„Drive my Car“ (2021)

Filmkritik: Der japanische Film „Drive my Car“ OT: „Doraibu mai kā“, Japan, 2021) des Regisseurs Ryūsuke Hamaguchi, der auf der 71. Berlinale 2021 für seinen Film „Wheel of Fortune and Fantasy“ mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, ist vermutlich der überraschendste Oscarkandidat der diesjährigen Verleihung. Mit seinen insgesamt vier Nominierungen hat er sich aus dem normalen Stammplatz nicht-amerikanischer Film heraus bewegt und verdient diese Ehrung und auch die eine oder andere Trophäe zu Recht.

Der Theaterregisseur Kafuku (Hidetoshi Nishijima) und seine Frau Oto (Reika Kirishima) führen ein angenehmes Leben voller kreativer Geschichten. Als sie eines Tages nicht mehr da ist, ist sein Leben nicht mehr das Gleiche. Er flüchtet sich in seine Arbeit. Für eine weitere Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ begibt er sich nach Hiroshima. Dort stellt er ein Cast zusammen, der verschiedene Sprachen spricht, um dem Stück so einen besonderen Kniff geben. Wenn er gerade nicht mit den DarstellerInnen probt, lässt er sich von seiner ihm zugeordneten, ruhigen und talentierten Fahrerin Misaki (Tōko Miura) ins Hotel fahren. Auf diesen Fahrten kommen sie sich näher und öffnen sich dem jeweils anderen und lassen den Schmerzen den sie empfinden hinaus.

Hidetoshi Nishijima und Toko Miura

Der japanische Autor Haruki Murakami (*1949) schuf in seinem bisherigen Leben Romane und Kurzgeschichte voller Tiefe und Interpretationsebenen, u.a. schwappten Werke wie „Kafka am Strand“ (2002) auch nach Europa rüber. Auch gute Verfilmungen wie „Naokos Lächeln“ (2010) und „Burning“ (2019) mit Steven Yeun („The Walking Dead“ (2010-2016), „Minari“ (2020)) in einer der Hauptrollen gibt es bereits nach seinen Werken. Nun verfilmte der japanische Regisseur Ryūsuke Hamaguchi (*1978), der im letzten Jahr auf der 71. Berlinale mit dem Silbernen Bären, dem Großen Preis der Jury, für seinen Film „Wheel of Fortune and Fantasy“ bedacht wurde, die 2014 erschienene Kurzgeschichte „Drive my Car“ aus der Sammlung „Von Männern, die keinen Frauen haben“. Der Film wurde 2021 in Cannes uraufgeführt und dort mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet. Nun hat er es auch noch geschafft bei der 94. Oscarverleihung 2022 mit vier Nominierungen (u.a. für den ‚Besten Film‘) ins Rennen zu gehen. 

Reika Kirishima und Hidetoshi Nishijima

Die Geschichte spannt sich dabei über 179 Spielminuten und nimmt sich Zeit seine Figuren und vor allem die Stimmung einzufangen. Der Film besitzt dabei eine Prelude, bevor nach circa 30 Minuten der Vorspann die eigentliche Geschichte einleitet. Die Geschichte von Murakami wurde von Ryūsuke Hamaguchi und Takamasa Ōe wunderbar in ein Drehbuch übertragen, so dass die melancholische Qualität – hier geht es vor allem Schmerz, Verlust, Schuld und Schweigen – beibehalten wird. Großartig ist der Gegensatz zwischen den dialoglastigen Theaterproben, welche aber durch die vielen verschiedenen Sprachen auch wenig Verständigung zulassen, und dem Schweigen, das die Autofahrten charakterisiert. Das Worte-Finden und den Schmerz-zu-Lassen stehen hier im Vordergrund. Doch nicht nur das: Es ist auch eine schöne Geschichte von Menschen, die aufeinander zugehen und es möglich machen, dass sich so die dunklen Wolken verziehen. Das Schöne liegt dem Regisseur Ryūsuke Hamaguchi genauso am Herzen. Das sieht man auch an den wohl komponierten Bildern, in denen er in beinah schönster Roadmovie-Manier Städte und Landschaften einfängt, aber genauso auch, wie er die Gesichter seiner ProtagonistInnen erkundet. Diese werden von einem herausragenden Cast aus japanischen, koreanischen und amerikanischen SchauspielerInnen verkörpert. Wunderbar ist die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren, dargestellt von Hidetoshi Nishijima und Tōko Miura, welche ihren Schmerz in sich verschließen und doch ausstrahlen. So ist „Drive my Car“ auch mit seiner enormen Spieldauer (und wenn man es sich im Original anschaut, mit viel Untertitel-Lesen verbunden) ein warmherziger, melancholischer Film, der das Publikum berührt und die Schönheit der Welt und die Kraft der Worte erkennen lässt.

Hidetoshi Nishijima und Toko Miura

Fazit: „Drive my Car“ ist ein japanischer Spielfilm von Ryūsuke Hamaguchi. Er erzählt dabei nach einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami eine einfühlsame Geschichte von Schmerz und Verlust. Gleichzeitig schafft er es, die Schönheit der Kunst und des menschlichen Miteinanders einzufangen. So besitzt der Film viele Schichten und Qualitäten und berührt das Publikum mannigfaltig.

Bewertung: 9/10

Kinostart: 23.12.2021 / DVD-Start: –

Trailer zum Film „Drive my Car“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

 

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