Acht Fragen an Michael Hauwert

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem niederländischen Filmemacher Michael Hauwert konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Yet only here I am home“ (OT: „Maar alleen hier ben ik thuis“), der im Programm des 41. interfilm Berlin 2025 zu sehen war, erfahren, wie seine eigene Geschichte auch darin steckt, wie offen die Gesprächspartner für die Interviews waren und ob die Idee für die Bilder oder die Interviews zuerst da waren.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu deiner Kurz-Dokumentation entstanden?

Während meiner Zeit an der Kunsthochschule habe ich es immer geschätzt, persönliche Themen in meine Kunst einzubringen, Dinge, die sich wie die Gedanken anfühlen, die man hat, wenn man Schwierigkeiten beim Einschlafen hat. Also wirklich psychologische Dinge. Als ich versuchte, mit meinen Werken so ehrlich und persönlich wie möglich zu sein, wurde mir klar, dass ich nicht die ganze Geschichte erzählte. Ich bin Niederländer mit Migrationshintergrund: Meine Mutter stammt aus den Philippinen und die Eltern meines Vaters kommen aus Indonesien. Diese Erfahrung, mit einer Mischung aus Kulturen zu leben, so auszusehen, wie ich aussehe, und in den Niederlanden zu sein, habe ich in meiner Kunst nie thematisiert. Als ich mit der Arbeit an meinem Abschlussfilm begann, machte ich mich daran, herauszufinden, was ich zu diesem Thema sagen wollte.

Mit wie vielen Menschen hast Du gesprochen und wie viel Material ist dabei entstanden?

Ich habe etwa acht Personen interviewt und mit vielen anderen gesprochen. Aus den Bruchstücken dieser Gespräche entstand der Inhalt des Films. Ich glaube, es waren insgesamt 1,5 Stunden Interviews, und die Gespräche waren fragmentarisch. Schließlich habe ich auf der Grundlage der Interviews ein Drehbuch geschrieben, das zum Film passte, und die Interviewten haben die entsprechenden Teile für die Animation neu vertont.

Wie waren die ersten Reaktionen auf das Projekt? Waren sie schnell bereit, über ihre Erfahrungen zu sprechen?

In der Recherchephase waren die Leute gerne bereit, darüber zu sprechen, insbesondere die Personen, die im Film zu Wort kommen. Ich glaube, ich habe in diesen Interviews/Gesprächen herausgefunden, was ich eigentlich sagen wollte, indem ich andere darüber sprechen hörte. Diese nuancierte, sensible und persönliche Erfahrung innerer Gedanken zu Rassismus/Diskriminierung. Die Leute waren tatsächlich sehr aufgeschlossen und bereit, über ihre Erfahrungen zu sprechen, als ich ihnen erzählte, dass ich einen Film darüber drehen würde.

Nachdem der Film fertig war, habe ich mit meinem Publikum viele Gespräche über dieses Thema geführt. Einige Leute hatten wirklich schöne Einsichten und andere fühlten sich nach dem Ansehen meines Films verstanden. Selbst Leute, die ich schon länger kannte, erzählten mir Dinge, die ich noch nicht gehört hatte, nur weil ich mit diesem Film das Gespräch eröffnet hatte.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, die Interviewten nicht zu zeigen und stattdessen mit Animationen zu arbeiten?

Lange Zeit dachte ich, ich würde die Interviews überhaupt nicht im Film verwenden. Sicher, ich fand in diesen Interviews, was ich sagen wollte, aber ich wollte, dass der Zuschauer diese Erfahrungen aus den Interviews durch die Visualisierung mittels Animation selbst erlebt. Lange Zeit existierte der Film also visuell als fragmentierte Geschichte über verinnerlichte Diskriminierung, aber es fehlte der Interviewtext, um sie zu erzählen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich die Interviews genauso gut verwenden könnte, also funktionierte es seltsamerweise umgekehrt: Die Animation (als Idee) kam zuerst, das Interview danach.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Ich wollte den Film mit Bleistift und Tinte auf Papier animieren, denn ich denke, dass, auch wenn er digital nachbearbeitet wird, dieser Prozess den Linien und der Animation eine Wärme verleiht, die es einfacher macht, sich einem Gefühl oder einer Erinnerung anzunähern. Wenn Film Erinnerung ist, dann ist Animation meiner Meinung nach die völlig subjektive (Neu-)Vorstellung von Erinnerung. Damit Menschen über ihre Erfahrungen sprechen können (und ich meine eigenen Erfahrungen in den Film einfließen lassen kann), ist Animation meiner Meinung nach das perfekte Medium dafür.

Hast Du vor, mit Deinem Film an Schulen oder andere Bildungseinrichtungen zu gehen?

Der Film wurde von einem niederländischen Filmbildungsprogramm für Gymnasien aufgenommen, sodass Schulen die Möglichkeit haben, ihn zu zeigen und in ihren Lehrplan aufzunehmen. Ich hatte vor, mit diesem Film mehr für die Bildung zu tun, aber solange sich keine Gelegenheit ergibt, bleibt es vorerst dabei.

Kannst Du mir von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich habe Filme und Zeichnen schon immer geliebt, sowohl als Unterhaltung und Flucht aus dem Alltag als auch als Träger von Emotionen und Informationen. Ich habe mein ganzes Leben lang gezeichnet, daher wäre es logisch gewesen, nach der Schule etwas im Bereich Kunst zu studieren. Stattdessen habe ich etwa fünf Jahre lang Geschichte und Internationale Studien studiert, weil ich dachte, dass dies die vernünftigere Wahl wäre. Deprimiert und unzufrieden mit meinem Leben wurde mir nach fünf Jahren klar, dass ich mein Studium wechseln musste, und so begann ich schließlich meinen Bachelor in Animation. Dieser Wechsel fühlt sich manchmal wie ein Neuanfang an, und es klingt vielleicht albern, aber ich kann mir jetzt nichts anderes mehr vorstellen, als etwas im Bereich Filmemachen zu machen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ich entwickle gerade eine neue Filmidee, die durch einen Preis finanziert wird, den ich mit „Yet only here I am home” gewonnen habe. Ich kann schon jetzt verraten, dass es ein persönlicher, poetischer Kurzfilm in Briefform über die Versöhnung mit den abgelehnten Teilen seiner selbst werden wird – eine Versöhnung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Yet only here I am home


Interview: In our conversation with Dutch filmmaker Michael Hauwert, we learned more about his short film „Yet only here I am home“ (OT: „Maar alleen hier ben ik thuis“), which was shown in the program of the 41st interfilm Berlin 2025. We learned how his own story is woven into the film, how open his interview partners were, and whether the idea for the images or the interviews came first.

How did the idea for your short documentary come about?

During my time at the academy I’ve always valued putting personal themes in my art, things that feel like the thoughts you have when you have a hard time falling asleep. The psychological things, really. So as I was trying to be as honest and personal as I could with the things I make, I realized I wasn’t telling the whole story. I am a Dutch person with a migration background: my mother comes from the Philippines and my father’s parents come from Indonesia. This experience of living with a mix of cultures, of looking the way I do and being in the Netherlands was something I never touched upon in my art. So when I started to work on my graduation film I set out to find out what I wanted to say on this topic.

How many people did you talk to and how much material was created?

I’ve interviewed around 8 people and had conversations with many others. From bits and pieces from these conversations the content of the film was born. I think it were 1,5 hour interviews and the conversations were fragmented. Eventually I actually wrote a script based on the interviews to fit the film and have the interviewees re-voice the appropriate part for the animation.

What were the initial reactions to the project? Were they quick to talk about their experiences?

At the research stage people were glad to talk about it, especially the people that you hear featured in the film. I think I found out in those interviews/conversations what I actually wanted to say by hearing others say it as well. This nuanced, sensitive and personal inner thoughts experience of racism/discrimination. People were actually very receptive and open to talk about their experience when I told them I was making a film about it.

After the film was finished I had many conversations about this topic with my audience. I’ve had people have some really beautiful insights and people feeling themselves seen after seeing my film. Even people I knew for a while told me things I hadn’t heard yet, just because I was opening the conversation with this film.

Why did you decide not to show the interviewees and to work with animations instead?

For a long time I thought I wouldn’t use the interviews in the film at all. Sure, I found what I wanted to say from those interviews, but I just wanted to have the viewer experience those experiences from the interviews by visualizing them through animation. So for a longer while the film visually existed as a fragmented story about internalized discrimination, but it didn’t have the interview text to narrate it. At some point I realized I might as well use the interviews as well, so it strangely worked in reverse: animation (as idea) was first, interview second.

What was important to you visually?

I wanted to animate the film pencil and ink on paper. I think, even though it gets post-processed digitally, this process gives a warmth to the line and animation that makes it easier to get closer to a feeling or memory. If film is memory, I think animation is the fully subjective (re-)imagination of memory, and for people to speak about their experiences (and to inject my own experiences in the film as well) I think animation is the perfect medium for it.

Do you plan to take your film to schools or other educational institutions?

The film has been picked up by a national Dutch film educational programme for high schools, so schools have the choice to screen it and include it in their curriculum. It was on my mind to do more for education with this film, but unless it crosses my path this is it for now.

Can you tell me about yourself and how you came to filmmaking?

I’ve always loved films and drawing, both as entertainment, escapism and a carrier of emotion and information. I’ve been drawing my whole life, so it would have been logical to go pursue something art related after high school. Instead I studied History and International Studies for five years or so because I thought these were the more sensible choices. So, depressed and discontent with life and five years down the line I realized I needed to switch studies and started my bachelor in Animation after all. This switch sometimes does feel like a new lease on life, and it sounds silly but I can’t imagine myself doing anything else now than pursuing something in filmmaking.

Are there any new projects planned?

I am developing a new film idea that is funded by a prize I won with „Yet only here I am home. I can tell you now that it’s going to be a personal, poetic short film in letter form about the reconciliation of the rejected parts of yourself – a reconciliation between a mother and a son.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Yet only here I am home

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