Acht Fragen an Ellen Rodnianski

Interview: Im Gespräch mit der amerikanischen Regisseurin Ellen Rodnianski konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Growing Pains“, gesehen im Kurzfilmprogramm des 31. Filmfestivals Cottbus erfahren, was ihr an dem Drehbuch von Tanya Leonova sofort gefiel, warum sie sich entschied in einem 4:3 Format zu drehen und was ihr bei der Wahl der Darstellerin wichtig war.

The original english language interview is also available.

Woher kam die Geschichte über eine schwangere 15-jährige?

Polina Doroshkevich

Ich fand das Drehbuch durch einen Freund, der einen frühen Entwurf von der Drehbuchautorin Tanya Leonova erhielt. Was mir an dem Drehbuch auffiel, war Zhenya, die Hauptdarstellerin. Sie war kämpferisch, sie hatte Temperament, und ihre Figur hat mich beim ersten Lesen völlig in ihren Bann gezogen. Zhenya ist der Grund, warum ich beschlossen habe, bei diesem Drehbuch Regie zu führen.

Wo habt ihr gedreht? 

Wir haben in St. Petersburg gedreht, in einem Teil der Stadt namens Kanonersky Ostrov (Kanonersky Insel), der mir als düster-romantischer Schauplatz auf eine Weise erschien, die für unsere Geschichte funktionierte. 

Der Film besticht mit seiner Realitätsnähe – wie wichtig war Dir dies?

Polina Doroshkevich und Artem Raguzin

Ich wollte auf jeden Fall, dass sich der Film ‚echt‘ anfühlt. Wir hatten keine gebauten Kulissen, alles wurde vor Ort gedreht. Meine Hauptdarsteller waren praktisch keine Schauspieler: Die Schauspielerin, die Zhenya spielte, hatte zuvor in einer Kindertheatergruppe mitgewirkt, und der Schauspieler, der Borya spielte, war im ersten Jahr seines Theaterstudiums, und das war mir wichtig. Ich wollte, dass sie authentisch wirken. Aus diesem Grund haben wir uns auch dafür entschieden, den Film mit einer Handkamera zu drehen.

Trotzdem besitzt der Film ein beinah märchenhaftes Ende – warum hast Du Dich dafür entschieden?

Artem Raguzin und Polina Doroshkevich

Ich würde es nicht unbedingt ein märchenhaftes Ende nennen. Ich glaube, ich bin jemand, der bis zu einem gewissen Grad optimistisch ist, und ich sehe die Welt mit einem Sinn für Ironie. Ich denke also, das Ende spiegelt mich als Person und Regisseurin in dieser Hinsicht wider.

Kannst Du mir mehr über die visuelle Ausgestaltung erzählen?

Die vielleicht auffälligste visuelle Entscheidung war die, im Seitenverhältnis 4:3 zu drehen. Das war mir wichtig, denn ich wollte Zhenya so nah wie möglich sein. Ich wollte spüren, dass sie in ihrer Realität gefangen ist. Aus diesem Grund war das 4:3-Format für mich extrem wichtig. 

Deine Hauptdarstellerin Polina Doroshkevich ist wunderbar – wie hast Du sie gefunden?

Polina Doroshkevich

Danke schön! Das finde ich auch! Für uns war es wirklich wichtig, eine Schauspielerin zu finden, die noch ein Teenager ist. Wir hatten mehrere junge Schauspielerinnen Anfang 20, die für uns vorgesprochen haben, und obwohl einige von ihnen sehr talentiert waren und die Rolle spielen konnten, war da immer noch etwas in ihren Augen, das ihr Alter verriet. Für mich war es sehr wichtig, diesen Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein in den Augen meiner Hauptdarstellerin zu sehen. Polina, die Schauspielerin, die Zhenya spielt, hat in einem Kinderstück mitgespielt, das meine Casting-Direktorin gesehen hat. Sie mochte sie und bat sie, zu uns zu kommen und für uns vorzusprechen. Ich mochte sie auf Anhieb. Und sie war sechzehn, als wir den Kurzfilm drehten. Es hat also geklappt! Aber es war eine große Herausforderung.

Kannst Du mir mir noch ein bisschen mehr von Dir und wie Du zum Film gekommen bist erzählen?

Polina Doroshkevich

Da ich aus einer Filmfamilie stamme, wusste ich immer, dass das Filmemachen eine sehr reale Berufswahl ist, und als Kind träumte ich davon, eine Regisseurin zu werden. Aber ich war eine sehr gute Schülerin, und weil ich aus einer Filmfamilie stamme, wollte ich diese Entscheidung nicht überstürzen (was, wenn es der Einfluss der Familie war, dachte ich). Also ging ich auf ein sehr akademisches College in den USA: Die University of Chicago, wo ich Geschichte als Hauptfach belegte, weil das immer mein Lieblingsfach war. Während des Studiums erkundete ich verschiedene Karrierewege: Journalismus, Jura, aber es fühlte sich alles falsch an. In meinem letzten Studienjahr kehrte ich also zu meinem Kindheitstraum zurück und bewarb mich bei MFA-Programmen für Film.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja! Ich habe dieses Jahr einen kurzen Dokumentarfilm gedreht, den ich gerade fertigstelle. Ich habe einen neuen Kurzfilm, den ich gemeinsam mit dem Drehbuchautor von „Growing Pains“ geschrieben habe, und ich entwickle meinen ersten Spielfilm.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Growing Pains


Interview: In our interview with American director Ellen Rodnianski, we were able to learn more about her short film “Growing Pains“, seen in the short film program of the 31st Cottbus Film Festival, what she immediately liked about Tanya Leonova’s script, why she decided to shoot in a 4:3 format and what was important to her in choosing the actress.

Where did the story about a pregnant 15 year old come from?

I found the script through a friend who received an early draft from the screenwriter Tanya Leonova. What stood out to me in the script was Zhenya, the lead. She was feisty, she had spirit, and her character completely charmed me upon first read. Zhenya is the reason I decided to direct this script.

Where did you shoot? 

We shot in St. Petersburg, in a part of the city called Kanonersky Ostrov (Kanonersky Island), which struck me as a gloomily romantic location in a way which worked for our story. 

The film impresses with its closeness to reality – how important was this to you?

I definitely wanted the film to feel “real.” We didn’t have any built sets, it was all on location. My leads were practically non-actors: the actress who played Zhenya acted in a kids theater troupe prior, and the actor who played Borya was in his first year of theater college, and that was important to me. I wanted them to feel authentic. We also chose to shoot it on a handheld camera for this reason.

Nevertheless, the film has an almost fairy-tale ending – why did you choose that?

I wouldn’t necessarily call it a fairytale ending. I think I’m someone who may be optimistic to a fault, and I view the world with a sense of irony. So I think the ending reflects me as a person and director in that way.

Can you tell me more about the visuals?

Maybe the most striking visual choice was to shoot in 4:3 aspect ratio. This was important to me because I wanted to be as close as possible to Zhenya. Feel that she’s trapped in her reality. And for that reason the 4:3 was extremely important to me. 

Your leading actress Polina Doroshkevich is wonderful – how did you find her?

Thank you! I think so too! It was really important for us to find an actor who was still a teenager. We had several young actresses in their early 20’s audition for us and though some were very talented and could look the part, there was still something in the eyes that gave their age away. It was really important for me to see this transition between childhood and adulthood in my lead actress, in her gaze. Polina, the actress who played Zhenya, was in a kids play that my casting director saw. She liked her and asked her to come in and read for us. I loved her right away. And she was sixteen when we shot this short. So it worked out! But it was a huge challenge.

Can you tell me a bit more about yourself and how you got into film?

I come from a film family, so I always knew this filmmaking was a very real professional choice and growing up I dreamt of being a director. But I was a very good student and because I was from a film family I didn’t want to rush into making this decision (what if it was family influence, I thought). So I went to a very academic college in the US: The University of Chicago, where I was a history major because that was always my favorite subject. While studying I explored different career paths: journalism, law, but it all felt wrong. So my senior year of college, I went back to my childhood dream and applied to MFA programs in film.

Are there any new projects already planned?

Yes! I shot a short documentary this year that I’m currently finishing. I have a new short which I co-wrote with Growing Pains’ screenwriter, and I am developing my first feature.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Growing Pains

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