Sieben Fragen an Antonia Lindner

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Antonia Lindner konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Lass nicht los“ erfahren, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 seine Premiere feierte und u.a. auch im Programm des 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 lief, was ihr bei der Stoffentwicklung am Herzen lag, welches Glück sie mit der Chemie zwischen den Hauptdarsteller:innen hatte und welchen Weg sie selbst hin zur Filmregie gegangen ist.

Eine eigene Erfahrung hat die Idee für den Film geliefert, richtig?

Ja, das ist richtig. Allerdings haben wir Amir und Anouk frei erfunden. Amir’s Herkunft spielt natürlich eine sehr große Rolle in der Geschichte und treibt auch die ’stakes‘, also um was es geht, in die Höhe. Es ging mir vor allem darum, zu zeigen, dass es leicht gesagt ist, dass man sich für Menschen, die man ‚liebt‘, aufopfern würde. Und dass einem aber das Verständnis und Einfühlvermögen in einer Stresssituation komplett verloren gehen kann. Wir leben in einer Welt, in der wir lernen sollten, achtsamer zu sein, unsere Privilegien zu hinterfragen und mehr Verständnis für Lebensrealitäten aufzubringen, die nicht der normativen westlichen und deutschen mittelständischen Realität entsprechen. Das wollte ich vermitteln und auch das diese Arbeit des Reflektierens, um zu verstehen, wann und wie man helfen kann und wann man einfach mal nichts sagen sollte, nie aufhört. Das war mein Antrieb, diesen Film zu machen. Und es wird natürlich alles komplizierter, wenn zwei Menschen sich so nah kommen, dass sie ihre unterschiedlichen Hintergründe und Vorteile bezogen auf den Raum, in dem sie sich bewegen, vergessen.

In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum ist der Film entstanden?

Der Film ist im Rahmen eines Seminars mit Marie Noelle in der Spielfilmabteilung der Hochschule für Fernsehen und Film in München entstanden. Ich habe Ende 2022 begonnen, die Idee zu entwickeln und im Juni 2023 haben wir gedreht.

Wo habt ihr gedreht?

Wir haben in Penzberg, in Garching und am Kochelsee in Bayern gedreht.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Mir lag am Herzen die Innigkeit von Anouk und Amir und die Naivität ihres Lebensgefühls visuell einzufangen und darzustellen. Das bricht sich dann am Ende. Allerdings hat Philipp Kaiser am meisten dazu beigetragen, dieses Gefühl einzufangen. Wir hatten nicht so viel Zeit, den Film visuell gemeinsam zu konzipieren, aber er hatte ein sehr gutes Gefühl für die Geschichte und hat sich viele Gedanken dazu gemacht, wie er visuell und cinematisch diese Stimmung kreiert, die dann auch so im Visuellen kippt. Wir beginnen sehr rosig-romantisch und enden sehr kalt. Auch der Verlauf von statischen Einstellungen zu bewegter Handkamera trägt zu diesem Bruch bei. Es ist, als würde die Realität sie einholen mit einem Schlag.

Der Cast ist toll zusammengestellt. Vor allem die beiden Hauptdarsteller:innen versprühen ein authentisches Miteinandersein. Wie hast Du sie gefunden?

Ich habe vor allem online gesucht, ihre Schauspielprofile gefunden und ihnen geschrieben, ob wir uns mal treffen können. Sie hatten zum Glück Interesse und wir haben uns gut verstanden. Und dann haben wir ein Wochenende lang geprobt in Berlin, wir durften in der Ernst-Busch auf eine Probebühne, weil Flavia dort studiert hat. Das war auch ein großes Geschenk, weil wir diese Räumlichkeiten an der HFF in München nicht haben und wir uns nie einen solchen Raum hätten leisten können zum Proben. Ich glaube, das hat sehr viel möglich gemacht. Wir und vor allem die zwei konnten sich ein bisschen kennenlernen und sich den Figuren annähern. Da es ein Kurzfilm war, der sehr schnell entstehen sollte, war das schon ein großer Luxus. Hassan und Flavia hätten sich noch mehr für die Figuren gewünscht, wofür ich nicht so viel Kopf hatte, das dann noch zu schreiben. Die zwei haben sich aber dann trotzdem mit so viel Leidenschaft dem Projekt gewidmet, wofür ich endlos dankbar bin. Ich bin echt super happy über die Arbeit mit ihnen und hoffe wir, kommen irgendwann wieder für ein Projekt zusammen.

Kannst Du mir ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe früher viel Theater gespielt und getanzt, irgendwann habe ich ein Praktikum beim SWR in Baden-Baden gemacht und war dann ab und zu Komparsin bei so deutschen Kino-Mainstream-Produktionen, als ich in München nach dem Abi gewohnt habe. Zu der Zeit hatte ich auch ein FSJ an den Kammerspielen gemacht und habe mich bei den Schauspielschulen in Deutschland beworben. Da war ich in der zweiten Runde an der HfS in Berlin. Ein Professor hatte mich eingeladen mal zum Proben nach Berlin zu kommen, aber mich hatte das Alles so überfordert, der Druck, die vielen Bewerber*innen, der ‚alte‘ Mann, der da alleine mit mir irgendwo in Schöneweide die Rolle der Julia von „Romeo und Julia“ geprobt hat, dass ich am Ende nichts vorbereitet hatte für die zweite Runde. Und die Professoren, die da geprüft hatten, waren auch echt ganz schön hart drauf. Ich hoffe, in den letzten zehn Jahren hat sich da was getan. Das war mir auf jeden Fall zu viel. Ich wollte dann einfach nur weg und bin nach Los Angeles für drei Monate. Da habe ich dann ein Community College in Santa Monica gefunden. Da konnte ich ganz in Ruhe Theater, Arts und Tanz studieren, mit Studierenden aus LA und von überall auf der Welt. Ein Jahr später hatte ich einen Freund, der in San Francisco Film studiert hatte. Ich wollte das dann auch machen, habe alles stehen und liegen gelassen und mein Hauptfach zu ‚Film Production‘ gewechselt. Dann war ich mit ihm in Vancouver und habe da weiter ‚Film and Screen Arts‘ studiert, was eher ein Medienkunst-Studiengang ist, und habe mich dann an der HFF für Spielfilmregie in München beworben. Jetzt bin ich wieder erst mal hier.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, wir schreiben gerade an meinem nächsten Hochschulfilm. Es geht um einen 30-jährigen Afro-Amerikaner in Berlin, der ungeplant Vater wird und vielleicht nur ausgenutzt wurde.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Lass nicht los“

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