Acht Fragen an Amandine Meyer

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Amandine Meyer konnten mehr über ihren Animationsfilm „A Story for 2 Trumpets“ (OT: „Histoire pour 2 Trompettes“), der seine Premiere auf der 72. Berlinale im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programm feierte, erfahren, wie der Film aus einem Buch entstand, wie die verschiedene Motive ins Spiel kamen und wie die Musik die Welt der Zeichnungen noch vergrößerten.

The original english language interview is also available.

Dein Animationsfilm zeigt die Werdung eines jungen Mädchens zur Künstlerin. Kannst Du mir zum Ursprung Deines Films erzählen?

Der Film folgt meinem Buch „Histoire décolorée“, das 2016 bei Misma erschienen ist: eine Sammlung von kurzen, stillen Geschichten, die von Kindern, Tieren und Pflanzen bevölkert werden.

Ich habe denselben Schreibprozess beibehalten, indem ich eine Fabel ohne Worte oder Moral geschrieben habe, die auf tiefgründigen Gedanken beruht. Ich habe mit der letzten Geschichte des Buches begonnen und sie weiterentwickelt. Dies ist eine Initiations-Eerzählung, die sich auf meine Reise als Frau und Künstlerin bezieht.

Wie kamen die einzelne Elemente – wie das Weinen, die Farbbabys u.ä. ins Spiel?

Dieser Film greift wiederkehrende Motive in meinen Zeichnungen auf: Kinder, Babys, Natur, Tiere und insbesondere das Mädchen mit dem Brustkopf. 

Das Zeichnen von Kindern gibt mir viel Freiheit im Universum. Sie können grausam sein, unschuldig, außerhalb der Realität, reine Ideen. Sie gehören in die Welt der Märchen und Wunder.

In Märchen ist eine Gans oft nützlich, sie warnt vor Gefahren. Nichts macht mehr Spaß als eine Gans zu zeichnen. Vor fünfzehn Jahren erschien in meinem Fanzine „Pique-nique“ ein kleines Mädchen mit einem Brustkopf. Sie verkörperte die Angst vor dem Muttersein mit der Verwandlung des erotischen Körpers in einen nährenden Körper. Die Abneigung, sich als Mutter zu verkleiden, indem man die Brust als Maske trägt, als ob man vor diesem neuen Status verschwinden würde. Ich wollte das Thema wirklich aufgreifen und zum Leben erwecken, nachdem ich diese gefürchtete Phase zwischen 30 und 40 Jahren in Bezug auf die Frage der Mutterschaft durchgemacht hatte.

In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden?

Ich habe Animation der Bildenden Künste studiert und es blieb ein großer Wunsch einen Film zu machen. Dann verging die Zeit und ich hatte die Gelegenheit, die Produzenten von Miyu nach der Veröffentlichung meines Buches „Histoire décolorée“ zu treffen, und als sich diese Tür öffnete, war es unmöglich, es nicht zu versuchen.

Eine Zeichnung zum Leben zu erwecken bedeutet, neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens zu erforschen, und dann ist da noch die Musik, der Klang, ein riesiges neues Universum, das sich eröffnet.

Welche Aspekte lagen Dir vor allem am Herzen?

Alles, was ich in meinen Film packe, liegt mir sehr am Herzen. Der Film handelt vom Lernen, von den Leidenschaften in der Liebe, vom Muttersein, vom Finden des Weges zur Schöpfung und zur Freiheit.

Welche Techniken hast Du eingesetzt?

Die Kulissen habe ich mit Aquarellfarben gemalt und für die Animation habe ich mit einem Grafiktablett gezeichnet.

Dein Film erinnert an surrealistischen Malerei. Welche Künstler:innen (bildende wie filmische) haben Dich beeinflusst?

Ich habe mir viel von dem angesehen, was in der Animation gemacht wurde, um diesen Zeichentrickfilm zu machen. Ich träumte vor den großartigen Kulissen von Eyvind Earle, den Animationen von Disney, Hayao Miyazaki, Robert Breer, Sébastien Laudenbach. Die surreale Seite kommt wohl von meiner Praxis des Zeichnens und automatischen Schreibens.

Kannst Du mir mehr zur Musik erzählen?

Die Musik habe ich Chapelier Fou anvertraut. Ich wollte einen Komponisten für diese Rolle haben und wusste, dass er sein eigenes Universum mitbringen würde, dass es wie ein Geschenk und eine Überraschung sein würde. Ich hatte akustische Instrumente im Sinn, und die Musik von Chapelier Fou hat den Film wirklich in eine größere Dimension geführt, mit einem musikalischen Universum, das über meine Absichten hinausging. Matthieu Canaguier (Musiker und Dokumentarfilmer) hat ebenfalls am Sounddesign mitgearbeitet. Ich durfte ihm viel Feedback geben, und ich habe es sehr genossen, dabei zu sein. Die Diskussion über die Klänge für meine Zeichnungen war einer der aufregendsten Teile der Dreharbeiten zu diesem Film.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Im Moment arbeite ich an Buchprojekten. Ich habe auch eine sehr nette Einladung von der Opéra Nationale de Nancy bekommen, aber sie ist noch nicht unterschrieben, also werde ich nicht mehr sagen. Ich lasse meinen Film sein Festivalleben leben und wir werden sehen, wie er sich erholt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „A Story for 2 Trumpets


Interview: In our interview with filmmaker Amandine Meyer, we were able to learn more about her animated film “A Story for 2 Trumpets” (OT: “Histoire pour 2 Trompettes”), which premiered at the 72nd Berlinale as part of the ‘Berlinale Shorts’ program, how the film was created from a book, how the various motifs came into play and how the music added to the world of drawings.

Your animated film shows a young girl becoming an artist. Can you tell me about the origin of your film?

The film follows my book “Histoire décolorée” published in 2016 by Misma: a collection of short silent stories, populated by children, animals and vegetation.

I kept the same writing process by writing a fable without words or morals based on deep thoughts. I started from the last story of the book and developed it. This is an initiation story, which draws on my journey as a woman and artist.

How did the individual elements – like the crying, the color babies, etc. – come into play?

This film takes up recurring motifs in my drawings: children, babies, nature, animals and, in particular, the girl with a breasted- head.

Drawing children gives me a lot of freedom in the universe. They can be cruel, innocent, outside reality, pure ideas. They belong to the world of fairy tales and wonder.

In tales a goose is often useful, it warns of dangers. Nothing is more fun than drawing a goose. Fifteen years ago in my fanzine «Pique-nique» a little girl with a breast head appeared. She embodied the fear of becoming
a mother with the transformation of the erotic body into a nourishing body. The unwillingness to dress up as a mother by wearing the breast as a mask, as if one were disappearing before this new status. I really wanted to take it up and bring it to life, having gone through that dreaded period from 30 to 40 years old on the question of motherhood.

In what context was your film made?

I explored animation in Beaux-Arts and it remained a very dear desire. Then time passed and I had the chance to meet the producers of Miyu after the release of my book «Histoire décolorée» and when this door opened it was impossible not to try.

Bringing a drawing to life is exploring new possibilities of storytelling and then there is the music, the sound, a huge new universe that opens up.

Which aspects were most important to you?

Everything I put in my film is very close to my heart. The film is about learning, about passions in love, about becoming a mother, about finding the path to creation and freedom.

What techniques did you use?

I painted the sets with watercolors and for the animation I drew with a graphic tablet.

Your film is reminiscent of surrealist painting. Which artists (visual and cinematic) have influenced you?

I looked at a lot of what was done in animation to make this cartoon. I dreamed in front of the magnificent sets of Eyvind Earle, the animation of Disney, Miazaki, Robert Breer, Sébastien Laudenbach .. The surreal side I think comes from my practice of drawing and automatic writing.

Can you tell me more about the music?

I entrusted the music to Chapelier Fou. I wanted to have a composer for this part and I knew that he would come with his own universe, that it would be like a gift and a surprise. I had acoustic instruments in mind and Chapelier Fou’s music really opened up the film to a greater dimension, with a musical universe that went beyond my intentions. Matthieu Canaguier (musician and documentary maker) also worked on the sound design. He let me give him lots of feedback and I really enjoyed being part of it. Discussing the sounds for my drawings was one of the most exciting parts of making this film.

Are there already new projects planned?

At the moment I am working on book projects. I also had a very nice invitation from the Opéra Nationale de Nancy but it hasn’t been signed yet so I won’t say more. I let my film live its festival life and we’ll see how it bounces back.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “A Story for 2 Trumpets

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