Sechs Fragen an Daria Sliusarenko

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der russischen Regisseurin Daria Sliusarenko konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „The Border“ erfahren, der im Kurzfilmwettbewerb des 35. Filmfestival Cottbus 2025 zu sehen war, erfahren. Sie erzählt davon, warum sie sich dafür entschied ein Film über die Zeit der Mobilmachung und der Fluchtwelle zu erzählen, warum sie sich als Dokumentarfilmerin für das Medium Spielfilm entschied und wie sie den Film ohne finanzielle Förderung auf die Beine gestellt hat.

The original english language interview is also available.

Der Kurzfilm erzählt eine ganz aktuelle Geschichte. Wie entstand die Idee daraus einen Kurzfilm zu machen?

Mein Mann verließ Russland nach Beginn der Teilmobilmachung – wie viele andere Männer, die nicht am Krieg teilnehmen wollten. Ich blieb etwa sechs Monate lang zurück und arbeitete weiterhin als Dokumentarfilmerin. Später folgte ich ihm nach Kasachstan, hatte aber noch Projekte in Russland, sodass ich häufig die Grenze überqueren musste. Einer dieser Filme wurde schließlich auf Current Time veröffentlicht, aber aus Sicherheitsgründen arbeitete ich unter einem Pseudonym.

Eines Nachts, kurz bevor ich wieder die Grenze überqueren musste, explodierte mein Telefon plötzlich vor Benachrichtigungen. Alle meine Freunde schickten mir einen Propagandabericht – eine fünfminütige „Untersuchung”, die mich als westliche Agentin und Feindin Russlands darstellte. Ich war völlig schockiert, weil ich wirklich geglaubt hatte, dass mich niemand beachtete – ich war nicht berühmt oder so etwas. Ich weiß immer noch nicht, wer beschlossen hat, mich zu überprüfen, oder wie das passiert ist.

Dima Kurocking

Ich hatte große Angst, am nächsten Tag die Grenze zu überqueren – aber ich tat es trotzdem. Während der gesamten Dreharbeiten danach war ich paranoid und dachte ständig an den nächsten Grenzübertritt. Ich entwickelte schwere Schlaflosigkeit, und in einer dieser schlaflosen Nächte schrieb ich den ersten Entwurf dieser Geschichte.

Ich bin mir nicht einmal sicher, warum mir in diesem Moment die Idee der Teilmobilmachung in den Sinn kam – vielleicht weil ich mich noch lebhaft daran erinnerte, wie verängstigt alle meine männlichen Freunde waren und wie sehr ich mich um meinen Mann fürchtete. All diese Ängste vermischten sich in meinem Kopf und wurden zu diesem Film.

Wie sieht es jetzt an der Grenze aus?

Die Grenze ist offen und man kann sie überqueren. Ich selbst habe die Grenze schon seit einiger Zeit nicht mehr überquert, aber einige meiner Freunde wurden bei der Ein- oder Ausreise nach Russland verhört. Manchmal dauern diese Verhöre zwei bis vier Stunden, und die Fragen beziehen sich offensichtlich auf den Krieg und die politische Lage. Keiner meiner Freunde wurde in letzter Zeit nach diesen Verhören festgenommen, aber zwei Personen, die ich recht gut kenne – die sehr talentierte Dramatikerin Svetlana Petrichuk und die Theaterregisseurin Evgenia Berkovitch – sitzen seit dem 4. Mai 2023 wegen der Inszenierung eines Theaterstücks im Gefängnis. Können Sie sich das vorstellen? Ich kann es immer noch nicht. Die Repressionen in Russland folgen keiner Logik, man weiß also nie, was als Nächstes kommt.

Wo habt ihr gedreht und was lag Dir an den Drehorten und visuell am Herzen?

Der gesamte Film wurde in Kasachstan gedreht, wo ich 1,5 Jahre lang lebte, nachdem ich Russland Anfang 2023 verlassen hatte. Ich konnte natürlich nicht in Russland nach Finanzmitteln suchen, und zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, wie ich das in Europa oder anderswo anstellen sollte. Aber ich wollte unbedingt etwas über meine Gefühle machen. Also stellte ich ein Team zusammen, das fast ausschließlich aus anderen Russen im Exil bestand – nicht absichtlich, es ergab sich einfach so. Alle arbeiteten kostenlos, nur aus Leidenschaft für das Projekt.

Dima Kurocking

Dennoch gab es Ausgaben: Einige Drehorte mussten bezahlt werden (obwohl mein gesamtes Team sehr kreativ und einfallsreich war – zum Beispiel gelang es uns, einen Zug kostenlos zu bekommen, was uns natürlich viel Nerven gekostet hat), und wir mussten natürlich für die Ausrüstung bezahlen, die nicht billig war. Ich hatte einen großartigen Kameramann, Egor Seleznev, der jetzt ein enger Freund ist, und er tat alles, um die Kosten zu senken – aber wir wollten trotzdem, dass die Bilder ausdrucksstark sind.

Stilistisch wollte ich, dass die Kamera sehr zurückhaltend wirkt – so wie wenn man vor etwas vor Angst erstarrt. Man bewegt sich nicht, aber plötzlich bemerkt man seltsame, lebhafte Details um sich herum, die einem für immer in Erinnerung bleiben werden. Das ist die Art von Bildsprache, die ich für den Film wollte.

Was die Drehorte angeht, war es mir sehr wichtig, dass alles authentisch wirkte, als würden wir wirklich in Russland drehen und nicht in Kasachstan. Glücklicherweise konnten wir mit Hilfe der Einheimischen alle Orte finden, die wir brauchten.  Die Bushaltestelle beispielsweise ist eher im kasachischen Stil gehalten – aber das hat mir eigentlich gefallen. Das macht auch Sinn, denn wir sprechen hier von einer Grenzregion, in der alles gemischt ist: Kulturen, Ästhetik, das Leben der Menschen. Viele Familien leben sogar getrennt auf beiden Seiten der Grenze.

Kannst Du mir mehr zur Besetzung erzählen?

Ehrlich gesagt gab es fast keinen traditionellen Casting-Prozess. Von Anfang an wusste ich, dass Dima Kurocking die Person war, die ich für die Hauptrolle wollte. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber ich hatte einige seiner Videos auf Instagram gesehen und war mir irgendwie einfach sicher. Ich schickte ihm das Drehbuch – er sagte, er sei interessiert –, wir trafen uns, und ich bat ihn, mir ein wenig über sich selbst zu erzählen und darüber, wie er die Grenze überquert hatte, als die Teilmobilmachung begann.

Für die anderen Rollen habe ich viele Anzeigen in kasachischen Filmgruppen geschaltet. Mit den Schauspielern habe ich ähnlich gesprochen: Ich habe russische Männer gefragt, wie sie Russland verlassen haben, was sie empfunden haben und wie sie sich an einen neuen Ort gewöhnt haben. Zufällig war einer der Leute, die sich meldeten, ein echter Zollbeamter – also spielte er schließlich einen der Zollbeamten im Film. Im Allgemeinen wollte ich mit echten Menschen sprechen, nicht mit erfundenen Figuren. Ich suchte nach Persönlichkeiten und Energien, die natürlich zur Geschichte passten.

Das einzige echte Vorsprechen, das ich gemacht habe, war mit der Schauspielerin, welche die Frau im Hostel spielt – ich bat sie, die Szene eine Weile mit mir zu lesen. Aber auch hier habe ich sie nicht nur wegen des Vorlesens ausgewählt, sondern auch wegen ihrer Ausstrahlung und ihrer Persönlichkeit.

Die Männer in der Küche des Hostels wurden über Freunde von Freunden aus unserem Team gefunden. Ich bat sie, zu improvisieren, als würden sie sich an ihre eigenen Erfahrungen in der Armee erinnern. Und überraschenderweise haben sie das sehr gut gemacht – und das sehr schnell.

Kannst Du mir von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Eigentlich träumte ich schon seit der achten Klasse davon, Drehbuchautorin zu werden. Aber ich schrieb mich zunächst an der Fakultät für Journalismus ein – und während der letzten beiden Jahre meines Bachelorstudiums belegte ich zusätzlich einen Kurs für Drehbuchschreiben. Nach meinem Abschluss begann ich meine Karriere als Drehbuchautorin, aber irgendetwas fehlte mir.

Zur gleichen Zeit arbeitete ich mit Theatre.doc zusammen – einem bekannten Dokumentartheater in Russland – und hörte von Marina Razbezhkinas Schule für Dokumentarfilm. Es stellte sich heraus, dass es die beste Dokumentarfilmschule in Russland war. Ich sah mir die Filme ihrer Schüler an und war sofort begeistert. Ich bewarb mich, wurde angenommen – und das veränderte mein ganzes Leben.

Razbezhkina lehrte uns das Sehen – nur so kann ich es kurz erklären. Es fühlte sich an, als wären meine Augen mein ganzes Leben lang geschlossen gewesen und plötzlich geöffnet worden. Ich begann, so viele Details in der Welt um mich herum wahrzunehmen – und alles wurde interessant.

Daria Sliusarenko auf dem 35. Filmfestival Cottbus

Ich drehte meinen Diplom-Dokumentarfilm „Joy” über einen Wanderzirkus, der für den internationalen Wettbewerb der DOK Leipzig und viele andere Festivals ausgewählt wurde. Dann drehte ich auch noch eine Dokumentarserie über kleine Zirkusse auf der ganzen Welt – ich arbeitete in Indien, Usbekistan, Brasilien, der Türkei und Russland.

Nach Kriegsbeginn war ich eine Zeit lang orientierungslos – ich machte kurze Reportagen oder filmte für andere Anti-Kriegs-Dokumentarfilmer. Aber dann wurde mir plötzlich klar, dass das, was ich jetzt fühlte, nur durch Spielfilme ausgedrückt werden konnte. Hier hat mir meine kombinierte Erfahrung im Drehbuchschreiben und in der Regie von Dokumentarfilmen wirklich geholfen – und jetzt wechsle ich zum Spielfilm.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, sehr viel – bitte ruft mich an (haha). Ich habe von URST (Unlocking Russian Speaking Talents) ein Stipendium für das Schreiben eines Spielfilms erhalten und den ersten Entwurf fertiggestellt. Er handelt von einer jungen Frau mit Amnesie, die in einem riesigen Flüchtlingslager lebt, ohne zu wissen, wer sie ist oder woher sie kommt. Die Menschen um sie herum erzählen ihr Geschichten über ihre Heimat, und sie probiert diese Erinnerungen an, als wären sie Kleider – sie stellt sich vor, das Leben anderer Menschen zu leben –, aber jede Vision zerfällt schließlich. Alles ändert sich, als eine persönliche Tragödie die Rückkehr ihrer eigenen Erinnerungen auslöst – doch die Wahrheit über ihre Vergangenheit erweist sich als weitaus erschreckender, als sie bereit ist, sich ihr zu stellen.

Ich bin 2024 nach Frankreich gezogen und habe dieses Jahr damit verbracht, zu lernen, wie das europäische System funktioniert. Ich glaube, ich beginne endlich, etwas zu verstehen. Leider habe ich noch keinen Produzenten, aber ich werde mich auf die Suche nach einem machen, um diese Geschichte weiterzuentwickeln.

Außerdem arbeite ich als Drehbuchautorin an mehreren Projekten und suche aktiv nach Möglichkeiten, für Filme und Fernsehserien in Europa zu schreiben – um ehrlich zu sein, habe ich viele Ideen. Also arbeite ich, suche und hoffe auf das Beste. :)

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Border


Interview: In our conversation with Russian director Daria Sliusarenko, we learned more about her short film „The Border„, which was screened in the short film competition at the 35th Cottbus Film Festival 2025. She talks about why she decided to make a film about the period of mobilization and the wave of refugees, why she chose the medium of feature film as a documentary filmmaker, and how she got the film off the ground without financial support.

The short film tells a very current story. How did the idea of making a short film come about?

My husband left Russia after the partial mobilization began — like many other men who didn’t want to take part in the war. I stayed behind for about six months, continuing to work as a documentary filmmaker. Later I joined him in Kazakhstan, but I still had projects in Russia, so I had to cross the border quite often. One of those films was eventually released on Current Time, but I worked under a pseudonym for safety reasons.

One night, just before I needed to cross the border again, my phone suddenly exploded with notifications. All my friends were sending me a propaganda report — a five-minute “investigation” portraying me as a Western agent and an enemy of Russia. I was completely shocked, because I truly believed no one was paying attention to me — I wasn’t famous or anything like that. I still don’t know who decided to look into me or how it happened.

I was extremely scared to cross the border the next day — but I still did. During the whole shoot afterwards I was paranoid, constantly thinking about the next border crossing. I developed severe insomnia, and during one of those sleepless nights I wrote the first draft of this story.

I’m not even sure why the idea of partial mobilization came into the story at that moment — maybe because I still vividly remembered how terrified all my male friends were, and how terrified I was for my husband. All those fears just mixed together in my mind and turned into this film.

What is it like at the border now?

The border is open and you can cross it. I haven’t crossed the border myself for a while now, but some of my friends have gone through interrogations when entering or leaving Russia. Sometimes they last 2–4 hours, and the questions are obviously about the war and the political situation. None of my friends have been detained lately after these interrogations, but two people I know quite well — very talented playwright Svetlana Petrichuk and theatre director Evgenia Berkovitch — have been in prison since May 4, 2023 for making a theatre play. Can you imagine? I still can’t. There is no logic in the repressions in Russia, so you never know.

Where did you film and what was important to you about the locations and the visuals?

The whole film was shot in Kazakhstan where I was living for 1,5 years after I left Russia in the beginning of 2023. I obviously couldn’t look for funding in Russia, and at that time I had no idea how to do it in Europe or anywhere else. But I desperately wanted to make something about what I was feeling. So I ended up assembling a crew almost entirely from other Russians in exile — not intentionally, it just happened that way. Everyone worked for free, purely out of passion for the project.

Still, there were expenses: some locations required payment (though my whole team was very creative and resourceful — for example, we managed to get a train for free, which cost us a lot of nerves, of course), and we obviously had to pay for equipment, which wasn’t cheap. I had a great DOP Egor Seleznev who is now a close friend, and he did everything he could to make it cost less — but we still wanted the image to be strong.

Stylistically, I wanted the camera to feel very restrained — like when you freeze in fear in front of something. You don’t move, but suddenly you notice strange, vivid details around you that will stay in your memory forever. That’s the kind of visual language I wanted for the film.

Speaking about the locations, it was very important for me that everything felt authentic, as if we were really shooting in Russia and not in Kazakhstan. Fortunately, with the help of locals, we were able to find all the places we needed. The bus stop, for example, is more in the Kazakh style — but I actually liked that. It makes sense, because we are talking about the border area, where everything is mixed: cultures, aesthetics, people’s lives. Many families even live divided between the two sides of the border.

Can you tell me more about the cast?

Honestly, there was almost no traditional casting process. From the very beginning, I knew that Dima Kurocking was the person I wanted for the lead role. I didn’t know him personally, but I had seen some of his videos on Instagram, and somehow I was just sure. I sent him the script — he said he was interested — we met, and I asked him to tell me a bit about himself and how he crossed the border when the partial mobilization started.

For the other roles, I posted a lot of announcements in Kazakh film groups. I spoke to the actors in a similar way: I asked Russian men how they left Russia, what they felt, how they adapted to a new place. Coincidentally, one of the people who showed up was an actual customs officer — so he ended up playing one of the customs officers in the film. In general, I wanted to talk to real people, not to invented characters. I was looking for personalities and energies that would naturally fit the story.

The only real audition I did was with the actress who plays the woman in the hostel — I asked her to read the scene with me for a while. But again, I chose her not only for the reading, but also for her presence and who she is as a person.

The guys in the hostel kitchen were found through friends of friends from our crew. I asked them to improvise as if they were remembering their own experiences with the army. And surprisingly, they did really well — very quickly.

Can you tell me about yourself and how you came to filmmaking?

I actually dreamed of becoming a screenwriter since the 8th grade. But I first entered the faculty of journalism — and during the last two years of my bachelor’s studies I also enrolled in a screenwriting program. After graduating, I started my career as a screenwriter, but something was missing.

At the same time, I was working with Theatre.doc — a well-known documentary theatre in Russia — and I heard about Marina Razbezhkina’s School of Documentary Film. It turned out to be the best documentary cinema school in Russia. I watched the films made by her students and completely fell in love. I applied, got in — and it changed my whole life.

Razbezhkina taught us to see — that’s the only way I can briefly explain it. It felt like my eyes had been shut my entire life, and suddenly they opened. I started noticing so many details in the world around me — and everything became interesting.

I made my diploma feature documentary “Joy” about a traveling circus, and it was selected for the International Competition at DOK Leipzig and many other festivals. Then I also shot a documentary series about small circuses around the world on my own — I worked in India, Uzbekistan, Brazil, Turkey and Russia.

After the war started, I was lost for some time — I made short reports or filmed for other anti-war documentary directors. But then I suddenly realized that what I was feeling now could only be expressed through fiction films. Here I think my combined experience in screenwriting and documentary directing really helped me — and now I am transitioning into fiction filmmaking.

Are there any new projects planned?

Yes, a lot — please call me (haha). I received a grant from URST (Unlocking Russian Speaking Talents) to write a fiction feature and I’ve completed the first draft. It’s about a young woman with amnesia who lives in a vast refugee camp without knowing who she is or where she comes from. People around her share stories about their homeland, and she tries these memories on as if they were clothes — imagining herself living other people’s lives — but each vision eventually falls apart.

Everything changes when a personal tragedy triggers the return of her own memories — yet the truth about her past turns out to be far more terrifying than she is ready to face.

I moved to France in 2024, and I spent this year learning how the European system works. I think I’m finally starting to understand something. Unfortunately, I don’t have a producer yet, but I will be looking for one to continue developing this story.

I’m also working as a screenwriter on several projects, and I’m actively looking for opportunities to write for films and TV series in Europe — I have a lot of ideas, to be honest. So I’m working, searching, and hoping for the best. :)

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „The Border

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