Zehn Fragen an Vivien Hartmann

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Interview: Der deutsche Kurzfilm „Elli“ ist der Abschlussfilm der Filmemacherin Vivien Hartmann. Im Gespräch mit ihr konnten wir mehr über den Ursprung und das Anliegen der Geschichte erfahren, wie sich der visuelle Stil seiner Protagonistin anpasst und wie sie es umgesetzt haben, den Film wirklich auf einem real stattfindenden Festival zu drehen. 

Dein Kurzfilm „Elli“ ist berührend und wirkt sehr echt. Wie kam es zu der Entwicklung des Stoffes?

Elli“ ist ein sehr persönlicher Stoff. Er ist inspiriert von einer Person mit ihrem Kind, die mir beide sehr nahe stehen. Zusätzlich habe ich selbst, als ich vier Jahre alt war ein halbes Jahr ohne meine Mutter gelebt, da sie damals mit meinem Bruder aus der ehemaligen DDR weggegangen ist und mein Vater und ich erst später einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen konnten. 

Zusätzlich bin ich selbst in der Zeit der Buchentwicklung Mutter geworden und habe mich zunehmend gefragt, was bedeutet es eigentlich heutzutage Mutter zu sein? Welche Erwartungen haben Mütter an sich? Welche gesellschaftlichen Erwartungen gibt es? Wie geprägt und sozialisiert sind wir von den gängigen Vorstellungen? Kann und will ich mich von ihnen lösen? In „Elli“ geht es um ein Ringen, ein Aufbrechen mit dem traditionellen Bild der fürsorglichen Mutter. Elli liebt ihre kleine Tochter Toni und dennoch möchte sie keine Mutter im klassischen, konventionellen Sinne sein. Sie ist eine Wochenendmutter und der Prozentsatz dieser ist nicht sehr hoch und ihnen wird für ihren Seltenheitsstatus nicht gerade zugejubelt. Gehören Kinder per se immer noch eher zur Mutter als zum Vater? Ist es natürlicherweise nicht so, dass Mutterschaft etwas ist, was nie aufhört, was keine Pause kennt und im Idealfall wollen Mütter immer mit ihren Kindern zusammen sein? Mütter, die nicht mehr tagtäglich da sind (Wochenendmütter, Teilzeitmütter) und/oder in ihrem Mutter-Dasein nicht die Erfüllung finden, können diesen Erwartungen aber nicht gerecht werden. Was macht das nun mit einer Frau, die sich gegen eine permanente Betreuung der Kinder entscheidet? Geht das fast einher mit einer gescheiterten Mutterschaft, da sie ihre eigenen Bedürfnisse über die der Kinder stellt? Elli will Anders-Sein, will Mensch-Sein, will Eltern-Sein in all seinen Facetten.

In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum hinweg hast Du den Film realisiert?

Elli“ ist mein Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg und von der Idee bis zur fertigen Realisierung hat es 1,5 Jahre gedauert. 

Kannst Du mir mehr zu den Drehorten und den Bedingungen vor Ort erzählen (speziell auf dem Techno-Festival)?

Hanna Binder

Wir haben in Berlin, in Cottbus und auf dem Wilde Möhre Festival gedreht. Wir hatten sehr viel Glück, dass uns die Macher*innen des Wilde-Möhre-Festivals so vertrauensvoll begegnet sind. Wir hatten einige Treffen im Vorfeld um uns gegenseitig kennenzulernen. Sie haben auch das Drehbuch gelesen um wirklich zu wissen, was wir da vorhaben und es gab Szenen über die wir gemeinsam gesprochen haben, ob sie realistisch sind oder nicht. Wir haben letztendlich schon während der Festivalaufbauarbeiten das Gelände zum Dreh nutzen können. Während des laufenden Festivalbetriebs musste von uns sichergestellt sein, dass sich immer alle Gäste wohl fühlen, wenn wir mit der Kamera unterwegs sind. Wir waren ein kleines Team und haben hybrid gedreht. Das heißt wir haben szenisch aber auch viel dokumentarisch gearbeitet. Ich mochte diese Arbeitsweise sehr gerne, da man absolut im Moment agieren und sehr aufmerksam sein muss.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Mein Kameramann Maciej Rolbiecki und ich haben uns im Vorfeld viel ausgetauscht, Moods gesammelt und Filme geschaut. So hat sich nach und nach eine Bildsprache für uns herauskristallisiert. Wir wollten nah dran sein, beweglich durch die Handkamera, keine Perfektion vermitteln, sondern Raum für eine gewisse Roughness lassen. Ungeschminkt und direkt sollte es sein. Das 4:3 Format war für uns wichtig um eine gewisse Enge zu erzählen, eine Art Korsett, in der sich auch unsere Protagonistin Elli befindet. Elli will sich entfalten, sie kämpft darum, dass ihr Lebensentwurf hinhaut, sie will sich nichts vorschreiben lassen. Alles andere wäre verlogen und falsch und sie weiß, dass sie, fernab von allen Konventionen, nur für sich eine gute Mutter sein kann, wenn sie Toni und sich selbst gegenüber aufrichtig handelt. Auch haben wir nach einer anderen Ästhetik für die Festivalbilder gesucht. Man erwartet bei so einer Location ja fast, dass man sie in CinemaScope erfährt, diese Erwartungen wollten wir nicht bedienen, sondern wir haben uns gefragt, was es mit der Geschichte macht, wenn man das Gefühl bekommt, man möchte die Bilder fast ‚aufbrechen‘, nach außen hin verschieben.

Deine Darsteller sind hervorragend – wie hast Du die beiden gefunden?

Blanca-Sveva Keune

Hanna Binder, die Elli verkörpert, kannte ich aus dem Kurzfilm „Die Jacke“ von Patrick Vollrath von der Filmakademie Wien. Ihr Spiel hat mich sehr berührt. Ich habe aber tatsächlich erstmal andere Schauspielerinnen vorher gecastet, hatte sie aber immer im Kopf und bin sie auch nicht ganz los geworden. So dass meine Producerinnen Friederike Weykamp und AnnKatrin Boberg mich nach Wien geschickt haben, damit ich sie endlich kennenlernen kann um zu sehen, ob sie wirklich die Elli ist oder eben auch nicht, um dann nach Alternativen zu suchen. Es war aber nach einem Tag, den Hanna und ich miteinander verbracht haben, uns ausgetauscht haben, klar, dass ich ihr die Rolle anbiete. Und ich hatte Glück und sie hat zugesagt. Blanca-Sveva Keune haben wir durch ein Kindercasting in München kennengelernt. Und da war mir sofort nach der ersten Übung, die wir zusammen gemacht hatten, klar, dass sie Toni ist. Sie hat einfach diese Wut und Energie, die ich für Toni im Kopf hatte, mitgebracht. Gleichzeitig hat sie aber auch eine gewisse Verletzlichkeit und Selbstständigkeit, die wichtig für die Figur Toni ist.

Wie war es mit einem Kind an solch einem Ort zu drehen? Wie gut konnte sie sich in die Situation hinein fühlen?

Das war zum Teil eine Herausforderung, da wir nur an den anderen Drehorten eine Kinderbetreuung auch immer vor Ort hatten. Da wir auf dem Festival nicht viele Leute sein durften, ging es dort leider nicht. Wir haben das aber als Team gut gemeistert. Blanca hatte eine guten Zugang zu ihrer Figur Toni, da sie selber mit getrennt lebenden Eltern aufwächst, weiß sie um die Zerrissenheit, aber auch um die große Liebe, die natürlich gewisse Emotionen hervorbringt.

Die Musik hat ebenfalls einen wichtigen Stellenwert in Deinem Film – kannst Du mir dazu erzählen?

Die Musik ist wie eine zusätzliche Protagonistin. Sie erzählt von Elli, von ihrer Sehnsucht, von ihrer Kunst und ihrer Kraft, Dinge zu schaffen. Gleichzeitig ist sie natürlich allgegenwärtig auf dem Festival. Für den Film haben wir mit den Künstler*innen ANNANAN und SPLZARD zusammen gearbeitet, so wie dem super talentierten Music Composer Andreas Pfeiffer. Er hat dem Ganzen einen roten Faden gegeben und es zu einem Gesamtwerk verwoben. 

Könntest Du Dir vorstellen zu Deinen Figuren aus „Elli“ zurückzukehren?

Nicht in einem Langfilm, falls du das meinst. Aber das Dilemma, der Konflikt in dem sich Elli befindet, interessiert mich sehr. Auch familiäre Strukturen, wie sie uns als Menschen prägen und formen, fließt als inspirierende Frage oft in meine Werke mit ein. 

Kannst Du am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Literatur war und ist für mich ein großer Schlüssel zu verborgenen Welten, aber auch um gewisse Dinge zu verstehen oder eine Perspektive dazu zu erlangen. Lesen ist schon immer essentiell für mich gewesen. Irgendwann kam die Fotografie dazu. Ich habe verschiedenste Blickwinkel und Perspektiven ausprobiert. Und dann mit Anfang Zwanzig habe ich eine Weile in Buenos Aires gelebt und studiert. Dort habe ich in einer Art Kollektiv zum ersten Mal einen Kurzfilm gedreht und ich war fasziniert von der Komplexität von Film. Ich habe nur erahnt, was mit diesem Medium alles möglich ist, wie tief man gehen kann. Das fasziniert mich bis heute. Geschichten erzählen und sich dabei auf die Suche nach den ureigenen Bilder dafür zu begeben. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich arbeite gerade an meinem Debutfilm, einem 90-minütigen Spielfilm und an einem Dokumentarfilm. Da bin ich aber noch sehr am Anfang, recherchiere viel, sammle Moodbilder und schreibe an einer ersten Exposéfassung. In beiden Projekten geht es um Kinder, aber auch um Wölfe und brennende Wälder. Alles ist wütend und sucht einen Platz im Leben. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Elli

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