatte ich die Gelegenheit, ihre Beziehung zu ihren Kindern und zur Gesellschaft zu beobachten. So wollte ich sowohl die Beziehungen dort als auch die ähnlichen Erfahrungen in meiner Kindheit miteinander verbinden. Schließlich bekam ich eine sehr warme und aufrichtige Geschichte.  

Der Film beschäftigt sich auch mit der Stellung der Frau in der Türkei. Welche Botschaft lag Dir dabei am Herzen?

Es gab einen Film mit dem Titel „Driver Nebahat’“, der die Geschichte von Nebahat erzählt, die einen traditionellen Männerberuf ausüben muss, um in der Öffentlichkeit zu bestehen und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, und der die Frage stellt: Sollte eine Frau ‚männlich‘ werden, um in einer Männerwelt zu überleben? Ich habe einen kleinen Ausschnitt aus diesem Film bei der Eröffnung meines Films verwendet. Es war eine der berühmten Butch-Figuren in der türkischen Filmgeschichte. In dem Film gibt es viele verschiedene Formen der Geschlechterdiskriminierung, mit denen Nebahat umgehen muss. Letztendlich ist die einzige Möglichkeit für sie, als Fahrerin erkennbar zu sein, ‚männlich‘ zu werden! Also habe ich die Nachrichten, die ich auf Twitter gesehen habe, mit dem Film „Driver Nebahat“ in Verbindung gebracht. Dann stellte ich fest, dass die Zeiträume unterschiedlich sind, aber das Bild der Frauen immer noch das gleiche ist! Diese Bilder von Frauen beunruhigten mich sehr. Also stellte ich mir wieder die gleiche Frage: Sollte eine Frau ‚mannhaft‘ werden, um in einer Männerwelt zu überleben? Meine Antwort ist NEIN. In diesem Moment dachte ich, dass es eine brillante Idee war, einen Film über diese Lehrerin zu machen. Aber ich änderte die Idee ein wenig, weil ich wollte, dass sie den Schulbus als eine Frau fährt, die nicht ‚männlich‘ ist!

Ich habe beobachtet, dass Frauen nicht nur überall im Land und in jeder Gesellschaft arbeiten. Frauen übernehmen mehr Verantwortung als Männer. Ob im Westen oder im Osten, die Situation ist für Frauen im ganzen Land die gleiche. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. 

Ich denke, das Problem ist die Ungleichheit der Geschlechter in der Gesellschaft. Wenn wir eine Lösung wollen, müssen wir diese Ungleichheit beseitigen. Mit dem Film habe ich versucht, diese Situation zu verdeutlichen.  Einige Berufe in der Gesellschaft sind nur bei Männern bekannt geworden. Wir müssen sagen, dass dies ein lächerliches Verständnis ist, so etwas gibt es nicht. Das Einzige, was es gibt, sind ‚Menschen‘, die ihre Arbeit gut machen, das ist alles. Ich glaube, dass wir Berufe und Rollen aus dieser Perspektive angehen sollten und sie de-gendern. Nur so können wir eine bessere Gesellschaft werden.

Kannst Du mir zu den Dreharbeiten selbst erzählen – wo und wie lange habt ihr gedreht? Gab es Probleme oder Einschränkungen?

Ich wurde im östlichen Teil der Türkei geboren. Meine Heimatstadt ist Ağrı, die eine Grenze mit Iran hat. Ich wollte den Film in meiner Heimatstadt drehen. Aber der Gouverneur hat mir nicht erlaubt, den Film dort zu drehen. Also brauchte ich einen neuen Drehort für den Film.

Ich besuchte die Schule in Bolu, einer Stadt im Norden der Türkei. Ich suchte viele Orte. Neben den Drehorten brauchte ich auch eine alte Schule im Dorf. Schließlich habe ich eine gefunden. Diese bestimmte Region ist ein Stadtteil von Bolu. Nämlich Kıbrıscık, das 1200 Einwohner hat. Die Geographie von Kıbrıscık sieht aus wie meine Heimatstadt. Der Ort ist gut geeignet, um den Film zu drehen. Aber die Schule, die ich benutzen wollte, war unbrauchbar, weil die Dorfbewohner diese Schule als Dorfvilla benutzt haben. Es war keine Schule mehr. Also haben wir die Schule im Sinne des Drehbuchs umgestaltet. Alles in allem haben wir den ganzen Film in Kıbrıscık gedreht.

Ich habe den Film in fünf Tagen gedreht. Das einzige Problem, das wir hatten, war die Zeit. Wir mussten den Film in fünf Tagen drehen, weil wir nicht genug Budget für mehr Tage hatten. Wir haben die Vorproduktion sehr gut gemacht, und wir haben im Voraus gedreht. 

Kannst Du mir etwas zur visuellen Umsetzung erzählen? Was lag Dir dabei am Herzen?

Ich habe mir die Bildsprache des Films ganz anders vorgestellt als das, was man im Film sieht.  Die Bildsprache im Film entstand mit einer Idee, die uns am Set in den Sinn kam. Die Idee, den ganzen Film hinter einem Rahmen zu betrachten, hat uns begeistert. Denn so war es tatsächlich auch im wirklichen Leben. Die Menschen, genauer gesagt, die Menschen, die im Westen leben, betrachten den Osten immer aus einer einzigen Perspektive (einem Rahmen). Das kann ein Foto oder ein Dokumentarfilm sein. Deshalb wollte ich die Geschichte des Films in den meisten Teilen des Films hinter einem Rahmen erzählen.

Erzähl mir mehr zum Casting – sind alles professionelle DarstellerInnen oder hast Du auch mit Laien zusammen gearbeitet?

Nur die Hauptdarstellerin und der Inspektor sind professionelle Schauspieler. Die anderen sind alle Laiendarsteller. Die Laiendarsteller habe ich erst kurz vor den Drehtagen gefunden. Aber sie haben sehr gut gespielt. Ich denke, sie hatten eine angeborene Fähigkeit zur Schauspielerei. Obwohl ich sie erst zwei Tage vor den Dreharbeiten entdeckt habe, haben sie gut gespielt. Wir hatten nicht die Möglichkeit, mit den Amateuren zu proben wie mit den Profis, aber sie haben ihren Job perfekt gemacht. Es waren alles Einheimische dabei. Ich denke, die Rollen sind ihnen nicht fremd, weil sie die gleiche Geschichte in ihrem täglichen Leben leben. Wie in dem Film.  

Kannst Du am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir und wie Du zum Film gekommen bist erzählen?

Ich habe an der Universität Kino und Literatur studiert. Ich habe während meiner Studienzeit viele fiktionale Filme gedreht. Ich musste einen Abschlussfilm drehen, um meinen Abschluss zu machen. So kam ich auf die Geschichte von „The School Bus“. Ich denke, es war ein guter Abschlussfilm, denn wir haben an vielen renommierten Festivals teilgenommen und viele Preise erhalten. Was könnte sich ein Student sonst noch wünschen? 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich bin gerade dabei, ein Kurz- und ein Spielfilmprojekt zu schreiben. Zuerst möchte ich den Kurzfilm drehen. Dann, nach der Entwicklung meines Spielfilms, möchte ich hoffentlich auch den drehen.  

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The School Bus


Interview: In our conversation with Turkish director Ramazan Kılıç, we were able to learn more about his short film “The School Bus” (OT: “Servis”), seen at the 30th Cottbus Film Festival, how his sister inspired him, why the image of the frame was used as a visual guideline and what socially relevant message is contained in the film.

With what idea did it all start? Can you tell me more about the beginning of the project? Is there a true story behind it?

The story of the film is not that far from my own experiences: I experienced the same story in my childhood. Apart from that I know the female character very well. My sister is also a teacher, and she is very idealistic. There is nothing that she cannot do for her students. She teaches her students in Van (a city in the east of Turkey). While I was visiting her I had the chance to observe her relationship with her children and society. Thus, I wanted to combine both the relationships there and the similar experiences in my childhood. Finally, I got a very warm and sincere story.  

The film also deals with the position of women in Turkey. What message was close to your heart?

There was a film called “Driver Nebahat” which tells the story of Nebahat, who has to do a traditionally men’s job in order to exist in the public arena and gain her economic independence, and poses the question: should a woman “become mannish” in order to survive in a man’s world? I used a small part of this film at the opening of my film. It was one of the famous butch characters in Turkish Cinema History. In the film, there are many different forms of gender discrimination that Nebahat has to deal with. Ultimately, the only way for her to be recognizable as a driver is “become mannish”! So, I connected the news that I saw on Twitter with the film “Driver Nebahat”. Then I found the time periods are different but the image of women still is the same! These images of women disturbed me a lot. So, I asked again the same question to myself: Should a woman “become mannish” in order to survive in a man’s world?”

My answer is NO. At that moment, I think that it was a brilliant idea to make a film about that female teacher. But I changed the idea a little bit because I want her to drive the school bus as a woman who is not not mannish!

I observed that not only do women work all over the country, and in every society. Women take responsibility more than men. Whether in the west or the east, the situation is the same for women all over the country. I learned this from my mother. 

I think the problem is gender inequality in society. If we want a solution, we have to eliminate this inequality. I tried to emphasize this situation with the film.  Some professions in society have become known only with men. We have to say that this is a ridiculous understanding, there is no such thing. The only thing that exists is “people” who do their job well, that’s all. I believe that we should approach professions and roles from this perspective, and de-gender them. Only in this way can we become a better society.

Can you tell me about the shooting itself – where and how long did you shoot? Were there any problems or restrictions?

I was born in the East part of Turkey. My hometown is Ağrı which has a border with İran. I wanted to shoot the film in my hometown. But, the governor did not allow me to shoot the film there. So, I needed a new location to set the film.

I studied High School in Bolu which is a city in the North of Turkey. I searched many places. Along with the filming locations, I needed an old school in the village as well. Finally, I found one. That particular region is a district of Bolu. Namely, Kıbrıscık that has 1200 population. The geography of Kıbrıscık looks like my hometown. The location is good to set the film in. But the school that I was going to use was useless because the villagers used that school as a village mansion. It was not a school anymore. So, we redesigned the school in terms of the script. All in all, we set the whole film in Kıbrıscık.

I shot the film in 5 days. The only problem that we faced was time. We had to shoot the film in 5 days because we did not have enough budget for more days. We did the pre-production very well, and we shot it in advance. 

Can you tell me something about the visual realization? What was important to you?

I imagined the visual language of the film very different from what you see from the film.  The visual language in the movie was formed with an idea that came to mind on the set. The idea of looking at the whole movie from behind a frame excited us. Because it was actually like that in real life.  People, more precisely, people living in the west, always look at the East from a single perspective (a frame). This can be a photograph or a documentary film. That’s why I wanted to tell the story of the movie behind a frame in most parts of the movie.

Tell me more about the casting – are they all professional actors or did you also work with amateurs?

Only the lead actress and the inspector are professional actors. The others are all non-professionals. I found the amateur actor just before shooting days. But, they acted very well. I think they had an innate ability for acting. Although I discovered them two days before shooting, they performed well. We did not have a chance to rehearsal with the amateurs like the professionals, but they did their job perfectly. They were all local people there. I guess the roles are not unfamiliar to them because they live the same story in their daily life. Like in the film.  

At the end, can you tell me a bit more about yourself and how you came to the film?

I studied cinema and literature at the university. I shot a lot of fictional films during my university years. I had to shoot a graduation movie to graduate. So, I came to the story of “The School Bus. I think it was a good graduation movie  because we competed at many prestigious festivals, and got many prizes. What else could a student want? 

Are there already new projects planned?

I am in the writing process of one short and one feature film project. First, I want to shoot the short. Then, after the develop my feature, I hope I want to shoot that.  

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “The School Bus“.

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