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Filmkritik: Der Eröffnungsfilm des 66. DOK Leipzig 2023, der auch kurze Zeit später in den deutschen Kinos startete, war die Dokumentation „White Angel – Das Ende von Marinka“ von Arndt Ginzel (Deutschland, 2023), der die letzten Tage der ukrainischen Stadt Marinka, welche nun zerstört und unbewohnt ist, an der Frontlinie dokumentiert.
Die ukrainische Kleinstadt Marinka liegt im Osten des Landes. Als im Frühjahr 2022 die Frontlinie des russischen Angriffskrieges sich in diese Ortschaft verlegte, standen die 10.000 Bewohner:innen vor der Frage, ob sie in ihren Kellern ausharren oder fliehen sollten. Mit einem weißen Transporter begaben sich der Polizist Wassyl und seine Kollegen immer wieder auf nach Marinka und holten die Menschen aus ihren Häusern. Dabei trafen sie aber auch auf Widerstand, da die Menschen Angst hatten, alles zu verlieren. Sie riskierten bis in den Herbst hinein immer wieder ihr Leben, um Menschen aus der Gefahrenzone zu holen.
Der deutsche Investigativjournalist und Filmemacher Arndt Ginzel (*1972) und sein Team haben bei der Arbeit in der Ukraine die Weißen Engel, wie Polizisten und ihr Transporter genannt wurden, kennengelernt. Wassyl hat ihnen sein mit einer GoPro aufgezeichnetes Material zur Verfügung gestellt. Ginzel stand nun vor der Herausforderung, die umfangreichen Aufzeichnungen zu sichten, auszusieben und chronologisch aufzubereiten. Dabei war ihm schnell klar, dass er diese Aufnahmen nicht ohne Interviews zeigen will. Also unterhielt er sich ein halbes Jahr später mit den Bewohner:innen von Marinka und den Einsatzkräften. Ihre Erzählungen machen die Aufnahmen, auch durch einen gewissen zeitlichen Versatz, noch viel eindringlicher. Wie Menschen in solchen Situationen handeln, worüber sie sich Sorgen machen und wie sie in die Zukunft blicken, wird hier rückblickend auch noch einmal aufbereitet. Das GoPro-Material ist dabei so dicht dran, dass es stellenweise nur schwer zu ertragen ist. Auch sollte man durch die sehr bewegte Kameraführung einen starken Magen haben. Doch solche Eindrücke direkt von einer Frontlinie machen den Krieg greifbarer als alles was man medial sonst aufbereitet bekommt. Ginzel ist mit „White Angel“, der das 66. DOK Leipzig 2023 eröffnet hat, ein starker, bedrückender Film gelungen, von dem man sich wünschen würde, dass ihn viele Menschen sehen, denn so deutlich, wie hier bekommt man selten vorgeführt, dass ein Krieg immer nur Verlust und Tod bedeutet.
Fazit: „White Angel – Das Ende von Marinka“ ist eine eindringliche Dokumentation über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Er setzt sich aus GoPro-Aufnahmen der Einsatzkräfte und späteren Interviews zusammen und liefert ein sehr nahes, bewegendes Portrait davon, wie sich Krieg anfühlt.
Bewertung: 8/10
Kinostart: 19. Oktober 2023
Trailer zum Film „White Angel – Das Ende von Marinka“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- 66. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2023 – Katalog (Programm ‚Außer Konkurrenz‘)
- MDR Kulturdesk, ‚DOK Leipzig eröffnet mit Film über die Ukraine und Opfer des Krieges‘, mdr.de, 2023
- Wolfgang Nierlin, ‚White Angel – Das Ende von Marinka‘, filmgazette.de, 2023
- Eintrag des Films „White Angel – Das Ende von Marinka“ auf der Website des Weltkino Filmverleihs
- Studio 9, ‚Die weißen Engel von Marinka – Ein Film aus einer Stadt, die es nicht mehr gibt‘, deutschlandfunkkultur.de, 2023