Zehn Fragen an Engeli Broberg

Interview: Im Gespräch mit der schwedischen Regisseurin Engeli Broberg konnten wir mehr über ihre Langzeit-Dokumentation „Gabi, Between Ages 8 and 13“ (OT: „Gabi, mellan åren 8 till 13“), der auf dem 64. DOK Leipzig lief, erfahren, wie sie Gabi kennenlernte, wie sich die Idee für den Film formte und wie sie sich auf ihr Gegenüber formal wie auch erzählerisch einstellte.

The original english language interview is also available.

Wie hat alles angefangen? Wie ist Dir Gabi begegnet?

Ich habe Gabi zum ersten Mal durch einen Freund kennen gelernt. Gabi war Statistin in einem Werbespot, an dem mein Freund arbeitete. Ich beschloss, mit Gabi und ihrer Mutter einen Kaffee zu trinken. Sobald wir anfingen zu reden, wurde ich in die Zeit zurückgeworfen, als ich in ihrem Alter war. Denn die Fragen und Gedanken, die Gabi hatte, waren die gleichen, die ich in ihrem Alter hatte: „Was ist ein Junge, was ist ein Mädchen und muss ich wirklich in diese Schubladen passen?“ 

Aber was mich an Gabi wirklich faszinierte, war, dass sie ihre Gedanken und Gefühle auf eine Art und Weise ausdrücken konnte, wie ich es in ihrem Alter nicht konnte.

Gabi ist in der Lage, über Geschlecht und Ungerechtigkeit zu sprechen, ohne all die unnötigen Schichten, die wir als Erwachsene auftragen. Sie denkt darüber auf eine sehr reine und logische Art und Weise nach, die ich für das Gespräch interessant und erfrischend fand. Nach diesem Kaffee traf ich mich also in den nächsten Jahren weiter mit Gabi und ihrer Familie. 

Wie hat sich ihre Geschichte zu einem Langzeitprojekt entwickelt?

Ursprünglich wollte ich nur einen Kurzfilm daraus machen. Aber je mehr ich Gabi kennenlernte, desto mehr wurde mir klar, dass diese Geschichte Zeit braucht. Sie brauchte Zeit, um wirklich tief in das Thema einzudringen und ein nuanciertes Bild dessen zu zeigen, was Gabi und Kinder wie Gabi durchmachen. Wäre ich Gabi einfach gefolgt, als sie acht Jahre alt war, wäre diese Geschichte zu einer Geschichte geworden, die schon tausendmal erzählt worden ist. 

In welchem Rhythmus und in welchem Zeitrahmen besuchtet ihr Gabi – kam sie auf euch auch zu?

Als ich mit dem Projekt anfing, hatte ich einen sehr starren Zeitplan, was ich wann aufnehmen wollte, aber ich habe im Laufe des Prozesses gelernt, dass die absolut beste Art, mit einem Kind zu arbeiten, darin besteht, einfach da zu sein und den normalen Alltag zu filmen. Ich musste alles in Gabis Tempo und zu Gabis Bedingungen aufnehmen. Und das hat so viel Spaß gemacht. Ich habe also einfach mein Bestes gegeben und versucht, über Gabis Leben auf dem Laufenden zu bleiben. Ich hatte sehr engen Kontakt zu Gabi, zu Gabis Familie und zu ihrer Schule. Je älter Gabi wurde, desto mehr meldete sie sich, um zu sehen, wann wir als nächstes kommen würden. Es war wirklich ein Vergnügen, so intuitiv zu arbeiten und einfach da zu sein und zu versuchen, alles einzufangen, was in und um Gabi herum passierte, und diesen kindlichen Rhythmus und das Tempo bei unserer Arbeit mit der Kamera zu synchronisieren. 

Was war Dir auf visueller Ebene wichtig?

Das Wichtigste für mich war es, visuell deutlich zu machen, dass dies Gabis Geschichte ist. Der Film wäre ganz anders, wenn er aus der Sicht von Trays (Gabis Mutter) oder zum Beispiel von Henry gedreht worden wäre. Indem ich eine geringe Tiefenschärfe verwendete und immer auf Gabis Augenhöhe filmte, wollte ich diese Art von Intimität schaffen und das Gefühl vermitteln, wirklich in Gabis Welt zu sein. Außerdem wollte ich beim Schnitt Gabis Tempo folgen. Wenn man sehr jung ist, stürzt man sich von einer Sache zur nächsten. In einem Moment lacht und spielt man, im nächsten weint man und in der nächsten Sekunde ist man schon wieder beim Skaten. Ich wollte versuchen, diese kindliche Logik im Schnitt einzufangen, als Gabi jung war, um später die Szenen länger und nachdenklicher werden zu lassen und den Rhythmus des Schnitts sich mit Gabi entwickeln zu lassen. 

Wie war der Umgang mit Gabi über die Jahre – wie war euer Verhältnis?

Bei mir und Gabi hat es irgendwie sofort Klick gemacht. Ich bin lesbisch, und ich denke, das kann ein Grund dafür sein, dass ich mich in einigen der Kämpfe, die Gabi im Laufe des Films hat, wiedererkennen kann, der Kampf, sich als Kind einfach anders zu fühlen. Aber es war mir wichtig, einen Raum für Gabi zu schaffen, in dem sie nicht das Gefühl hat, dass sie das, was sie sagt, so gestalten muss, dass es mir gefällt. Deshalb habe ich mich entschieden, mich Gabi gegenüber erst zu outen, als sie zehn war. Denn ich wollte wirklich, dass wir uns ohne unnötige Etiketten kennen lernen. Und das war auch gut so, denn so konnten wir über alles reden und nicht nur darüber, was der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ist usw. 

Und als ich mich später Gabi gegenüber geoutet habe, war das ganz natürlich, und es war zu der Zeit, als alle in der Schule über Liebe sprachen, und dann war es schön für Gabi, jemanden in ihrer Nähe zu haben, mit dem sie vielleicht über Arten von Liebe sprechen konnte, die sie in der Schule nicht gesehen hat. 

Und auch jetzt, nachdem wir mit den Dreharbeiten aufgehört haben, haben wir das immer noch, wir können miteinander über alles reden. 

Wie hat ihr der fertige Film gefallen?

Gabi gefällt es. Während der gesamten Dreharbeiten haben wir uns Material und Szenenausschnitte mit Gabi und der Familie angesehen. Und Gabi konnte den Schnitt sehen, bevor wir diesen fertigstellten, und kam mit Notizen, wenn sie es wollte. 

Habt ihr vor ihre weitere Entwicklung in einem anderen Dokumentarfilm weiterzuerzählen?

Diese Frage wird uns oft gestellt. Zurzeit drehen wir nicht, aber es hat uns wirklich Spaß gemacht, den Film zu machen, also werden wir sehen, was in Zukunft passiert. 

Kannst Du Dir den Film auch als didaktischen Einsatz in Schulen vorstellen?

Das ist auf jeden Fall eines unserer Ziele. Ich glaube, dass der Film so viel für Kinder und Jugendliche tun kann, besonders in kleineren Städten.

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Dokumentarfilm gekommen bist?

Ja, ich war auf einer Filmschule in Schweden, die sehr breit angelegt war. Wir lernten die Grundlagen der Regie, des Schnitts, des Tons und des Filmens. Als ich dort anfing, war ich überzeugt, dass ich Spielfilme drehen wollte, aber dann lernte ich Dokumentarfilme kennen und verliebte mich in die Realität. 

Es fühlte sich für mich einfach zu natürlich an, und es ist ein großes Privileg, auf diese Weise am Leben anderer Menschen teilhaben zu können, wie es einem als Dokumentarfilmer möglich ist. Es erweitert die eigene Weltsicht und man lernt so viel über andere und sogar über sich selbst. Ich fühle mich so glücklich, dass ich das beruflich machen kann.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich habe ein paar verschiedene Ideen im Kopf, die sich aber noch in einem sehr frühen Stadium befinden. Aber ich bin froh, dass ich in diesem frühen Stadium sein kann, nachdem ich so lange an diesem Projekt gearbeitet habe. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Gabi, Between Ages 8 and 13


Interview: In a conversation with Swedish director Engeli Broberg, we were able to learn more about her long-term documentary “Gabi, Between Ages 8 and 13” (OT: “Gabi, mellan åren 8 till 13”), which screened at the 64th DOK Leipzig, how she met Gabi, how the idea for the film formed, and how she adjusted to her counterpart both formally and narratively.

How did it all begin? How did you meet Gabi?

I first met Gabi through a friend, Gabi was an extra in a commercial that my friend was working on. I decided to have a coffee with Gabi and her mom. As soon as we started talking, I got thrown back to when I was her age. Because the questions and thoughts that Gabi had were the same I had her age: ”What is a boy, what is a girl and do I really have to fit into these boxes?”. 

But what really fascinated me about Gabi was that she was able to express her thoughts and feelings in a way that I couldn’t do at her age.

Gabi is able to talk about gender and injustice without all the unnecessary layers that we add on, as adults. She thinks about it in a very pure and logical way that I found interesting and refreshing to the conversation. So after that coffee, I just continued to hang out with Gabi and the family for the next few years. 

How did her story develop into a long-term project?

My initial idea was to just make it into a short. But the more I got to know Gabi, the more I understood that this story needed time. It needed time to really be able to get deep into the subject and show a nuanced image of what Gabi and children like Gabi goes through. 

If I had just followed Gabi when she was 8, that story would have become a story that we have already been told, a thousand times. 

In what rhythm and time frame did you visit Gabi – did she approach you as well?

When I first started out on the project, I had a very rigid schedule on what I wanted to capture and when, but I learnt through the process that the absolute best way to work with a child is to just be there and film ordinary everyday life. I had to take everything in Gabis tempo and on Gabis terms. And that was so much fun. So I just did my best in trying to stay updated on Gabi’s life. I had very close contact with Gabi, Gabi’s family and her school. The older Gabi got, the more she started to get involved in checking when we were coming next. It was really a pleasure to be able to work so intuitively and just be there and try to capture everything that happened inside and around Gabi and sync up with this childlike kind of rhythm and pace in our work with the camera. 

What was important to you on a visual level?

The most important thing for me was to make it clear visually that this is Gabi’s story. The film would be very different if it was made from Trays’ (Gabis moms) point of view or Henrys for example. By using short depth of field and always filming at Gabi’s eye level, I wanted to create that type of intimacy and a feeling of really being in Gabi’s world. I also wanted to follow Gabi’s pace in the edit. When you are really young you throw yourself from one thing to another. You might be laughing and playing one moment and then crying the next and the you’re up skating the next second. I wanted to try to capture that kind of childlike logic in the editing when Gabi was young, to later let the scenes be longer and more reflective and let the rhythm of the edit develop with Gabi. 

How was your interaction with Gabi over the years – what was your relationship like?

Me and Gabi kind of clicked immediately. I am a lesbian, and I think that can be a reason to why I can see myself in some of the struggles that Gabi has during the film, the struggle of just feeling differ as a kid. But it was important for me to create a space for Gabi where she didn’t feel like she had to mold what she was saying in a way to please me. So I chose to not come out to Gabi until Gabi was ten. Because I really wanted us to meet each other without unnecessary labels. And it was good because that way we could talk about everything and not just what the difference between boys or girls are, etc. 

And when I later came out to Gabi, it was very natural and it was around that time where everyone in school was talking about love and then it was nice for Gabi to have someone close to maybe talk about types of love that she didn’t see in school. 

And now, even after we stopped filming, we still have that, that we can talk to each other about everything. 

How did she like the finished film?

Gabi likes it. During the entire process of filming, we watched material and snippets of scenes with Gabi and the family. And Gabi got to see the cut before we locked the picture and came with notes if she wanted to. 

Do you plan to continue following her development in another documentary?

We get this question a lot. We are currently not filming, but we really enjoyed making the film, so we will see what happens in the future. 

Can you imagine the film being used as a learning tool in schools?

Definitely, that is one of our goals. I think that the film can do so much for children and teenagers especially in smaller cities.

Finally, can you tell me a bit more about yourself and how you got into documentary filmmaking?

Yeah, I went to a film school in Sweden that was kind of broad, we got to learn the basics of directing, editing, sound, and filming. When I first started there I was convinced that I wanted to direct fiction, but then I got introduced to documentaries and I fell in love with reality. 

It just felt too natural to me and it is just such a privilege to be able to take part of other people’s life in that way that you get to do as a documentary filmmaker. It broadens your worldview and you learn so much about others and even yourself. I feel so lucky to get to do this for a living.

Are there already new projects planned?

Yes, I have some different ideas floating around, but in a very early stage. But I am loving to be able to be in this early stage after working for so long on this project. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the film “Gabi, Between Ages 8 and 13

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.