Sieben Fragen an Emma Branderhorst

Doreen Kaltenecker
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Emma Branderhorst

Interview: Im Gespräch mit der niederländischen Regisseurin Emma Branderhorst konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „My Mother and I“ (OT: „Ma Mère et Moi“) erfahren, der im Jugendprogramm des 36. Filmfest Dresden 2024 lief, erfahren, wie die Geschichte universell und gleichzeitig auch persönlich ist, wie sie das Sommergefühl so einfangen konnte und wie sie das Roadmovie mit wenig Mitteln an Originalschauplätzen auf die Beine stellen konnte.

The original english language interview is also available.

Was war der Ausgangspunkt für Deine Geschichte?

My Mother and I“ (OT: „Ma Mère et Moi“) ist ein Film über eine Mutter und eine Tochter. Unsere Hauptfigur ist eine 17-jährige namens Kees, die weit weg von zu Hause ziehen will, aber ihre Mutter scheint nicht bereit zu sein, sie gehen zu lassen. Die beiden haben mit einer sehr engen, fast symbiotischen Beziehung zu kämpfen, und wir verfolgen die Wege, die sich in ihrem Leben plötzlich trennen. Kees will nach Marseille gehen, um einen Sprachkurs zu besuchen, aber ihre Mutter will sie in ihrer Nähe behalten. Ich habe eine ziemlich turbulente Beziehung zu meiner Mutter, und ich glaube, ab einem bestimmten Punkt, wenn man jünger ist, ist es so wichtig, einander loszulassen und seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn das für die Beziehung schwierig ist. Meine Mutter wollte, dass ich in ihrer Nähe bleibe, aber ich wollte mich wirklich befreien, weil wir so unterschiedliche Charaktere sind. Ich wollte diesen besonderen Moment einfangen, den Moment, in dem man sich von seinen Eltern loslöst.

Der Ausgangspunkt war die nicht immer einfache Beziehung zu meiner eigenen Mutter. Der Drang, sich von seinen Eltern zu lösen, aber wenn man dann tatsächlich ohne sie ist, ist es sehr schwer und die Realität setzt ein. 

Würdest Du sagen, Du richtest Dich speziell an ein junges Publikum?

Celeste Holsheimer

Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, in meinen Filmen erzähle ich Geschichten über Figuren, die immer ein bisschen jünger sind als ich selbst. Aber ich denke, die Themen, über die ich Filme mache, sind universell, und im Fall von „My Mother and I“ war es ein Film, der Jugendliche ansprach, aber auch ihre Eltern. Es ist ein sehr universelles Gefühl. Für die Eltern geht es darum, ihr Kind loszulassen, und für die Jugendlichen geht es darum, sich zu befreien und ihr eigenes Leben zu beginnen. 

Wie war es, ein Roadmovie zu inszenieren? Wie lange seid ihr unterwegs gewesen?

Ja, es war sehr schön, aber auch sehr schwer, weil wir kein Geld hatten und ich viele Erwartungen hatte. Wir hatten sechs Drehtage, und wir waren zehn oder elf Tage lang unterwegs. Alle Innenaufnahmen wurden in den Niederlanden gedreht, und dann fuhren wir im Konvoi nach Belgien. Da ich auf der Suche nach dieser Realität war, wurde viel improvisiert, wie zum Beispiel auf dem Flohmarkt. Ich wollte, dass es sich wie ein Dokumentarfilm anfühlt. Ich glaube, wir waren nur zwölf Crewmitglieder, also super klein, ohne [künstliches] Licht, nur mit natürlichem Licht. Wir haben alle Fahrszenen in Marseille gedreht, weil wir zeigen wollten, dass sie wirklich aus den Niederlanden kommen. Von Belgien aus sind einige von uns mit dem Flugzeug nach Marseille geflogen und ein Teil der Crew ist weitergefahren. Es war anstrengend und jeder hat alles gemacht. Wir befanden uns in einer echten Blase, was für die Beziehung der Figuren so wichtig war, bevor wir sie auseinanderreißen mussten. 

Ich liebe diese warme, lichtdurchflutete Ausgestaltung. Was lag Dir visuell am Herzen?

Vielen Dank dafür! Für mich war das Sommergefühl, wie man es vom Urlaub mit den Eltern kennt, wichtig. Die langen Autofahrten, wo die Hitze überall ist. Der Schweiß. Alles fühlt sich zu nah an, zu warm. Natürlich das gleiche wie die Beziehung zwischen der Mutter und Kees. Kees will sich von allem losreißen, aber ihre Mutter hält sie einfach fest. 

Es war ein wahr gewordener Traum, in Marseille zu drehen. Ich liebe Marseille und es war der perfekte Schauplatz für den Abschluss dieses Roadtrips. 

Du wirst in meinem Schnitt auch sehen, dass ich viele Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln gemacht habe. Ich mache es mit einem 50mm, mit einem 25mm und vielleicht mit einem 12mm, aber im Schnitt lande ich immer bei 40mm oder 50mm Aufnahmen. So kann man sie wirklich in eine Schublade stecken und ihre Welt wirklich zeigen. Ich glaube, wenn man ihnen oder dem Publikum zu viel Raum gibt, wird man abgelenkt. Ich versuche wirklich, nicht zu viele Weitwinkelaufnahmen zu verwenden, weil ich glaube, dass man dann den Fokus auf die Geschichte verliert. Ich habe einige schöne Weitwinkelaufnahmen gestrichen, da sie die Szene einleiten und unnötig sind, man muss einfach ein Gefühl für die Szene bekommen.

Dein Cast ist großartig – wie hast Du Deinen Darstellerinnen gefunden und nach welchen Kriterien ausgesucht?

Hannah van Lunteren und Celeste Holsheimer 2

Ich arbeite immer gerne mit Nicht-Schauspielern, also jungen Schauspielern, die noch nie an einem Set gearbeitet haben. Sie haben das ganze Talent, aber es fehlt ihnen an Erfahrung. Unsere Hauptdarstellerin für Kees, Celeste Holsheimer, hat in einem Film mitgespielt, als sie noch sehr jung war, und als ich sie beim Casting sah, obwohl sie 40 Minuten zu spät kam und nicht geprobt hatte, wusste ich sofort, dass sie die Rolle spielen musste. Ich bin an die Probe genauso herangegangen wie an „Spotless“ (mein vorheriger Film), wir haben uns angefreundet, sie hat für mich gekocht und mich zu sich nach Hause eingeladen und wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Es war anders, denn ich hatte noch einen anderen Schauspieler, die Mutter, die ebenfalls eine große Rolle in dem Film spielte. Es war mir sehr wichtig, in diesem Film zwei Charaktere zu schaffen. Ich wollte wirklich zeigen, dass ich an der Entwicklung zweier verschiedener Charaktere arbeiten kann, was mir in einem Spielfilm oder einer Serie helfen wird. Wir haben viel zusammen geprobt. Hannah van Lunteren, die die Mutter spielt, ist eine professionelle Schauspielerin, und sie hat Celeste wirklich aufgepeppt. In „Spotless“ musste ich alles von Alicia als Hauptdarstellerin bekommen, aber jetzt hatte ich zwei Schauspielerinnen und Hannah konnte Celeste wirklich aufrichten und sie zu einer besseren Schauspielerin am Set, aber auch bei den Proben, machen. Hannah ist eine sehr professionelle Schauspielerin, mit der zu arbeiten ich mich sehr gefreut habe, sie ist auf einem anderen schauspielerischen Niveau.

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Hannah van Lunteren und Celeste Holsheimer

Ich bin eine 28-jährige Regisseurin, die in den Niederlanden lebt. In meiner Arbeit beschäftige ich mich hauptsächlich mit großen gesellschaftlichen Themen, die ich in eine persönliche und intime Geschichte verwandle. Meine Geschichten sind meist aus der weiblichen Perspektive. In meiner bisherigen Arbeit habe ich mich mit Themen wie Armut, Kriegskinder und Mobbing beschäftigt. Obwohl diese Themen schwer klingen, versuche ich immer, einen leichten Ton anzuschlagen. Der ‚Slice of Life‘-Effekt ist in meiner Arbeit sehr wichtig, denn so gelingt es mir, den Figuren das Gefühl zu geben, ‚lebendig‘ zu sein, und dass sich die Geschichte nicht nur auf das Problem konzentriert.

Meine erste Liebe galt der Schauspielerei, und ich habe mehrmals an den Theaterschulen in Holland vorgesprochen. Sie haben mich nie angenommen. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich so gerne Regie führe. Wenn ich selbst in dieser Position war, weiß ich, wie verletzlich es ist, vor einer Kamera zu stehen oder auf der Bühne zu sein. Für mich ist es sehr wichtig, dass sie auftreten können. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Derzeit arbeite ich an meinem ersten Spielfilm und bin sehr aufgeregt, an einem so großen Projekt zu arbeiten.  Und neben diesem Film arbeite ich an verschiedenen anderen Filmprojekten! 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „My Mother and I


Interview: In our conversation with Dutch director Emma Branderhorst, we learned more about her short film „My Mother and I“ (OT: „Ma Mère et Moi“), which screened in the youth program of the 36th Filmfest Dresden 2024, how the story is universal and at the same time personal, how she was able to capture the summer feeling in such a way and how she was able to create the road movie with few resources in original locations. 

What was the starting point for your story?

My Mother and I“ (OT: „Ma Mère et Moi“) is a film about a mother and a daughter. Our main character is a 17 year old called Kees who wants to roam far away from home but her mother doesn’t seem ready to let her go. They struggle with a very close almost symbiotic relationship and we follow the paths that are suddenly separating in their lives. Kees wants to go to Marseille to follow a language course but her mother wants to keep her close. I have quite a turbulent relationship with my mother and I think at a certain point, when you’re younger, it’s so important to let each other go and to choose your own path even if it’s difficult for the relationship. My mother wanted to keep me close to her but I really wanted to break free as we’re such different characters. I wanted to capture that particular moment, the moment you break away from your parents.

The starting point was the, not always easy, relationship with my own mum. The urge to break free from your parents, but when you’re actually without them it is super hard and reality kicks in. 

Would you say you are specifically targeting a young audience?

No, not at all. I think with my films I tell stories about characters always a little bit younger than myself. But I think the theme’s I make films about are universal and in the case of Ma Mere et Moi it was a film that spoke to youth, but also to their parents. It’s a very universal feeling. For the parents it’s letting go of your child and for the youth it’s breaking free and starting your own life. 

What was it like directing a road movie? How long were you on the road?

Yeah, it was so nice but also so hard because we didn’t have any money and I had a lot of expectations. We had six shooting days and we’d been on the road for 10 or 11. All of the interior shots were captured in the Netherlands and then we went to Belgium in convoy. As I was looking for that reality, there was a lot of improvisation such as at the flea market. I wanted it to feel like a documentary. I think we were just 12 crew members so super small with no lights, only natural light. We shot all the driving scenes in Marseille as we wanted to show that they were really driving from the Netherlands. From Belgium, some of us took a plane to Marseille and part of the crew drove on. It was hard and everyone did everything. We were in a real bubble which was so important for the characters’ relationship before we had to rip them apart. 

I love this warm, light-flooded look. What was important to you visually? 

Thank you! For me the summer feeling, as you recognize from going on holiday with your parents was important. The long car rides, where the heat is everywhere. Sweat. Everything feels too close, too warm. Of course the same as the relationship between the mum and Kees. Kees wants to break free from everything, but her mum is just holding on tight to her. 

It was a dream come true to film in Marseille for this one. I love Marseille and it was the perfect arena for this roadtrip to end. 

What you’ll also see in my edit is that I have a lot of shots from different angles. I do it on a 50mm and do it on a 25mm and maybe on a 12mm but in the edit, I always end up with 40mm or 50mm shots. That’s how you can really put them in a box and really show their world. I think if you give them, or the audience, too much space, you’re going to be distracted. I really try not to use a lot of wide shots because I think you lose focus on the story. I deleted some lovely wide shots as they are establishing the scene and are unnecessary, you just have to get a feeling of the scene.

Your cast is great – how did you find your actresses and what criteria did you use to select them?

I always love to work with non-actors, so young actors who didn’t work on a set before. They have all the talent, but a lack of experience. Our main actor for Kees, Celeste Holsheimer, played in one film when she was very young and when I saw her at the casting, even though she was 40 minutes late and hadn’t rehearsed, I immediately knew that she had to play the part. I approached her rehearsal in the same way I did with „Spotless“ (my previous film), we became friends and she cooked for me and invited me over to her place and we spent a lot of time together. It was different because I had another actor, the mum, who played a very big role in the film as well. It was so important to me, in this film, to create the two character arcs. I really wanted to show that I can work on building two different characters which will help me in a feature or series. We rehearsed together a lot. Hannah van Lunteren, who plays the mum, is a professional actress and so she really lifted up Celeste. In „Spotless“, I had to get everything from Alicia as the main character but now I had two actors and Hannah could really lift up Celeste and make her a better actress on set, but also in the rehearsing. Hannah is a very professional actress who I was so excited to work with, she is at another level of acting.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking?

I’m a 28-year old director, living in the Netherlands.  In my work I mainly deal with major social themes, which I make into a personal and intimate story. My stories are mostly from the female perspective. In my previous work I have dealt with themes such as period poverty, children of war and bullying. Although these themes sound heavy, I always try to apply a light tone. The ‘slice of life’ effect is very important in my work which is how I am able to make the characters feel ‘alive’ and that the story doesn’t only focus on the problem.

My first love was acting and multiple times I auditioned at the Theatre Schools in Holland. They never accepted me. I think that’s why I love directing actors so much. If I’ve been in there position, I know how vulnerable it is to stand before a camera or to be on stage. For me it’s very important that they can perform. 

Are there any new projects planned?

Currently I’m working on my first feature film, very very excited to work on such a big project.  And besides this film I’m working on different other film plans! 

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „My Mother and I

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