Sechs Fragen an Betina Kuntzsch

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Betina Kuntzsch („Kopf Faust Fahne – Perspektiven auf das Thälmanndenkmal“) konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Himmel wie Seide. Voller Orangen“ erfahren, der u.a. im Programm des 67. DOK Leipzig 2024 und des 40. Interfilm 2024 lief. Sie spricht über die Entstehung des Films, die eingesetzte Technik und warum sie sich immer wieder dem Kurzfilm zuwendet.

Was hat den Impuls für den Film gegeben?

Das war eher zufällig. 2023 war ich das erste Mal auf Mallorca, zur Recherche für einen anderen Film.

Eines Abends im Hotel habe ich einfach mal ‚Mallorca und DDR‘ in die Suchmaske getippt- und war völlig überrascht, die Fotos von DDR Bürgern auf der Gangway einer Interflug-Maschine zu sehen, die in Mallorca wie Staatsgäste empfangen werden – also genau diese Bilder mit den Einkaufsbeuteln und der Tanzgruppe und ‚Willkommen‘- Transparenten, die ich im Film nachgestellt habe.

Woher stammt das Material, was Du für Deine Collage verwendet hast? Was war Dir bei der Auswahl wichtig?

Ich habe weiter recherchiert und wollte gern jemanden finden, der bei dieser Reise dabei war. Tatsächlich war in den Zeitungsartikeln von 1990 ein Horst Teichmann erwähnt, den ich dann gefunden und kontaktiert habe.

Er selbst wollte kein Interview geben, aber wir haben mehrmals telefoniert und er hat mir seine Reiseunterlagen geschickt, die er aufbewahrt hatte: Den Reisekatalog, Visa-Anträge, Hotelvoucher, sogar die Bordkarten und zwei Fotos. Dann habe ich weiter nach Urlaubsbildern und Postkarten von Mallorca gesucht und auch verschiedene Dia-Kästen gefunden. Die Dia-Positive haben ja einen ganz eigenen Look, abgesehen von den Motiven.

Ursprünglich wollte ich alles mit Postkarten erzählen, also alle Szenen aus Postkarten-Cut-outs zusammenstellen. Aber bei den Urlaubs-Dias waren so schöne, alltägliche, schräge Blicke dabei, das war mir wichtig zu zeigen. Also dass dann doch nicht alles so wie auf den Postkarten aussieht, dass da auch mal eine Laterne über die Palme ragt und die Menschen rumstehen und nicht nur posieren.

Wie lange hat die Realisierung des Films gedauert?

Circa zehn Monate, das ging ziemlich schnell für meine Arbeitsweise. Aber ich wollte den Film gern zum 35. Jahrestag des Mauerfalls fertig haben und zeigen können. Es ist ja auch ein Film über die Stimmung in der verrückten Zeit von Oktober 1989 bis Oktober 1990, dieser Zwischenzeit, wo alles möglich schien.

Kannst Du mir mehr zum Voice-Over erzählen: Wie ist der Text entstanden? Und wer hat es eingesprochen?

Der Text ist eine Collage oder eine Konstruktion aus den Gesprächen mit Zeitzeugen, aus Pressemeldungen (es waren ja ca. 40 Journalisten an Bord der ersten Maschine- und 89 Touristen) und natürlich aus eigenen Erlebnissen in dieser Zeit. Die Szene mit der Plastiktüte habe ich selbst 1990 beobachtet, die wollte ich schon lange mal in einem Film unterbringen.

Zuerst habe ich den Text selbst eingesprochen, das mache ich ja meistens so in meinen Kurzfilmen. Aber hier schien mir das nicht richtig, weil es ja nicht ganz meine Geschichte ist. Ich wollte auch gern eine Stimme, die einen leichten sächsischen Akzent hat, wie Herr Teichmann. Und dann fiel mir Valeska Hegewald ein, eine klasse Schauspielerin, die ich schon lange kenne. Sie hat eine dunkle Stimme, die fast etwas androgynes hat. Sie war tatsächlich 1990 auf Mallorca gewesen und hatte diese Euphorie, aus der grauen DDR in die bunte Welt zu kommen selbst erlebt. Ich überredete sie, ihren sächsischen Akzent etwas durchschimmern zu lassen, den sie sich ja für ihre professionelle Arbeit abtrainiert hat.

Sie spricht auch wesentlich ruhiger als ich, ich habe den Film nochmal zwei Minuten verlängert nach der Sprachaufnahme, das war wichtig. Es lässt die Bilder und Texte besser zur Wirkung kommen.

Warum kehrst Du immer wieder zur Erzählform des Kurzfilms zurück?

Vielleicht weil ich nicht genug Geduld und Geld für Langfilme habe??? Spaß beiseite… Ich finanziere meine Filme ja meist selbst, zumindest zu einem großen Teil. Das hängt mit meiner Arbeitsweise zusammen, dass ich nicht klassisch ein Konzept und dann ein Drehbuch/Storyboard mache und das dann 1:1 umsetze. Ich experimentiere und teste und probiere aus und schmeiße auch viel weg. Das lässt sich einer Filmförderung schlecht vermitteln.

Aber der Kurzfilm reizt mich auch deshalb, weil es eine Art komprimierte Erzählform ist. Ich packe da ganz viel in dieses Konzentrat rein: Ich dampfe Ideen ein, kondensiere Bilder – sowas in der Art. Meine Recherchen und Materialien sind ja sehr viel umfangreicher. Der fertige Film ist nur die Spitze des Eisberges.

Und beim Betrachter entfaltet sich dann dieses Konzentrat wieder, es wird mit eigenen Erfahrungen und Gefühlen angereichert. So stelle ich es mir zumindest vor.

Jedenfalls liebe ich Kurzfilme und würde mir wünschen, sie auch außerhalb von Festivals mehr im Kino sehen zu können.

Sind schon neue Projekte geplant?

Auf jeden Fall, es sind immer mindestens zwei in der Pipeline.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Himmel wie Seide. Voller Orangen

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