Neun Fragen an Alina Yklymova

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Alina Yklymova konnten wir mehr über ihren 26-minütigen Film „Störenfrieda“ erfahren, der auf dem 43. Filmfestival Max Ophüls Preis im ‚Wettbewerb Mittellanger Film‘ lief und seine Weltpremiere feierte, wie es zu der Geschichte – zwischen Ruhrpott-Mentalität und FLINT-Kneipe – kam, wie wichtig Authentizität bei der Entwicklung des Stoffes war und wie sie diese Welt zum Leben erweckt haben.

Kannst Du mir mehr zu der Entwicklung des Drehbuchs durch Lisa Brunke erzählen und wie ihr für das Projekt zusammen gekommen seid?

Lisa Brunke, Nele Seifert (Szenenbild) und ich haben gemeinsam die Idee für „Störenfrieda“ innerhalb eines Tages konzipiert. Es war klar, dass wir zusammen arbeiten möchten und deswegen haben wir uns in einem Raum an der Filmakademie gesetzt und haben darüber nachgedacht was Themen sind, die uns aktuell beschäftigen. Relativ schnell war klar, dass wir eine Vater-Tochter Beziehung und einen FLINT* -Raum erzählen möchten. Außerdem lag es Lisa am Herzen, die Geschichte im Ruhrpott spielen zu lassen, einem bisher wenig erzählten Teil Deutschlands.

Thomas Krutmann und Katharina Abel

Sobald das Konzept stand, haben wir uns weiter mit Nele zusammen ausgetauscht über die Möglichkeit wie der Raum aussehen könnte. Es war uns wichtig, dass wir bereits im Drehbuch-Prozess wissen was die Räumlichkeiten bieten. Um die Charaktere und die Welt zu vertiefen, sind Lisa, Nele und ich auf Recherche gegangen. Wir haben sowohl ehemalige Bergarbeiter, als auch Feminist:Innen interviewt. Außerdem sind wir in verschiedene Räume und Gruppen gegangen, um die Organisation unseren Raumes so präzise wie möglich zu machen. Dabei waren wir sowohl im Ruhrpott, als auch Wien und Stuttgart.

Wunderbar zeigt ihr an der sympathischen Figur Gunter, dass Diskriminierung und Fehlverhalten nicht immer bewusst passieren. Kannst Du mir mehr zu den Figuren und deren Profilen erzählen?

Ich erlebe es immer wieder in Diskussionen, ob am Küchentisch oder auf Diskussions-Panels, dass das Thema Diskriminierung sehr schnell emotional werden kann. Niemand möchte als Täter dastehen und die meisten Menschen, denken ja, sie haben die Welt verstanden, genau wie Gunter. Er sollte eine liebende Vaterfigur werden, die niemandem bewusst weh tun möchte, denn ich glaube persönlich daran, dass die meisten Menschen es nicht böse meinen, wenn sie Grenzen überschreiten. Sie haben einfach ihre Werte und ihre eigene Geschichte. Von dieser kann man sich nicht so einfach frei machen. Aber was man machen sollte, ist sensibler für andere Geschichten und Werte zu werden. Nicht gleich verurteilen, sondern zuhören und den Menschen, die eine andere Lebensrealität leben, auch einen Raum geben. Damit sich diese ausdrücken können, damit man sie verstehen lernen kann. 

Massiamy Diaby und Katharina Abel

Sascha auf der anderen Seite, ist eine Person die schon immer kämpfen musste. Sie ist eine Person die schon vielfach Diskriminierung erleben musste. Ihr Glaube daran, man könne die Welt verändern, schwindet deshalb zunehmend. Es ist also kein Wunder, dass Sascha die Geduld fehlt Gunter alles detailliert und auch wiederholt zu erklären. Diesen Umstand könnte man ihr leicht vorwerfen, aber es ist auch nicht ihre Aufgabe Gunter jedes Mal an die Hand zu nehmen. Seien wir doch ehrlich: Wenn wir immer wieder gezwungen sind das Gleiche zu erklären und es dabei auch noch um unser Emotionales Wohlbefinden geht, dann bleiben wohl die wenigsten von uns ruhig und geduldig. 

Ava ist das verbindende Element und die auf den ersten Blick emphatischste Figur. Im Gegensatz zu ihrer Partnerin und ihrem Vater aber auch die schwächste, weil sie selbst unsicher ist was sie möchte, außer Frieden. Sie versucht den Problemen aus dem Weg zu gehen, aber genau dieses Harmoniebedürfnis macht sie auf Dauer unglücklich und führt am Ende zum großen Knall.

Der Ort, an dem die meiste Handlung spielt, ist eine FLINT*-Kneipe. Kannst Du mir zu dieser Art der Location erzählen und wie ihr diese hier zum Leben erweckt habt?

Katharina Abel

Wie schon gesagt, haben wir ja viel in verschiedenen Räumen recherchiert, damit wir unseren Raum gestalten können. Wir haben wirklich viel darüber geredet, wie inklusiv und exklusiv der Raum sein müsste, was die Regeln sind und wie Sascha und Ava dazu gekommen sind, so einen Raum überhaupt zu haben. Wir haben ein Regelwerk geschrieben und wir haben festgelegt was es in dem Raum geben muss. Wie zum Beispiel das L-Förmige Bett, anstelle des klassischen Doppelbetts. Durch diese Konstruktion haben wir sehr genau und schnell die Werte des Paares erzählt. Genauso wie die Selbstgebaute Theke. Die Drehlocation selbst haben wir auch lange gesucht und schließlich im Demoz in Ludwigsburg unsere „Störenfrieda“ gefunden und sie rein gebaut.

In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden? 

Der Film ist unser Drittjahresprojekt an der Filmakademie gewesen. Wir hatten das Glück, dass „Störenfrieda“ als Koproduktion mit dem SWR und Arte entstanden ist.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Visuell haben wir uns vorgenommen, einerseits den Safer Space möglichst authentisch zu gestalten. Also Selfmade-Charakter gepaart mit einem Drang zum Kitsch. Wir hatten das Glück, dass im Demoz schon viele Dinge vorhanden waren, wie Flyer und Plakate. Mein Lieblingsschild ist in Avas und Saschas Zimmer mit dem Aufdruck „Solidarität fängt beim Putzen an“. 

Katharina Abel und Thomas Krutmann

Andererseits wollten wir uns der Werbeästhetik bedienen, damit wir die Welt möglichst einem breiten Publikum präsentieren können, ohne die Sehgewohnheiten ganz zu brechen. In der Auflösung haben wir ein Kamerakonzept verfolgt, das sich von Außen nach Innen bewegt. Sodass wir zunächst das Konstrukt verstehen und dann in die Emotionen der Charaktere rein gehen. 

Außerdem habe ich einen DV-Recorder gekauft, den ich bei dem Dreh immer wieder einfach so angemacht habe, dabei sind diese ‚trashigen‘ Bilder entstanden, die dieser Welt doch viel näher kommen, als es eine Werbeästhetik tut. So finde ich, haben wir einerseits die Welt authentisch aber auch wertig darstellen können. 

Die Auswahl der DarstellerInnen ist ganz wunderbar – kannst Du mir bitte mehr zum Casting erzählen?

Das Casting habe ich zusammen mit Jana Klingseisen, der Producerin, gemacht. Wobei wir bei der Auswahl von Kandidat:Innen Hilfe von Nina Haun und Laura Buschhagen hatten. Sie haben der Producerin und mir sehr viele Vorschläge für Ava und Sascha gegeben. Dann haben wir in Köln und Berlin Castings organisiert und das Paar in einem Konstellations-Casting gesucht. Für Ava sowie Gunter war klar, dass sie Pott beherrschen sollten und für Sascha wollten wir eine Person, die einen Migrationshintergrund hat. 

Als Katharina und Massiamy zusammen gespielt haben, konnte ich mir keine andere Ava und Sascha mehr vorstellen. Dann haben wir uns auf die Suche nach Gunter gemacht. So kamen wir durch die Hilfe von Nina Haun auf Thomas Krutmann. Es war ziemlich aufregend, weil er ja auch zu Katharina passen sollte. Das ist zum Glück sehr gut gelungen! 

Wo wird man in Zukunft Deinen Film sehen können?

Wir reichen den Film weiter bei verschiedenen Festivals ein, und hoffen sehr, dass er noch rum kommt. Ein paar Festivals haben bereits Interesse gezeigt. Eine Zuschauerin auf dem Max Ophüls Preis hat uns auf die Idee gebracht, auch in die Lehre mit dem Film zu gehen. Es wäre auf jeden Fall spannend, den Film und die Thematik verschiedenen Menschengruppen zu zeigen, und damit in Diskussion zu treten. Zum Beispiel würde es mich brennend interessieren was ehemalige Bergarbeiter über den Film denken! 

Was auf jeden Fall fest steht, dass er nach der Festivaltour auch auf Arte und SWR gezeigt wird, sowohl im linearen Fernsehen als auch in der Mediathek. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, muss ich immer an meinen ersten besten Freund aus dem Kindergarten denken. Ich saß mit ihm an einem Abend vor seinem Zuhause und wir haben uns gegenseitig unsere Träume erzählt. Die Sonne ist untergegangen und wir wussten wir sollten bald heimgehen. Ich hatte so viel Spaß daran, diese Welt, die ich Nachts erforscht habe, ihm zu beschreiben. Irgendwann habe ich ihm dann alle Träume erzählt, die mich die letzten Nächte beschäftigt haben. Also habe ich angefangen Träume zu erfinden, nur damit er bei mir bleibt und der Abend nicht vorbei ist. Er ist leider dann paar Wochen später weggezogen. 

Thomas Krutmann

Später, sowohl in meiner Schulzeit als auch in der Freizeit wollte ich immer etwas gestalten. Mir war es also sehr früh klar, dass ich was Schöpferisches machen möchte. Da war es kein Wunder, dass ich an der Hochschule Darmstadt angefangen habe zu studieren. Der Studiengang hat mir ermöglicht mich in verschiedenen Disziplinen auszuprobieren und durch meine Freunde dort, habe ich allen Mut zusammen genommen und meinen ersten Film als Regisseurin gemacht. Das war ein komischer Ritt, den ich so niemals vergessen werde. Wir alle haben alle möglichen Fehler gemacht, die man sich nur vorstellen kann, aber die Lust am Filmemachen ist damit nicht vergangen, sondern hat sich gefestigt. Wahrscheinlich weil der Prozess etwas ist, was ich als etwas magisches empfinde. Immerhin arbeiten verschiedenste Individuen für ein Ergebnis. Und das ist ein Fenster zu Traumwelten. 

Naja, und dann habe ich weiter an eigenen Projekten gearbeitet und kam auf die Filmakademie in Ludwigsburg. Hier habe ich ganz viele Möglichkeiten und noch weitere Menschen kennen gelernt, die genau so wie ich ganz verrückt danach sind, filmische Welten zu erforschen. 

Irgendwie ist das ein Fluch und ein Segen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals was anderes machen wollte, als Filme. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Lisa und ich möchten die Welt der „Störenfrieda“ noch nicht ganz verlassen und arbeiten gerade an einem Serienkonzept. Hier möchten wir die Charaktere noch besser kennen lernen und uns noch mehr mit der Thematik auseinandersetzen, die für uns der Kernpunkt dieser Erzählung ist. 

Außerdem schreibe ich gerade an meinem Diplomfilm. Da bin ich gerade noch in der Findungsphase. Ich hatte bei dem Max Ophüls auch noch einen anderen Film namens „Kurschatten“ laufen in der Sondersektion ‚Atelier Ludwigsburg-Paris‘. Der Film ist ganz anders als „Störenfrieda“ und zeigt, dass mein Herz neben dem politischen Film auch für surrealistische Welten schlägt. Deswegen arbeite ich nun wieder an einem Filmkonzept, der sich mehr mit magischen Realismus auseinander setzt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Störenfrieda

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