Neun Fragen an Guillaume Lorin

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Interview: Im Gespräch mit dem aus Guadaloupe stammenden Filmemacher Guillaume Lorin konnten wir mehr über seinen wunderbaren Kurzfilm „Vanille“, zu sehen auf dem 28. Internationales Trickfilm Festival Stuttgart 2021 und dem 23. mo&friese Hamburg, erfahren, wie er die vielen Themen in einer Geschichte verband, warum er sich dafür entschied Live-Action-Hintergründe mit 2D-Zeichnungen zu kombinieren und ob er sich vorstellen kann, dass sein Film auch in Schulen eingesetzt werden kann.

The original english language interview is also available.

Wie kam es zu der Geschichte über die junge Vanille?

Alles begann mit einem karibischen Märchen, das mir meine Mutter erzählte, als ich ein Kind war. Es handelt von einem Jungen, der seine liebevolle Patentante auf dem Land besucht, aber es stellt sich heraus, dass sie verflucht ist. Jede Nacht verwandelt sie sich in ein fliegendes Wesen, das das Dorf in Angst und Schrecken versetzt, und der kleine Junge ist der Einzige, der eine Chance hat, seine Patentante von dem Fluch zu befreien. Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen, und als ich es endlich konnte, habe ich alles getan, um sie weiterzugeben, aber mit einer moderneren Wendung. Mir war bewusst, dass schwarzes, lockiges Haar ein Thema ist, und ich wollte über diese Themen generell sprechen.

In Deinem Film vereinen sich viele Themen wie die persönliche Entwicklung der jungen Heldin, die mythologisch Monstergeschichte, aber auch Umgang mit seiner Familie und den eigenen Wurzeln sowie über das Zusammenleben mit der Natur. Hattest Du all das schon bei der Skript-Entwicklung im Kopf?

Eindeutig!!! Das ist mein größtes Problem, ich will immer zu viel Zeug in die Geschichten packen. Und gleichzeitig ist das die Art von Geschichte, die ich mag. Im Endeffekt sind all diese Themen miteinander verbunden und nähren sich gegenseitig. Ich komme von einem Ort, wo die Natur sehr reichhaltig ist und ich bin immer umgeben von Überfluss aufgewachsen; also würde ich sagen, es ist ganz natürlich für mich, auch viel zu geben.

Es war auch sehr natürlich, über all diese Themen gleichzeitig zu sprechen, weil ich das Gefühl habe, dass es im Leben auch irgendwie darum geht.

In welchem Rahmen und in welchem Zeitraum hast Du den Film umgesetzt?

Ich habe hauptsächlich in Frankreich mit dem Studio Folimage gearbeitet. Ein Teil des Films wurde auch in der Schweiz mit dem Studio Nadasdy gedreht. Mit ihrer Hilfe konnte ich in Guadeloupe, wo die Geschichte spielt, die Hintergrundaufnahmen machen. Von da aus haben wir es geschafft, den Film in drei Jahren zu drehen. Das ist ziemlich lang, aber es war notwendig, da wir eine neue Hybridtechnik ausprobiert haben, die Live-Action und traditionelle Animation mischt.

Erzähl sie mir bitte mehr zu den Animationen – ich würde gern über den Zeichenstil selbst erfahren und warum Du Dich dafür entschieden hast, reale Hintergründe zu verwenden.

Die Animation wurde von Jean-Charles Mbotti Malolo geleitet, der ein großartiger Animator und Regisseur ist. Da er selbst eine Person mit gemischter Herkunft ist, war er sich sehr bewusst, was die Charaktere durchmachen und konnte daher eine sehr lebendige Vorstellung mit den Animatoren geben.

In der Karibik ist die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen, die, dass die Kinder glauben, dass es wirklich passiert ist. Wir versuchen also, die Geschichte an einem Ort spielen zu lassen, den sie bereits kennen, damit sie sich das leichter vorstellen können. Das gibt ihr auch eine Art von ‚Wahrheit‘. Ich wollte diese mündliche Tradition beibehalten und sie für den Bildschirm übersetzen, indem ich reale Hintergründe benutzte, in denen sich die animierten Charaktere entwickeln würden.

Welche KünstlerInnen und FilmemacherInnen inspirieren Dich?

So viele! Haha, aber meistens unbewusst.

Ich muss sagen, dass ich ein Fan von japanischen Filmen bin; vor allem Hirokazu Kore Eda [Anm. d. Red. „Shoplifters“ (2018)] , der Familienangelegenheiten mit so viel Feingefühl schildert. Natürlich sind die Meister des Studio Ghibli, [Hayao] Miyazaki und [Isao] Takahata [Anm. d. Red. „Mein Nachbar Totoro“ (1988)], aber auch Satoshi Kon [Anm. d. Red. „Tokyo Godfathers“ (2003)] eine große Referenz. Ich liebe auch die Filme von Jacques Tatie [Anm. d. Red. „Tatis herrliche Zeiten“ (1967)] wegen des Humors und Jacques Audiard [Anm. d. Red. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012)] wegen der Präzision des Szenarios. Und vieles mehr! Aber lass’ mich sagen, dass ich auch vom Licht und den Farben des Malers Félix Vallotton inspiriert wurde.

Erzähl mir mehr zur Wahl Deiner SprecherInnen.

Für mich war es klar, dass ich mit SchauspielerInnen aus Guadeloupe arbeiten würde. Da die gesprochene Sprache ‚Kreol‘ sehr spezifisch für die Insel ist, war es ein Vergnügen, SchauspielerInnen in meiner Muttersprache zu inszenieren. Es war auch sehr wichtig, SchauspielerInnen zu engagieren, die die Kultur und die Atmosphäre der Figuren verstehen würden.

Könntest Du Dir auch einen Einsatz in Schulen vorstellen?

Es ist lustig, denn eine Freundin, die Lehrerin ist, zeigte ihn ihrer Klasse und nutzte den Film, um eine Diskussion über die Französischen Antillen zu beginnen. Historisch, geografisch und auch musikalisch war es eine Möglichkeit, die französischen Kinder einen Teil Frankreichs entdecken zu lassen, den sie kaum kannten.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich wuchs in Guadeloupe zwischen dem Meer und dem Wald auf. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Zeichnen, Schwimmen und Wandern. Ich war ein großer Fan von Zeichentrickfilmen und sah mir alle Disney-Filme in Dauerschleife an. Als ich „Prinzessin Mononoke“ von Hayao Miyazaki sah, war ich bewegt wie nie zuvor und ich wusste, dass ich das machen wollte. Ich zog nach Paris und dann nach Luxemburg, um die Techniken der Animation kennenzulernen. In meinem Kopf wollte ich schon immer Geschichten erzählen, vor allem die aus der Karibik, denn als Kind habe ich keine Zeichentrickfilme gesehen, die mich oder meine Umgebung besonders gut repräsentieren würden.

Ich wurde an der l’Ecole de la Poudrière ausgewählt, wo ich drei Kurzfilme drehte. Von dort aus habe ich noch ein bisschen als Animator und Storyboarder gearbeitet, bis ich mich schließlich entschied, meine Zeit der Produktion meines eigenen Films „Vanille“ zu widmen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Oh ja!!! Ich arbeite jetzt an einem weiteren Film mit Vanille und schreibe auch ein Videospiel. Das Videospiel ermöglicht neue Wege, Geschichten zu erzählen, indem es den Spieler direkt mit einbezieht. Das ist eine ganz andere Erfahrung, die ich faszinierend finde.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Vanille


Interview: In a conversation with Guadaloupe-born filmmaker Guillaume Lorin, we were able to learn more about his wonderful short film “Vanille,” screened at the 28th International Animated Film Festival Stuttgart 2021 and the 23rd mo&friese Hamburg, how he connected the many themes into one story, why he chose to combine live-action backgrounds with 2D drawings, and whether he can imagine his film being used in schools.

How did the story about the young Vanille come about?

It all started with a carribean tale my mum used to tell me when I was a child. About a boy who goes to visit his loving godmother in the countryside but she turns out to be cursed. Every Night she turns into a flying creature who terrifies the village and the little Boy is the only one who has a chance to deliver his godmother from the curse. The story stuck with me and when I finally could, I did everything to pass it on but with a more modern twist to it. I was aware black curly hair was an issue and I wanted to talk about these subjects altogether.

Your film combines many themes such as the personal development of the young heroine, the mythological monster story, but also dealing with her family and her own roots and living together with nature. Did you have all this in mind when you were developing the script?

Definitely!!! That is my biggest problem, I always wanna put too much stuff in the stories. And at the same time that’s the kind of story I like. In the end all these themes are connected and feed each other. I come from a place where nature is very generous and I always grew up surrounded by abundance; so I would say it’s quite natural for me to give a lot too.

It was also very natural to talk about all those themes at the same time because I feel like life is about that too somehow.

In what framework and in what time frame did you realize the film?

I worked mostly in France with the Studio Folimage. Part of the film was made in Switzerland too with the studio Nadasdy. With their help I could go to shoot the backgrounds in Guadeloupe where the story takes place. From there we managed to make the film in 3 years. Which is quite long but it was necessary since we were trying a new hybrid technique mixing live action and traditional animation.

Please tell me more about the animations – I would like to know about the drawing style itself and why you decided to use filmed backgrounds.

The animation was directed by Jean-Charles Mbotti Malolo who is a great animator and director. Being himself half-blood he was very aware of what the characters were going through and therefore was able to give a very lively performance with the animators.

In the caribbean, the way we tell stories is to make the kids believe it really happened. So we try to make the story happen in a place they already know so it’s easier for them to picture it. It also gives kind of a ‘truth’ to it. I wanted to keep this oral tradition, translate it for the screen by using real life backgrounds in which the animated Characters would evolve.

Which artists and filmmakers inspire you?

So many!!! But mostly unconsciously. I must say that I am a fan of Japanese films; especially Hirokazu Kore Eda who depicts family matters with such subtlety. Of course the masters of the studio Ghibli, Miyazaki and Takahata but also Satoshi kon were big references. I also love the film of Jacques Tatie for the humour and Jacques Audiard for the precision of the scenario. And much more!! But let’s say that I also was inspired by the light and the colors of the painter Felix Valloton.

Tell me about your choice of voice actors.

To me it was obvious that I would work with actors from Guadeloupe. The language spoken “creole” being very specific to the island, it was a pleasure to direct actors in my mother tongue. It was also very important to implicate actors who would understand the culture and the atmosphere of the characters.

Could you also imagine using your film in schools?

It’s funny Because a friend who is a teacher showed it to her class and used the film to start a discussion about the French west indies. Historically geographically and also musically it was a way to make the french kids discover a part of France they barely knew.

Can you tell me a bit more about yourself and how you got into making movies?

I grew up in Guadeloupe between the sea and the forest. Spent most of my time drawing, swimming and Hiking. I was a huge fan of cartoons and would watch in loop all the Disney movies. When I saw “Princess Mononoke” from Hayao Miyazaki, I was moved like never before and I knew that that’s what I wanted to do. I moved to Paris then to Luxembourg to learn about the techniques of animation. In my mind I always wanted to tell stories, especially the one from the caribbean because as a kid I didn’t see cartoons that would represent me much or my surroundings.

I got selected at “l’Ecole de la Poudrière” where I directed 3 short films. From there I worked a bit more as an animator and storyboarder to finally decide to dedicate my time to make my own film “Vanille“.

Are there already new projects planned?

Oh yes!!! I am now working on another film with Vanille and also writing a video game. The video game allows new ways of telling stories by directly implicating the gamer. It’s a totally different experience that I find fascinating.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Vanille

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