Acht Fragen an Héloïse Ferlay

Letzte Artikel von Doreen Matthei (Alle anzeigen)
Camille Dampierre

Interview: Im Gespräch mit der französischen Regisseurin Héloïse Ferlay konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „To the Dusty Sea“ (OT: „À la Mer Poussière“), der u.a. auf dem 33. Filmfest Dresden zu sehen war, erfahren, über den Ursprung der Geschichte, in welchem Rahmen und mit welchen visuellen Vorstellungen das Projekt umgesetzt wurde und warum für die Animationskünstlerin Wolle das perfekte Medium ist.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zum Ursprung Deiner Geschichte erzählen?

Ich wollte über tiefe Verbindungen zwischen Menschen sprechen, und vor allem über Liebe und darüber, wann es schwer ist, Liebe als solche zu zeigen. Als ich nach meiner Geschichte suchte, erzählte mir ein sehr lieber Freund von seinen Erinnerungen an seine problembelastete Mutter, die für ihn und seinen Bruder kochte, wobei der größere Bruder immer das ganze Essen aufaß. Jetzt ist der große Bruder groß und kräftig und zornig, und der kleine Bruder ist klein und fügsam. Also habe ich die Geschichte um diese zentrale Szene in der Küche herum aufgebaut, in der die Kinder um das Essen streiten – scheinbar, während sie in Wirklichkeit um ihre Mutter streiten. Das führte dann zu den Persönlichkeiten von Zoé und Malo. Um all das herum baute ich die vorherigen Szenen auf, die ihre Einsamkeit und ihre Streitereien zeigen, und die folgenden, in denen sie sich auf verschiedene Weise zusammentun müssen, um endlich die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen.

In welchem Rahmen konntest Du den Film umsetzen?

Ich habe bei diesem Film als Abschlussprojekt des EnsAD Paris Regie geführt, ich war also noch in der Schule, als ich ihn drehte. Da es sich um ein so großes Projekt handelte, konnte ich es nicht in einem Jahr fertigstellen, wie es vorgesehen war, und bat um ein zusätzliches Jahr, das ich auch bekam, und beendete den Film eine Woche vor dem ersten Lockdown – verrückt. Alleine hätte ich diesen Film nicht so hinbekommen, wie er ist. Ich wurde sehr gut begleitet, vor allem von Hugo Chapelon, dem Bühnenbildner des Films, und Charlotte Neri, die die wunderschönen Aufnahmen konzipiert hat. Für den Ton hatte ich das große Glück, Antoine Martin & Lucien Richardson zu finden, die zusammen mit Antonin Tardy am Soundtrack einen absolut großartigen Job gemacht haben.

Heloise Ferlay

Stop-Motion ist vermutlich das zeitaufwendigste Animationsfilm-Verfahren. Wie kam es dazu, dass Du Dich dafür entschieden hast und welche Rolle spielen Materialien und die Haptik für Dich?

Ich meine, das ist das, was ich gerne mache, das, was mich angesprochen hat! Ich mag es, Dinge mit meinen Händen zu machen. Ich mag die Illusion und die Nähe, die der Betrachter zu den Bildern hat, weil sie so ‚existent‘ sind. Man kann eine Marionette in den Händen halten, im Gegensatz zu einer Zeichnung oder einem 3D-Modell, und ich bin sicher, dass sich dadurch viel verändert. Wolle ist das beste Material! Sie ist sehr formbar, verträgt viele Unregelmäßigkeiten und fängt das Licht ein. In „To the Dusty Sea“ habe ich die Animation der Wolle selbst genutzt, um Emotionen zu vermitteln, Wasser darzustellen usw..

Was lag Dir bei dem Charakterdesign am Herzen?

Es war sehr wichtig, dass die Augen wirklich realistisch waren, damit wir glauben konnten, sie seien menschlich, und dann die Puppen und die Animation vergessen konnten. Es war wichtig, dass der Zuschauer sich in sie einfühlen konnte. Die Mutter, Madeleine, sollte diesen anderen, abwesenden und flüssigen Blick haben, so dass es schwieriger war, sie Gefühle ausdrücken zu lassen und nicht nur gruselig zu sein.

Ich wollte, dass Zoé und ihre Mutter fast gleich groß sind, damit die Herausforderung größer ist – es wäre für uns und sie leichter zu vergessen, dass sie noch ein Kind ist. Außerdem wollte ich bei der Charakterisierung ihrer Persönlichkeiten das Geschlecht beiseite lassen. Zoé ist wirklich wütend und Malo so zuvorkommend. Es war ein großartiges Gefühl, die sexistischen Normen zu durchbrechen und zu erforschen, da sie am Ende völlig glaubwürdig und normal erschienen.

Was war Dir allgemein auf visueller Ebene wichtig?

Bei der Kameraführung waren wir in gewisser Weise auf der Suche nach einer Live-Action-Ästhetik, mit großen Nahaufnahmen, realistischen Stimmen und dynamischem Schnitt. Die Beleuchtung musste im Vorfeld genauestens studiert werden, und dann haben wir uns die nötige Zeit genommen, um die Einstellungen zu Beginn jeder Aufnahme und einen ganzen Tag lang für jede Szene vorzunehmen. Mit Hugo Chapelon als Ausstatter entschieden wir uns, nur wenige, aber signifikante glänzende Elemente zu verwenden, um zum Beispiel die Tränen und die Scheren zu betonen. Wir haben nur Papier, getrocknete Pflanzen, Karton und matte Farben verwendet.

War es schwierig, die richtigen SprecherInnen für den Film zu finden?

Das war gar nicht so schwierig. Ich machte einen Casting-Aufruf für Madeleine und bekam viele Antworten von semiprofessionellen Schauspielerinnen. Es ist nicht einfach, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, also waren sie bereit, an diesem unbezahlten Projekt teilzunehmen. Amandine Bataille wurde ausgewählt. Bei den Kindern haben die Online-Anzeigen und die Anrufe bei den Schulen der Theaterkinder überhaupt nicht funktioniert. Ich fand Violette Renoir und Alix Deshays, indem ich mich in meinem Umfeld mit Kollegen und Familienmitgliedern vernetzte. Die drei Mädchen schienen den Figuren, die sie verkörperten, körperlich sehr ähnlich zu sein, und das war wirklich beunruhigend! Die Mädchen waren fast gleich alt (10 & 11), aber während eine bereits ein Teenager war, war die Kleinste noch ein kleines Mädchen, was beim Spielen sehr hilfreich war.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir und wie Du zum Film gekommen bist erzählen?

Nach meinem ersten Jahr an der Schule musste ich mich zwischen den zehn verschiedenen Optionen entscheiden, auf die ich mich spezialisieren konnte. Ich zögerte lange zwischen Foto/Video, wo ich Filme machen und Geschichten durch Bilder erzählen konnte, und Textildesign, wo ich die Herstellung mit meinen Händen, die Qualität von Wolle, Textilien und Gelegenheitsarbeiten erkunden konnte! Ich dachte, wenn ich mich für das eine entscheiden würde, müsste ich das andere aufgeben. Schließlich wurde mir klar, dass ich beides miteinander verbinden kann, indem ich in die Animation gehe und Stop-Motion mache! Am Anfang habe ich nicht daran gedacht, weil ich nicht so gerne zeichne. Jetzt bin ich so glücklich, dass ich die Möglichkeit habe, die Geschichten, die ich auf der Leinwand darstelle, selbst zu bestimmen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich habe bereits einen sehr kurzen Film gedreht, er heißt „Die Mädchen des Windes“ und ist die Adaption eines Gedichts der großartigen französischen Dichterin Andrée Chedid. Er ist Teil einer Sammlung mit zwölf anderen kurzen Animationsfilmen von jungen Regisseuren, die Gedichte adaptiert haben. Ich arbeite derzeit an einem neuen Projekt, das sich noch in einem sehr frühen Stadium befindet, aber es wird weiterhin feministisch sein und verschiedene Lebens- und Liebesweisen erforschen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „To the Dusty Sea


Interview: In our conversation with French director Héloïse Ferlay, we were able to learn more about her short film “To the Dusty Sea” (OT: “À la Mer Poussière”), which was screened at the 33rd Filmfest Dresden, about the origin of the story, in which context and with which visual ideas the project was realized and why wool is the perfect medium for the animation artist.

Can you tell me more about the origin of your story?

I wanted to talk about deep connections between human beings, and mostly about love and when love struggles to come out as so. As I was searching for my story, a very dear friend told me his memories of his troubled mom cooking for him and his brother, and the bigger brother always eating all his food. Now the big brother is tall and wide and angry, and the young ones tiny and accommodating. So I constructed the story around this central scene of the kitchen, with the kids fighting over the food – in appearance, while they truly are fighting over their mother. Then this led to the personalities of Zoé and Malo. Around all this I built the previous scenes of showing their loneliness and quarrels, and the following where they have to team up in different ways to get to finally have the mother’s attention.

In which context were you able to realize the film?

I directed this movie as my graduation project of the EnsAD Paris, so I was at school when I did it. As it was such a big project, I couldn’t finish it in one year as I was supposed to, and asked for an extra year which I obtained, and finished the film the week before the first lock down – crazy. I wouldn’t have been able to make this film come as it is on my own. I was very well accompanied mainly by Hugo Chapelon the set designer of the film and Charlotte Neri who conceived the beautiful photography. For the sound I was very lucky to find Antoine Martin & Lucien Richardson, who, along with Antonin Tardy at the soundtrack, did an absolutely awesome job.

Stop-motion is probably the most time-consuming animation process. How did you come to choose it and what role do materials and tactile qualities play for you?

I mean, it’s the thing I like to do, it’s the thing that called me ! I like to make stuff with my hands. I like the illusion and the proximity the viewer has to the images because of their « existing » quality. You can hold a puppet in your hands, unlike a drawing or a 3D model, and I’m sure this changes a lot. Wool is the best material ! It’s very malleable, accepts a lot of imperfections, and catches the light. In “To the Dusty Sea” I used the animation of the wool itself to tell emotions, to do water, etc.

What was important to you in the character design?

It was primordial that the eyes were really realistic, so we could get fooled that they were human, and then forget the puppets and the animation. It was important that the viewer would empathize with them. The mom, Madeleine, should have this different, absent and liquid look, so it was more difficult to make her express feelings and not only be scary.

I wanted Zoé and her mom to be almost the same size so the challenge was bigger – it would be easier for us and them to forget that she’s still a kid. I also really wanted to leave aside their gender in the characterization of their personalities. Zoé is really angry and Malo so obliging, it was a great feeling to swipe the sexist norms and explore it as they appeared in the end, totally credible and normal.

What was important to you on a general visual level?

On the cinematography, we were searching for a « live action aesthetic » in some ways, with big close-ups, realistic voices and dynamic editing. The lights needed to be meticulously studied a lot in advance, and then we took the needed time to do the installations in the beginning of each shot, and with a whole day of work for each scene. With Hugo Chapelon for the sets, we decided to use very few and significant shiny elements, to emphasize for example the tears and the scissors. We only used paper, dried plants, cardboard and mat paint.

Was it difficult to find the right voice actors for the film?

It wasn’t so difficult. I made a casting call for Madeleine and got a lot of answers from semi-professional actresses. It’s not an easy way of making a living so they were willing to participate in this unpaid project… Amandine Bataille was chosen. For the kids, the online ads and the phone calls to theatre kids school didn’t work at all. I found Violette Renoir and Alix Deshays by networking around me through colleagues and family. The three girls appeared to physically look a lot alike the character they were incarnating and this was really unsettling ! The girls were almost the same age (10 & 11) but while one already was a teenager, the smallest was still a little girl and this helped a lot with the playing.

Finally, can you tell me a little bit more about yourself and how you came to make the film?

After my first year at school I had to choose between the ten different options I could specialize in. I was hesitating a lot between photo/vidéo, where I could make movies and tell stories through image, and textile design, where I could explore making with my hands, the quality of wool, textile and odd jobs ! I thought if I’d choose one, I’d have to abandon the other. I finally realized that I could combine both by going in animation and making stop-motion ! I didn’t think of it at first because I don’t like drawing so much. Now I’m so happy to be given this power to choose the stories I represent on screen.

Are there any new projects already planned?

I already made a very short film, it’s called “The girls of the wind” and is adapted from a poem written by the awesome french poetess Andrée Chedid. It’s part of a collection with 12 other adapted poems in short animation made by young directors. I’m currently working on a new project, it’s still very early in the process, but it’ll continue to be feminist and explore different ways of living and loving.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “To the Dusty Sea” 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.