„Alle die Du bist“ (2024)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky schuf mit „Alle die Du bist“ (IT: „Every You Every Me“, Deutschland/Spanien, 2024) seinen ersten Spielfilm außerhalb des Universitäts-Betriebs und schaffte es mit seinem einfühlsamen Sozial-Liebesdrama gleich bis ins Programm der 74. Berlinale 2024.

Die alleinerziehende Mutter Nadine (Aenne Schwarz) beginnt ein neues Leben in Köln. Sie fängt als Fabrikarbeiterin in einem Bergbaubetrieb an. Dort freundet sie sich nicht nur mit Ajda (Sara Fazilat) an, sondern lernt auch Paul (Carlo Ljubek) kennen, in den sie sich aufgrund seiner vielen Facetten – sei es der stürmische Liebhaber (Youness Aabbaz) oder die fürsorgliche Person (Jule Nebel-Linnenbaum) – verliebt. Die Jahre vergehen und Nadine kämpft nicht nur mit dem Strukturwandel, der ihre Arbeit bedroht, sondern immer mehr scheint sie das Gefühl für Paul zu verlieren. 

Der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky, der schon mit seinem Kurzfilm „Gabi“ (2016) aufgefallen ist und auch am Drehbuch von „The Ordinaries“ (2022) von Sophie Linnenbaum mitgeschrieben hat, schuf ein Drama, das sich mit zwei Themen beschäftigt: Dem Verschwinden der Liebe und der Arbeitssituation in der Montanindustrie. Über mehrere Jahre hinweg erzählt der Film die Geschichte von Nadine, die sich in diesem Sektor einen neuen Beruf sucht, dort zu einem konstanten Größe wird und später als Gewerkschaftsführerin für den Erhalt der Arbeitsplätze kämpft. Die Sorgen und auch ihre Funktion als zuhörende und problemlösende Person in der Firma erschöpfen sie und das belastet auch ihre Beziehung. Der Kern des Films ist Nadines Liebe für Paul beziehungsweise das allmähliche Verschwinden dieser. Die Liebesgeschichte wird in Rückblicken entfaltet und macht die Größe der Gefühle und damit auch die Schwere des Verlustes deutlich. Wunderbar ist, dass der Regisseur dabei Klischees und Stereotypen zu umschiffen weiß, und eben nicht wie man es sonst bei einem Film, der vom Deutschen Fernsehspiel gefördert wurde, pessimistisch erwarten könnte, Bekanntes und oft Gesehenes wiedergibt. 

Der Film, der ansonsten sehr realitätsnah inszeniert ist, bedient sich eines besonderen Kniffes: Wir sehen Paul durch Nadines Augen in unterschiedlichen Gestalten, als Stier, als Kind, als fürsorgliche ältere Frau und als jugendlichen Liebhaber. Paul ist all das und das hat Nadine und ihre Liebe jahrelang getragen. Fantastisch ist, wie Nathansky diesen visuellen Kniff nicht erklären muss und wie natürlich die verschiedenen Gestalten doch die Rolle annehmen. Es geht dabei nicht um eine Persönlichkeitsstörung. Es geht um die Wahrnehmung und ja auch die Funktionen des eigenen Partners. Es ist berührend zu sehen, wie Nadine um ihre Liebe kämpft, die sie zu verlieren droht. Sie wird perfekt von Aenne Schwarz („Vor der Morgenröte“ (2016), „Schock“ (2023)) verkörpert. In ihrem Gesicht kann man all den Kummer, aber auch die Härte und Ehrlichkeit sehen, die man für diese Rolle benötigt. Doch auch alle anderen Rollen sind wunderbar mit Darsteller:innen wie Youness Abbaz, Carlo Ljubek („Luna“ (2017)) und Sara Fazilat („Nico“ (2021)) besetzt. Darüber hinaus stellt der Film, der rund um Köln gedreht wurde, mit seinem Realismusanspruch die Bergbauindustrie authentisch dar und gibt so der Geschichte Bodenhaftung und fängt einen Berufszweig ein, der überall im Land zu kämpfen hat.

Fazit: „Alle die du bist“ ist ein berührendes Sozialdrama tief im Herzen des Arbeitermilieus der nordrhein-westfälischen Bergbauindustrie. Die Konzentration liegt dabei auf einer Frau, welche die Arbeit stemmen muss und gleichzeitig versucht, ihre Beziehung am Leben zu erhalten. Mit einem inszenatorischen Kniff, einem authentischen Setting und vielen tollen Darsteller:innen kann der Film das Publikum direkt ansprechen und sein trauriges Gefühl übertragen.

Bewertung: 8/10

Kinostart: 30. Mai 2024

Trailer zum Film „Alle die Du bist“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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