Neun Fragen an Pedro Cabeleira

Interview: Im Gespräch mit dem portugiesischen Regisseur konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „By Flávio“ erfahren, welcher auf der 72. Berlinale im Rahmen des Shorts-Program seine Premiere feierte, wie mit einem Bild alles begann und welchen Einfluss die sozialen Medien auf uns und unser eigenes Bild haben. 

The original english language interview is also available.

Was war der Ausgangspunkt für Deine Geschichte?

Alles begann mit einem Bild, das Diogo S. Figueira (Co-Autor) im Sommer 2018 am Strand von Nazaré sah: eine Mutter im Badeanzug, die an einer Art Amateur-Fotoshooting teilnahm, und der Fotograf war ihr Sohn. Das war ein wunderbarer Ausgangspunkt, denn es war für uns ein starkes Bild und um Filme zu machen, brauchen wir Bilder. Es wurde die erste Aufnahme des Films, und danach begannen wir, mehr zu entwickeln, wer diese Mutter war, welche Interessen sie hatte, wo ihre Heimatstadt lag, ihre Arbeit, usw. und so fanden wir unsere Geschichte. 

Wie weit würdest Du sagen, haben soziale Medien den Umgang miteinander verändert?

Die sozialen Medien stellen eine enorme Veränderung der sozialen Dynamik dar und sind wahrscheinlich die größte soziale Revolution, die die Menschheit je erlebt hat. Von nun an gehen die Menschen konstruierter miteinander um als je zuvor. Es geht nicht darum, oberflächlicher zu sein, sondern kreativer in der Art und Weise, wie wir uns präsentieren. Jeder macht Kunst in seiner Interaktion mit den sozialen Medien, und vor allem wegen Instagram betrachten die Menschen ein Foto nicht nur als einen Moment, der in ihrem Leben festgehalten wurde, sondern als eine Präsentation für die Welt. Wenn also jemand ein Foto macht, denkt er immer daran, wie die Reaktion auf dieses Foto sein wird, ähnlich wie ein Künstler ein Kunstwerk schafft. Dasselbe gilt für eine Textnachricht oder einen Kommentar in einem Beitrag. Die private Welt, wie wir sie kannten, ist gerade zu Ende gegangen, und jeder geht jetzt an die Öffentlichkeit. Die Interaktion in den sozialen Medien ist also eine Art der Interaktion, bei der jeder eine öffentliche Person ist, mit unterschiedlichen Formaten, klein, mittel oder groß, aber alle sind öffentliche Personen. 

Wunderbar ist es wie Du es schaffst, Realität und das Versinken in das Handy einzufangen. Kannst Du mir mehr zu Deinem visuellen Konzept erzählen?

Ana Vilaça

Die ganze Idee war, den Telefonbildschirm als eine abstrakte oder immaterielle Welt darzustellen, so wie er in Wirklichkeit ist. Eine der größten Herausforderungen war, wie man etwas, das nicht materiell ist, in eine physische Welt einfügt, ohne den Schnitt zu benutzen, da es sich für mich um parallele Realitäten handelte, die physische Welt und die digitale Welt, so dass ein Cut auf das Telefon und die Reaktion der Charaktere keine Option gewesen wäre. Auch die Art von witzigen Grafiken und Animationen, die in einigen Szenen aus modernen Serien eingebaut werden, wenn sie versuchen, die sozialen Medien in einer Aufnahme darzustellen, war keine Option, ich finde diese Mechanismen immer irgendwie unterhaltsam, aber nicht wahrheitsgetreu, da sie versuchen, Abkürzungen zu dem zu geben, was wahrscheinlich wirklich am Telefon passiert. Denn jemanden in einem Telefon zu sehen, und zwar auf realistische Weise, kann langweilig sein. Deshalb zeigen moderne Serien auf Netflix oder HBO soziale Medien oder digitale Interaktion auf so lustige oder interaktive Art und Weise, um direkt zu den wichtigen Teilen zu kommen und all die uninteressanten Teile des Telefonierens zu ignorieren. Aber in Wirklichkeit sind 90% der Zeit, die wir am Telefon verbringen, nicht relevant, nicht einmal für uns selbst. Wir scrollen in beliebigen Inhalten, warten auf Likes, posten Fotos, warten darauf, dass die Fotos gepostet werden, warten auf Nachrichten usw.. Deshalb war es für mich sehr wichtig, die sozialen Medien oder die digitale Welt auf eine sehr realistische Weise darzustellen, in einer Symbiose mit der physischen Welt. Ich erinnerte mich an einen sehr alten Film, einen primitiven Film, der einen Gedanken auf sehr einfache Weise darstellte, indem er eine Iris auf einem Bildschirm erscheinen ließ. Es war „The Life of an American Fireman“ von Edwin Porter. Wir sehen den schlafenden Feuerwehrmann und daneben sehen wir, was er während des Schlafes träumt – Die Dimensionen, die gleichzeitig passieren. Für mich wäre das die Lösung. Mit einer ovalen Blende, wie in der primitiven Szene, welche die Stelle wäre, an der der Telefonbildschirm in der Aufnahme erscheint, und dann könnten wir die digitale Welt und die Welt von Márcia gleichzeitig sehen. 

Auch der Musik passt dazu – Dazu möchte ich auch gern mehr erfahren.

Ich habe mit einem großartigen portugiesischen Musiker zusammengearbeitet – Rafael Toral. Da wir beide keine besondere Vorliebe für Filmmusik hatten, testeten wir diese Methode. Vor den Dreharbeiten beschrieb ich Rafael einige Szenen und welche Emotionen oder Empfindungen darin vorkommen würden, und er machte die Musik, bevor wir ein erstes Bild des Films hatten. Es war also eine Musik, die zum Film passen könnte, aber nicht für den Film gemacht wurde, denn für mich ist es wichtig, dass die Musik eine eigene Dynamik im Film hat, als ein Element, das für sich selbst leben kann, etwas, das die Szene an eine andere Stelle setzt, und nicht etwas, das mit dem Bild vermischt werden kann, nur um als Paysagistenelement da zu sein. Als ich vor den Dreharbeiten über diese Szene nachdachte, sagte ich zu Rafael, dass es so etwas wie ein Portal sein würde, das sich im Bild öffnet und in dem ein Außerirdischer erscheint, als Bildschirm des Mobiltelefons. Rafael hat also diese wunderbare Musik gemacht, die den Eindruck einer sehr seltsamen Präsenz in der Aufnahme oder in unserer Welt erweckt, die in Wirklichkeit nur eine ganz gewöhnliche Sache ist – ein Handy-Display. 

Dein Cast ist großartig. Wie hast Du ihn zusammengestellt und im Speziellen wie hast Du Ana Vilaça gefunden?

Vielen Dank. Tatsächlich ist Ana Vilaça meine große Liebe, und so begann die ganze Idee auch mit ihr, denn ich wollte einen Kurzfilm mit ihr als Hauptfigur machen. Ich hatte ihre beiden vorherigen Kurzfilme gesehen, und ich fand es wirklich toll, wie sie darin gespielt hat. Ich glaube, sie war die Art von Schauspielerin, die uns sehr starke Charaktere geben konnte. Das war also der Hauptgrund, denn mit ihr bin ich mir sicher, dass die Figur stark sein und viel Persönlichkeit haben wird. 

Wie geht es jetzt mit Deinem Film nach der Berlinale weiter?

Mal sehen, ich hoffe, dass er auf mehr Festivals in der ganzen Welt zu sehen sein wird, aber es ist noch zu früh, um mehr darüber zu erfahren. 

Könntest Du Dir vorstellen die Geschichte über Marcia und Flavio weiterzuerzählen?

Es gab einen Moment, in dem der Film als langer Spielfilm gedacht war, und die Situation mit Chullz sollte nur die erste Sequenz des Films sein. Aber in Wirklichkeit war der Rest des Films nicht sehr stark, und Flávio war eine andere Figur als die, die wir im Kurzfilm sehen. Ich denke also, dass der Film sehr gut funktioniert, weil er ein Kurzfilm ist, ein kleiner Einblick in das Leben der Figuren. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich komme aus Entroncamento, einer kleinen Stadt in Portugal. Ich wollte eigentlich Torwart werden, aber leider war damit bald Schluss, als ich 16 war, und so rieten mir meine Eltern, auf die Filmschule zu gehen. Ich habe Filme schon immer geliebt, ich habe nie viel darüber nachgedacht, aber es war etwas, das ich wirklich liebte. Als meine Eltern mir das sagten, hielt ich das für eine gute Idee, und ich schlug diesen Weg ein. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich bin dabei, meinen zweiten Langfilm „Entroncamento“ vorzuproduzieren, der, wie der Name schon sagt, in meiner Heimatstadt angesiedelt sein wird. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „By Flávio


Interview:  In our interview with the Portuguese director, we were able to learn more about his short film “By Flávio“, which premiered at the 72nd Berlinale as part of the Shorts Program, how it all started with one image and what influence social media has on us and our own image. 

What was the starting point for your story?

It all started from an image that Diogo S. Figueira (co-writer) saw during the summer of 2018 in Nazaré’s beach: a mother in a swimming suit, that was in this kind of amateur photoshoot, and the photographer was her son. It was a wonderful starting point, since it was for us a powerful image, and to make films, we need images. It became the first shot of the film, and after that we started to develop more who that mother was, what interests she had, and where her hometown was, her work, etc… and we found the story. 

How far would you say social media has changed the way people interact with each other in Portugal? 

Social media is a huge change in social dynamics, and is probably the biggest social revolution we had in humanity. From now on, people start to relate with each other in a more constructed way than ever, it is not about being more superficial, it is about being more creative in how we present ourselves. Everyone is making art in their interactions with social media, and mainly because of Instagram, people look at a photo, not only as a moment encapsulated in their lives, but as a presentation to the world. So when someone is taking a photo they are always thinking how the reaction will be to that photo, a very similar way that an artist makes a work of art. The same with a text message, or a comment in a post. The private world as we knew it, just ended, and everyone just goes public. So social media interaction is a kind of interaction where everybody is a public figure, with different formats, small, medium or big, but all public figures. 

It’s wonderful how you manage to capture both reality and being absorbed into your phone. Can you tell me more about your visual concept?

The whole idea was to represent the phone screen as an abstract world or an immaterial world, as in fact it really is. One of the biggest challenges was how to depict something that is not material inserted in a physical world without using the editing, since for me they were to parallel realities, the physical world and the digital world, so making a cut-to-cut at the phone and character reaction wouldn’t be an option. Also the kind of funny graphics and dynamics incorporated in some scenes from modern series, when they try to depict the social media in a shot, was also not an option, I always find that mechanisms somehow enjoyable, but not truthful to the reality, since they try to give shortcuts to what is really being on the phone, probably, because to see someone in the phone and it is inside, in a realistic way, can be boring, so that’s why modern series in Netflix or HBO have been portraying social media or digital interaction in such a funny way or interactive way, to go directly to the important parts, and ignore all the no-interesting parts of being on a phone. But the true is that 90% of the time we are on the phone is not relevant, even for ourselves, we are scrolling in aleatory material, waiting for likes, posting photos, waiting for the photos to be posted, waiting for messages, etc… So for me it was very important to portray the social media or the digital world in a very realistic way, in a symbiosis with the physical world. I remembered a very old film, a primitive one, that found a very simple way to represent a thought, with an iris appearing on a screen. It was The Life of an American Fireman by Edwin Porter. We see the fireman sleeping, and next to him, we see what he is dreaming during the sleep. To dimensions that happen at the same time. For me it would be the solution. Using an oval iris, as in the primitive scene, which would be the place where the phone screen would appear in the shot, and then we could have the digital world and the one that Márcia is there at the same time. 

Also the music fits that idea. Can you tell me more about fitting sound and image together, as well?

I worked with a great Portuguese musician – Rafael Toral. So we had this kind of method that we tested, since both of us were not particularly fond of music for films, before the shooting, I described some of the scenes to Rafael, and what would be the emotions or sensations in it, and he made the music before we had a first image of the film. So it was a music that could fit the film, but not made for the film, because for me it’s important that the music has is own dynamic in the film, as an element that can live for itself, something that puts the scene in other place, and not something that can be mixed with the image, just to be there as a paysagiste element. When I was thinking about that scene before shooting I was telling Rafael that it was going to be something like a portal that would open in the image, and an extraterrestrial would appear in it, as a screen of the mobile phone. So Rafael made this wonderful music that gives the impression of this very weird presence in the shot or in our world, which in fact is only a very common thing – a phone screen. 

Your cast is great. How did you put it together and specifically how did you find Ana Vilaça?

Thank you very much. In fact Ana Vilaça is my love companion, so the whole idea also began with her, since I wanted to make a short film with her as the main character. I had seen her two previous short films, and I really loved how she acted in them. I think she was the kind of actress who could give us very strong characters. So that was the main reason, because with her, I am sure that the character will be strong and have a lot of personality. 

What will happen with your film after the Berlinale?

Let’s see, I hope it will go around the world to more festivals, but it is soon to know more about it. 

Could you imagine continuing the story about Marcia and Flavio?

There was this moment that the film was thought of as a long feature, and the situation with Chullz would only be the first sequence of the film. But in fact the rest of it was not very strong, and Flávio was a different character from the one that we see in the short. So I think the film works very well, because it is a short film, a small glimpse into the characters’ lives. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you got into film?

I am from Entroncamento, a small town in Portugal. I wanted to be a goalkeeper, but unfortunately it ended soon, when I was 16, so my parents advised me to go to film school. I always loved films, never thought much of it, but it was something that I really loved. So when my parents told me that, I thought it was a good idea, and I followed that path. 

Are there already new projects planned?

Yes, I’m pre-producing my second long-feature, “Entroncamento”, as the name says, it will be based in my hometown. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “By Flávio

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