- Jetzt online! – Der Film „Lines“ - 29. März 2026
- Sieben Fragen an Ada Philine Stappenbeck - 27. März 2026
- „Liebesbesuch“ (2025) - 27. März 2026
Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Bernhard Strobel konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Feed your Head“ erfahren, der u.a. auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 und 25. Landshuter Kurzfilmfestival 2025 lief, wie die Idee zu dem Abschlussfilm entstand, welche Möglichkeiten die verschachtelte Struktur offenbarte und wie der Film im Allgemeinen eine Liebeserklärung an den Spielfilm ist.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?
Mit meinen Produzentinnen Sophie Tolkien und Jana Klingseisen haben wir gemeinsam nach einem Stoff für unseren Abschluss an der Filmakademie Baden-Württemberg gesucht. Nach einer groben Ideenskizze einer Welt und einem queeren Thema habe ich dann die Autorin Nicole Rüthers mit ins Boot geholt, mit der ich schon vorher sehr gerne zusammengearbeitet habe, um aus dieser Idee ein Drehbuch für einen Kurzfilm zu schreiben. Wir wollten einen Film machen, der aus uns heraus spricht, frei ist, und macht, worauf er Lust hat. Nach vier Jahren an Filmhochschulen entsteht so ein Narrativ und Dogma, wie ein ‚guter Film‘ aussehen sollte und wir hatten das Gefühl, dass viele persönliche Stimmen im Anspruch untergehen, einen Film machen zu wollen, der vor allem einem Festival- und Arthouse-Publikum zusagt, weil das, vor allem im Nachwuchsbereich, oft die großen Entscheider:innen von Karrieren sind. Mit unserem Abschluss wollten wir vor allem die Möglichkeiten der Fiktion feiern. Sowohl formell als auch inhaltlich. Wir hatten ganz handfeste Dinge, die uns an Filmen und Kino begeistern, die wir an Stellen reproduzieren und an anderen brechen wollten. Weiterhin stand fest, dass wir einen lauthals queeren oder schwulen Film machen wollten, da uns diese Perspektive in unserem Umfeld gefehlt hat. Letztlich wollten wir mit „Feed your Head“ einen Film machen, der zwar ernsthafte und uns sehr wichtige Themen anspricht, vor allem aber Freude am Kino bereitet.
Warum habt ihr euch dafür entschieden, die Geschichte vor allem auch mit Erinnerungen und Rückblicken zu erzählen?
Die dramaturgische Struktur war für mich etwas, um wieder die besagten Möglichkeiten der Fiktion und des Filmemachens auszunutzen und -reizen. Der Einsatz von Vor- und Rückblenden, war für mich außerdem ein elementares Mittel, um möglichst nah bei der Hauptfigur zu sein und bestenfalls den Zuschauer:innen das Gefühl zu vermitteln, dass wir diese 20 Minuten komplett im Kopf des
Protagonisten sind. Die prägende Momente im Leben äußern sich in ihrer Schlagkraft ja oft auch erst im Nachhinein, wenn eine Reflexion beginnt und man aus dem Geschehenen Sinn zu schöpfen versucht. Dann blitzen Erinnerungen auch mal ganz unfreiwillig auf und man muss sich gezwungenermaßen mit seinen dunklen Geistern beschäftigen. Diese Art Gesetzmäßigkeit von Traumata wollte ich allerdings auch nicht alleine dastehen lassen. Weswegen der Film sich – zwar eher subtil, aber trotzdem vorhanden – eben auch an Vorausblenden bedient und einen Gegenentwurf zeigt. Ein Bild von einem selbst in der Zukunft. Eine Variante des Ichs, das eine negative Erfahrung überwindet und an einer anderen Stelle landet. Darin liegt für mich die wichtige Botschaft, dass man einem Traumata nicht erlegen ist und es einen nicht definiert.
Und genau dafür ist die Fiktion und sind filmische Mittel ein Geschenk. Denn wenn man sie ernst nimmt, dann ist alles möglich. Dann gibt es Realität, Fantasie, Rückschau, aber eben auch Vorausschau. Mir war es wichtig, dass die Zuschauer:innen in dieser formellen ‚Anarchie‘ den Raum haben, auch selbst ihren Gedanken freien Lauf zu lassen und quasi ihren Kopf zu füttern, wie der Filmtitel schon auffordert. Denn nur so können wir Utopien überhaupt denken und bestenfalls irgendwann in Wirklichkeit übersetzen. Das ist letztlich die Aussage und Aufforderung des Films – träumt! und dann macht!
Euer Film ist ein Studentenfilm – wie viel Zeit hattet ihr und wie groß war euer Team?
Vom ersten inhaltlichen Gespräch bis zu unserer Weltpremiere auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis sind circa anderthalb Jahre vergangen. Die Drehbuchentwicklung und Finanzierung hat fast die Hälfte der Zeit in Anspruch genommen. Wir hatten insgesamt acht Drehtage und, wie für unsere Filmhochschule üblich, ein auf Branchenstandard arbeitendes Team von vermutlich über 50 Menschen. Meine Produzentinnen und ich hatten ein sehr klares Ziel vor Augen, weswegen wir den zeitlichen Rahmen nicht über unsere Studienzeit hinaus sprengen wollten, da wir stets hungrig auf mehr waren und es eigentlich kaum erwarten konnten, raus aus dem Studium, hinein in die Branche und zu neuen großen Zielen aufzubrechen. :)
Wo genau habt ihr gedreht und nach welchen Kriterien habt ihr die Locations ausgewählt?
Wir haben in Ludwigsburg und Stuttgart gedreht. Das Zimmer des Protagonisten und das seines Bruders haben wir im Studio gebaut.
Die Locations haben wir zum einen natürlich nach ästhetischem Geschmack ausgewählt, zum anderen sollte es auch einen universellen Charakter haben. Wir wollten die Geschichte nicht geographisch verankern. Im Film fällt lediglich einmal der Satz „Wir sind halt nicht in Berlin“, was allein durch den Ausschluss auch schon der einzige Hinweis auf einen Ort sein sollte. Wir wollten diese queere Geschichte zwischen Realität und Utopie erzählen und uns daher nicht dem Narrativ einer Stadt unterordnen. Hätten wir Ludwigsburg, Stuttgart oder sonst eine Stadt oder Dorf benannt, hätte direkt eine Reflexion darüber begonnen, wie gut oder schlecht es queeren Leuten dort in Wirklichkeit nun geht. Genau das wollten wir vermeiden, da wir die dargestellte Lebensrealität und Selbsterfahrung von queeren Menschen auf eine allgemeingültige Ebene heben wollten.
Was lag euch visuell am Herzen?
Mit meinem Kameramann Leon Hörtrich hatte ich von Anfang an Gespräche darüber, welche Bilder wir satt sind, welche wir reproduzieren und welche wir erschaffen wollen. Natürlich war es mir wichtig, die queere Welt bunt, laut und üppig darzustellen, weil sie nunmal so ist. Die queere Ästhetik hat ganz viel von einem Gefühl von Ausbrechen aus dem Alltag, Exzentrik und Extravaganz zu tun. Es ist die Übersetzung von einem Othering in eine selbstwirksame Ausdrucksform. Gleichzeitig ist Buntheit ganz einfach, was uns und jedem Kind auch einfach Spaß macht und Freude bereitet. Natürlich wollen wir das also bedienen, denn dafür steht die LGBTQIA+-Community.
Für die „alltägliche Welt“ wollten wir uns allerdings auch nicht ganz simpel dem Kontrast einer grauen, freudlosen Welt bedienen, die der queeren Szene gegenüber steht. Stattdessen haben wir immer wieder nach kleinen Farbklecksen gesucht, die wie ein Leuchtturm im monochromen Alltag wirken und den Verweis geben, dass wir das Potential zum Ausbruch haben.
Und wie oben angesprochen, können wir das Kino und die Fiktion nicht feiern, ohne das Kino und die Fiktion zu feiern. Deswegen wird man zahlreiche cineastische Querverweise, Zitate und Referenzen finden. Die Kinokunst und die queere Szene sind beides Welten, die so ungemein viel kulturelles Kapital innehalten, das zweifelsohne Hand in Hand geht, sodass es mir fast schon wie eine Pflicht erschien, sich beides zu bedienen und in Zusammenhang zu bringen. Das reicht von der 90s House/Disco Music, über die 70er-Jahre Ausstattung, über Hitchcock-Filmzitate oder die Verehrung französischer Leinwandstars aus den 60ern. Über den ganzen Film verteilt, finden sich immer wieder Einladungen, sich vom Eskapismus berauschen zu lassen und der Magie des Kinos hinzugeben.
Die Darsteller:innen sind großartig. Wie habt ihr eure Besetzung gefunden?
Das Casting hat mitunter meine Produzentin Sophie Tolkien in langer und aufwändiger Arbeit ausgeführt. Für die Rolle des Matteo (der kleine Bruder) haben wir unter anderem auch Online-Aufrufe für Laien gemacht und uns viele Castingvideo angesehen. Mit Kalle Kneusels fiel unsere Auswahl letztlich auf einen talentierten jungen Nachwuchsschauspieler, der großes Interesse und Diskussionsfreude am Thema mitgebracht hat.
Lorenz Hochhuth, der die Hauptrolle des Hector spielt, haben wir tatsächlich über das Act Out Manifest gefunden. Sophie ist alle Namen durchgegangen und wir haben uns alle potentiell passenden Schauspieler angesehen. Als wir Lorenz gefunden haben – das war schon recht spät im Prozess – war mir direkt klar, dass er alles mitbringt, was wir suchen. Eine spürbare Spielintelligenz, ein nahbares, naturalistische Spiel, ein warmherziger und zugleich verletzlicher Blick und vor allem auch eine persönliche Motivation zum Thema, die der Rolle noch viel mehr Tiefe verliehen hat, als man auf Drehbuchseiten hätte festhalten können. Über Lorenz‘ Empfehlung kam dann noch Meik van Severen mit ins Ensemble. Meik hat uns nicht nur mit seinem begnadeten Schauspiel bereichert, sondern auch seine Drag Persona, die er auch im echten Leben spielt – Faye Fatale – geschenkt. Letztlich war der gesamte Cast traumhaft mit jungen, talentierten, frischen Schauspieler:innen besetzt und es war eine Arbeit, die ausnahmslos Spaß machte und immer bereichernd war. Das ist ein Geschenk, was für uns alle nicht selbstverständlich war.
Kannst Du mir kurz noch etwas mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich bin und war eigentlich schon immer ein film- und kunstvernarrter Mensch. Ich komme vom Dorf und Filme waren für mich seit jeher ein Fenster zur Welt und zu unmöglichen Welten. Deswegen war eigentlich schon früh klar, dass ich entweder der Träumerei erliege oder eben selber Filmemacher werde. Ich wollte unbedingt an eine Filmhochschule, weil es für mich keinen denkbar besseren Ort gab, um den ganzen Tag über Filme sprechen und diskutieren zu können, und darüber hinaus auch in einem künstlerischen Raum, Zugang zu sich selbst zu finden. Ich wollte alles über Film lernen und wissen. Nun ist es nicht so einfach an solchen Filmhochschulen angenommen zu werden, weswegen ich nach dem Abitur erst einmal nach München zog, um dort eine Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton zu machen. Das war im werblichen Bereich und sehr lehrreich, weil ich gelernt habe, alles selbst zu machen – Konzepte schreiben, Kamera- und Regieführen, Schneiden und letztlich auch Stoffe und Ideen verkaufen. Dann hat es noch drei Bewerbungsversuche an den gängigen Schulen gebraucht, bis ich 2019 schließlich in Ludwigsburg an der Filmakademie Baden-Württemberg angenommen wurde. Ich war nicht wirklich begeistert wieder zurück aufs Land zu ziehen, aber das Studium war letztendlich alles und mehr, als was ich mir erträumt hatte. Es war eine fantastische Zeit, die ich niemals missen möchte.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Natürlich, sonst hätte ich keine Luft zum Atmen. :) Ich arbeite gerade daran, aus „Feed your Head“ einen Langfilm zu machen. Meine Drehbuchautorin Nicole und ich sind uns sicher, dass die Welt um die Gebrüder noch lange nicht auserzählt ist und viel Potential hat.
Darüber hinaus entwickle ich einige Serienformate, die es stets gilt, auszuarbeiten und die richtigen Partner:innen zu finden.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Feed your Head“
